Menschenkind und ich pilgern nach Plettenberg zum Carl Schmitt Haus und was sonst noch alles an diesem Tag geschah

Epos zum Thema Vater/ Väter

von  toltec-head

Letzter Bahnhof Finnentrop. Bahnsteig, auf dem Carl Schmitt Gäste in Empfang nahm und verabschiedete. Wir lächeln uns verlegen zu. Der schändliche Plan: Erst gemeinsam Kaffetrinken, dann zu Carl Schmitts ehemaligem Wohnhaus nach Plettenberg pilgern, schließlich kleines, schnuckeliges Hotel für die Nacht suchen. Eine sehr deutsche Form der Vergangenheitsbewältigung, von der wir uns beide eine kathartische Wirkung für unser Leben erhoffen. Ein Scheitern und Herabsinken in die Welt der Mütter auf jeder Stufe des Prozesses mehr als wahrscheinlich.

Wir lächelten uns verlegen zu.

In einem Café in der Minifußgängerzone von Finnentrop, draußen, umgeben von den üblichen öffentlichen Verhübschungsanlagen, lästerten wir erst einmal über kV.

- Alles Unmenschen!, sagte Menschenkind.

- Hast du gewusst, dass Carl Schmit als junger Mann Gedichte publizierte und sich in literarischen Kreisen bewegte, die sicher sehr viel anregender als kV waren? Trotzdem empfand er ähnlich wie du und beschloss Jurist zu werden. Sozusagen aus Menschenverachtung heraus.

Im Fernsehen hatte ich gehört, dass Finnentrop das beste Leitungswasser Deutschlands hat, und bestellte noch ein Glas Wasser beim Kellner.

- In einer unästhetischen Welt voller Unmenschen, fuhr ich fort, ist die Juristwerdung der einzige mögliche Fluchtweg für einen Ästheten.

Menschenkind zog an seiner Zigarette.

- Es sind aber letztlich alles Faschisten diese kVler, sagte er.

- Sei du ihr Carl Schmitt!

- Der Führer schützt das Recht?, fragte er ironisch.

- Wie würde der Satz auf kV gemünzt wohl lauten?

Wir lächelten beide und schauten einer Weile nur dem gemächlichen Treiben der Fußgängerzone von Finnentrop zu, während der Kellner mir ein Glas des besten Leitungswassers Deutschlands hinstellte.

Schließlich sagte er:

- Aber es ist unmöglich. Carl Schmitt war ein Ästhet und die Nazis hatten wenigstens eine Ästhetik. Leni Riefenstahl. Arno Brekker. Aber kV ist einfach nur Müll.

- Carl Schmitt hatte genau dies vorhergesehen und immer wieder prophezeit: die Vermüllisierung aller Kultur. Der letzte Mensch vorm Bildschirm mit seinen kleinen Erregungen. Und wie er schreit: mein!, mein!, mein Gedicht!.

- Behindertengerechtes Schreiben eben, meinte Menschenkind.

- Genau. Aber es liegt ja in der Logik eines Carl Schmitt immer die Flucht nach vorne anzutreten. "Der Führer schützt das Recht" war genau so eine Flucht nach vorne. Es hat eben auch diesen sarkastisch-ironischen Unterton, den man heraushören muss. Genau wie der Begriff der "Daseinsvorsorge", den ein Schüler von Schmitt, Forsthoff, als Kernbegriff des öffentlichen Rechts der alten BRD prägte. Mit deinem "behindertengerechten Schreiben" stehst du letztlich genau in dieser Tradition, ob du willst oder nicht. Du bist schon so was wie der Carl Schmitt von kV.

Dieses Mal lächelte er nicht sondern zog nur an seiner Zigarette. Wir hingen eine Weile unseren Gedanken nach, bis er sagte:

- Wollen wir jetzt zum richtigen Carl Schmitt nach Plettenberg?

- Sagen wir, zu seinem Gespenst.

- Und dem unserer Väter!

Wir lachten beide so laut auf, dass ein altes Mütterchen, das die von der öffentlichen Daseinsvorsorge zur Verfügung gestellte Fußgängerzone samt ihrer Verhübschungsanlagen von Plettenberg entlangschlurfte, zu uns erschrocken hinüber blickte.

Das ehemalige Wohnhaus von Carl Schmitt in Plettenberg entpuppte sich als große Enttäuschung. Sah so die Flucht nach vorn eines sich in die Gegenwart verirrt habenden Ästheten aus? Das Haus war bewohnt. Im Garten, wo das berühmte Gruppenfoto mit allen Schmitt Schülern zu seinem 90. Geburtstag entstand, spielten Kinder. Es gab einen Sandkasten und eine Rutsche.

- Wir können ja jetzt schon ein Hotel suchen, uns ein wenig erholen und später noch ein bischen im Walt spazieren gehen.

- Gute Idee.

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