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Geschichte zum Thema Kinder/ Kindheit


von unangepasste

Anna mochte den Mantel nicht, den sie ihr überwarfen. Sie wusste, dass sie darin lächerlich wirkte. Dann konnte sie nicht mit den anderen Kindern fangen spielen, denn die Kapuze hing ihr so tief ins Gesicht, dass eine gewisse Unberechenbarkeit herrschte. Jedenfalls wurde sie immer als erste erwischt. Selbst wenn sie um die große Eiche im Pausenhof rannte, schlug ein besonders geschickter Junge einen Haken und kam plötzlich von der anderen Seite auf sie zu.

Als sie das Klassenzimmer betrat, sagte der Lehrer: „Heute zündest du den Adventskranz an.“ Er stellte einen Stuhl auf den Tisch und forderte sie auf, nach oben zu klettern. Der Kranz hing an der Decke.
Anna bekam einen Schreck. Im Sportunterricht stellte sie sich wieder hinten an, bevor sie an die Reihe kam, wenn sie Gefahr witterte. Das war fast immer der Fall: Für das Bockspringen war sie zu klein, hatte weder ausreichend Kraft noch kannte sie die Technik, das Hindernis zu überwinden, ohne auf den eigenen Händen zum Stillstand zu kommen. Die akrobatischen Übungen auf den Matten begriff sie nicht. Und wenn sie über eine Stange balancieren sollte, wusste sie: Sie würde doch nur abrutschen. Aber jetzt befand sie sich nicht in der Turnhalle, und es gab auch keine Schlange mit anderen Kindern, die ihr das Unterfangen vorführten.
Somit kroch sie auf den Tisch und hielt sich am Stuhl mit den Händen fest. Sie prüfte Lehne und Beine auf Standhaftigkeit. Dann setzte sie sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Stimme des Lehrers wurde lauter. Aus seinen Pupillen blitzte ein großes „P“, anschließend ein alles überrollendes „r“. Doch die Erwachsenen benutzten das Wort nie in ihrer Gegenwart. Sie hörte es, wenn sie den Flur entlangging, während ihre Mutter telefonierte, aber nie im direkten Kontakt. Dieses Wort war der Mantel, den sie trug. Dunkel und schwer. Manchmal konnten allein die Blicke der Erwachsenen weben und schneidern, das hatte Anna gelernt.
Sie hatte die Möglichkeit, sich in dem Stoff zu verstecken. Doch sie wollte nicht in dem braunen Wollmaterial von den anderen Kindern gesehen werden. Der Mantel, davon war sie überzeugt, hob sie von den Klassenkameradinnen ab. Doch wie jedes Kind wollte sie den anderen gleichen; denn Ähnlichkeit war mit Anerkennung verbunden, das hatte sie auf schmerzliche Weise erfahren.
Der Lehrer starrte also die ersten Buchstaben laut in Anna hinein, als sie das erste Knie auf den Stuhl hob, dann das zweite, um sich schließlich mit rudernden Armen aufzurichten. Das Möbelstück wackelte leicht, wenn Anna ihr Gewicht verlagerte. Nun konnte sie die Kerze erreichen. Der Lehrer stieß noch immer Buchstaben aus den Pupillen, jetzt ein „o“, ein "b" und ein "l". Es musste sich um ein kleines „b“ handeln, da es sich im Wortinneren befand. Anna wunderte sich, warum er es wie einen Großbuchstaben in die Luft warf.
Er würde es sicher nicht bemerken, wenn sie ihn mit der roten Streichholzspitze korrigierte. Schließlich beachtete der Lehrer seine eigenen Buchstaben kaum, wie sie dort im Raum hingen oder sich auf Anna niederließen. Doch stattdessen rieb Anna nur über den Zündstreifen. Sie wiederholte diesen Vorgang fünfmal. Kleine Funken entstanden, die sofort wieder erloschen. „Versuch es mal mit Schwung“, sagte der Lehrer. Sie setzte mehr Kraft ein, und das Streichholz brach in der Mitte durch. Jetzt brannte die Spitze, doch sie fiel herunter. Die anderen Schüler standen um Anna herum. „Zeig ihr mal, wie das richtig geht“, forderte der Lehrer einen der Jungen auf.
Das „e“ und das „m“ waren die Taschen des Wortmantels. Anna schob die Hände tief hinein.
Im Flur fügte der Lehrer die letzten Buchstaben hinzu: das Innenfutter. Dann ging er auf einen Kollegen zu. „… nicht mal ein Streichholz kann sie anzünden … was sollen wir nur mit so einem Problemkind machen …“ Da war das Wort. Sie hatte nur Bruchstücke des Gespräches vernommen, doch dieser Teil drang klar und deutlich zu ihr herüber.

Langsam gewöhnte sich Anna an die Farbe des Mantels. Doch ihr kleiner Körper versank noch immer in dem Stoff, und wenn ihr jemand die Hand reichte, musste sie erst den Ärmel beiseiteschieben. „Nicht einmal richtig grüßen kann sie“, sagten die Lehrer dann. Und ihre Blicke enthielten wieder diesen einen Begriff, die Buchstaben, die ihr nicht passten. Dennoch versteckte sich Anna darin, war es doch der einzige Schutz, den sie hatte.

Anmerkung von unangepasste:

2014


 
 

Kommentare zu diesem Text


Augustus
Kommentar von Augustus (17.10.2018)
Habe im Anschluss an den Fisch und den Affen denken müssen, wo der Affe dem Fisch die Aufgabe stellt, dieser solle den Baum hochklettern, während dieser dabei versagt und ihm in der Folge nicht nur diese (das Klettern) sondern zugleich alle Fähigkeiten abgesprochen wurden.

Ave

Kommentar geändert am 17.10.2018 um 22:34 Uhr
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unangepasste meinte dazu am 18.10.2018:
Ja, das Bild ist treffend ... Solche Lehrer gibt es immer mal wieder. Im Grude funktioniert unsere Gesellschaft nach dem Prinzip, angefangen bei den Schulen.
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