Kurt auf dem Baum

Fabel zum Thema Erfahrung

von  GillSans

Illustration zum Text
Kurt
(von GillSans)
Kurt hatte die Nase voll.
Und zwar gestrichen.

Er saß auf seinem Maulwurfshügel und seufzte: „Ich bin es leid immer im Dunkeln herum graben zu müssen. Ich möchte wie die Amseln auf dem Baum wohnen, mir ein Nest bauen und fröhliche Lieder zwitschern!“

So kam es, dass Kurt auf die alte Eiche am Fluss kletterte. Das dauerte ziemlich lange. Seine Augen waren das grelle Tageslicht nicht gewohnt und überhaupt konnte er sehr schlecht sehen.

Als er endlich die Baumkrone erklommen hatte, setzte er sich zufrieden auf den obersten Ast und beschloss das Zwitschern zu üben.

„Pffffü, Pfffüü! Pfffüüüürühhhh!“ Das klang ziemlich schräg. „Vielleicht sollte er doch erst einmal mit dem Nestbau beginnen?“ Aber da musste Kurt wieder vom Baum herunterklettern um Federn und Moos zu suchen. Dazu hatte er keine Lust. Das war ja viel zu anstrengend.
Er beschloss erst einmal den Baum zu erkunden. Vorsichtig angelte er sich von Ast zu Ast. Das war sehr gefährlich für einen fast blinden Maulwurf.
Da ertastete er etwas weiches, rundes. „Ah, ein Nest!“ stellte Kurt fest und setzte sich kurzerhand mitten hinein.  Er wollte gerade ein kleines Nickerchen machen. Dazu kam Kurt aber nicht.

Zu dumm, wo er doch so müde war.
Eine Amsel flog im Sturzflug und mit lautem Geschrei direkt auf Kurt zu und landete  neben ihm, im Nest!
„Tschüp, Tschüüüüüüüüüüüüüp! Das ist mein Nest! Machen sie das sie fort kommen!“ sie schuppste Kurt unsanft  mit dem Schnabel. Ihr Tschüüüüüüüüüp klang alles andere als freundlich.

„Ich wusste nicht, dass das Nest bewohnt ist. Ich dachte es steht leer. Da ich so müde von meiner Reise bin, wollte ich ein wenig ausruhen!“ entschuldigte sich Kurt kleinlaut.

„Weite Reise hin oder her! Bauen sie sich gefälligst ihr eigenes Nest!“
Mittlerweile hatten sich schon einige andere Vögel auf dem Baum versammelt. Neugierig beobachteten sie den Streit zwischen dem Maulwurf und der Amsel.

„Aber es ist doch genug Platz in ihrem Nest! Wenn es Nachts kalt wird könnten wir uns gegenseitig wärmen!“ stellte Kurt fest.

„Sie haben sie ja nicht mehr alle! Nicht mal Federn!“ die Amsel verdrehte genervt ihre Augen.
Jetzt mischten sich die anderen Vögel ein: „Tschüp, Tschüp, komische Flügel hat der Kerl!“  „Was für einen bescheuerten Schnabel er im Gesicht trägt. Einen Schwanz hat er auch nicht. Seltsames Ding! Tschüptschüp!“

„Können sie mir wenigstens zeigen wie man so ein gemütliches Nest baut?“ bat Kurt die Amsel.

„Wie, sie wissen nicht wie man ein Nest baut?“ die Amsel schüttelte ihren Kopf. „Was sind sie denn für ein schräger Vogel? Eigentlich ist das ja ein Berufsgeheimnis, aber damit Sie hier endlich verschwinden, erkläre ich ihnen kurz wie das geht!“

Am Besten fliegen sie in den Wald und sammeln kleine Zweige, Äste, Moos, Federn (sie haben ja keine!) und alles was schön weich ist. Dann fliegen sie wieder auf einen Baum. Und nun wird es ein wenig schwierig: sie kauen das Zeug alles so lange bis es sich mit ihrem Speichel gut vermischt hat. Dann spucken sie es aus und zupfen es zu einem gemütlichen Nest zurecht. Das war’s schon. Adieu und viel Glück!“

„Igitt, das klingt aber ekelig!“ der Maulwurf verzog sein Gesicht. Die Sache mit dem Speichel gefiel ihm überhaupt nicht gut.

Er hatte die Nase voll.
Und zwar gestrichen.

Vorsichtig kletterte er die alte Eiche wieder herunter und machte sich auf den Weg zu seinem Maulwurfshügel.

Seit diesem Tag lebt der Maulwurf glücklich und zufrieden unter der Erde.
Auch wenn er schon gestorben ist. Nur lebt er dann nicht mehr.

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Kommentare zu diesem Text


 Isaban (20.04.07)
Schuster, bleib bei deinem Leisten, aber sehr viel liebevoller, witziger und einfühlsamer erzählt. Eine tolle Geschichte, Ines.
Nimm vielleicht noch eines der "erst einmal" vom Anfang heraus, ansonsten finde ich deine modere Fabel sehr gelungen und schön kindgerecht erzählt. Gefällt mir sehr.

Viele liebe Superduperwettergrüße
Sabine

 GillSans meinte dazu am 20.04.07:
Erst einmal herzlichen dank fürs Lesen, kommentieren, rechtsklicken und (freu) fürs mögen. Schade nur, dass man in den Text keine Bildchen hochladen kann, weil das wär dann noch lustiger. Liebe Schönwettergrüße, Ines

 Maya_Gähler (20.04.07)
Ja das ist wirklich eine entzückende Kindergeschichte, die aber auch so manchem Erwachsenen einen Spiegel vorhalten wird.
klasse geschrieben, Ines...
und... da schließe ich mich Sabine an... ein "erst einmal" weniger und es ist superklasse... *lächel
Liebe Grüße von der Maya

 GillSans antwortete darauf am 20.04.07:
Liebe Maya, dir auch ein herzliches Dankeschön und ich freue mich sehr über deine Empfehlung und den Kommentar natürlich und fürs Lesen überhaupt
Sonnige Grüße in die Schweiz schickt Dir Ines
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