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Der Saug-Robot

Kurzgeschichte zum Thema Zukunft


von PeterSorry

Sinclair hatte eine phantastische Idee, dann vergaß er sie wieder. Es lag am Quantum Stress, am Schlafwandeln in den Abgründen irgendeiner Realität, an chronischen Episoden.  Die Kleine schrie aus Leibeskräften. Myrna, die sich im Schlafzimmer verbarrikadiert hatte, ignorierte die Bedürfnisse des Säuglings. Und Sinclair, zurück von seinem Job, suchte die Küche nach Nuckelflaschen ab. Er fand eine in der defekten Spülmaschine.                                                            Während sich die Milch in der Mikrowelle erwärmte, lauschte Sinclair an der Schlafzimmertür, aber das Baby schrie zu laut. Auf Socken schlich er in die Diele und holte es aus dem Kinderwagen. Ein Windelwechsel war vonnöten. Sinclair behandelte die Hautrötungen mit Babyöl, zog die Kleine an und entsorgte die vollgeschissene Windel in den Plastiksack zu den anderen. Dann bekam der Säugling die Nuckelflasche. Myrna war depressiv und wollte mit dem Kind nichts zu tun haben. Bereits vor der Schwangerschaft war sie sich fremdbestimmt vorgekommen. Sinclair war es, der dem Kind einen Namen geben musste. Da es kein Junge war, nannte er es Nina.
Myrna ignorierte ihr Kind und sprach nicht über ihre Tochter. Im Grunde sprach sie überhaupt kein Wort mehr mit Sinclair. Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus war sie ins Schlafzimmer gezogen, abgeschirmt vom Tageslicht und der restlichen Welt.
Nachdem Nina schlief, gestattete sich Sinclair eine Zigarette auf dem Balkon. Der Hund von den Henriks gegenüber war auch auf dem Balkon. Radiomusik verwehte im Wind. Prinzipiell hatte er nichts gegen diese Spießer, sie taten ihm einfach nur Leid. Sinclair zog noch einmal an seiner Kippe und drückte sie in den Blumentopf. Dann ging er rein und drückte die Klinke der Schlafzimmertür.
Wie hatte er Myrna nur kennengelernt, fragte er sich in einem Moment des Verharrens. Aus dem Türspalt drang abgestandene Luft. Tatsächlich, es war an einem dieser sonnigen Augusttage gewesen, in einem Seminar für kreatives Schreiben und für Leute, die nicht in Urlaub fahren können. Myrna hatte in der dritten Reihe links gesessen und sich bei Textbesprechungen stets gut gehalten. Die Augustsonne war durchs Fenster geklettert und spielte mit dem blondbraunen Haar auf Myrnas Schultern, als sie sich Sinclair zuwandte und mit ihm ins Gespräch kam. In den Wochen danach hatten sie lange Spaziergänge an den endlosen Ufern urbaner Ententeiche und näherten sich einander, umgeben von fallendem Laub, wie Ertrinkende, fixiert auf die lähmende Selbsterkenntnis, dass gemeinsame Einsamkeit immer noch besser sei als einsame Einsamkeit.
Bereits im November vergangenen Jahres waren sie dann hier eingezogen, in diese Vierzimmerwohnung, die einen Großteil seines Gehaltes verschlang. Leben konnten sie dank Myrnas unerschöpflicher Ersparnisse, wie Sinclair glaubte, und einer überraschenden Erbschaft dennoch weiterhin wie zuvor. Allerdings  lebten sie häuslich. Die Abende verbrachten sie zumeist im Bett  und liebten sich nach den Acht-Uhr-Nachrichten vor der Fernsehwand.                                                  Später, als Myrna längst Umstandsmode trug, war Sinclair allmählich dahintergekommen, dass sich seine Frau  darauf verstand, ihren gemeinsamen Lebensstandard mittels Diebstahl anzuheben.
Es begann damit, dass er sich fragte, warum sie stets teure Markenartikel und modernste Extras ins Haus brachte, auch wenn er das eine oder andere Mal angedeutet hatte, „eine Hausnummer niedriger wäre auch gut gewesen, Darling“. Vielleicht wollte sie ihn auch einfach nur verwöhnen, aus Dankbarkeit, dass er nie Arbeitskollegen mit nach Hause brachte.
Eines Nachmittags gelangte Sinclair kaum in die Wohnung, weil die Diele überfüllt war mit Kartons voller Kinderspielzeug. Wie ein treues Weib erwartete sie ihn im Ehebett, umhüllt von Schwangerschaftsdessous. Sinclair war jedoch unpässlich, rauchte eine Zigarette auf dem Balkon und sah blicklos auf den Hund gegenüber.                                                              Am nächsten Tag, es war ein Dienstag, nahm er früher frei und beobachtete das Haus. Der Hausmeister fegte vor der Tür. Dann erschien Myrna im offenen Mantel und Tasche. Sie richtete ihr Halstuch und schlenderte zur Einkaufsmeile. Blieb mal hier, mal dort vor einem Schaufenster stehen, bis sie endlich eines der Geschäfte betrat. Sinclair näherte sich langsam. Es handelte sich um die Filiale eines Elektrokonzerns. In der Tür stieß Myrna mit einem dickleibigen Kunden zusammen, der ein Paket mit der Aufschrift „Saug-Robot“ in den Händen hielt. Fast wäre es ihm  heruntergefallen, aber er hatte Glück und entschuldigte sich verwirrt.                                                                Sinclair traute sich nicht in den Laden. Er zog es vor, in der Deckung eines Lieferantenautos zu warten. Als der Lieferant wegfuhr, wechselte Sinclair zu einem Zeitungsstand. Sinclair studierte die Schlagzeilen und hätte fast verpasst, wie Myrna mit einem Saug-Robot-Karton den Elektroladen verließ, wobei  der Schwangeren vom Geschäftsführer noch eine höfliche Erklärung hinterhergerufen wurde. Seine Verkäufer hätten doch nicht wissen können, dass ihr Gatte bereits bezahlt habe. So oder ähnlich verlief es auch in vier weiteren Geschäften, vor denen Sinclair nervös aber diskret  dem  Wiedererscheinen Myrnas harrte. Aus dem letzten Shop, einem Delikatessenladen, trug ihr ein Lehrjunge die Kartons nach Hause. Sinclair trank noch irgendwo einen Kaffee, bevor er die Stufen zur Vierzimmerwohnung emporstieg. Er öffnete die Tür und sah durch den Türspalt in die Diele. Der Saug-Robot hatte seine Arbeit bereits aufgenommen. Das Ding schnurrte über den Belag und vermaß die Vierzimmerwohnung. Sinclair stutzte. Eine Spielzeugfigur, die ihn an den Ladenjungen erinnerte, rannte über den Teppich. Der Saug-Robot reagierte auf diese Bewegung und raste heran. Bevor Sinclair es verhindern konnte, war die Figur unter dem Saug-Robot verschwunden. Hatte er kleine, gellende Schreie gehört oder musste die Tür geölt werden? Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen Schluss machen, dachte Sinclair benommen. Dann packte er sich den Saug-Robot und machte ihn aus.                                                                       
Auch wenn Myrna anfangs protestierte, Sinclair gab keine Ruhe, bis er die Unterseite des Neuprodukts geöffnet und sachte mit dem Schraubendreher im Staubbehälter herumgestochert hatte. Vergebens. Myrna begab sich kopfschüttelnd an die Vorbereitung des Abendessens. Sinclair entsorgte das Ding. Myrna meinte, es hätte auch über digitale Musikprogramme verfügt. Mehr  sprachen sie nicht darüber.
Zur Existenz in seinem Vierzimmergefängnis verurteilt, entsann sich Sinclair der Szenen von Ninas Geburt, einhergehend mit Erinnerungen an Myrnas Veränderung. Ninas Geburt hatte ihr alles abverlangt, und noch im Wochenbett stellte sich heraus, dass die Geschwächte außer Stande war, das Kind anzunehmen. Leblos, sprachlos, unerreichbar lag sie da. Sinclair unterschrieb alle Papiere und brachte Myrna und Baby nach Haus.                Nein, sie war nicht mehr rückfällig geworden. Das Bett verließ sie nur noch, um nachts am Kühlschrank ein wenig zu essen oder aufs Klo zu gehen. Dabei hinterließ sie manchmal ein paar Krümel vor der Schlafzimmertür. Als Sinclair die Tür öffnen wollte, schrie das Baby. Da war sie wieder, diese phantastische Idee. Mit ein bisschen Zuversicht, dachte Sinclair, würde sie gelingen.
Sinclair winkte ein Taxi heran und transportierte eine Tasche zum Zentralbahnhof. Dort schob er mit hochgezogener Kapuze Ninas Transportbag in eines der Schließfächer und verschwand durch einen Nebenausgang. Auf Umwegen fand er den Weg nach Haus zurück. Es war mitten in der Nacht, als Sinclair die Wohnung erreichte. Wieder lagen Krümel vor dem Schlafzimmer. 
Eine moralische Bewertung des Lustgewinns für einen ehrlichen Mann, der mit einer Diebin schläft, stand Sinclair nicht zu. Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Es war dunkel darin. Myrnas Körper zeichnete sich unter der Bettdecke ab. Sinclair näherte sich vorsichtig. Er beugte sich über Myrna, um ihr die Decke hochzuziehen, aber sie war zu apathisch, um seinen Kuss zu erwidern. Sinclair begab sich ins Wohnzimmer zur Couch und löschte das Licht. Er fasste in seine Westentasche. Der Schlüssel war verschwunden.
Die Spatzen stritten schon auf dem Vordach, als Sinclair erwachte. Es wurde Zeit für den Job. In der Küche machte er sich einen Kaffee. Auf dem Balkon gegenüber tat sich nichts. Dann fiel ihm auf, dass die Schlafzimmertür offenstand. Sinclair stellte die Tasse ab. Myrna kam heraus, strahlend, mit dem Baby.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Regina (09.05.2020)
spannend erzählt mit überraschendem Schluss.LG Gina
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (09.05.2020)
Eine fein detaillierte und reich bebilderte Geschichte, die bestätigt, ist der erste Satz gut, bleibst du dran.
Also folgt der Leser dem Geschehen, zwischen durchaus Möglichem und kurios Irrealem, mit wachsender Spannung. Die langsam aber stetig aufgebaute Hoffnung auf ein böses Ende zerschellt an unerwarteten Happyend!
Warum nicht
Herzliche Grüße
TT
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Annabell
Kommentar von Annabell (09.05.2020)
hier schließe ich mich Reginas Kommentar an. Ein Text ohne Fehler, dafür ein *chen.
Gern gelesen und ein schönes WE wünscht
Annabell

Kommentar geändert am 09.05.2020 um 09:33 Uhr
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (09.05.2020)
Stark: "Prinzipiell hatte er nichts gegen diese Spießer, sie taten ihm einfach nur Leid" - gelungene Spiegelung.
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AndroBeta
Kommentar von AndroBeta (26.05.2020)
Hallo Peter, die Story gefällt mir, hört sich iwie nach einer wahren Begebenheit an... habe ich sehr gerne gelesen. Gruß AndroBeta
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PeterSorry meinte dazu am 26.05.2020:
Merci Mademoiselle...
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