8. Oktober: Das große Wiedersehen ... vor dem Abschied

Tagebuch

von  Raggiodisole

Pavarotti singt das „Ave Maria“ und holt uns aus dem Land der Träume.
Da wir aber wieder einmal die letzten sind, fällt das Frühstück sehr spartanisch aus.
Ein bisschen Weißbrot und Marmelade war noch da, und Löskaffee, aber besser als gar nichts.
Die Landschaft, durch die wir heute gehen ist wunderschön. Ich lass mich einfach treiben und bleibe sehr oft stehen und schaue in die Seitentäler, die sich hinter jeder Kurve neu auftun. Einfach fantastisch. Wir gehen bis Riego de Ambros, dort suchen wir eine Bar, aber die hat leider noch nicht auf. Also tut es ein Schluck aus der Wasserflasche und wir ziehen weiter Richtung Molinasecca.. Die Römerbrücke, über die die Pilger normalerweise in die Stadt kommen, ist gesperrt. Bauarbeiter wieseln herum und überall fließt Wasser über die Straßen.
Noch ahnen wir nichts Böses. Aber als wir dann eine Bar ansteuern und schon die Aussicht auf einen Kaffee uns noch ein wenig schneller laufen ließ, werden wir schwer enttäuscht. Es gab einen  Wasserrohrbruch in Ringleitungssystem und es gibt kein Wasser. Die Dame in der Bar ist aber so freundlich und macht uns mit Mineralwassser einen Tee. Besser als gar nichts. Außerdem mindert das frisch Croissant und das Bocadillo con jamon ein wenig die Enttäuschung.
In einer Farmazia besorgen wir für Antje noch eine Sportsalbe, die die Muskeln wärmen sollte, weil sie schon wieder über Schmerzen in ihrem Bein klagt. Armes Mädchen. Gitti massiert ihr gleich Salbe ein und dann ziehen wir weiter. Es zieht sich, wie immer, aber schließlich erreichen wir die Stadtgrenze von Ponferrada und stürmen die erste Bar am Weg. Jetzt kann uns nichts mehr halten. Es braucht zwei Cafè con leche grandissimi bis unsere Lebensgeister wieder soweit sind, dass wir uns auf die Suche nach der Herberge machen können. Wir haben die Herberge „Nikolaus von der Flue“ als Domizil gewählt. Gabi sagte, dass sie sehr schön ist. Von ihr haben wir übrigens in den letzten Tagen weder was gehört noch gesehen. Wer weiß, was sie so ruhelos vorwärts treibt. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich, das nicht immer schön war. Aber sie ist eine starke Frau, und sie wird ihre Gründe haben, warum sie uns in Rabanal verlassen hat.
Hier in Ponferrada passiert es uns auch zum ersten Mal, dass wir uns in die Schar der schon wartenden Pilger einreihen müssen. Bis jetzt haben wir immer zu den Letzten gehört und mussten froh sein, wenn es überhaupt noch freie Betten gab. Aber heute ist alles anders. Und wir sehen auch Gabi vor uns in der Reihe anstehen. Groß ist die Freude und die „resche“ Herbergsmutter lässt es so einrichten, dass wir alle vier in ein Zimmer kommen. Das übliche „Pilgerprocedere“ folgt auf den Fuß: Duschen, Wäsche waschen und ein wenig relaxen, bevor wir uns auf den Weg in die Stadt machen werden. Aber es kommt anders als man denkt. Wir treffen einige Bekannte wieder, darunter auch die deutsche Frau, die schon in St. Domingo de la Calzada Probleme mit den Füßen hatte. Aber um Himmels willen, wie sah sie aus. Beide Füße waren stark geschwollen und sie konnte kaum laufen. Neidvoll schaute sie mich an und erzählte uns, dass sie seit Tagen immer nur ihrem Mann mit dem Bus von einer Etappe zur anderen vorausfuhr. Gehen wäre ihr unmöglich. Ich erzählte ihr noch mal von dem Medikament, dass mir der Arzt in St. Domingo verschrieben hat und konnte sie endlich davon überzeugen, es doch auch mal auszuprobieren. Ich bot mich an, es zu besorgen, wenn wir gleich in die Stadt gingen. Aber dazu kam es erst gar nicht. Gerade, als wir uns auf den Weg machen wollten, entdeckten wir in einer Ecke einen älteren Mann, der einer  Pilgerin sehr professionell die Blasen versorgte und dann auch noch die Schultern massierte.
Gabriele blickte nur wortlos auf ihre Füße, die mit Blasen übersät waren und es war garnicht notwendig, sie lang zu überreden. Gabis Füße wurden versorgt, schon standen wir in der Reihe. Jeder ließ seine Problemzonen behandeln und hinterher fühlten wir uns wie neugeboren. Fit und bereit, die Stadt und vor allem die berühmte Templerburg zu besichtigen.
Für das Abendessen wurde auch gleich eingekauft und dann ließen wir es uns im schönen Garten der Herberge schmecken. Groß war die Freude, als wir dort auch Andrea, Josef und auch Ernst wiedersahen.

Einziger Wermutstropfen war die Tatsache, dass es morgen Abschied nehmen hieß von Antje und Gabriele. Gitti und ich mussten noch einmal ein Stück mit dem Bus fahren, um rechtzeitig in Santiago eintreffen zu können. Und da wir so kurz vor dem Ziel nichts riskieren wollten, haben wir beschlossen, morgen mit dem Bus nach Sarria zu fahren und dann von dort in aller Ruhe und mit einem kleinen Zeitpolster nach Santiago zu laufen.
Der Bus nach Sarria geht um 11:45 Uhr.

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