Stillschweigend

Tagebuch

von  Janna


Ich frage mich, wie du es geschafft hast, 40 Jahre lang dieses Geheimnis zu bewahren.

40 Jahre, in denen du mir etwas verschwiegen hast, das mein Leben immer und immer wieder aus der Spur laufen ließ.

Aber gehen wir zu den Anfängen zurück.

Ich hatte Papa wahnsinnig gern und erinnere mich daran, dass er samstags immer Sport hörte. Das braune Holzradio stand auf dem Musikschrank und Papa und ich lagen auf der Couch. Sonntags spielte er oft mit mir und bei schönem Wetter gingen wir die Großmutter besuchen oder er nahm mich mit auf eine seiner Musikveranstaltungen, wo ich schrecklich stolz auf ihn war, weil er so schön Flöte spielte.

Ich entsinne mich, dass seine große Hand abends die meine hielt, durch die Gitterstäbe des Kinderbetts hindurch, bis ich eingeschlafen war. Da muss ich noch ziemlich klein gewesen sein, zwischen 3 und 6, denn mein kleiner Bruder war noch nicht geboren.

Du warst sonntags oft sehr gereizt. Dann kam es schon mal vor, dass du den hölzernen Kochlöffel auf meinem Po tanzen ließest und ich weinte bitterlich, denn das tat verdammt weh. Papa nahm mich danach an der Hand und sagte: „Nanni, sag der Mama, dass du wieder lieb bist, dann ist alles wieder gut.“

Ich wusste zwar nicht, warum du mich verprügelt hattest, aber ich wusste nun wenigstens, wie alles wieder gut wurde. Das war eine Lektion, die ich für das Leben lernte.

Nach der Geburt meines Bruders schlief ich in der Mitte des großen Ehebetts aus Eichenholz.

Vor dem Einschlafen starrte ich wie gebannt auf das Schlüsselloch der Schlafzimmertür, durch das ein schwacher Lichtschein fiel. Solange ich ihn sah, wusste ich, dass du unten in der Küche warst, aber oft verschwand er nach einer Weile und die Tür fiel leise ins Schloss.

Ich lag nun in dem riesigen Bett und starrte in die Dunkelheit. Alles, was ich im Zimmer wahrnahm, Schrank, Waschkommode und die Tür, schien von mir wegzurücken und war so weit entfernt, dass ich annahm, ich würde dieses Zimmer niemals verlassen können. Ich hatte sehr große Angst.

Einmal fragte Papa mich, warum ich weine und ich sagte: “Ich sehe weit.“

Er verstand das, glaube ich, nicht.

In einer Nacht hatte ich einen quälenden Albtraum: Über mir wuchs das Plumeau zu einem riesenhafte Berg an, der mich zu ersticken drohte. Später stieß ich öfter in der Literatur auf diesen Traum, aber ich konnte mit der Deutung wenig anfangen.

Ich glaube, ich war schon in der Schule, als ich mit diesen seltsamen Beinbewegungen begann.

Du hast mich ausgeschimpft und mich aufgefordert, das sein zu lassen. Und du fragtest mich, warum ich das mache.


Ich erinnere mich natürlich auch daran wie du mich im Spülbecken der Waschküche kalt abgewaschen hast. Du warst eine sehr reinliche Frau, die Ursache für das klebrige Gefühl zwischen meinen Beinen musste also eine andere sein.

Es kam eine Zeit, da gaukelte meine Fantasie mir vor, ein Tiger liefe hinter mir die Stiege hoch und schlüge mir gleich seine Krallen in die nackten Waden, die unter dem Nachthemd hervor sahen. Dabei ging Papa hinter mir, er brachte mich immer ins Bett.

Er war es auch, der mit mir zum Augenarzt lief, weil ich mir den Finger mit Absicht ins Auge gestoßen hatte.


Ich hatte ich mir in meiner Fantasie einen Freund erschaffen, Mama. Ich nannte ihn Joschi, nach einem Jungen aus einem Mädchenbuch. Er saß abends immer auf meinem Bett und hielt meine Hand und ich erzählte ihm, was ich erlebt hatte. Er war mein Held, mein Freund, für den ich der wichtigste Mensch war. Er hatte dunkle Haare und schöne Augen und ich hörte nie ein hartes Wort von ihm.

Leider verlor ich ihn irgendwann, ich weiß nicht mehr genau wann, ich meine, ich war 12.

Ich hab ihn dann später sehr lange gesucht. 



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 plotzn (08.08.23, 16:09)
Ganz schön harter Tobak, Janna. Ich habe länger überlegt, was das gut gehütete Geheimnis gewesen sein könnte, das am ende nicht explizit aufgelöst wird. Ich fürchte, vom geliebten und sorgenden Vater ging mehr Gefahr aus, als es zunächst den Anschein hatte.

Liebe Grüße
Stefan

 Janna meinte dazu am 08.08.23 um 16:23:
Hallo Stefan,

ja, starker Tobak, ich weiß. Im Vorgängertext   Idylle hatte ich in den Kommentaren einen Hinweis darauf gegeben, dass der Missbrauch in der Geschichte eine Vorgeschichte hat. Das Schweigen der Eltern, des ganzen Clans, hatte einen Grund. Nämlich diesen. Und ein Onkel, der weiß, dass ein 11jähriges Mädchen mit 6 Jahren schon einen Missbrauch erlebte, versucht es erneut zu missbrauchen. Ich werde demnächst noch einen Text dazu veröffentlichen, der einen Einblick in das Ausmaß der Zerstörung freigibt.
Danke dir für den Kommentar.

Liebe Grüße

Janna
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram