Alte Ka(ra)mellen

Text zum Thema Alter

von  Martina

Da stand der kleine Junge vor dieser alten Frau. Er hatte blondes Haar, das ihm wirr ins Gesicht fiel. Und sie, die alte Frau mit dem streng gebundenen Knoten und dem grauen Kleid, das aussah, als wäre es grad dem Bügeleisen entwischt, lächelte ihn an.

Ja, es hatte keine Falte, war ganz glatt und sorgfältig, als hätte es auf einem Bügel gehangen. Ihre dürren Schultern hatten schon etwas Ähnlichkeit damit, dachte der kleine Junge, als er von unten schräg zu ihr hoch blinzelte.

Die alte Dame hatte sich gerade nach einem Marienblümchen gebückt, um es zu pflücken. Es erinnerte sie an ihre Jugend, und sie erzählte dem kleinen Jungen von dieser Zeit, als sie daraus wunderschöne Kränze für ihr Haar band.

Heute waren ihre Hände von Arthritis entstellt, sie konnte kaum noch etwas mit ihnen anstellen, geschweige denn feinmotorisch damit arbeiten. Der kleine Junge gefiel ihr, sie sah in oft auf dem Rasen hier am Altersheim spielen.

Er wohnte gegenüber, in einer Stadtwohnung. Weit und breit war kein Spielplatz in Sicht. Oft hatte sie ihn vom Fenster aus beobachtet, wenn sie zu schwach war, um hinuntergehen zu können. Sie erfreute sich an dem Anblick seiner Jugend und Quirligkeit. Es brachte Erinnerungen zurück.

Verträumt drehte sie noch die Blüte in ihrer Hand: Er liebt mich, er liebt mich nicht...wie oft hatte sie orakelt, und die kleinen Blütenblätter, die sie ausriss, fielen eines nach dem anderen auf dem Boden. Diese Blüte jedoch würde verschont bleiben, sie brauchte sich nicht mehr zu fragen, ob sie geliebt wurde. Er wurde vor zwei Jahren begraben, und sie wusste heute, das er sie immer geliebt hatte.

Sie griff mit der anderen Hand in ihre Schürze, und holte eine Karamelle für den Jungen zum Vorschein. Zuerst machte sich ein Strahlen über sein ganzes Gesicht breit, aber dann schaute er traurig zu Boden. Er erklärte der Frau, dass seine Eltern ihm verboten hätten, von anderen Leuten Süßes anzunehmen.

Doch plötzlich, ohne das sie damit rechnen konnte, schnellte seine kleine Hand hervor und entriss ihr das Gänseblümchen.
Daraufhin erklärte er ihr, dass er es in einem Buch pressen würde, damit es ihn immer an die verpasste Karamelle und an die liebenswürdige alte Dame erinnern würde. Das war seit langem der schönste Augenblick in ihrem Leben.

Und viel später, als die Enkel die Schmuckschatulle ihrer Oma fanden, konnten sie sich nicht erklären, was ein Karamellbonbon darin zu suchen hatte. Sie war wohl schon recht merkwürdig und senil mit dem Alter geworden, und wahrscheinlich war es ein Segen, dass Gott sie zu sich rief.

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Kommentare zu diesem Text

steinkreistänzerin (46)
(28.02.07)
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 Martina meinte dazu am 28.02.07:
ja das sind sie...von unschätzbarem Wert für sie...

Danke sis...du verstehst immer was ich sagen will...
Reverof (38)
(28.02.07)
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 Martina antwortete darauf am 28.02.07:
Hey...das freut mich. Und wenn du real meinst...dann leider nein..sie ist nur erfnden aber von mir empfunden :0) Hab einen schönen Tag, du! Lg Tina
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