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keinEinhorn

keinEskapismus, keinRosa, keineLiebe.


Die Kolumne des Teams "keinEinhorn"



Mi., 17. April
Bisher 119x aufgerufen


Kein Problem

von Stimulus


„Ja, ich weiß“, sprach mein Hausarzt zu mir, „zu allen Zeiten haben die Alten vom Kulturverfall geschwafelt, aber jetzt?“ Dabei trafen sich die müden Blicke der beiden Mittfünfziger. Bestätigend und dabei bedächtig nickend zogen wir beide die Augenbrauen hoch.

Seien wir doch ehrlich: Was spielt sich denn gerade ab? Heute ist man vermeintlich jung bis Ende 60 und die Siebziger sind beleidigt, wenn man sie alt nennt. Dafür betiteln sich die selbstverständlich weitgehend unverheirateten und kinderlosen Mittdreißiger gegenseitig als Jungs und Mädels und laufen auch so herum, als wären Sie den Kindergrößen noch nicht entwachsen. Selbst verheiratet und mit Kindern hat man bisweilen den Eindruck, als wären die „Kids“ oder „Kurzen“ eher mit ihren großen Geschwistern unterwegs.

Politische oder auch sonstige Auseinandersetzung (im Wortsinn!) findet nicht mehr statt. Über Politik wird regelmäßig ohnehin nicht geredet. Wer das tut, ist irgendwie verstrahlt oder „Wutbürger“, was ohnehin ein Unwort ist, da es regelmäßig als Totmacher auch für ernsthafte und argumentativ unterfütterte Kritik missbraucht wird. Heute ist man gefälligst gechillt und wehe dem, der das etwa mit „ed“ am Ende schreibt! Schließlich wird ja auch im Netz in Threads „gepostet“. Eine Generation, die „seid“ und “seit“ nicht mehr unterscheiden kann, macht sich lustig über vermeintliche Schreibschwächen Älterer, ist aber ganz fix mit dem coolen (gechillten? relaxten?) „Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten“-Statement der Netiquette-Jünger am Start. Nebenbei: Warum wird Netiquette eigentlich mit „qu“ und nicht mit „k“ geschrieben.

Wer sich einmischt, lebt verkehrt. Neulich war ich in langer Schlange im Postamt. Ein sehr wütender Mensch aus Polen versuchte vergeblich, Bargeld einzuzahlen, um es per Postanweisung nach Hause zu senden. Beide Frauen hinter den Schaltern hatte er bereits deswegen erfolglos bearbeitet und wollte seinen Misserfolg aber noch immer nicht einsehen. Ich hatte zunächst Mitleid mit seiner Verzweiflung, aber dann wurde er ausfallend und schrie die Frauen an, die daraufhin merklich eingeschüchtert, sogar ängstlich wirkten.

Keine Reaktion in der Schlange, nichts. Keine weibliche Solidarität und auch keiner der kräftigen jungen Männer tat anderes, als betreten aus der Wäsche zu starren. Also trat ich aus der Schlange heraus, griff den Erbosten am Arm, sagte etwas wie "So gehen wir hier mit Frauen nicht um" und schob ihn hinaus. Das war etwas mühsam, da sich noch immer kein anderes Mäuschen rührte. Nachdem ich ihn losgeworden und mich wieder eingereiht hatte, fand einer der Helden den Mut, sich nun über Ausländer und deren Gebaren mopsen zu wollen. Mein Blick ließ ihn alsbald verstummen. Der Rest der Anwesenden, es mögen 30 Leutchen gewesen sein, blieb ohnehin die ganze Zeit stumm, auch die Postbediensteten ließen sich nichts anmerken, auch keinen Dank.

Hätten sie sich bedankt, hätte ich zeitgemäß sagen müssen: "Kein Problem". Hätte ich darauf hingewiesen, dass sie mir leid taten, wäre die Antwort vermutlich gewesen: "Da können Sie doch nichts dafür". Warum mich das ärgert? Wenn ich Hilfe und Unterstützung benötige, möchte ich mich nicht als Problemfall für andere sehen. Ich möchte daher auch nicht des Gegenteils versichert werden, da das die Möglichkeit zulässt, es könnte ein Problem sein, seine Mitmenschen zu behelligen. Wenn das ein Problem sein könnte, möchte ich lieber keine Hilfe haben und wenn jemand das nicht gerne tut, dann möge er es doch bitte sein lassen. Vielleicht ist aber auch wirklich gar nichts mehr ein Problem?

Und was das Mitleid angeht, ist es doch wohl offensichtlich: Offenbar ist der Unterschied zwischen Empathie und Entschuldigung nicht mehr bekannt. Das erklärte auch, warum heute keiner mehr um Entschuldigung bitten kann und niemand mehr in der Lage scheint, angemessen auf Verärgerung reagieren zu können. Wie sind Ihre Erfahrungen, wenn Sie sich über schlechte Leistungen und/oder mangelhafte Ware beklagen? Begegnet man Ihnen mit Verständnis und entschuldigt sich für den Ärger, den sie ja ganz offensichtlich haben? Oder fühlen die Betroffenen sich sofort persönlich angegriffen, weisen mehr oder weniger empört jede persönliche Schuld von sich und werden selbst ärgerlich, weil sie sich zu Unrecht angegriffen fühlen? Sind das Spätwirkungen einer Kindheit unter Helikoptern oder sind die als Kinder alle misshandelt worden? Liegt es an der mangelnden Fehlerkultur in unserer modernen Gesellschaft?

Aber ich schweife ab. Wir waren bei den fehlenden Auseinandersetzungen. Heute besteht kein Bedarf mehr an anderer Meinung. Audiatur et altera pars? Chill mal dein Face! Hast du das aus Asterix? Nein, das war nichts. Wenn die Knaben und Mädchen wenigstens noch Asterix gelesen hätten, wäre ja noch nicht alles verloren. Die unterhalten sich allen Ernstes voller Begeisterung über die Simpsons und Sponge-Bob und wetteifern darüber, wer am schnellsten die neueste Staffel irgendeiner verblödeten Netflix-Serie gebinget hat. Sie wissen nicht, was das heißt? Wie alt sind Sie denn? Ja, über die Serien können sie sich noch ereifern und streiten, warum die eine der anderen meilenweit überlegen und Loser, nein, Doppel-Loser mit irgendwelchen Fingerzeichen ist, wer auf die falsche Serie steht.

Dabei darf man sich aber über Inhalte nicht unterhalten, um etwa die eigene Meinung zu begründen, denn „Spoilern“? Geht ja gar nicht! Das ist aber auch gut so, denn die wüssten auch nicht, wie sie ihr Gefallen oder Missfallen beschreiben sollten, jedenfalls nicht mit nachvollziehbaren Aussagen in deutscher Sprache. Es geht auch nur darum, festzustellen, wer mit einem bondet, wer der richtigen Serie folgt, wer die richtige Ansicht hat. Und da das nicht immer gleich eindeutig ist, werden überhaupt nur noch Aussagen mit Notausstieg gemacht. Entweder malt man irgendwelche Zwinkergesichter dazu, oder versucht es mit Ironie oder was man dafür hält. Liegt man falsch, kann man immer noch umschwenken: War ja nicht so gemeint, sondern genau anders herum.

Aber Meinungen, Ansichten, Überzeugungen gar, sind ohnehin überbewertet. Es reicht völlig aus, sich gegenseitig irgendwelche Filmchen auf den Smartphones vorzuspielen, um sich gegenseitig zu amüsieren. Bevor ich aber nun endgültig als grumpy old dad verkacke, sei hier wenigstens noch angemerkt, dass die ganz junge Generation mir gerade wieder Hoffnung macht, beispielsweise mit ihren "Books Not Bullets" in den USA oder den "Fridays for future" weltweit. Die begreifen offenbar, dass der grassierende Hedonismus, die Realitätsverweigerung keine Lösung, sondern ein weiteres, erhebliches Problem ist. Nach mir die Sintflut? Aus dem geflügelten Wort wird bittere Realität und auf ihre Eltern, diese kleinen Jungs und Mädels, können sie nicht setzen.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


drmdswrt
Kommentar von drmdswrt (20.04.2019)
Ich möchte mal nichts zum Inhalt direkt sagen, dafür aber zum Stil, denn dies ist einer der wenigen Texte hier in diesen Sammlungen, wie ich mir einen Kolumnenbeitrag vorstelle. Vielleicht habt Ihr als Team das Prinzip verstanden, wie es gelingt, mithilfe einer persönlichen Begebenheit, einer Meinung, Sinnzusammenhängen und lockerem Plauderton schön zu unterhalten, dabei aber auch zum Nachdenken, Mitnicken und/oder Kopfschütteln zu sorgen.
Nichts, womit sich der Pulitzer- oder Nobelpreis gewinnen ließe, aber hundertprozentig gesellschaftsfähig. Gut lesbar und kein bisschen uninteressant.
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