Wie man einem Volk einen Krieg schmackhaft machte.

Text

von  Fridolin

Was habe ich da dieser Tage gelesen?

1916 war Woodrow Wilson als Kriegsgegner zur Wiederwahl zum Präsidenten der USA angetreten, einer seiner Wahlslogans war gewesen: „he kept us out of war“. Er fühlte sich aber bald zum Meinungswechsel gezwungen und wollte seine Wähler auf den neuen Kurs mitnehmen. Dazu berief er die Creel-Kommission, benannt nach ihrem Vorsitzenden, dem Journalisten George Creel.

Um die Menschen davon zu überzeugen, dass die Mehrheit der Amerikaner für den Krieg war, bezahlte die Regierung 75.000 Mitarbeiter, welche in tausenden Städten in ganz Amerika scheinbar spontane – aber einstudierte – kurze Reden hielten, in denen sie einen Kriegseintritt als wichtig und gerecht bezeichneten. Insgesamt gaben sie 750.000 Reden in Theatern, Kinos, bei öffentlichen Veranstaltungen usw. und versuchten so, eine kriegsmüde amerikanische Bevölkerung zu überzeugen.

Hilfreich beim Einstudieren waren Grundsätze der Massenpsychologie (die Masse ist irrational und über Emotionen steuerbar) sowie des Behaviorismus (durch ständige Wiederholung verknüpfen sich unbewusst Dinge im Denken der Zuhörer). Insbesondere bediente man sich der „Gräuelpropaganda“, indem man versuchte, durch eine ständige Wiederholung in den Köpfen der Menschen eine Verbindung zu schaffen, die deutsche Soldaten mit gefährlichen Bestien gleichsetzte. Die deutschen Soldaten, so die (oft gelogene) Propaganda, begingen alle möglichen Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung und sie hätten Freude daran, wehrlose Frauen und Kinder zu quälen und zu töten.

Harold Lasswell fasste zusammen: Wenn die Bevölkerung anfangs „nicht wütend wird, dann verwenden Sie eine Gräueltat! Das wurde in jedem bekannten Konflikt immer wieder mit Erfolg angewandt. […] Um den Hass gegen den Gegner zu mobilisieren, stellen Sie ihn als bedrohlichen, mörderischen Angreifer dar.” (Harold Lasswell (1921): Propaganda Techniques in the World War, New York, S. 195)

Arthur P. Ponsonby kam später zu dem Schluss:

Die Lüge ist in der Kriegsführung eine anerkannte und äußerst brauchbare Waffe; jedes Land wendet sie mit voller Überlegung an, um sein eigenes Volk zu täuschen, Neutrale anzuziehen und den Feind irrezuführen… Die Lüge gedeiht und blüht nur durch die Leichtgläubigkeit der Menschen…“(Arthur P. Ponsonby (1929/1941): Lügen im Kriege, London und Berlin, S. 11)


Die Creel-Commission war sehr erfolgreich und Wilson konnte somit am 6. April 1917 den Kriegseintritt der USA in den 1. Weltkrieg verkünden. Er begründete dies mit der Forderung, man müsse „die Freiheit verteidigen und die Demokratie schützen“ [9]. Darin wurde er von den Zeitungen unterstützt, die kaum Kritik am Krieg veröffentlichten. „Wir dürfen jetzt keine Kritik haben“, zitierte die New York Times im Jahr 1917 den ehemaligen Kriegsminister, der meinte, man sollte Kritiker am besten wegen Hochverrats erschießen.

Die Arbeit der Creel-Commission ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie Kriegspropaganda funktioniert. Durch ständige Wiederholung von Kriegsverbrechen des Gegners auf allen Kanälen ist es möglich, ein Gefühl von Hass auf einen gemeinsamen Feind hervorzurufen, der nun bekämpft werden muss. Die Propaganda muss dabei möglichst einheitlich sein und gezielt tiefe menschliche Gefühle ansprechen. Außerdem wird der Gegner nicht mehr als Mensch, sondern als unmenschliche „Bestie“ dargestellt, den man am Ende ganz sicher besiegen wird. „Das Aufrechterhalten des Hasses beruht darauf, eine direkte Darstellung des bedrohlichen […] und satanischen Feindes zu geben und es durch die Gewissheit des endgültigen Sieges zu ergänzen“, so noch einmal Harold Lasswell. (a.a.O., Seite 195)





Anmerkung von Fridolin:

Dieser Beitrag stützt sich im Wesentlichen auf Jonas Tögel: „Die Creel-Commission (1917-1919): Was wir aus der Arbeit der PR-Kommission in den USA für heute lernen können“, nachlesbar in:   https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542

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Kommentare zu diesem Text


 niemand (26.08.22, 19:45)
Und es wirkt immer noch, wie man es jeden Tag hört und liest,
dieses Schmackhaftmachen des Krieges. Es hat nichts an Aktualität verloren.
Die größte Sorge der Medien scheint mir momentan eine
"Kriegsmüdigkeit", wie sie es nennen zu sein, dass man bald ein
neues Aufheizen beginnen wird. LG niemand
IsoldeEhrlich (12) meinte dazu am 26.08.22 um 20:20:
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Agnete (66)
(26.08.22, 23:40)
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 Fridolin antwortete darauf am 27.08.22 um 03:09:
Danke für Eure Kommentare und Empfehlungen.
Tögel mahnt abschließend dazu, "auf Emotionalisierung und Entmenschlichung aufgebaute Berichte kritisch zu hinterfragen. Das kann dazu führen, dass man nicht dem Hass und dem Wunsch nach Vergeltung folgt, der nicht zum Frieden führt.

Für Frieden braucht es vielmehr als Basis das Grundverständnis, dass alle Beteiligten in diesem Krieg Menschen sind."

Letzteres könnte man in seiner Schlichtheit für eine Banalität halten. Aber leider ist es wohl weit entfernt davon, Allgemeingut zu sein.
Taina (39)
(27.08.22, 21:59)
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 Regina schrieb daraufhin am 28.08.22 um 13:39:
Bei allem, was man an Scholz kritisieren könnte, trifft dieser Vergleich sicherlich nicht. Das ist lediglich eine Retourkutsche darauf, dass Putin bei uns als Hitler-Nachfolger dargestellt wird. Weit entfernt sich solche Polemik von einer argumentationsgestützten Diskussion.

 Jedermann (04.09.22, 22:42)
Sehr interessanter informativer Text. Da lohnt es sich in Originaldokumenten ein wenig nachzugraben, danke!

 Moja (10.09.22, 16:45)
Gut zu wissen, danke für diesen Beitrag!
Moja grüßt

 AngelWings (10.09.22, 18:54)
Ich kann, schon mehr hören!
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