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Interpretation
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Brückhausen

Satire


von PeterSorry

Nach dem Abritt der Dragoner in die Wüste der Zentauren hatte es einen Waffenstillstand zwischen der Wasserburg und der Landbevölkerung gegeben. Dieser war jedoch von kurzer Dauer, denn die Bauern fielen einem heimtückischen Angriff genetisch manipulierter Wasserratten zum Opfer, ferngesteuert von den Wissenschaftsbarbaren jenseits der Viagarafälle.
Nur dem Burgalchimisten war es zu verdanken, dass keines der Biester den Invasionsversuch über den vergifteten Fluss hinaus überlebte.

Der Panzerbeschuss der nachfolgenden Wargonnen jedoch hatte der einst imponierenden Standfestigkeit der Burg den Rest gegeben, und nach Plünderung und Brandschatzung durch motorisierte Rockerhorden im Umland ward aus dem stolzen Raubritterdomizil mit wuchtigem Hauptgebäude, via Seilbrücken über der Stauschwelle mit dem jenseitigen Brückenzollamt verbunden, eine klägliche Ruine geworden, deren so unterschiedliche Bewohner sich nach Herzenslust zu bekämpfen beliebten.

Der in rotes Tuch gehüllte Muezzin, als Burgwächter auf dem Beobachtervorsprung eingesetzt, hatte zu lange auf die Sonnenreflexe des dahingurgelnden Flusses gestarrt und blinzelte, als er Bewegungen auf der anderen Seite vernahm.
Offenbar zelebrierten die Puritaner des Brückenzollamtes einen ihrer widerlichen Aufmärsche. Gewöhnlich geschah dies in den  Morgenstunden. Der Muezzin hörte die Waffen der Behelmten klirren und machte seine langgezogene Durchsage an den Treppenkurier.
Der Treppenkurier, ein magerer Knabe in Pluderhosen, eilte indes auf samtenen Pantoffeln durch den verwinkelten Gebetsmühlenraum in die ehemals prunkvollen Hallen der Populären Ruinenverwaltung. Vor den Haremsräumen des Burgbeduinen läutete der Treppenkurier bescheiden das Glöckchen.
Aus dem Innern der mit aromatisierten Ziegenfellen abgedeckten Räumlichkeiten drang belustigtes Kichern entspannter Damen.
Der Treppenkurier erschnupperte Parfum. Schritte näherten sich. Dann öffnete sich ein Verschlag, der Treppenkurier flüsterte seine Nachricht und begab sich wieder auf seinen Posten.

"Quo vadis?" grinste Wappenträger Adonis auf der Gelageliege, als Endivia zufällig in sein bereits eingeengtes Blickfeld geriet.
"Zu dir, mein Held", erwiderte Endivia und legte lächelnd ihre Hand auf des Recken schimmernden Brustpanzer.
"Der Muezzin meldet Aufmärsche der Zollamts-Puritaner jenseits der Wachau."

"Mit deinem schönen Mund könntest du für mein Wohlergehen sorgen und tust es dennoch nicht", tadelte Wappenträger Adonis, trank einen letzten Schluck Mooswein und eilte an den Wachfiguren vorbei ins Räucherstäbchenvorzimmer des Burgbeduinen.

In der Stille des geheiligten Ortes traf Adonis auf Brigadesekretärin Evanova, die unerlaubt im Papierkorb verworfener Diktate wühlte und dabei so unerhört erotisch wirkte, dass sich Adonis kaum zu räuspern wagte. Nach Sekunden einer Ahnung jedoch wandte sich die Lieblingsfrau des Burgbeduinen zu ihm um und ließ ihre Augen lächeln.
Wie sie wohl ohne Schleier aussehen mag? fragte sich Adonis.
Vielleicht sollte er ihr einen kleinen Wink geben, ein Geheimdossier des Inhaltes, dass ein Nachen am Restkai für flüchtig Verliebte auf sie warten würde.

In diesem vergänglichen Augenblick trat der Burgbeduine in seiner metalldurchwirkten Lederrüstung aus dem abhörsicheren Partybunker. Dank Speed hatte er 40 Stunden nicht mehr geschlafen, stattdessen 13 Angriffspläne verworfen, 12 unfähige Adjutanten hinrichten lassen und 11 Scheinjungfrauen entjungfert.
In diesem gereizten Zustand drang das Wispern des Wappenträgers 0an das rechte noch intakte Ohr des mächtigen Beduinen.
Burgherr Attilah regulierte sein Hörgerät.
"Die Puritaner planen eine unübliche Attacke!" brüllte der Ersatzrömer.
Attilah zuckte zusammen.
"Schrei er nicht so! Was haben mir die Steuerzombies schon zu sagen?"
Evanova, leicht bestrapst und beschleiert, entwickelte ein zerknittertes Pfeilschreiben und hielt es dem Oberbeduinen unter die lange Nase.
"Das Ultimatum der Puritaner läuft soeben ab, Erhabener!"
Burgherr Attilah schnaubte.
"Was erfahre ich das so spät, ihr minderwertigen Sklaven? Peitscht den Treppenkurier, lyncht den Muezzin und liquidiere dich selbst, Adonis."
"Wie soll ich deine Befehle ausführen, wenn du mich feuerst, Chef", klagte Adonis und entzündete ein gerolltes Hanfblatt.
Attilah rollte zunächst mit den Augen, doch dann nickte er und nahm auch einen Zug.
"Macht die Artillerie klar", befahl er grübelnd. "Sodann werde ich auf der Signalplattform erscheinen und mir den Spuk einmal ansehen."


Auf der anderen Seite der Wachau, im Hauptzollamtsbüro der ehemals imposanten Kontrollburg, konzentrierte sich Sir John vom Mac 5 auf die bevorstehende Inspektion des  2.527sten Standartenaufmarsches seiner bescheidenen Armee auf dem Vorplatz der Steuergerechtigkeit. Der angegraute Fuchs hatte die außerordentliche Parade angeordnet, um der zunehmenden Demoralisierung seiner Schutzbefohlenen zuvorzukommen.
Während die übermüdete Truppe auf dem Vorplatz Aufstellung nahm, zupfte sich Sir John vor dem Spiegel tapfer ergraute Borstenhaare aus den Nasenlöchern.
Ja, es war hart mit dem Älterwerden, dachte Sir John grimmig.
Mit den Jahren hatte er sich an die Brennesselsuppe, den Westföhn und an die Starrsinnigkeit der Steuersünder gewöhnt, aber er fühlte immer noch die Lunte der Improvisationsfähigkeit in sich brennen, und allein dieser Umstand hielt ihn vor seinem Gefolge aufrecht. 

"Sir John!"
Der Oberzöllner verzupfte sich und fixierte ergrimmt die tolpatische Gestalt im Büroeingang. Es handelte sich um Sergeant Stork, der seine derzeitige Position, wenn nicht dem Druck der Gewerkschaft, so zumindest dem eklatanten Mangel an Fachkräften zu verdanken hatte, der seit dem Embargo im Hauptzollamt herrschte.
Sergeant Stork zerrte mühsam ein seltsames Mädchen hinter sich her. Die in wehrhafter Anmut sich Sträubende trat vergebens gegen den Harnisch des Wach-Sergeanten, musste sich jedoch die unfreiwillige Vorführung im Hauptzollamtsbüro gefallen lassen.
"Dieses Biest habe ich auf dem Treppenabsatz zum Blitzableiter erwischt", keuchte Stork und blickte bedauernd auf sein verbeultes  Rüstungsblech. "Sie leugnet, eine Spionin zu sein."
"Du leugnest also", sagte Sir John und musterte das verstörte Weib.

"Wo - wo bin ich hier?" platzte es aus der mutmaßlichen Spionin heraus. Sie warf ihren bemerkenswert getönten Haarschopf nach hinten und schaute sich um.
"Diese Tricks zünden bei uns nicht." Sir Johns humorloses Lächeln erstarb.
"Haben die dich mit einem Katapult herüberschossen? Wie lautet
dein genauer Auftrag?"
"Keine Ahnung", erwiderte das ungewöhnlich bekleidete Mädchen.
"Ich war auf dem JFK Airport und wollte in meine Maschine nach
Nagasaki. Die Officer mussten mich unbedingt durch den Nacktscanner schicken. Es gab einen Blitzschlag, und dann hat es mich in dieses morbide Gebäude geschleudert und seitdem zerrt dieser blecherne Trottel an mir herum!"

Sir John lauschte andächtig den befehlsgewohnten Stimmen seiner Zolloffiziere auf dem Vorplatz.

"Waffensergeant Stork."
"Sir John?"
"Hier handelt es sich offensichtlich nicht um eine Spionin, sondern um eine verirrte Verrückte. Oder eine verrückte Verwirrte, je nach Standpunkt. Schaffen sie das Subjekt zwecks späterer Verhöre in den defekten Toilettentrakt."
"Nix da, ich lass mich nicht ins Klo wegsperren! Mein Name ist Gladys Fender, ich bin Amerikanerin! Ich habe das Recht zu schweigen und auf einen Telefonanruf..."
Sir John vernahm das Leiserwerden dieser unglaublichen Proteste in den Gängen zur Amtslatrine und gab ein irritiertes Räuspern von sich.

Sodann widmete Sir John sich der anstehenden Inspektion und trat mit angelegtem Inspektionsstöckchen auf den Vorplatz der Steuergleichheit hinaus.
First Officer Swolan Glands, wie immer in geschniegelter Uniform, blies vor strammstehender Truppe den 5Thrill. Sir John straffte sich und ging die vorderste Reihe ab. Die Augen der Männer waren zu Schlitzen verengt.
"First Officer Glands meldet den 2.527sten außerordentlichen Aufmarsch zum Morgengrauen...'"
"Jaja, schon gut, Officer. Lassen Sie weiter strammstehen, sonst kippen uns die Typen noch um. Irgendwelche Ausfälle?"
Glands antwortete sichtlich verlegen: "Keine, die noch leben, Sir."
Sir John fuhr herum. "Ihnen passt wohl was nicht."
"Doch, Sir", sagte Glands mit unbewegtem Gesicht.
"Die Rationierung der Brennesselsuppe hat zur Beruhigung einiger Aufwiegler beigetragen."
"Ausgezeichnet", erwiderte Sir John. Er betrachtete den armseligen Haufen geprüfter Hungerhaken durch sein Monokel und gestattete sich ein sardonisches Lächeln.
"Dem vollgefressenen Feind jenseits dieses schönen Flusses beliebt es seit geraumer Zeit, unseren abendlichen Appell zu ignorieren. Um sie in ihrer Borniertheit aufzurütteln, werden wir ihnen zukünftig morgens und abends ein Ständchen bringen. Hat da jemand gestöhnt?"
"Höchstens vor Eifer, Sir", sagte Glands beschwichtigend.
"Nun gut, Glands. Lassen Sie das Tagesmanifest verteilen und drehen sie das Multimegaphon auf volle Lautstärke!"
Während kleinbedruckte Blätter von Mann zu Mann gereicht wurden, regulierte Glands die schrille Rückkopplung aus dem Multimegaphon-Verstärker.
Sir John schlug mit seinem Stöckchen routiniert auf das Katheder und dirigierte den vielstimmigen Chor seiner lauthals lesenden Armee auf dem Vorplatz der Steuergerechtigkeit.

"Wir, das Brückenzollamt der Freien Federalrepublik Brückhausen, informieren die Populäre Ruinenverwaltung der Wasserburg, vertreten durch seine Selbstherrlichkeit, dem Beduinen Attilah und seinem Gefolge, einschließlich dem Burgalchimisten, den Wappenträgern und Treppenkurieren, über das Manifest des Tages."

"Lauter!" brüllte Sir John dazwischen und blinzelte zur anderen Seite hinüber, ob der Gegner auf Grund des Affronts schon reagiere.

"Das 2.527. Manifest lautet:
Die Populäre Ruinenverwaltung hat umgehend 25 % sämtlicher Reichtümer inklusive Nahrungsmittel und Kernseifenbestände an die Steuerbehörde Brückhausen zu übergeben.
Den Steuerrückstand der vergangenen Jahre beziffern wir pauschal mit weiteren 50 %. Hierin enthalten sind Umsatzsteuer, Mehrwertsteuer sowie Solidaritätsbeiträge und Inflationsausgleich. Hinzu kommen Mahnkosten vergangener Verfahren, die sich auf weitere 24 % belaufen. Zum Ausgleich unseres Guthabens notieren wir eine Frist von 2 Glasen."

"Weiter!" feuerte Sir John die erschöpfte Mannschaft an.

"Dieses Manifest wird akustisch übermittelt und ist auch ohne Unterschrift gültig."

"Officer!" schrie Sir John. "Multimegaphon aus, Manifest einsammeln und abtreten lassen!"
"Ay ay, Sir!" erwiderte Glands und übernahm das Kommando, während Sir John sein Stöckchen unter die Achsel klemmte und ins Büro marschieren wollte. In diesem Augenblick drang das Echo feindlicher Burgartillerie in den Empfänger seines Hörgerätes, gefolgt vom schrillen Pfeifen des Geschosses und dem Platscher, mit dem die großkalibrige Munition im Fluss landete.
"Angriff!" hustete Sir John erregt und versuchte, die Flucht seiner Truppe vom Platz der Steuergerechtigkeit zu unterbinden.

"Was treiben diese Tölpel?" knurrte der Burgruinenbeduine und ließ eine weitere Dukate im Schlitz des Münzfernrohrs verschwinden, um seine Beobachtungen fortsetzen zu können.
"Offenbar drohen uns die Zollamts-Puritaner bereits am frühen Morgen", bemerkte Adonis diplomatisch. Er schwang ein  Weinbeerbündel in der Linken, um lässig daran zu nippen.
"Dieser verstockte Sir John!" fluchte Attilah erbittert und bedachte den herbeigeeilten Burgalchimisten mit einem kritischen Blick.
"Könnt ihr verstehen, was sie verlautbaren?"
"Sie wollen die üblichen 99 %", sagte der Burgalchimist bereitwillig.
"Diese Verlautbarung unterscheidet sich nicht von den anderen, außer in der Uhrzeit. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie der Blitzeinschlag in einem ihrer Türme vor zwei Glasen aus dem Takt gebracht hat."
"Sie experimentieren offensichtlich mit einer neuen Zeiteinteilung", überlegte der Burgherr. "Zeigen wir ihnen, dass wir Terror mit Terror bekämpfen!"
Er gab dem Kanonier ein Zeichen und ließ das Ansinnen der Steuerfuzzis durch einen deftigen Knall der Dicken Berta beantworten.
Leider verlor das Geschoss unter dem Gejubel voreiliger Untertanen an Höhe und versank klaglos im Flussbett.
"Bin ich nur von Idioten umgeben?" entfuhr es dem Ruinenbeduinen, der wütend in die Runde starrte.
Beschwichtigend hob der Burgalchimist seine dürren Arme unter der gebläuten Toga.
"Zweifelsohne unterlag das Geschoss erhöhter Gravitationseinwirkung auf Grund der Neumondkonstellation!" suggerierte er seinem aufgebrachten Herrn.
"Immerhin könnte die Versuchsreihe bei weiterer Finanzierung durch Eure Eminenz mit der Komplettbombardierung des Brückenzollamts in spätestens 599, wenn nicht gar 499 Glasen erfolgreich abgeschlossen werden."
"Bei meinen glasigen Augen", seufzte Attilah und gab dem Fernrohr einen kräftigen Stoß. Er wischte sich übers bärtige Gesicht und zog den Alchimisten zu sich heran.
"Wie steht es mit Deinem Versprechen, meine geheiligten Exkremente in pures Gold zu verwandeln?"
"Die Experimente laufen noch, Chef", behauptete der Alchimist.
"Ein Blitzeinschlag wäre ganz gut, so einer, wie die da drüben ihn hatten. Vielleicht wissen die sogar, wie man Blitze erzeugt!"
"Na schön", knurrte Attilah versöhnlich und tätschelte des Alten Bart. Abrupt wandte er sich an den vor seiner Signallampe kauernden Muezzin.
"Sende den Amateuren da drüben folgende Botschaft:
Tausche Kernseife gegen Gewitter. Stop. Nur seriöse Angebote erbeten. Stop. Wasserburgruinenbeduine Attilah. Stop nein, signalisiere: Burgherr von und zu Brückhausen am Niedermhein. Das wird den Spießern imponieren!"
Gleichmütig bediente der Muezzin die Signallampe, wohl wissend, dass am gegenüberliegenden Ende niemand die Blinkzeichen zu interpretieren im Stande war.


"Jetzt belästigen sie uns wieder mit dem Laserstrahl ihres Hexenmeisters ", bemerkte Officer Glands und zog die vergilbten Überreste eines Vorhangs vor die Fenster des Amtsbüros.
Sir John vom Mac5 schob die fast geleerte Flasche gegorenen Brennesseltees in die Schublade des altgedienten Schreibtischs und  entnahm ihr seine Vorderladerpuste.
"Der Feind schläft nicht, First Officer Swolan Glands", sagte Sir John
dozierend. "Und jetzt knöpfen wir uns einmal diese Spionin vor."   

"In diesem Zustand wird sie alles unterschreiben", vermutete Officer Glands nach einem Blick auf das demoralisierte Mädchen, das mit zitternden Beinen in der Mannschaftskloake verharrte, während Sir John mit gerümpfter Nase zu ihr hineinstarrte.
"Es stimmt, ich hab als Studentin beim CIA gejobt", hörten sie die geständige Spionin, die sich als Gladys Fender ausgab.
"Und während der Wirtschaftskrise hab ich als Model im Schichtbetrieb vor der Webcam gearbeitet. Vielleicht hat mich der New Yorker Flughafen-Nacktscanner deshalb in dieses morbide Universum geschleudert..."
"Sie ist komplett durchgedreht," grinste Officer Glands unterdrückt.
"Am besten werfen wir sie in den Fluss!"

"Vielen Dank für Ihren Rat, Officer Glands", erwiderte Sir John.
"Wie Sie wissen, tue ich seit Jahren stets das Gegenteil und bin bisher damit ganz gut gefahren. Lassen Sie das Subjekt reinigen und bringen es unversehrt zum Hypnoseverhör in mein Privatbüro!"
"Wie Sir John befehlen!" sagte der Diensthabende.
"Passt Ihnen irgendwas nicht?" erkundigte sich Sir John gereizt.
"Ganz und garnicht, Sir!" erwiderte der Officer Glands und wankte tapfer in die Kloake.

Kaum war der Beduine in seinen weitläufigen Gemächern verschwunden, erwischte der Muezzin den verkrausten Treppenkurier in flagranti mit einer Jungfernattrappe und zerrte den Pubertierenden in den Gebetsmühlenraum.
"Eile zur Brigadesekretärin und sag ihr, dass Plan B in Kraft tritt!"
Auf diese Weise zugeknöpft, begab sich der verschüchterte Knabe stante pedes ins Vorzimmer des Ruinenbeduinen und erstarrte erst angesichts des tief atmenden Dekolletés von Brigadesekretärin Evanova, die sich gerade am Burg-Safe zu schaffen machte.

"Was willst du denn?" stöhnte Evanova. "Suchst du Attrappen?"
"Der Ausrufer schickt mich", sagte der Treppenkurier unbeirrt.
"Ich soll dir was ausrichten. Irgendwas von einem Plan. Aber solang du dich nicht bedeckst, kann ich mich nicht konzentrieren..."
"Komm her", flüsterte die Brigadesekreträrin und packte unverhofft in den Schritt des Knaben, bis er zu wimmern begann.
"Was hat dir der alte Knacker aufgetragen?"
"Plan B!" erklang des Knaben hohe Stimme.
"Plan B tritt in Kraft...!"
"Plan B", lächelte Evanova höhnisch. Sie überließ den Knaben seinen Gefühlen und entnahm dem geöffneten Safe ein geheimes Dokument. "Und hier ist Plan C. Wir verbünden uns mit dem Alchimisten und träufeln dem Beduinen beim Liebesspiel Gift ins Ohr."

"Dazu müsstest du ihn erst einmal ins Bett kriegen", wagte der Treppenkurier zu bemerken.
"Das lass meine Sorge sein" erwiderte die Brigadesekretärin. "Du aber gehst mir zum Alchimisten und sagst ihm
Plan C."
"Vielleicht geh ich auch damit zum Beduinen!" erfrechte sich der Knabe.
"Weisst du nicht, was der Burgruinenbeduine mit Überbringern schlechter Nachrichten macht? Na also, und jetzt lauf los..."
Evanovas Blicke folgten den eilenden Fersen des Kuriers die Treppe zum Alchimisten hinauf, bevor sie den Safe sorgfältig verschloss.

Keine Sekunde zu spät, denn dem Haremsportal entschlüpfte Endivia, die Lieblingsfrau Attilahs, die ihrer Erzürnung kaum verhohlen das Haremsportal heftig hinter sich zuschlug.
"Das fette Schwein wird von Tag zu Tag perverser!" entschuldigte sie sich für diesen Auftritt bei Evanova als verständnisvoller Geschlechtsgenossin und entschwand schwer atmend in den Gang zur Turbinentreppe, die zu den Gestaden der Wachau führte.

Evanova hingegen straffte ihre Haltegurte und resettete das Make Up, bevor sie mit wiegendem Gang die Haremsräume des Burgruinenbeduinen betrat.

Burgbeduine Attilah saß auf einem seiner tiefen Lieblingsteppiche, versunken in die neueste Alchimistenerfindung. Es handelte sich um  einen kleinen Bilderrahmen mit künstlich erzeugten Bildern, aus denen er allmählich schlau wurde. Dabei tippte er emsig auf ein klickendes Brett auf seinen ausgebeulten Knien, welches durch eine Schnur mit dem Bilderrahmen verbunden war.

"Attilah!" hauchte Evanova und näherte sich dem Burgherrn in ihrem transparenten Schleierspiel. "Willst du mich in meiner Begierde nach dir weiterhin so vernachlässigen? Du schurkischer Muselmane mit unbegrenzter Heiratslizenz!"

"Dieses Brettspiel ist wirklich amüsant", brummte der Scheich im Selbstgespräch, legte das Klickbrett zur Seite und wandte sich der erotischen Attraktion Evanovas zu.
Entgegen aller bisher dienstlichen Distance tanzte die Brigadesekretärin ihren überaus inspirierenden Luxuskörper
vor den interessierten Blicken des Herrschers durch das mit exotischen Fellen veredelte Schlafgemach.

"Ist es deine oder meine Eitelkeit, die dich so lüstern wirken lässt, du wohlgeformte Frucht!"
Hypnotisch umschmeichelte Evanovas Eros das Mienenspiel des panisch gefürchteten Nomadenkriegers.
"Finde es heraus, Gebieter, noch in dieser Nacht der Nächte!"
"Warum nicht auf der Stelle?"
"Zum Fest der Sinne soll der Alchimist uns einen Trunk kredenzen, dessen Genuss uns Mitternacht nicht mehr vom Mittag unterscheiden lässt. Ich gab ihn schon in Auftrag."
"Kruzitürken!" entfuhr es Attilah. "Gebildete Frauen sind einem immer einen Schritt voraus."

Mittlerweile hatte Sir John die Spionin über das trojanische Schaukelpferd spannen lassen und spazierte mit aufreizender Betulichkeit durch sein Büro.
"Du behauptest also, aus dem Ausland zu kommen, nicht wahr?"
Da das Subjekt in geschickt gespieltes Schockschweigen verfallen war, gab Sir John seiner Lieblingsmarotte nach und dem Subjekt spielerisch eins mit dem Stöckchen hintendrauf.

"Was hat dir der Beduine für deine Dienste versprochen, na? Und wie lange stehst du schon unter dem Einfluss des Alchimisten?"
Im Glanz seines emsig polierten Schuhwerks sah er den Speichelfaden der Verräterin zu Boden tropfen wie einen Vorboten aller weiteren Geständnisse.
"Leugnen macht keinen Sinn", lächelte Sir John. "Der Fiskus hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um dir mit diesem extravaganten Folterwerkzeug zur Wahrheit zu verhelfen."

Sein Wink ließ Sergeant Stork das Rad ein paar Kerben weiter  drehen, so dass sich das trojanische Schaukelpferd mit seinem Opfer immer mehr in die Länge zog. Ein Tritt brachte die teuflische Konstruktion in langanhaltende, unangenehme Schwingungen.
"Ich halte das nicht aus!" schrie die Spionin.
"Bitte keine Wiederholungen", sagte Sir John. "Uns interessieren nur Fakten."

"Ist dann Schluß mit der Folter?" vernahm Sir John das Flüstern der abgebrühten Simulantin.
"Das ist nur ein Verhör. Wir sind doch keine Unmenschen, nicht wahr, Sergeant Stork?"
"Gewiss nicht", schnarrte Stork beflissen hinter der Streckradspeiche.

"Nun also: Wie ist es Dir gelungen, bei Nacht über die Seilbrücke an den Wachen vorbei in den Innenhof zu gelangen?" erkundigte sich Sir John wohlwollend und wippte dabei auf und ab.
"Ich war unsichtbar!" hörte er die Befragte sagen.
"Na bitte, da kommen wir der Wahrheit schon näher! Die Gerüchte, dass der Burgalchimist eine Pille erzeugt hat, die Unsichtbarkeit verleiht, sind also echt. Aber wie erklärst du uns dann, dass wir dich jetzt sehen können?"
"Die Pille hält wohl nur eine Weile vor", murmelte die Spionin.
"Möglicherweise sind Teile von dir weiterhin unsichtbar!" mutmaßte Sir John. "Sergeant Stork, finden Sie heraus, ob der Spitzel noch über unsichtbare Körperteile verfügt!"
"Dazu müsste ich ihn abtasten!" bemerkte Stork zögernd.
"Frisch ans Werk!" befahl Sir John und unterzog sich der Aufgabe, den erkennungsdienstlichen Bemühungen seines Sergeanten aufmerksam beizuwohnen.

Die Schemen jenseits des Flusses gewannen an Schärfe, als der greisenhafte Alchimist sein Fernrohr justierte, das die Amtsstube von Sir John kopfüber wiedergab.
Mit zusammengekniffenen Augen unter grau wuchernden Brauen betrachtete der Wissenschaftler die erstaunliche Szenerie, während er überlegte, warum die Fiskalisten ihre Foltermöbel entgegen der natürlichen Schwerkraft dieses Planeten an der Zimmerdecke montiert hatten. Und nicht nur das. Offenbar trieben sie es sogar in dieser schier unmöglichen Perspektive in trigonometrischen Divergenzen.
Mit einem angewiderten Ruck trennte der Alchimist sein tränenbesacktes Auge vom Okular und zerfurchte mit seinen Fingernägeln die Polsterauflage seines Studiensessels.

Nach einem Moment der Beruhigung bemerkte er den Treppenkurier, der ihn wohl schon längere Zeit durch den Türspalt beobachtet hatte.
"Schickt dich der Burgbeduine?" erkundigte der Alte sich mürrisch.
"Sag ihm, ich widme mich der Feindbeobachtung!"
"Nein, Herr", erwiderte der Knabe. "Die Brigadesekretärin schickt mich mit einem Stichwort. Es lautet Plan C."
"Bist du sicher?" hakte der Alchimist nach. "Oder warst du verwirrt und sie sagte Vitamin C?"
"Nein, Herr", wiederholte sich der Knabe. "Sie sagte C wie Cäsar!"
"Also Plan Cäsar," konstatierte der Alchimist, griff in eine seiner Schatullen und händigte dem Treppenkurier eine mit rotschwarzblauer
Flüssigkeit gefüllte Phiole aus.
"Bring ihr das!" befahl er. "Doch bevor sie dich damit erwischen, musst du die Phiole in dir selbst entleeren!"

Kaum hatten Amtsobliegenheiten Sir John zu einer Inspektion der
Brennesselteeküche abberufen, hielt Sergeant Glands nichts länger im Glorienschein hinter der gewienerten Dokumentarvitrine voll verstaubter Dokumente. Allmählich umrundete er das büroeigene trojanische Gaulgestell und tastete im getönten Haarschopf der insoweit Geständigen nach weiteren Informationen.
"Wo sind deine unsichtbaren Körperteile, du Flittchen?"
Wie die Beine einer Tarantel glitten Glands Hände über den von Gänsehaut überzogenen Körper der Spionin.

"Ich bin Amerikanerin!" kreischte Gladys im Bemühen, den europäischen Sittenstrolch abzuschütteln.
Die Federspiralen begannen unter der Holzkonstruktion ächzend zu schwingen, als das trojanische Pferd vom Sergeanten höchstselbst bestiegen wurde.


Der Treppenkurier zuckte zurück. Seine heimliche Liebe, Brigadesekretärin Evanova, befand sich inmitten des Liebesaktes mit dem verhassten Burgbeduinen. D.h. z.Zt. betatschte er nur ihre unter Haremsgeschmeide dargebotenen Nippel, von denen er sich genussvoll gegorenen Brennesselhonig auf die pelzig ausgestreckte Zunge träufeln ließ.
Mit bangem Verlangen betrat der Treppenkurier die Orgienstätte und blies in die Meldemuschel.
"Was wagt der Bastard mich zu unterbrechen?" röhrte Attilah.
"Verzeiht, Gebieter! Der Alchimist hat es gewagt, Euch auf Bestellung diesen Zaubertrank zu übersenden!"

"Ist das der Trank, den du für uns bestellt hast, Evanova?"
"Finde es heraus, mein Genie!" ermunterte das verführerische Weib. "Auf dass der Liebe ewig Trunkenheit den Grund des Bechers niemals schauen mag..."

"Ach nee, der Hexenmeister schickt mir Gift, und du bist Überbringer?" beargwöhnte der Beduine des bleichen Knaben Antlitz. "Dann sei auch Vorkoster. Nimm einen Probeschluck!"

Kaum hatte der Knabe die Phiole halb entleert, stürzte sein mager zuckender Körper auf das opulente Teppichmuster nieder.
"Was hast du dir dabei gedacht?" grollte der Burgherr und trat mit klirrendem Kettenhemd an das Lager der sich räkelnden Evanova.
"Wie könnte ich in deiner Gegenwart nur zu denken wagen, Gebieter!" behauptete die Brigadesekretärin und bedeckte sich.
"Stimmt auch wieder", grübelte der Boss. "Jedenfalls werde ich dem Hexer einen Blitzbesuch abstatten!"
Mit der zerbrechlichen Giftphiole in den muskulösen Fingern stapfte Attilah aus den Haremsgemächern hinaus zum manuellen Burglift in den Alchimistenturm.

Kaum war das Quietschen des aufwärtsfahrenden Lifts im Schlafgemach zu vernehmen, sprang Evanova frivol von der Liebeskiste und rüttelte den Teppichkurier.
"Come on, Loverboy!" rief sie.
Jauchzend erhob sich der Bursche und ließ es sich keinesfalls nehmen, bis zum Busen der Brigadesekretärin emporzuspringen.
"Es hat funktioniert, Evanova!"
"Und wie, Loverboy..."
Geschickt entwandt sich das gescheite Weib den Griffen des Knaben.
"Attilah wird den Alchimisten zur Rechenschaft ziehen und meiner Hexerei den Vorzug geben...so wie es jeder anständige italienische Politiker tun würde...."
"Und wenn in der Phiole doch ein seltsam Gift war?" erkundigte sich der Treppenkurier und befühlte seine geschwollene Zunge. Die an sich großzügig gemeinten Nähte der Kurierkleidung wurden allmählich zu eng. Schweiß brach ihm aus allen Poren.

Auch die Brigadesekretärin wurde jetzt aufmerksam.
"Zum Henker, der Alchimist hat dir eine Ladung Vitamin C verpasst! Und wer weiß, was noch? Sapperlot, gleich sprengt er seinen Burgzwirn!"

Evanovas geweiteten Augen bot sich die unheimliche Verwandlung des Treppenkuriers vom einst mageren Knaben zu einem muskelprotzenden Zweimeterkrieger mit zu engem Sackschutz, dessen Body sich aus verebbender Konvulsivität durch magische Energiewölkchen hindurch zu einem stattlichen Bastard vor ihr aufzurichten begann.
"O lala", machte sich die Brigadesekretärin Luft und sank auf die Knie, um den erbaulichen Helden auf Realität zu überprüfen.

Sir John kaute ein Minzblatt, um den Geruch gegorenen Brennesselsaftes zu kaschieren, als er gewohnterweise das Zollamtsbüro betrat. Er ging geradewegs zum Amtsaquarium und klopfte aufmunternd gegen die Scheibe, um sodann das bescheidene Reich seiner exotischen Zöglinge aus dem Feinstäuberflakon mit pürierter Gülle zu besprühen. Als er sich umwandte, nahm er eine Bewegung auf dem trojanischen Pferd wahr.
"Sorry, Sir John" bemerkte Officer Glands, der mit eigenen Unterhosen ans Pferd gefesselt war und sich bereits hoffnungslos in der spiraligen Spulenseele des Trojaners verfangen hatte.
"Aber sie ist eine Hexe. Sonst wäre mir das nie passiert.Bitte erwähnen Sie es nicht in meiner Dienstbeurteilung.."
"Keine Sorge", sagte Sir John und schaltetet das Trojanische Pferd auf Höchstbeschleunigung. "Dazu wird es erst garnicht kommen."
Ungeachtet der hysterischen Schreie seines Officers gab er Vollalarm zur Auffindung der entflohenen Top-Spionin.

"Beeilung!" schrie Seargent Stork. Seit zwanzig Minuten beging er Landesverrat, um das Zollamt zu retten, und scheuchte die amerikanische Spionin über glitschige Treppenwindungen in den Südturm der Steuerkathedrale. Dort, so hoffte der Sarge, würde das raffinierte Weibsstück über die Seilbrücke fliehen und hingehen, wo es hergekommen war.
"Wie können Sie so sicher sein, dass es im Südturm wirklich einen Nacktscanner gibt, der mich zurückbeamen kann?" fragte Gladys und schlug nach den Armen des Sergeanten.
"Nur ruhig, ich bring dich hier raus", hörte Stork sich sagen.
"Es ist nicht mehr weit zum Südturm, aber nach dem Vollalarm müssen wir uns sputen."
"Und der Blitzableiter im Südturm versorgt den Nacktscanner mit Strom?" erkundigte sich Gladys. Sie bibberte in den Nebelschwaden, die durch die Gänge krochen.
"Aber ja!" rief Stork aufmunternd und zog die Spionin mit sich.
"Damit wirst du wieder in der Zukunft landen!"
"Aber ich dachte, das hier ist die Zukunft."
"Na dann eben wieder in der Vergangenheit. Wie du willst!"
Gladys stemmte die Überreste ihrer Designerschuhe in den Dreck.
"Sie scheinen mich nicht besonders ernst zu nehmen, Sergeant Stork", murrte sie ihrem Begleiter ins Gesicht.
Der Sergeant bedauerte mittlerweile, dieses Flittchen in einem der Kloakengänge aufgegriffen zu haben. Immerhin musste er seinen einmal gefassten Plan verfolgen, um die Sache zu einem Ende zu bringen.
"Schwören Sie es!" schrie Gladys.
"Was?" fragte Stork und riss die Augen auf.
"Dass sich im Südturm ein Nacktscanner befindet, der mich in meine Welt zurückversetzen kann!"
Stork lächelte. "Aber natürlich! Ich schwöre! Sogar in drei verschiedenen Ausführungen. Amber, Brosia und Erdbeergel. Du kannst dir das Ding aussuchen! Wer weiß, vielleicht komm ich sogar mit?" 
So Gladys merkte, dass ihr der Wind aus den Segeln genommen ward, so spürte sie sich wieder vom Griff des Sergeanten an ihrem Handgelenk zum Südturm gezerrt.
"Wo sind hier die Nacktscanner?" schrie sie und machte sich frei.
"Zuvor müssen wir noch über die Hängebrücke!" bemerkte Stork beiläufig und wies auf den Balkon der Südturmkammer.
Die zwei Posten, frisch aus dem Schlaf erwacht, erkannten den Sergeanten und wussten nicht, wie sie reagieren sollten.
"Verschwindet!" befahl Stork. "Ich handle im persönlichen Auftrag Sir Johns."
Nachdem sich die Wachen zurückgezogen hatten, deutete Stork mit einer Verbeugung auf die Hängebrücke, die vom hiesigen Südturm bis zum gegenüberliegenden Alchimistentrakt verlief. Keine vierzig Meter weiter spannte sich parallel dazu die Hängebrücke zwischen Nordturm und Burgmoschee.


"Bei Doris Day", murmelte Gladys angesichts des desolaten Zustands der aus vermodernden Seilen geknüpften Brücke über dem Abgrund der gurgelnden Wachau. "Das Ding betrete ich nicht!"
"Nur der Hexer auf der anderen Seite der Hängebrücke verfügt über das Gerät, nach dem du verlangst!"
Der Sergeant packte die Spionin und schubste sie der verwitterten Seilschaft entgegen.
"Wenn du nicht bei 0,2 Glasen auf der anderen Seite bist, kappe ich den Strick und lass dich in die Tiefe stürzen..."

Quadrophonisches Hundegebell drang an Gladys Ohren. Sie löste sich aus den Griffen ihres Begleiters und betrat zögernd das schwankende Geflecht ausgefranster Taue. Das Handlaufseil war bereits seit Generationen verrottet, jeder Ausrutscher konnte zum Griff ins Leere und zum Sturz in die Tiefe führen.
Gladys kroch auf allen Vieren zur Mitte der Hängebrücke.
Als sie einen Blick zurück warf, sah sie Stork mit seinem Kurzschwert über dem Haupttau auf dem Balkon stehen.
Im Hintergrund drang bewaffnete Miliz in die Südturmkammer.
Gladys wandte sich ab und sah in die Tiefe. Weit unter ihr schäumte dieser verseuchte Fluss. Es wäre äußerst uncool, dort hineinzufallen.
Gladys ignorierte die nasse Kleidung und verdoppelte ihre Anstrengungen, über die schaukelnde Seilbrücke auf die andere Seite der Burg zu gelangen. An geborstenen Fasern schrammte sie sich die Haut auf.
Unvorhersehbare Böen zerrten sie an den brüchigen Rand zerlöcherter Taue.
Gladys spürte, wie der Hauptstrang unter den Hieben von Storks Säbel erzitterte.
Weit unter ihr gurgelte die Wachau den seelenlosen Gang der Dinge. Gerade noch konnte die junge, attraktive Amerikanerin ein Tau mit Verbindung zum Alchimistenturm ergreifen, da sauste sie bereits dem hell erleuchteten Fenster des Hexenmeisters entgegen.


"Diese Wahnsinnigen!" empörte sich der Alchimist und drehte am Stellrad seines Fernrohres. Ursprünglich hatte er die Verringerung des Jupiter beobachten wollen, aber nun schien sich auf der gegenüberliegenden Seite der Burg eine interessantere Quelle aufzutun.
"Nun scheuen sie sich nicht mal mehr, uns ihre abgemagerten Frauen zum Fraß vorzuwerfen..."
"Bellgrad!" Er schnipste mit den Fingern.
Bellgrad, der Hund des Hexametermeisters, erhob sich aus seinem Körbchen und kam schnüffelnd näher, während sein Herrchen weiter durchs Fernrohr blickte.
"Bellgrad, riechst du nicht auch diesen plötzlichen Anstieg an Testosteron und Adrenalin in der Luft?"

Der alte Mann fühlte sich vom Okular gerissen, kräftig durchgeschüttelt und mit Schmackes in den Sessel gepresst.
Bellgrad verzog sich ins Körbchen und gähnte.
"Gehört diese Phiole zu Plan C?" fragte Attilah erbost und rüttelte den Hexern wieder wach.
"Bei dieser Creatión handelt sich um einen Beschleunigungskatalysator, Gebieter, dessen Konsum lediglich zu einem höheren Reifestadium des Probanden führt..."
"Klingt genial!"
Von Klopfgeräuschen am Erkerfenster der Drudidenstube irritiert fuhr der Burgbeduine herum, und der Alte sah die Phiole mit dem Gift noch einmal ungläubig an sich vorübergehen.

Attilah riss das Fenster auf und verhalf der erotisch zerzausten Zeitreisenden in die Kemenate.
"Nur herein, mein schönes Kind!" rief der Beduinenfürst erfreut.
"Habe ich Geburtstag? Nein, sag mir nicht, welcher meiner Hurensöhne dich schickt - sag mir lieber, wer eine Blondine deinesgleichen im Labyrinth der Burg so lange vor mir verbergen konnte!"

Gladys ließ sich erleichtert in den Raum führen .
"Tausendundeinen Dank, Hoheit!" lispelte sie und blickte scheu umher. "Dem Vernehmen  nach verfügen Sie über einen Nacktscanner!"
"Aber selbstverständlich, junge Frau", sagte Attilah voller Bewunderung über die Kompromisslosigkeit der heutigen Jugend.
"Wenn Madame gestatten, werde wir jedoch zuvor einem dienstlichen Experiment bewohnen. Burgalchimist! Leere den Rest aus der Phiole!"

"Wollen wir es nicht zuvor an meinem treuen Hund Bellgrad ausprobieren?" fragte der ängstliche Alchimist, doch angesichts der Beharrlichkeit des Beduinen blieb ihm nichts weiter, als die schwarzrotgoldene Phiole an die gespitzten Lippen zu setzen.
"Ave Beduine, morituri te salutant!" verabschiedete sich der veralzheimerte Burgalchimist, schluckte den Trunk und zerbröckelte in weniger als einer millionstel Glasen zu Feinstaub.

"Wer war das?" hustete Gladys geschockt.
"Das war der Hund von einem Burgalchimisten, der mir im Auftrag meiner Brigadesekretärin ein Alterungsserum unterjubeln wollte..."
"War das Euer einziger Alchimist, oder habt Ihr noch andere, die den Nacktscanner bedienen können?" flüsterte das amerikanische Girl dicht an den Ohren des Burgbeduinen.
"Ich bediene diesen Nacktscanner besser als jeder andere, meine Teure", versprach Attilah galant und wollte Gladys Verwirrung nutzen, um sie seinen Haremsräumen entgegen zu führen.
Das leidgeprüfte Mädchen machte sich los.
"Führen diese Stufen nicht zur Blitzableiterkammer des Hexers?"
fragte sie forsch und zog den überraschten Beduinen mit sich die Wendeltreppe hinauf.
"Hat das nicht Zeit bis nachher?"
"Ich fürchte nicht, Eure Erhabenheit. Öffnet die Tür!"
"Aber nur, wenn du mir versprichst, dass wir uns später im Harem etwas amüsieren werden, mein Turteltäubchen."
"Tatsächlich? Ich soll Haremsdame werden? Und was haben mir Euer Gnaden anzubieten?"
"Zu Beginn der Woche gibt es nach ausgedehntem Bettfrühstück mit allen Raffinessen und nach stundenlangem Bad in exotischen Essenzen und gepflegt von aufmerksamen Dienerinnen ein Nachmittagskonzert. Nach der Abendröte verführerisches Mondscheindinner mit edlen Geschenken auf allerhöchstem Niveau. Anschließend hörst du deinen unermüdlichen Gebieter bis zum Morgengrauen an deiner verschlossenen Zimmertür kratzen...
"Wahnsinn. Und was machen wir anderntags?"
"Anderntags ist eine andere Haremsdame an der Reihe."
"Wenn das so ist, bin ich einverstanden", sagte Gladys tapfer.

Bellgrad spürte des Hexers Staub in seinen Nüstern und nieste.
Sein Körbchen, dachte er schläfrig, war in jeder Jahreszeit warm.
Der Kopf des Schoßhündchens ruckte nach oben, als er das Geräusch zersplitternder Fenster vernahm. Bestiefelte Kreaturen bestiegen das Zimmer und eilten vorbei.
Eine der Kreaturen blieb zurück. "Südturm-Erker unter Kontrolle, Sir John", hörte Bellgrad die krächzenden Laute des Feindes. Der Feind sah sich um.
"Was haben wir denn da?"
Bellgrad knurrte und wurde bissig. Die Umgebung begann sich zu drehen. Haarsträubender Geruch, wie Verwesung, dann ein knackendes Zupacken. Exitus.

Adonis saß verpeilt an der Beduinenbar und kippte lustlos sein dreizehntes Helmchen.
Vor einer Stunde erst hatte der Wappenträger dem Burgmuezzin auf Grund eklatanter Dienstvergehen einen ätherischen Aufguss verpassen müssen. Vordringlich galt seine Beunruhigung jedoch der Frage, ob er allmählich in eine der Karriere abträglichen Homosexualität driften würde, zumal  entsprechende Aktionen mit jungfräulichen Attrappen immer weniger den gewünschten Effekt hervorriefen.
"Barkeeper!" jammerte Adonis. Verschwommen nahm der Wappenträger wahr, wie das feiste Männlein hinter der Bar herbeieilte.
"Schmmmhemmhü", machte Adonis und nestelte trunken an seinem Geldbeutel.
"Wie belieben?" stutzte der glatzköpfige Barkeeper und legte das Handtuch zur Seite.
Adonis bückte sich nach einer verlorenen Dukate. Entstammte sie einem Loch seines Geldbeutels? Erstmal einstecken.
Kaum wieder aufgerichtet, erblickte Adonis die Augen des im Stehen sterbenden Barkeepers. Der Pfeil eines Heckenschützen hatte zufällig nicht den Wappenträger, sondern das Gehirn des Kneipenwirtes getroffen, und zwar mitten durch die gerunzelte Stirn.
Adonis verzichtete auf eine weitere Bestellung und suchte in einem Anfall plötzlicher Ernüchterung nach dem Hinterausgang.
Aber wer wollte ihn ausschalten - ein Wappenkonkurrent oder etwa sein Brötchengeber?
Ein Wurfnetz, in das er sich verstrickte, enthob Adonis weiterer Grübeleien.
"Bringt den Degenerierten zu mir!" befahl Sir John seiner Truppe.
"Er soll uns einige Fragen beantworten. Reicht mir zu diesem Zweck  das zollbehördliche Brandzeichen..."

Mit einem Ruck hatte der Beduine die knarrende Oberturmtür aufgerissen und Gladys hineingeschoben.
Sie erblickte ein von Spinnweben verhangenes Kämmerchen, durch dessen Dachfenster fahles Licht über den Kabelstrang an der Decke  bis zu einem gläsernen Sarg führte, welcher geheimnisumwittert in Regenbogenfarben zu leuchten schien.

"Der Nacktscanner!" rief Gladys fasziniert. "Es gibt ihn tatsächlich!"
"Aha!" Der Oberbeduine wischte die Spinnweben hinweg und trat näher. Gladys berührte die Apparatur zwischen Verkabelung und dem magischen Behältnis, und ein Prickeln fuhr über ihren Rücken.
"Dieses Ding erinnert mich fast an eine Sonnenbank, wie für meine Figur geschaffen."
Sie öffnete die Einstiegsklappe und prüfte das Innenpolster.
"Und Ihr habt gesagt, jeder Idiot könnte das Ding bedienen - sogar Eure Erhabenheit?"
"Sagte ich das?", bemerkte Burgherr Attilah verwirrt.
"Nun dann, deiner hübschen Augen wegen, wagen wir einen Versuch. Doch danach folgst du mir in den Harem, Muckiputz."
"Okay, Dicker!" Gladys zwängte sich in den gläsernen Sarg und verschloss ihn von innen. Durch das dicke Glas beobachtete sie den Beduinen, der mit seinen Wurstfingern an den Schaltungen hantierte. Es geschah jedoch nichts.
Gladys hatte genug und wollte den Sarg verlassen. Der Deckel hatte sich jedoch verklemmt und sprang nicht auf.

In diesem Augenblick zuckte ein epochaler Blitz über die Flussaue und schlug im Blitzableiter des Hexers ein, just als Attilah seinen Daumen auf den entscheidenden roten Knopf gepresst hielt.
Die Energie des Blitzstrahls fuhr an der magischen Apparatur vorbei  in die gesamte Burganlage und entlud sich mit einem gewaltigen Donnerschlag.

Gladys schlug um sich und erwachte keuchend aus dem Kurzzeitkoma. 
Es gelang ihr, den Sarg zu öffnen und sich aufzurichten.
Rauchschwaden diverser Schwelbrände ließen ihre Atmung verkrampfen. Hustend kletterte Gladys aus dem Sarg, den der Blitz wie einen Faradayschen Käfig verschmäht hatte.
Alles andere innerhalb der Burganlage war ihm jedoch zum Opfer gefallen.
Gladys Füße berührten einen nachgiebigen Torso, der mit verbliebenem Arm an der Schaltanlage hing und durch die Berührung zu Staubflocken zerfiel. Attilah war zu seinen Hunnen abgeritten.

Nach ihrer übereilten Flucht aus der Alchimistenkammer bot sich der Überlebenden auch in den anderen Räumen der Flussfestung ein dramatisches Bild der Zerstörung.
Wo sich Lakaien, Muezzine, Haremsbewohner, Wappenträger oder Treppenkuriere aufgehalten hatten, war nichts weiter von ihnen geblieben als die schwarz an den Wänden eingebrannten Umrisse ihrer Körper zum Zeitpunkt des Einschlags.
Traumatisiert irrte Gladys durch die Gänge der Burg.
Hier und dort lagen ausgeglühte Waffen und Rüstungen neben verwehenden Aschehäufchen.
Gladys taumelte von der Gasse in die Burgkaschemme.
Vor der Theke lag neben ausgeglühten Gürtelschnallen ein  Brandeisen auf dem rußigen Steinboden.
Gladys ging hinter die Bar und fand eine halbvolle Flasche.
Der erhitzte Schnaps brannte in ihrer Kehle und übertünchte den Geruch ihrer restlichen Bekleidung. Wenn sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte, würde sie nach Überlebenden auf der anderen Seite des Flusses suchen.
Ein Job bei der Steuerbehörde hatte selbst im Suff immer noch mehr Attraktivität als eine Teilzeittätigkeit im Haremsbordell verflogener  Steuerflüchtlinge.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (28.03.2020)
Das ist zu lang für kV, das würde ich portionieren.
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PeterSorry
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Veröffentlicht am 28.03.2020. Textlänge: 5.878 Wörter; dieser Text wurde bereits 77 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 01.12.2020.
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