[Farbverlust.]

Tagebuch

von  Elén

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Ich habe sämtliche Gegenstände aus meiner Wohnung getragen. Sie zur Sammelstelle gebracht. Weggetragen. Ich habe die Teppiche gebürstet, sie zusammengerollt und in den Keller getragen. Die Bücher in Schachteln gelegt. Große Schachteln. Viele Schachteln. Ich habe die Regale mit feuchten Tüchern abgewischt. Alle Regale, das Holz, Buche. Ein Buch habe ich wieder hineingestellt. Geräuschlos. Mit dem Rücken zur Wand. Zwischen Wand und Rücken steht dort auf dem Einband, zwischen Wand und Buch: Warten auf G., S.B. -

Ich habe meine Laufschuhe angezogen. Blau. Ein T-Shirt angezogen. Eine Hose, Baumwolle. Winter ist. Ich habe eine Mütze auf meinen Kopf gesetzt, eine Jacke übergestreift und den Reißverschluss hochgezogen. Hoch, bis zum Kinn. Ist Winter, sage ich zu Tilda und nehme den Schlüsselbund vom Regal auf dem nichts steht, dem Regal, das nach Putzmittel riecht und, gehe zur Tür hinaus.

Unter meinen Füssen knirscht der Schotter. Ich gehe zum Damm hoch. Graue Wolken im Norden, tschechische, russische. Dunkelgraue Wolken über der Stadt. Ich bleibe stehen. Die Luft riecht nach Regen, es weht kalter Wind, das Wasser kräuselt über dem Rücken seine schmutzige Haut, fröstelt. Der Wind trägt den ungefähren Lärm der Stadt. Meine Füße stehen in den Schuhen, festgeschnürt, warm.

Langsam beginnen meine Turnschuhe zu laufen. Der Weg unmittelbar am Damm ist asphaltiert. Über dem Wasser kreisen Möwen. Lautlos. Ich laufe flussaufwärts, hoch zur Stadt. Die Luft ist angefüllt mit kaltem Regen. Über die ferne Brücke gehen kleine Menschen. Gehen mit Händen, Hände, die Henkel von Aktentaschen festhalten. Gehen mit Gesichtern, die Brille mit sich tragen oder Ohrringe oder Schattierungen von Rouge und Make-up, gehen mit Gesichtern, die abgeschirmt sind. Gehen mit kühlen zusammengedrückten Schultern, mit schildernen Stirnen und flachen Augen gegen den Wind an. Mäntel flattern nach links, Hüte rutschen nach rechts.

Ich laufe über die Brücke, vorbei an den Menschen, den Taschen, den Gesichtern, die auf Mantelkrägen sitzen und vergessen sind gegen sich selbst. Der Asphalt glänzt. Der Wind peitscht Regen aus den Wolken. Winter ist, sage ich zu Tilda und Tilda schweigt, weil Tilda Tilda ist und nie etwas ankündigt. Meine Turnschuhe fallen ins Bewusstlose, laufen. Regen peitscht gegen meine Kleider, gegen mein Gesicht. Der Damm trägt die traurige Frisur einer ausgemergelten Landschaft, mattes abgestumpftes Braun, verfilzt. Möwen kreuzen das Land. Möwen bekreuzigen den Himmel.

Flussaufwärts, Flussabwärts, kein Schatten fällt und kein Licht. Von den Strahlträgern der Brücke tropft Wasser. Ich habe mein Haus in Schachteln gepackt, habe die Heizung abgestellt, den Haupthahn zugedreht, den Postkasten zugeklebt, die Bilder von der Wand genommen, sie in Tücher gehüllt und in den Kontainer geschmissen. Ich habe einen Brief an Mutter geschrieben. Tonlos. Zwei Worte: Liebe Mutter. Dann waren meine Hände taub. Zuallerletzt meine Hände. Meine Füße laufen. In blauen nassen Schuhen. Winter ist, die Luft ist angefüllt mit kaltem Regen, Wind peitscht und Tilda ist tot, längst tot und ich fühle nicht, -

Februar.
Irgendwo.
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Kommentare zu diesem Text

jovanjovanovic (61)
(27.02.08)
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shadowhunter (28)
(25.03.08)
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criSis (37)
(21.07.08)
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 Dieter_Rotmund (27.06.18)
Schluss ist deutlich mißlungen, finde ich.

"Postkasten" - so schreiben nur Österreicher.

Und Läufer nennen ihre Lauschuhe niemals "Turnschuhe".

Ansonsten gerne gelesen.
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