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Kurzprosa


von autoralexanderschwarz

„Nun ist es aber gut, mir wird langsam langweilig hier“, denkt das kleine Gerinnsel und beschließt nach oben ins Gehirn zu wandern. Es hat vom vorbeistreichenden Blut gehört, dass man von dort aus eine ganz tolle Aussicht haben soll.

Ein Mann mit einer aufwändig-lässigen Frisur fühlt sich derweil so jung, als er mit dem Longboard zur Arbeit fährt.

„Du fährst wieder zu schnell“, sagt eine Frau im Auto zum Mann am Steuer, der nur so schnell fährt, wenn sie neben ihm sitzt. Er weiß selbst nicht, dass er sie damit beeindrucken möchte.

„Ich fahre gar nicht schnell“, sagt er, während sich ein vergessener Nagel mit jeder Umdrehung ein winziges Stück tiefer in den Reifen bohrt.

„Bald wird es wieder einen Unfall geben“, sagt ein Rettungssanitäter zu seinem Kollegen, nachdem er auf die Uhr geblickt hat. Dann beißt er in sein Pausenbrot und weil seine Schneidezähne ein kleines Stück zu weit auseinanderstehen, bleibt dort wie so oft ein Fettstückchen der Salamischeibe hängen. Er müsste strenger auf seine Cholesterinwerte achten.

„Vielleicht ist das doch nur ein Mensch“, denkt ein Blinder, als er mit seinem Stock einen Obdachlosen an der Ampel ertastet.

„Du bringst uns beide noch um“, sagt die Frau vorwurfsvoll, als sie sich der Ampel nähern.

„Ich darf nicht vergessen meine Schuhe zu wechseln“, denkt der Mann auf dem Longboard, als er sich der Ampel nähert.

„Wer sticht mir dort in meine Rippen?“, fragt sich der Obdachlose, als er erwacht und betrunken nach dem Stock greift. Er ist schließlich ein Mensch. Niemand hat das Recht ihn so zu behandeln.

Der Blinde aber schreit erschrocken auf und wird nach vorne gezogen.
Die Frau schreit und weist mit der Hand auf den Blinden.
Der Mann bremst und reißt das Steuer herum.
Der Nagel bohrt sich wieder ein kleines Stückchen tiefer in den Reifen.
Die Frau schreit und weist mit der Hand auf den Longboardfahrer.
Die Bremsen quietschen.

Der Mann mit der aufwändig-lässigen Frisur stoppt gekonnt sein Longboard.
Alles kommt zum Stehen. Der Blinde findet sein verlorenes Gleichgewicht wieder.

„Du musst dich beruhigen, es ist nichts passiert“, sagt der Autofahrer zu seiner Frau.
„Ständig musst du dich so aufregen.“

Der Obdachlose verliert das Interesse an dem Stock und schläft wieder ein. Er träumte so schön von Flieder und seltenen Spirituosen. Der Mann mit dem Longboard wechselt routiniert seine Schuhe und entfernt mit etwas Spucke einen kleinen Fleck von dem glänzenden Leder. Den Rest des Weges wird er zu Fuß gehen.

Der Rettungssanitäter tastet enttäuscht mit der Zunge nach dem Fettstückchen und das Auto setzt sich in Bewegung, um auf die Autobahn zu fahren.

Das Blutgerinnsel aber erreicht endlich das Gehirn und drückt sich wie ein Heimkehrender voller Vorfreude in die engen Windungen.


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Veröffentlicht am 01.07.2018, 7 mal überarbeitet (letzte Änderung am 01.07.2018). Textlänge: 450 Wörter; dieser Text wurde bereits 89 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 13.09.2020.
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