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FREIER MANN

Text


von Dieter Wal

1. Eines Tages knackst du den Jackpot. Eines Tages besteigst du den Mount Everest. Was für ein Tag. Fast zu schön, um wahr zu sein.

2. Eines Tages bist du nicht mehr autistisch. Wie von Zauberhand.  Wir finden zueinander und sterben eine halbe Ewigkeit später alt und lebenssatt.   

3. Eines Tages führt man dich gefesselt und mit verbundenen Augen. Entweder wartet dein Henker auf dich oder jemand, der dir die Sehkraft schenkt und deine Fesseln löst. Er ermutigt dich, das Leben zu lieben und an dir zu arbeiten.

4. Eines Tages entfernen sie dich. Andere entscheiden für dich. Andere reinigen deinen Körper. Andere begrüßen dich morgens, öffnen die Vorhänge, kippen das Fenster, beäugen deine Stoppeln und sagen: Wir rasieren Sie heute. Andere begleiten dich in den Garten und setzen dich stumm auf eine Bank.

5. Eines Tages bringen dich Benediktiner zum Gipfel Ben Bulbens, dich dort zu kreuzigen. Du warst ein nächtlicher Gast des Klosters. Sie reichten dir verschimmeltes Brot, brackiges Wasser und eine verwanzte Decke. Zum Dank verfluchst du aus deiner verriegelten Zelle laut singend den Abt, gereimt in jedem Vers mit zwei Assonanzen. Du sagst den Mönchen am Ende: Ich zog das Schwert, sprach die Wahrheit, lebte meinen Traum und bin zufrieden.

Anmerkung von Dieter Wal:

5. nach W. B. Yeats, "Die Kreuzigung des Geächteten" 1897, Gesammelte Werke Luchterhand, Band II, S. 12-21.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Habakuk
Kommentar von Habakuk (23.08.2018)
Da ich den Ursprungstext nicht kenne und im Netz auch nirgends gefunden habe, kann ich nicht beurteilen, wie nah dein Text am Original ist.
Wie auch immer. Sprachlich gefällt mir dein Text gut. Inhaltlich sowieso.

H.
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Dieter Wal meinte dazu am 23.08.2018:
Danke. Die Novelle ist tiefgründig wie alle Geschichten von Yeats. Ihre Sprache dürfte dir gefallen.
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (23.08.2018)
Hallo Dieter,
5. verstehe ich nicht. Erklärst du mir bitte den Zusammenhang zu 1-4.
LG
Ekki
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Dieter Wal antwortete darauf am 24.08.2018:
Lieber Ekki,

eiskimo beantwortete deine Frage im Prinzip. Der in der Yeats-Erzählung ausgerechnet durch Mönche gekreuzigte Poet hat es wesentlich besser in den Augen des Lesers verglichen mit dem Senior im Altenheim, obwohl, und das ist eine beabsichtigte eigentlich völlig absurde Geschichte, er seine letzten Worte vor seiner eigenen Kreuzigung spricht. Der Poet der Erzählung ist selbst als Kruzifixus ein freier Mann, der eigentlich nur ein sauberes Bett, frisches Wasser und essbares Brot von den Mönchen des Klosters erwartet hätte. Sonst nichts. Er bewahrt sich seine Freiheit auch in Unfreiheit. Das finde ich bemerkenswert.

Herzliche Grüße
Dein Dieter
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EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 24.08.2018:
Vielen Dank für deine Erklärung, Dieter.
Herzliche Grüße zurück
Ekki
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eiskimo
Kommentar von eiskimo (23.08.2018)
Mich macht 4. nachdenklich. Denn so wird es sein... Es sei denn, 5. käme dem zuvor, was vielleicht nicht schlecht wäre...
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Dieter Wal äußerte darauf am 24.08.2018:
Sehe ich auch so. Danke für deinen Kommentar.
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Dies ist ein Absatz des mehrteiligen Textes Buch Sigune.
Veröffentlicht am 23.08.2018, 11 mal überarbeitet (letzte Änderung am 23.11.2019). Textlänge: 204 Wörter; dieser Text wurde bereits 243 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 03.12.2019.
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