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Europa

Lehrstück


von JoBo72

Eine historisch-kritische Aufarbeitung zur Fundamentalkonstitution kultureller Ausdrucksformen anlässlich der kontinentalen Meisterschaft in einer populären Ballsportart

Freudestrahlender, etwas überdrehter Auftritt.

Ich freu mich so! Denn: Nächstes Wochenende geht sie los, die Fußball-EM. (aufgeregt) Und? Wer wird (schwäbisch) Europameischter? (die erwartete Antwort lautet: „Deutschland“ oder „Oitschland“) Richtig: Oitschland.

Ich tippe ja auf ein Endspiel Deutschland gegen Österreich. Zwei große europäische Kulturnationen. (irritierter Blick nach rechts) Zwei. Ich hab’s recherchiert. (weiter mit Sprecherstimme) Das Österreich-Bild der Deutschen ist ja weniger bestimmt vom Fußball, sondern mehr von Wittgenstein, Mozart und (wienerisch) „Ja, Sissi. Nein, nein, nein!“ (beginnt einen theatralischen Dialog)
Sissi: „Franzl, warum musst jetz Du gegen die Kosaken a Kriegerl führen.“
Franzl: „Davon verstehst Du nichts, mein liebes Kind.“
Sissi: „Wie Recht Du hast Franzl.“

(mit neutraler Sprecherstimme) Diskussion beendet. Sissi.

Heute wäre das anders: (schnippisch) „Wie meinst’n Du das: ,Davon verstehst Du nichts.’? Wer hat denn am Osteuropainstitut promoviert, hä?“

Sissi. Die bekannteste Österreicherin. Die kennt man sogar in Peru. Die bekanntesten Deutschen in Peru sind (akzentuiert) Beckenbauär, Chitler und Wolkswagen Golf. Als ich das letzte mal in Peru war, ging das wieder los. Ah, (akzentuiert) Deutslan... äh... Beckenbauär, Chitler und äh... wie geht Gnut? – Österreichs Antwort auf Knut ist immer noch Sissi. (wienerisch) „Ja, Sissi. Nein, nein, nein!“
Sissi: „Franzl, warum musst jetz Du gegen die Kosaken a Kriegerl führen.“
Franzl: „Davon verstehst Du nichts, mein liebes Kind.“
Sissi: „Wie Recht Du hast Franzl.“

Das hätte übrigens auch damals schon anders sein können, wenn nicht Ernst Marischka, sondern Reiner Werner Fassbinder Regie geführt hätte.
Sissi: „Franzl, warum musst jetz Du gegen die Kosaken a Kriegerl führen.“
Franzl: „Halt’s Maul, dreckige Hure.“
Sissi: „Wie Recht Du hast Franzl.“

Sissi. Weihnachten im ZDF. Garantiert.

(Pause)

Interessant wäre sicher auch: Sissi in der Horst Tappert-Version. Für die „U 80“: Es gab mal ein regelmäßig ausgestrahltes Kriminalspiel namens „Derrick“ – ebenfalls im ZDF.

Franzl (mit durchdingender Bassstimme): „Sissi.“
(Pause)
Sissi (piepsig): „Franzl.”
(Pause)
Franzl: „Der Kosak.“
(Pause)
Sissi: „Was ist mit ihm?“
(mit Sprecherstimme erläuternd) Anstatt das es jetzt dabei bleibt, fügt Sissi noch hinzu: „Was ist mit dem Kosak?“ (wieder mit neutraler Stimme) Also, noch mal zur Erläuterung: Es gab wohl ein Gesetz in den 1970ern, das vorschrieb, das Substantiv bei der Nachfrage zu wiederholen. (dozierend) Beispiel: Autobahnraststätte. Nachfrage: „Was ist mit ihr? Was ist mit der Autobahnraststätte?“ Denn: Es hätte ja sein können, dass man schon wieder vergessen hat, worum es ging. – Also, weiter im Text:

(schnell, mit Sprecherstimme) Sissi: „Was ist mit ihm? Was ist mit dem Kosak?“
(Pause)
Franzl: „Er ist tot.“
(Pause)
Sissi (erstaunt bis entsetzt): „Tot?“
(Pause)
Franzl (nickend): „Er ist ermordet worden.“
(Pause)
Sissi (überrascht): „Ermordet?“

(mit Sprecherstimme erläuternd, selber scheinbar genervt von der offenkundigen Notwendigkeit ständiger erläuternder Unterbrechungen) Es wurde in der Derrick-Grammatik immer nachgefragt, (dozierend) und zwar nach dem zuletzt erwähnten Adjektiv, Verb oder Substantiv. Beispiel: Wo ist denn Ihre Umsatzsteuervoranmeldung? Umsatzsteuervoranmeldung? – Ich hatte gerade einen Orgasmus. Orgasmus? – Jetzt ist mir schlecht. Schlecht? – Gladbach führt zwei eins in Bochum. Gladbach? (mit erhobenem Zeigefinger) Achtung: Ausnahme! – Weiter im Text.

Franzl (nickend): „Er ist ermordet worden.“
Sissi (überrascht): „Ermordet?“
Franzl (nickend): „Ja, ermordet.“
(lange, quälende Pause) Sissi: „Aber das ist ja furchtbar!“
Franzl: „Nein, ,furchtbar’ ist, dass die Folge jetzt noch 57 Minuten dauert.“

Man könnte sich auch Sissi mit Silvester Stallone als Kaiser Franz Josef vorstellen.

(schreiend, wie in der Schlussszene von Rocky IV)
Sissi, die Ungarn! Ich liebe Dich! Jaaa! Hast du die Umsatzsteuervoranmeldung schon eingereicht?

Oder: Tom Cruise (zeigt Nüstern). Mit E-Meter. (deutet Griffhaltung an) Das setzen die Scientologen ein, um herauszufinden, ob man bei bestimmten Stichworten nervös wird.

Kosaken.
Ungarn.
David Beckham. Elfmeterschießen. (wackelt manisch)

EM. Ich freu mich. Ich war jetz’ auch schon wieder auf der Fanmeile am Brandenburger Tor. Vor ein paar Wochen. Beim Dalai Lama. Erst dachte ich, Rumänien spielt, aber dann hat man mir gesagt: Das sind die Farben Tibets. Rot, blau, gelb. War aber trotzdem gut. (als Schlachtruf skandierend) „China, Du Arschloch.“ Ich freu mich so. (Schlachtruf) „Ohne Holland fahr’n mer zur EM.“ (verschwörerisch) Stimmt nicht, ich weiß. Aber das bekommt in Zeiten des Klimawandels einen völlig neuen Sinn.

Ich freu mich so. Am meisten, am (betont) allermeisten freue ich mich auf die Interviews. Schade, dass der Wörns nicht mehr spielt. Christian Wörns, den sollte man eigentlich mitnehmen, nur für die Interviews.

(mit übertriebener s-Betonung) „Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie damit sagen wollen, Sie blöde Sau, Sie.“

Oder Kahn. (dreht Kopf zur Seite) „Ähhh....“

Aber wir haben jetzt immerhin einige Nachwuchstalente. Kevin Kurányi (lispelnd) thum Beithpiel. Ich glaube, Kevin Kurányis Lebensglück besteht im Wesentlichen darin, dass in Nutella kein „s“ vorkommt.

Und da gibt es ja auch noch Ballack. (mit sächsischem Akzent) „Jo, gut ich soch mo: Drei Punkte sind drei Punkte. Wischtiger Sieg. Mehr kann man nisch verlangen.“ (rotzt)

Oder Philipp Lahm. (mit hoher Stimme) „Ja, ich weiß auch nich’, warum ich so ’ne hohe Stimme hab.“

Die Interviews. Ein absoluter Höhepunkt. Bei der EM soll jetzt (betont) außerdem darauf geachtet werden, dass in den Interviews der klare Bildungscharakter (betont) noch deutlicher zum Ausdruck kommt. Naja, Medizinstudenten sind schon überfordert mit (sächsisch) „Drei Punkte sind drei Punkte.“, aber es soll noch schärfer werden. Stichwort: Visualisierter orthographischer Hypertext. Das habe ich so lange versucht, auswendig zu lernen, das muss ich jetzt noch mal wiederholen, damit es sich auch gelohnt hat: Visualisierter orthographischer Hypertext. Eine Neuerung des ZDF für die Enkel der Derrick-Generation. Damit allen klar ist, wofür man Fernsehgebühren zahlt.

Wie sieht das aus? Noch mal Ballack.
(sächsisch) „Wir müssen jetzt schauen, (fasst sich in den Schritt) dass wir das Spiel gegen Spanien gewinnen.“ (rotzt)

(in Oberlehrermanier) Noch einmal (langsam, hochdeutsch): Wir müssen jetzt schauen, (fasst sich in den Schritt) – „Komma!“ – dass wir das Spiel gegen Spanien gewinnen.“ (rotzt) – „Punkt!“.

Visualisierter orthographischer Hypertext. Toll!

Auch inhaltlich wird sich was ändern.

Reporter: „Lukas, zwei Tore gemacht, drei Tore vorbereitet. Zufrieden?
Lukas: „Ja, sischer. Zwei Tore gemacht, drei Tore vorbereitet. Kann man zufrieden sein.“
Reporter: „Aber dennoch klappt das Zusammenspiel mit Klose noch nicht optimal.“
Lukas: „Ja, sischer. Aba is scheißegal.“
Reporter: „Lukas, hast Du noch Probleme mit der Theodizeefrage?“
Lukas: „Nö, überhaupt nüsch. Leibniz hat die ja gelöst. Wir leben in der bestmöglichen Welt, die Gott im Zustand der Potentialität als solche erkannt und zur Existenz gebracht hat. Und in der hat das Übel metaphysische Notwendigkeit.“
Reporter: „Wegen der Freiheit des Menschen?“
Lukas: „Ja, sischer. Auf dieser Ebene der Modalität geht dem Schöpfungsakt ein Wahlakt voraus, bei dem Gott die beste Welt aus allen möglichen Welten, die sich frei entwickeln, identifiziert, gegründet auf seine unendliche Voraussicht. Also, preavisio und nicht praedeterminatio. Viele tun das durcheinanderbringen.“
Reporter: „Danke, Lukas.“
Lukas: „Bidde.“ (rotzend ab)

Man sieht: Fußball ist Hochkultur. Europa ist aber nicht nur Fußball. Das ist für einige neu, aber ihr könnt mir’s ruhig glauben. Die erste europäische Hochkultur gab es vor etwa 4000 Jahren auf Kreta. Also, nun ein Ausflug in die Anfänge europäischer Kultur. Und – dazu muss ich mich hinsetzen. (setzt sich) Ich weiß, dass Bildung für viele geschäftsschädigend ist. Liebe Bachelor-Studenten – ich mach’s so kurz wie möglich.

Ich weiß jetz’ ga’ nich’, wo ich mit erzählen anfangen soll. Am besten am Anfang. Also: Am Anfang war nix. Allet war schwarz und leer. Wer schon mal im Bayrischen Wald war, hat jetzt eine gewisse Vorstellung. Die Kulturgeschichte Europas beginnt dann im engeren Sinne mit Zeus. Zeus war ein Gott mit extremen Anwallungen sexuellen Verlangens, das sich auf junge Mädchen richtete. So eine Art Dieter Bohlen der Antike. Und dieser Zeus, der kam im Urlaub immer an die Strände dieser Welt, offiziell um „Spaß zu haben“, aber eigentlich nur, um zu poppen. Der kam dann immer so an:
(hanseatisch, Stimme wie Dieter Bohlen) „Na? Kann ich Deine Telefonnummer haben, ich hab meine grad vergessen. Hä, hä, hä.“

Und eines schönen Tages erblickten seine geilen Augen wen? Richtig: Europa! Tochter des phönikischen Königs Agenor und Auszubildende in der Kosmetikbranche. (schnell) Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Denn: Europa hatte gar kein Interesse.

(im Ruhrpott-Slang) „Hömma! Mach, datt Du Land gewinns’, Spackbirne.“

Da musste Zeus natürlich gucken, wie er doch noch zum Schuss kommt und hatte eine Idee. Die Idee! Kam am nächsten Tag im Stierkostüm, hat sich die Alte gekrallt und ab nach Kreta, wo dann der Stier mit Europa den ersten Europäer gezeugt hat.

Der erste Europäer ist Produkt der Urlaubsbekanntschaft einer Parfümeriefachverkäuferin aus Mühlheim mit einem notgeilen Stier, der an chronischer Amnesie leidet. Und wir wundern uns über Brüssel!

Dieser erste Europäer hieß Minos.

Minos sollte König werden, hat aber erst mal was anständiges gelernt, nämlich Hotelfachangestellter Schrägstrich Hotelfachangestellte. Er hat dann nach der Ausbildung ein eigenes kleines Hotel aufgemacht. Also, zum Mitschreiben: 1983 v. Chr.: Minos eröffnet das erste Hotel Europas. – 1982 v. Chr.: Der erste Bus mit Holländern steht vor der Tür.

(sich allmählich hineinsteigernd) Wer Niederländisch lernen will, fahre nicht mit Erasmus nach Rotterdam, sondern mit TUI in den Urlaub. Egal wohin. Es gibt keinen Ort ohne Holländer. Ich bin davon überzeugt, dass die ersten Bilder der NASA-Sonde „Phönix“ vom Mars eine holländische Familie auf der Suche nach einem Fahrradverleih zeigen werden. Der Mann mit Pilsje, die Frau mit copje cofie und der elfjährige Sohn mit einem Trikot von Ruud van Nistelrooy. Im Hintergrund ein Wohnwagen. Adam und Eva waren gerade mal eine Woche im Paradies als das erste Heinicken geliefert wurde.

Aber ich komm’ vom Thema ab. Minos hat dann doch noch mal die Kurve gekricht und is König geworden. Zwischendurch war der auch noch Animateur. Daher auch: „Minoische Kultur“. Ja, König is’ er dann geworden mit Hilfe des Poseidon, der ihm die Gunst gewährte, sämtliche Konkurrenten abzumurxen, darunter seine Brüder Rhadamanthys, Sarpedon und Heinz-Rüdiger. Der hatte dann also noch ’ne Rechnung mit dem Poseidon offen, wat nachher noch wichtig wird. Poseidon, der hat damals die Tsunamis noch von Hand gemacht, weil: Da gabet noch kein Klimawandel, musste er alles von Hand machen, der Welterschütterer mit dem Dreizack.

Jedenfalls, wat braucht ein König sonst noch? Ne Königin, genau! Und das war die Pasiphaë. Minos und Pasiphaë hatten zusammen acht Kinder. Mit Nachnamen hießen Minos und Pasiphaë „von der Leyen“. Akakallis, Androgeos, Ariadne, Deukalion, Glaukos, Katreus, Phaidra und Xenodike. Nein, ich weiß nicht, wer von den beiden die Namen ausgesucht hat. Nicht verwirren lassen: Als die DEFA den Minos-Mythos in den 1970ern verfilmt hat, hießen die Kinder Chantal, Mandy, Michele, Mike, Steffen, Piere, Angelo und Angela.

(in Ruhrpott-Slang wechselnd) So, damit dat nich zu trocken wird, versuch ich ma einen etwas passenderen äußeren Erzählrahmen zu wählen, sonst schlaft ihr mir hier ein, bevor der Theseus seine Schicht hat. (schnell) Ja, jedenfalls war dat so, dat der Poseidon dem König Minos ’nen weißen Stier geschickt hat, damit der den opfert. Dat war der Knackpunkt. „Ja“, hat der Minos gedacht. „Opfern? So’n schöner Stier. Der hat doch nich’ alle Zacken in der Gabel! Wo gibet denn sowat?! Nä, dat machse nich!“ Hatter irgend ’ne olle Kuh aus ’em Stall gezogen und die geopfert. Hat der Poseidon natürlich gemerkt, der is’ ja nich’ blöd, ne! Als dann der Minos kam und sachte, datt jetzt jawohl alles klar is, hat der Poseidon dem aber ein paar Texte erzählt, frach nich nach Sonnenschein, do! Ja! Sonnen Hals hat der gehabt auf den Minos, mein lieber Herrengesangsverein, do! „Minos, Sportsfreund, Dir zeig’ ich, wo der Frosch die Locken hat. Komm Du ma na Hause.“ Ja, dann zuhause, ne. Da ging datt los. Die Frau nur noch am meckern, wann endlich die Einbauküche kommt, wie dat aussieht mit neue Badarmaturen und, und, und. Dat ganze Programm!

Datt schärfste war aber, (langsam, unsicher) datt, also wie soll ich sagen, der weiße Stier, ne. Also, die Pasiphaë, die sagen wir mal, also. Die beiden... (verlegen) Öhh... Also. Jedenfalls hat die dann dem Stier gesacht: „Ich lass jetz’ ma’ die Sache mit der Telefonnummer, ich frach Dich nur ganz direkt: Wie woll’n mer ’t machen?“ Tja. Da hat die sich an Vatter sein’ Bauleiter gewandt, ne, der Daidalus, der hat auch noch halbtags im Hotel so, ma hier, ma da ausgeholfen, wie dat so is, ne. Der hat natürlich ers’ ma’ gedacht: „Meine Fresse, sind dat hier allet durchgeknallte Typen, do!“ (mit neutraler Stimme) Damit meinte er ausnahmsweise mal nicht die Holländer.

Na gut, aber wurde ja gut bezahlt und da hat er sich dann wat Schickes einfallen lassen. Hat er ihr ne Kuh gebaut. Ne Kuh. Aus Holz. Wo die dann reingegangen ist. Zum Stier. (ernst, überbetont) Muss ich das noch weiter ausführen? (betont) Nach neun Monaten kam das Kind zur Welt. Dat sah aus! Nä, schlimm! Ja, is ja klar, ne. Wat willse machen... Körper wie ein Mensch, Kopf wie ein Stier. So eine Mischung aus Günther Netzer, Horst Hrubesch und Helmut Kohl – falls den noch jemand kennt. Helmut Kohl – war mal Bundeskanzler. Is lang her. Damals sagte man noch nicht: „Come on, relaxed chillen, easy man.“ Da sachte man: „Lech Dich ma wat hin, ruh Dich ma wat aus.“ (Pause, dann verärgert) Da gab es auch noch kein Bier mit Avocadogeschmack.

Ich rech mich auf, ich mach’ ma weiter. „Minotaurus“ hieß der. (ernst) Für die, die in Hessen Abitur gemacht haben: „Stier des Minos“. Ja, hat der Minos gesacht: „Dat geht ja nich’. Wat sollen die Leute denken!“ Die Nachbarn ham schon immer so komisch geguckt, ne. Ja, gesacht ham die nix, aber immer so geguckt. Musste der Daidalus wieder ran. Hatt er dem Minos ein Labyrinth gebaut, da hat der den Minotaurus reingesperrt. Ja! Fand der natürlich nich’ so gut.

(mit der Stimme Helmut Kohls) „Ich will nicht ins Labyrinth. Das sage ich hier in aller Deutlichkeit.“

Tja, konnt’ er aber nix machen, der arme Minotaurus. Der arme Söck! Damit ihm dat nich’ zu langweilig wird da drin, hatter jede Woche Besuch gekricht. Der Minos ist da vom Hotel aus mit den Holländern hin.

Die Kinder haben den Minotaurus immer geärgert:

(mit holländischem Akzent) „Can you tell üs where the exit is? Ha, ha, ha.“
(mit der Stimme Helmut Kohls) „Ich verstehe den Sinn Ihrer Frage nicht.“

Ja, jedenfalls hat der Minotaurus regelmäßig sieben Athener Jungfrauen und sieben Jünglinge zu fressen gekricht. Datt wurd mit der Zeit immer schwieriger, vor allem mit den Jungfrauen. Die wurden allmählich knapp. Lag nicht nur am Minotaurus. Auch an den Holländern. Aber: Eines Tages naht Rettung. Es mischt sich ein junger, kühner Athener unter die Jünglinge, um seine Stadt zu befreien: Theseus. Mutig brach er Richtung Kreta auf.

(mit piepsiger Stimme) „Ja, Fenster wär’ schön. Wieso 23, zuhause waren’s noch 20 Kilo?“ Tja, ja – die 3 Kilo Übergepäck beim Einchecken kamen nicht von ungefähr! Dat war die Keule, mit der er den Minotaurus erschlagen wollte. Die hatte sich Theseus im Duty Free-Shop gekauft und dummerweise in den Koffer gepackt. Naja, ging noch mal durch. Ausnahmsweise.

Wie es der Zufall und die Dramaturgie billiger ZDF-Vorabendserien wollen, landet Theseus im Hotel von Minos. Theseus geht an die Bar, an der Ariadne, Tochter des Minos, gerade ihren Dienst verrichtet. Die hat sonst in Heraklion studiert, aber in den Semesterferien war sie im Hotel. Sonst waren an der Bar nur Holländer.

(mit holländischem Akzent) „Ari, I have forgotten my telefone number. Can I have yours. Ha, ha, ha.”

Ariadne aber hatte nur Augen für Theseus.

Theseus und Ariadne. Ein großes Liebespaar der menschlichen Kulturgeschichte. So wie Orpheus und Euridike, Romeo und Julia, Franzl und (wienerisch) Sissi, nein, nein, nein.

Es gibt zu dieser Begegnung von Theseus und Ariadne einen wunderschönen Hymnus in Homers Epos Pannekoekjehois.

Und der beginnt so:

„Der Himmel sternenklar
Theseus trat an die Bar.
Ariadne hat ihn sofort erkannt.
Der einzige ohne Sonnenbrand.
Das Hemd weit offen, behaart wie ein Bär
Was sonst, wenn es kein Grieche wär.

(pathetisch)
Ich werde Dir helfen, oh, mein Held
Mit einer klugen List!
(mit holländischem Akzent)
,Ich hatte noch ein Pils bestellt.’
(desillusioniert)
Wenn sich der letzte Gast verpisst.“

Das geht jetzt noch weiter. 17 Strophen. Ich lass es mal.

Ja, und diese kluge List bestand darin, dem Theseus einen Faden zu geben, den dieser mit in das Labyrinth nahm, um – nachdem er den Minotaurus getötet haben würde – wieder den Ausgang zu finden.

Gesagt, getan.

Mittlerweile hatte Minotaurus die Gestalt von Franz-Josef Strauß angenommen.

(mit der Physiognomie und der Stimme von  Franz-Josef Strauß) „Ja, ja. Theseus. (schnaubt) Unverschämt. Das ist eine Unverschämtheit! Du verlauster Anarchist!“

Theseus erschlägt Minotaurus. Just zurück aus dem Labyrinth hält er bei Minos um Ariadnes Hand an. (im Stile einer Filmzusammenfassung) Minos sagt nein und verweist auf die bereits bestehende Verlobung der Ariadne mit Dionysos, dem Gott des Weines. Theseus ist traurig. Kann man verstehen. Ariadne versucht, ihren Vater umzustimmen.

Ariadne (hoch): „Och, Papa.“
Minos (prollig): „Wat? – ,Och, Papa.’“
Ariadne: Der is so süß, der Theseus.
Minos: Ja, (ironisch) süß.
Ariadne: Ach, Papa, komm. Der is immerhin griechischer Nationalheld.
Minos: Ja, datt is der Rehhagel auch! Also, komm mir nich so, ja?! Nationalheld, tse. (insistierend) Wie viel Scheine macht der denn im Monat? (um Verständnis bemüht) Daran muss man ja auch mal denken. (bestimmt) Außerdem heiratest Du Dionysos. Ende im Gelände.
Ariadne (heulend): Ich geh dann noch mal kurz mich verabschieden, O.K.?
Minos (ironisch): Ja, ne. Is klar. (deutet mit einer Handbewegung an, dass er vermutet, seine Tochter werde mit Theseus den Beischlaf vollziehen) Schönen Gruß. Und bring ma ’n Bier mit.

(wieder mit neutraler Sprecherstimme und erhobenem Zeigefinger) Aber! Ariadne hat sich gar nicht von Theseus verabschiedet. Die ist mit ihm geflohen. Jaha!

In der ganzen Aufregung hat jetz der Theseus ganz vergessen, wat er mit sein’ Vatter für’n Deal gemacht hatte. Der hatte dem nämlich vorher gesacht, wenn ich mit weißem Segel zurückkomme, kannse scho ’ma ne Kiste Bier klar machen, weil: Auswärtssieg.

(mit sächsischem Akzent, in Anlehnung an Ballack): „Drei wischtige Punkte. Mehr kann man nisch verlangen.“

Wenn, (Pause) also nur, (betont) wenn wat schief geht, dann ist schwarz angesacht. Ja, und wat soll ich sagen. In dem ganzen Stress hat der dat schwatte Segel gesetzt, ne. Der Alte sieht dat, denkt: „Scheiße!“ und stürzt sich in’t Meer. (bedächtig) Jaha.

Der Theseus hieß Grabowski, der Vatter Edgar. Also, Edgar Grabowski, Spitzname „Eggi“. Und seit dem heißt dat Meer „Eggisches Meer“. Nur so am Rande.

So, und dann machen Ariadne und Theseus auf ihrer langen Flucht mal Rast auf Naxos. Da gibt’s so ’n Selbstfindungsprojekt von der VHS Steglitz-Zehlendorf. Und Ariadne ist völlich hin und weg. Da gibt’s total spannende Angebote, irgendwie. Töpfern, Sticken, Batik-Weben mit Hirsebrei und so weiter. Theseus geht mit Dionysos, der (macht mit Handbewegung verschwörerische Andeutung) zufällig auch da wa’, erst ma’ einen trinken. (Pause) An der Bar stehen Jan, Antje, Wilhelmus und Mareike.

Und wie dat so is, spannt der Dionysos dem Theseus die Frau aus. Der hat sich aber auch unklug verhalten, der Theseus. Meinter zu Ariadne: „Ach, komm, lass uns abhauen, die verarschen uns doch hier nur! ,Partnermassage’, ,Selber atmen’, so ’n Quatsch!“ Ja, und da hat der Dionysos seine Chance gewittert. „Du, was haste denn da? Wow, Batik! Du, zeich’ ma her, Du. Hast du das selber gemacht? Du das find’ ich echt schön. Und so originell. Ist das Hirsebrei?“ (laut) Is, glaub ich, klar, wer hier das Rennen macht.

Unterdessen auf Kreta. Der Minos war natürlich völlich fertich. Der dreifache Fluch des Poseidon traf ihn tief (mit den Fingern abzählend): Frau weg, Tochter weg, Holländer kommen jetz’ jedes Jahr.

In seinem Gram und seiner ganzen Wut steckt Minos den Daidalus, der seiner Meinung nach für den ganzen Mist verantwortlich war, mit seinem Sohn Ikarus in das nun vakant gewordene Labyrinth. Aber auch (betont) die beiden fliehen, mit selbstgebastelten Flügeln. „Papi, wieso kannst Du das alles so toll?“ – „VHS Steglitz-Zehlendorf, mein Junge.“ – „Boh!“

Sie steigen auf (langsam aufstehend, sich dann langsam vom Publikum abwendend und in der Manier eines Flugkapitäns in einen Becher hineinsprechend). „Herzlich willkommen, mein lieber Ikarus auch von Deinem Vater. Wir fliegen exakt in einer Höhe von 33.000 Fuß, das sind etwa 11.000 Meter. Ich möchte Dich bitten, unsere Reisehöhe nicht zu verlassen und die Flügel noch so lange angeschnallt zu halten, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben. Wir werden in etwa 2 Stunden und 35 Minuten in Sizilien landen. Solltest Du der Sonne zu nahe kommen, wird das Wachs in Deinen Flügeln automatisch schmelzen und Du wirst ins Meer stürzen. (Pause) Die Wassertemperatur beträgt 22 Grad Celsius. Tschüß und auf wiedersehen. – Welcome, dear Ikarus, this is your father speaking. Unfortunately England is not personally qualified for Euro two – zero – zero – eight.“

Ja, watt soll ich sagen? Da war ett auch schon passiert. Ikarus stürzte ab, Vattern kam nach Sizilien, wo dann irgendwann Minos auftaucht und den Daidalus umbringen will. Klappte nicht, statt dessen is er selber dran. Minos – is auch irgendwie eine arme Sau, da gibbet nix.

Ja, der Rest is’ schnell erzählt. (schnell) Daidalus lebt in Frieden, bis er stirbt. Theseus wird König von Athen. Ariadne, ja, da gibett zwei Versionen. Die Altphilologen sind sich nicht ganz einig. Einmal, so heißt et, wird sie Prostituierte auf Kreta. In der anderen Version macht sie ihr Studium zuende, promoviert, habilitiert und wird (betont) dann Prostituierte auf Kreta. Nichts genaues weiß man nicht. Aber ich weiß eins, ich muss Schluss machen. Fußball fängt an. Tschüss.

Ab.

Anmerkung von JoBo72:

Uraufführung: 1. Juni 2008, anlässlich des Patronatsfests der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein Berlin


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Caterina (46) (02.06.2008)
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JoBo72 meinte dazu am 02.06.2008:
Vielen Dank!!! Ich denke, das kam gestern ganz gut an, obwohl ich sagen muss, dass ich einige Abschnitte nicht gespielt habe (z.B. das Lukas-Interview), weil mir das zu schwer erschien und ich nicht mehr so viel Zeit hatte zu proben...
Liebe Grüße, Josef
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Caterina (46) antwortete darauf am 02.06.2008:
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Veröffentlicht am 02.06.2008, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 28.12.2009). Textlänge: 3.548 Wörter; dieser Text wurde bereits 2.085 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 16.09.2019.
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