2. Oktober : Folge einfach den gelben Pfeilen ...

Tagebuch

von  Raggiodisole

Gott sei Dank, es regnet nicht mehr. Wir frühstücken in der schicken Confiserie in der Nähe der Herberge und dann ziehen wir los. Gabi und ich heute mal voran. Aber sie hat ein Wahnsinnstempo drauf … und Reden UND mit ihr Schritt halten, das ist mir leider unmöglich. Also verabreden wir als nächsten Treffpunkt die tolle Bar gleich rechts, wenn man in Bercianos del Real Camino reinkommt und sie sprintet los.
Allein verfalle ich in einen ruhigen, monotonen Schritt. Es tut mir gut in dieser ebenen Landschaft einfach so „vor mich hin zu gehen“. Vielleicht liegt es auch am Gespräch, das Gabi und ich vorher geführt haben, weil heute purzeln die Gedanken nur so durch mein Hirn. Lebensabschnitte tauchen vor meinem geistigen Auge auf, Fragen stellen sich mir und ich habe genügend Zeit, eine Antwort zu finden.
Ich liebe diese Landschaft. Es geht immer geradeaus, schnurgerade, brettleben … und es scheint genau das zu sein, was ich im Moment brauche. Zeigt der Camino schon seine Wirkung bei mir?

In Bercianos del Real Camino ist die tolle Herberge geschlossen… und von Gabi weit und breit keine Spur. Also warte ich auf Gitti und Antje. Die schleppt sich nur mehr so dahin und braucht unbedingt eine Pause. Wir fragen nach einer anderen Bar und tatsächlich, dort finden wir auch Gabi.
Die jungen Frauen hinter dem Tresen der Bar sind äußerst unfreundlich und Gabi erzählt uns von ihrer Begegnung mit einem Hund, der vor dem Lokal keifend und knurrend auf sie losgegangen ist. Und als sie sich mit einem ihrer Trekkingstöcke gewehrt hat, haben sie die Frauen auf das Übelste beschimpft.  Aber da es die einzige geöffnete Bar in diesem Kaff ist, bleiben wir und stärken uns mit cafè con leche und dem, was unser Rucksack an Proviant hergibt.
Antje ging es zusehends schlechter, sie hatte wohl auch schon Fieber. Wir überlegen, ob man für sie nicht besser ein Taxi organisieren sollte, und sie solle bis León vorausfahren, dort auf uns warten und sich inzwischen auskurieren.
Aber Gitti dopt sie mit allen möglichen Pillen und Tropfen und nach zwei té con lemon beschließt sie, doch mit und weiter zu gehen.
Aber vorher noch schnell mal „für kleine Pilgerinnen“.
Der Hinterhof und das WC dieser Bar waren wirklich sehenswert.
Durch einen finsteren Gang folgte man den gelben Pfeilen, kam in einen kleinen, mit Blumentöpfen, Käfigen und Volieren vollgestopften Hinterhof und wurde von einem unbeschreiblich lauten Gezwitscher und Gezeter empfangen – einfach unglaublich.

In El Burgo Ranero geht Antje in ein Hostal, sie will unbedingt ein Bad nehmen. Wir versuchen es in der Gemeindeherberge, aber da diese leider schon completo ist, lotst uns Gabi in „Die Blaue Lagune“ am Ortsrand. Dort ist zunächst nur ein Bett belegt und wir können uns diesmal die Betten aussuchen und herrlich lang heiß duschen und auch unsere Wäsche waschen, ohne dass schon drei andere Pilger  auf das Freiwerden des Waschbeckens warten.
Das Geschäft im Ort bietet alles, was unser Herz ( bzw. der Magen) für das Abendessen begehrt uns wir machen es uns im Garten der Herberge gemütlich. Telefonieren mit zuhause, also ich hab’s probiert, aber mein Guthaben war alle. Gitti hat mir aber erklärt, dass man das Handyguthaben ja auch von zuhause via Bankomatkarte bequem aufladen kann und so habe ich meinen Mann gebeten, das für mich zu erledigen, damit ich wenigstens alle paar Tage einmal Bescheid geben könnte, wie es mir geht. Mal sehen, ob das auch klappt.
Die Abende in Spanien sind relativ kühl und wir haben uns in Decken eingewickelt und gequatscht, bis es finster war. Gerade noch rechtzeitig sind wir dann in das Haus hinein, denn auf einmal begann es zu schütten, als ob der Himmel sein gesamtes Regenkontingent sofort und ausschließlich auf  El Burgo Ranero herunterlassen wollte.
Antje haben wir nicht mehr erreicht, sie hatte ihr Handy ausgeschaltet. Wahrscheinlich hat sie schon geschlafen. Hoffentlich geht es ihr morgen besser, damit wir wieder weiter können. Sie ist uns sehr ans Herz gewachsen, wir würden sie ungern allein hier zurück lassen.

Illustration zum Text
(von Raggiodisole)
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