Otto-Kataloge und der Lauf der Zeit

Short Story zum Thema Lebensbetrachtung

von  WortGewaltig

Ich bin ein Tagträumer.
Manche verbinden ja damit eher etwas Negatives. Zeit einfach weg zu träumen und nicht produktiv dabei zu sein passt nicht zum *Zeit*-Geist. Wobei ich zugeben muss dass ich diesen Geist am liebsten wieder in seine Flasche sperren würde wenn ich es denn könnte. Für mich gibt es nichts schöneres als das. Es ist purer Luxus Gedanken schweifen zu lassen, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen wie man so schön sagt. Das erstaunliche dabei ist, ich weiß wie ich dazu gekommen bin.
Meine Mutter erzählte mir wie sie mich das erste Mal alleine gelassen hat. Dieser Moment ist wohl eh immer ein besonderer, für beide Seiten. Sie konnte sich daran gut erinnern und ich konnte es auch. Sie sagte wohl zu mir dass sie einkaufen gehen würde. Das es nicht lang dauern würde. Nicht lange ist aber sehr relativ wenn man Kind ist. 30 Minuten sind eine Ewigkeit. Es beruhigt und beunruhigt mich heut noch zu wissen das eine Ewigkeit *nicht lange* dauert. Für Immer und Ewig war für mich auch immer sehr relativ. Als sie nach dem Einkauf wiederkam saß ich noch am selben Fleck an dem sie mich zurückgelassen hatte. Und tat immer noch dasselbe, in einem Otto-Katalog lesen. Ich hatte mich so in das Spielzeugsortiment hineingeträumt dass ich gar nicht sonderlich bemerkt hatte dass meine Mutter nicht da war. Sie wusste das zu nutzen und bestellte ab diesem Zeitpunkt immer die neuste Ausgabe, die es damals ja noch umsonst gab wenn man die Bestellkarte im Katalog nutzte. Wenn sie aus dem Haus wollte und mich nicht mitnehmen konnte/wollte gab sie mir den Katalog und ich war beschäftigt. Das ersparte wohl viel Organisation und Aufpasserei. Meine Mutter erzählte mir dann auch dass sie es ihren ganzen Freundinnen erzählt hat und diese wirklich neidisch waren auf sie und ihr Kind das man mit so einfachen Mitteln zufriedenstellen konnte.
Und ich, ich träumte diese Zeiten einfach hinweg. Lebte in einer anderen Welt. In einer Welt in der ich jedes Spielzeug hatte das es gab. Cowboys und Indianer, Ritter und Drachen, Murmelsets, Fahrräder und Gokarts, Holzspielzeug aller Art. Die phantastische Welt wurde eine reale in meiner Träumerei. Macht es einen Unterschied ob man real oder fiktional Zeit mit etwas verbringt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das eindeutig verneinen. Hätte ich zumindestens getan wenn mich denn jemand gefragt hätte. So las ich weiter, wurde älter. Und wanderte weiter nach vorne in dieser Welt. Spielzeug kam nämlich ganz zum Schluß dieses Wälzers. Ein bisschen weiter vorne war die Welt der Technik. Musikanlagen, Verstärker und Lautsprecher aus denen die schönste Musik kam, allerhand Haushaltsgeräte, dazwischen waren Waffen. Jetzt kamen Möbel und ich baute mein Kinderzimmer immer wieder neu. Aber auch alle anderen Räume in unserem Haus. Ein neuer Tisch, eine neue Schrankwand für das Wohnzimmer. Herde mit Uhren für die Küche. Inzwischen konnte ich lesen und ich bin öfter mit dem Maßband durch die Wohnung und habe gemessen. HxBxT waren zu erkunden. Als ich am Anfang des Katalogs angekommen war und dort speziell bei der Damenwäsche wusste ich das dieses Kapitel abgeschlossen war in meinem Leben. Die neue Welt die ich dann erkundete war realer.
Ich lächle heute oft darüber. Die Träumerei hab ich mir behalten, sie ist mir immer noch wertvoll.

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Kommentare zu diesem Text

Gringo (60)
(17.05.14)
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 FRP (17.05.14)
Solche Kataloge fanden auch ihren Weg in die DDR, und sie kündeten von einer unerreichbaren, bunten Welt aus Ritterburgen, Autobahnen ... und einmal kam der Tag, an dem die Models und ihre Wäsche plötzlich - man wusste gar nicht, wie es geschah - auf geheimnisvolle Art wichtiger wurden als das Spielzeug. Kaum gestanden ich und mein 1 Jahr jüngerer Neffe uns das ein. Dazu hörte man: "Das schöne Mädchen, auf Seite 1, das möcht' ich haben, und weiter keins, vom Katalog, aus dem versandhaus ... Antiquarisch kosten die wenigen, vollständig erhaltenen inzwischen mehr Geld, als der Laie denkt.

 Dieter_Rotmund (06.03.20)
Schon der dritte Satz eine Katastrophe, ich muss ihn drei Mal lesen, um die Trümmer zuordnen zu können:

Zeit einfach weg zu träumen und nicht produktiv dabei zu seinKOMMA(Ergnzung: "das") passt nicht zum *Zeit*(Sternchen???)-Geist. Wobei ich zugeben muss KOMMA!!!!dass ich diesen Geist am liebsten wieder in seine Flasche sperren würdeKOMMA wenn ich es denn könnte.


Herrje.
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