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Wir warten in der Dunkelheit

Text


von Judas

Ist es wirklich schon so lange her? Es kommt mir vor wie gestern. Vielleicht, weil gestern erst 20 Jahre her ist...

Wieder wurde er durch die Schreie und das Weinen wach. Durch besoffenen Streit. Er verstand die Worte nicht. Die Wände zum kleinen Kinderzimmer dämpften die Geräusche. Er schlurfte ins Badezimmer, sein Mund war so trocken.
Das Gesicht im Spiegel sah anders aus als sonst. Es waren nicht einmal die seltsamen Augenringe; anders als die dunklen, blauen Flecken seiner Mutter. Er hob vorsichtig die Hand und berührte die kalte Haut unter seinem rechten Auge. Blinzelte. Es sah aus wie rote Farbe. Dann schüttelte er den Kopf und wusch sich das Gesicht. Aber das Gesicht im Spiegel sah immer noch anders aus. Er schaute es an. Aber es sah nicht zurück. Er folgte dem Blick des Spiegelbildes. Staubige Schatten bewegten sich zuckend in der Dunkelheit des Bades. Wie die sichtbare Erinnerung daran, dass jemand einen Weg ging. Er spürte einen kalten Luftzug von unsichtbarer Bewegung.
Wie als wären seine Schritte vorbestimmt folgte er dem geisterhaften Wegweiser. Durch den Flur, hinein in die Küche.
Etwas stimmte nicht. Die Realität wollte sich nicht bewegen. Sogar der Staub in der Luft stand still.

Er sah seinen Vater über seine Mutter gebeugt, wie so viele Male zu vor. Sie hatte die Hände zum Schutz vor das Gesicht gehoben, er hatte im Zorn die Faust geballt. Jeden Moment würden seine Schläge auf sie niederregnen. Aber es blieb aus. Er sah nur das surreale Standbild einer Horrorszene in jedem Detail. Alles stand still. Alles außer den zuckenden Schatten. Er betrachtete sie eingehend. Sie bildeten ein blasses Bild endloser Bewegungen die waren und sein konnten. Sein Vater würde nach der Waffe an seinem Gürtel greifen. Würde die Mündung auf die Stirn seiner Mutter richten.

Und abdrücken.

Es gab keinen Zweifel daran. Er fühlte keinen Zweifel. Langsam ging er auf seinen Vater zu, noch immer so reglos, so eingefroren, noch immer zuckten Schatten und Schemen wie Visionen um ihn herum, es war kalt. Er griff nach der Pistole und zog sie aus dem Gürtel, zog sie mit in seine Realität, eine andere Realität. Er ging um seine Eltern herum, stellte sich hinter seine Mutter. Er sah eines ihrer feinen, weißen Haare in der Luft schweben, reglos, eingefroren. Einen Moment betrachtete er es nachdenklich. Dann hob er den Revolver an. Richtete die Mündung auf die Stirn seines Vaters.

Und drückte ab.

SI 5,391 16 · 10-44 s
2,3 · 10-10

12 · 10-18 s


Als Victor sicher war, dass Chrissy immer noch schlief oder ohnmächtig war oder irgendetwas dazwischen, setzte er sich an die Wand unter das Fenster. Das Licht der langsam untergehenden Sonne fiel hinein und direkt auf Chrissy, um sie in einen warmen Schein zu hüllen, nahm ihr die Blässe. Sie sah friedlich aus

Trotzdem ließ Victor sie eine ganze Weile nicht aus den Augen. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, so viel war ihm klar. Während er Chrissy beobachtete, wechselte er eines der Magazine seiner zwei Pistolen gegen Betäubungsmunition aus. Nur zur Sicherheit.

Die Sonne war schon fast restlos untergegangen, als Victor sich ein wenig zu entspannte. Er holte sein kleines Notizbuch und den Bleistift hervor und begann hinein zu schreiben. Dabei murmelte er vor sich hin, auch wenn nicht ganz klar war ob das, was er sagte identisch mit dem war, was er schrieb. „Ich weiß, du antwortest mir nicht mehr, aber ich werde dir trotzdem weiter schreiben... irgendwann wirst du wissen, warum...“

Sehr lange hielt Victor sich nicht mit seinem Notizbuch auf und es war noch nicht dunkel, da hatte er es schon wieder weggepackt. Victor tat vieles, während die Nacht hereinbrach und Chrissy ohnmächtig war, nur schlafen wollte er nicht. Das erste, was er gegen die Langeweile unternahm, war ein wenig Routinearbeit. Das Überprüfen seiner Waffen und Ausrüstung und ob noch alles da war und tadellos funktionierte. Das nahm aber nicht so viel Zeit in Anspruch, wie er gehofft hatte, weshalb er irgendwann dazu überging, etwas gegen die weißen Haare zu unternehmen. Er fand in dem Raum des alten Hochhauses, in welchem sie sich befanden, die Scherbe eines Spiegels, der hier vielleicht vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten hing. Ohne Wasser war das ein schwieriges Unterfangen und es gelang Victor auch nur mehr schlecht als recht, sich den weißen Staub aus den Haaren zu wischen. Nach ungefähr einer halben Stunden gab er auch das auf.

Zwischenzeitlich überlegte er, ob er den Raum verlassen und das Gebäude erkunden sollte, aber auch wenn Chrissy mit ihrem Bein nicht weit kam, alleine lassen wollte er sie nicht.

Es war mittlerweile Nacht und ein voller Mond erhellte die Dunkelheit am wolkenlosen Himmel. Victor hatte sich sein Scharfschützengewehr genommen und hockte am Fenster. Es war eine anständige Herausforderung im Dunkeln Zombies dort draußen auf den Straßen abzuschießen, aber es war auch ein gutes Training. Außerdem half es gegen die Müdigkeit. Victor zielte gerade auf einen Zombie-Mutanten, der zwischen den Ruinen umher irrte und vom Mondlicht angestrahlt wurde, als er hinter sich ein Husten und Bewegung hörte. Sofort schoss seine Hand zu der Pistole mit der Betäubungsmunition und er drehte sich auf Chrissy zielend herum. Als er sah, dass sie lediglich aufwachte, ließ er die Waffe langsam wieder sinken. Er verstaute das Scharfschützengewehr, stand auf und schraubte wieder die Wasserflasche auf, um sie dem Mädchen wortlos entgegen zu halten. Sie rührte sich nicht, machte keine Anstalten, nach dem Wasser zu greifen. Stattdessen starrte sie Victor nur mit durchdringendem Blick an. Als er ein leichtes Ziehen in seinem Hinterkopf spürte, schnaubte er genervt.

Es brauchte nur ein Augenzwinkern und schon hatte Victor Chrissys Unterkiefer im festen Griff - nicht einmal Zeit für einen Protest hatte sie. Er war plötzlich direkt neben ihr, wie, das wusste sie nicht. Sie zuckte erschrocken zusammen und versuchte erfolglos den Kopf wegzuziehen. Das Wasser ergoss sich in ihren Mund und ihre Versuche, sich verbal zu wehren, endeten darin, dass sie sich verschluckte und husten musste - was wiederum dazu führte, dass das Wasser überall landete, nur nicht in ihrer Kehle.

Sie spuckte während des Hustens aus und nahm nun auch die Hände zur Gegenwehr, bis Victor aufhörte, ihr das Wasser einflößen zu wollen. Sie schaffte es, ihren Kiefer aus seinem Griff zu befreien und sich nach hinten zu lehnen, hustend und spuckend und innerlich fluchend.

„Du nervst. Echt“, sagte Victor und schraubte die Wasserflasche wieder zu. Das Ziehen in seinem Kopf hatte aufgehört.
„Du weißt nicht, wozu ich fähig bin“, brachte Chrissy hustend hervor und wischte sich über den Mund.
„Oh ironischerweise weiß ich das ganz genau!“, sagte er beinahe fröhlich und strich sich in einer beiläufigen Bewegung durch die Haare. Ein wenig des weißen Staubes blieb an seinen Fingern hängen und es war zu erahnen, dass Victor in Wirklichkeit gar keine weißen Haare hatte.
„Deine Mutter war ein Brutkasten, welcher Mutanten mit enormen Fähigkeiten gebar“, sagte er und ging zu einem kaputten Fenster, um von dort aus die Umgebung anzuschauen. „Deine Fähigkeiten sind psychoaktives Natur. Du bist, zumindest theoretisch, dazu in der Lage, anderen deinen Willen aufzuzwingen und enorme, psychokinetische Energie freizusetzen. Deine Gedanken sind wie Sprengstoff.“ Er drehte sich zu Chrissy um und lehnte sich ans Fenster. „Eigentlich. Aber du hast das nie wirklich hinbekommen und bevor sie es dir beibringen konnten, bist du geflohen. Wie dir das gelungen hat, wissen die bis heute nicht oder sie haben’s mir nicht erzählt.“

Chrissy hob den Kopf und blickte ihn durch einen Vorhang an blonden, verfilzten Haaren hindurch an. Sie sah aus wie ein Geist.
„Haben dir nicht alles erzählt, was?“ Ein schwaches Grinsen zeichnete sich auf ihren Lippen ab, wurde aber durch einen erneuten Hustenanfall verwischt.

Victor runzelte kurz die Stirn, kommentierte ihre Worte aber nicht.
„Verdursten dauert in der Regel nur drei bis vier Tage“, sagte er bloß und wandte sich von ihr ab, um das Verbandsmaterial aus seinem Rucksack zu holen. Er hatte keine Lust darauf, dass Chrissy an einer Blutvergiftung starb.
„Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“, fragte sie kraftlos. Es war eine dämliche Frage, das war ihr bewusst und eigentlich erwartete sie auch keine Antwort. Zu ihrer Überraschung bekam sie jedoch eine.
„Hätte dich nicht in Ruhe lassen können. Für ’in Ruhe lassen’ werde ich eher selten bezahlt“, sagte in einem so nüchternen Ton, als würde er über das Wetter reden.
„Wofür brauchst Du das Geld überhaupt? Du siehst nicht gerade so aus, als würdest du im Luxus leben und die zahlen bestimmt genug für ihre entlaufenen Experimente?“ Wieder fragte sie nach dem Geld. Sie verstand es nicht. Chrissy verengte die Augen, als sie Victor nun dabei beäugte, wie er Wundarzt spielte. Das aufgetragene Jod entlockte ihr noch mehr Zischlaute und sie legte den Kopf in den Nacken, den Blick wieder gen Decke gerichtet, als könnte sie das von den Schmerzen ablenken.

Als Victor fertig damit war den frischen Verband anzulegen, wollte er sich eigentlich erst wieder von Chrissy abwenden. Aber er entschied sich dagegen und blieb vor ihr stehen, auf sie hinab blickend und die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich denke, das geht dich nichts an“, sagte er dann aber mit einem übertrieben freundlichen Lächeln, welches ungefähr zwei Sekunden anhielt, ehe er sie wieder mit gleichgültigem Blick betrachtete. Aber er betrachtete sie. Und das ziemlich eingehend. Nicht wie ein Mann eine Frau anschaute, aber zum Glück auch nicht wie ein Zombie sein nächstes Opfer anstarrte. Es war ein seltsam prüfendes Mustern ihrer ganzen Gestalt. Chrissy fühlte sich unter seinem Blick unwohl. Sie war das lüsterne Anstarren der Wärter und Ärzte gewohnt. Aber nicht diesen eigenartigen Blick.

„Wir brechen auf. Jetzt“, sagte er mit einem Mal bestimmt, als hätte er irgendetwas auf ihrem Schlüsselbein entdeckt, was ihn zu dieser plötzlichen Hektik veranlasste.
Er packte seine wenigen Sachen, die er zusammen packen musste und hielt dann vor ihr inne. „Kein Zetern, keine Versuche, in mein Hirn zu gelangen oder du wirst wieder ins Koma geschickt. Klar soweit?“
Mit diesen Worten hob er Chrissy wieder auf die Arme.

„Ist es denn zu viel verlangt, dass du mir wenigstens diese eine Frage beantwortest?“, presste Chrissy zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Victor musste beinahe auflachen. Sie kannte seinen Namen nicht, warum er all das hier tat, seine Motivation oder wer er war. Aber sie interessierte sich dafür - aus irgendeinem Grund interessierten sich die Opfer immer für ihren Entführer. Nachdem Fragen wie ’warum tust du so etwas? abgefragt wurden, kam immer die Suche nach der Persönlichkeit des Peinigers. Wer bist du, wo kommst du her, wie heißt du, wozu brauchst du das Geld, bitte lass mich gehen, ich habe Kinder, eine Familie, hast du Familie, bitte lass mich doch gehen.

„Warum interessiert dich das überhaupt?“, fragte er, „Warum willst du etwas über mich wissen? Und warum genau das?“

Vielleicht wollten alle Menschen sich an irgendetwas klammern. Daran, dass auch ihr Entführer oder Mörder irgendwie etwas Menschliches hatte. Sie suchten nach Hoffnung. Dass wenn sie das Menschliche fanden, dann vielleicht auch sein Mitleid.

Die Morgendämmerung war immer noch nicht hereingebrochen, nur ein Ansatz von hellem Grau verriet, dass die Sonne bald die ersten Strahlen über den Horizont schicken würde. Victor ging zum Trike und lud Chrissy dort ab. Dann schaute er sich noch einmal ausführlich um und schien wieder sehr ernst. Schließlich löste er eine der Pistolen von seinem Gürtel und stieg auf das Trike und ließ den Motor an, um durch die alten Straßen dieser Stadtruine zu fahren, die von einer längst untergegangenen Zivilisation erzählte.

„Na... weil ich’s wissen will!“ gab Chrissy von sich, als sie wieder im Trike saß und Victor sich anschickte, den Wagen zu starten, damit sie abhauen konnten - wovor auch immer. „Mir wurde nie was erklärt, wenn wieder ein Test oder so anstand, ich sollte einfach nur machen ohne genau zu wissen, warum und wieso. Und nun wurde ich angeschossen und entführt und bedroht und werde zurück in den Käfig gesteckt - da ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, ein paar Fragen beantwortet zu bekommen, oder nicht?“ Der Gedanke an das, was kommen würde, schürte erneut die Angst in Chrissy. Ihr Blick verschleierte sich, aber ihr schien, als hätte ihr Körper kein Wasser mehr für Tränen – und keine Kraft mehr für Panik.

Victor fuhr nicht allzu schnell, das ging bei all den Trümmern mitten in den Ruinen auch gar nicht, aber da es sich um ein Trike handelte, war schon bald kühler Fahrtwind aufgekommen. Als ein Zombiemutant hinter einem Betonklotz hervor kam und ächzend um Aufmerksamkeit bettelte, erschoss Victor ihn, ohne auch nur in seine Richtung zu schauen. Der Schuss ging mitten durch den Kopf und Chrissy beobachtete, wie der Zombie zusammensackte, während sie an ihm vorbei fuhren. Er wirbelte ein wenig Staub auf.

„Klar. Versteh ich“, entgegnete Victor auf die eigentlich sehr ironische Bemerkung von Chrissy.
Ganz kurz drehte er den Kopf zu ihr und schaute dann wieder auf die kaputte Asphaltstraße. Ohne Probleme umfuhr er jedes Schlagloch.
„Nagut, dann gebe ich dir was, worüber du nachdenken kannst. Ich brauche das Geld für meine arme Mutter. Muss ihre Miete zahlen und sie durchfüttern, weißt du? Mein Vater kann nicht mehr für sie sorgen und mein kleiner Bruder bekommt als Fabrikarbeiter gerade genug, um in der Woche einen Sack Kartoffeln zu kaufen. Einer Anomalie wie mir gibt man keinen normalen Job - aber als Kopfgeldjäger kriegt man ziemlich viel Geld, wenn man so gefragt ist wie ich.“ Weder sein Tonfall noch sein Gesichtsausdruck verrieten, ob er Chrissy jetzt auf den Arm nahm oder die Wahrheit sprach.

Nach einigen Momenten des Schweigens schaute er wieder zu ihr. „Glaubst du mir das?“, fragte er mit einem amüsierten, seltsamen Funkeln in den Augen.
Chrissy blickte aus großen, blauen Augen zu ihm.
„Ich...“, begann sie nur, verstummte dann aber.
Er hatte ihr etwas zum Nachdenken gegeben.

Das Trümmerfeld lichtete sich, wenn auch sehr langsam. Aber es war auffällig, dass sie auf offenes Gelände zu steuerten. Ein weiterer Zombie schälte sich irgendwann aus der Landschaft, aber er stolperte über ein Betonstück und fiel der Länge nach hin. Hungrig und mit leerem Blick streckte er die Hand in Richtung des Trikes aus, welches an ihm vorbei rauschte. Diesmal machte Victor sich nicht die Mühe, ihn zu erschießen.
Sie ließen die Stadt mit ihren Zombies und Trümmern überraschend schnell hinter sich. Jetzt wurde die Umgebung von krüppeligen Kakteen und anderen, mutierten Sukkulenten geprägt. In der Ferne war aber ein großer Komplex zu erkennen - vielleicht ein ehemaliges Umspannungs- oder Wasserwerk.

„Was ist das für ein Gebilde?“ fragte Chrissy monoton, als wolle sie nur die Stille füllen.
Dementsprechend erhielt sie auch keine Antwort. Etwa 100 Meter vor dem alten Kraftwerk - denn daran erinnerte es - hielt Victor das Trike an. Er stieg ab, brachte das geschulterte Scharfschützengewehr in eine bequemere Position und drehte sich zu ihr um. „Los komm. Der Schmerz im Bein und die Konzentration beim Laufen wird dich hoffentlich davon abhalten, in meinem Kopf herum zuspielen...“ Er grinste und hielt die Waffe hoch. „Ansonsten muss ich dich davon abhalten und dir auch noch den letzten Rest deiner Würde nehmen.“
Chrissy biss die Zähne zusammen, konnte aber ein dumpfes Stöhnen nicht gänzlich unterdrücken. „Weichei...“, murmelte sie und stieß sich sacht vom Trike ab. Langsam und nach vorn gebeugt setzte sie einen Fuß vor den anderen.

Victor wartete ruhig, bis Chrissy abgestiegen war und beobachtete genau, ob sie alleine laufen konnte. Das schmerzvolle Stöhnen entging ihm nicht, aber wer mochte ihr das verübeln? Dafür, dass Chrissy den Eindruck erweckte, nichts weiter als eine jammernde Göre zu sein, die Zeit ihres Lebens immer nur Schutz bekommen hatte, bewies sie doch erstaunlich viel Kraft und Lebenswillen. Vor nicht einmal 24 Stunden hätte Victor keine Wette darauf abgeschlossen, dass sie diese Kraft besaß.

Schließlich drehte er sich um und blickte hinüber zu dem heruntergekommenen Gebäudekomplex. Es war ruhig - zu ruhig, das wusste Victor ganz genau - und die Sonne brannte heiß auf die Wüste hinab.

Ab hier wurde es kompliziert.

Anmerkung von Judas:

https://www.youtube.com/watch?v=BRHGftcjHNQ


 
 

Kommentare zu diesem Text


Augustus
Kommentar von Augustus (22.02.2017)
hmmm. Mich als Leser überzeugt dieser Text nicht so wie die vorherigen Texte. Ganz ehrlich: die Sprache ist ein bisschen lässiger, langatmiger geworden, ohne eine Sogwirkung zu entfalten, was bisher die Stärke deiner Texte war. Ich weiß nicht ob es das richtige Wort dafür ist, um den Sachverhalt richtig auszudrücken, der mir auf der Zunge verknotet liegt.
Bist du denn selbte mit deinem Text zufrieden?

Ave
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Judas meinte dazu am 22.02.2017:
Jaein. Den ersten Teil mag ich sehr, auch wegen seiner anderen Sprache. Diese kleinen "Einführungen" haben sich ja immer etwas unterschieden vom Rest des Textes.

Der andere Teil ist länger geworden, als ich wollte und dabei habe ich ihn sogar schon radikal gekürzt. Aber irgendwann wird ein Rede-Kapitel zwischen den beiden eben notwendig, daher rührt dann aber vielleicht auch die Langatmigkeit. Er ist auch tatsächlich satte 1000 Worte länger als das vorherige Kapitel Vielleicht schaff’s ich, in der Bearbeitung noch mal drüber zu gehen. Für das, was jetzt aber kommt als nächstes, ist es irgendwie wichtig, dass Chrissy und Victor sich kennen lernen - und die Leser die beiden auch. Wenn du verstehst?
(Antwort korrigiert am 22.02.2017)
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Augustus antwortete darauf am 23.02.2017:
Ich verstehe Dich gut. Im Nachhinein beim mehrmaligen Lesen öffnen sich die Muscheln und siehe da: man findet Perlen.
Übrigens, die Szene wo Victor seiner Routinearbeit nachgeht und das Gewehr prüft etc., würde sehr gut als Grundlage dienen, Victor weitere Eigenschaften zu verleihen, indem man ihn eigene Munition herstellen lässt, während man sowohl den expliziten Herstellungsvorgang als auch den Inhalt und Aufbau einer Patrone beschreibt. Seine Vorliebe für Schießpulver könnte dem Victor einen entscheidenden, tieferen Charakterzug durch diese Vorliebe verleihen.
Ich würde auf diesen Zug direkt aufspringen. Verstehst Du es?
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Judas schrieb daraufhin am 24.02.2017:
Das ist ’ne ziemlich gute Idee, ich glaube, ich werde die sogar umsetzen
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Veröffentlicht am 20.02.2017, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.02.2018). Textlänge: 2.625 Wörter; dieser Text wurde bereits 496 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.03.2019..
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