Blätterregen - 6

Erzählung

von  minze

Ich werde klingeln, bevor wir gehen. Das mache ich trotzdem. Christian kommt nicht von seiner Wohnung runter ins EG. Wir treffen uns bei meinen Eltern, sie wollen schon eine Weile meine Großeltern und die neue Pflegerin einladen. Es ist ein nachgeschobenes Weihnachtstreffen im Januar, dem ich zögerlich zugestimmt habe. Oma sagt mir am Telefon, als ich das Konzept des Schnelltestens vor Treffen erkläre, Meine Werte sind sehr gut!  Meinen Kindern muss ich es auch erklären, dass wir nicht immer in die obere Wohnung können, wenn wir da sind, seit Christian wieder bei unseren Eltern eingezogen ist. Oma hat schon früh verstanden - zu Anfang seiner Zeit als Familienvater ist mein Onkel über ihr eingezogen. Wir haben uns darüber mit Mama unterhalten. Lade Christian nicht regelmäßig zum Essen ein. Anja wird denken, du schaust auf ihre Küche hin.

 

 

Denisa ist seit November weg und Yasmina gleich gekommen. Sie hat, anders als Denisa, Verwandte um Stuttgart herum, nicht so weit weg. Die Frauen hatten einen Tag, der sich überschnitt, vielleicht einen Vormittag. Deswegen hat Yasmina Denisas Handynummer aus Rumänien. Sie gibt sie heimlich weiter an meine Mutter. Sag nicht von mir! Ich finde nicht, wir sollten anrufen. Denisa antwortet nicht mehr auf die deutsche Nummer, weil es einen Grund gibt, vielleicht. Sie wünschen sich alle, dass sie zurückkommt. Oma trägt einen Karo-Mantel, schwarz-weiß, einen relativ kantigen Kragen aus schwarzen Kunstfell ist dran. Sehr dick. Ich will ihn, wenn sie mal nicht mehr ist und mache ihr Komplimente. Das ist halt die Kehrseite, dazu hat Denisa sie gedrängt. Oma erzählt vom Einkauf des Mantels, sie haben ihn kurz vor der Abreise gekauft. Sie zuckt die Schultern, grinst, winkt ab, so eine Triade, wie ich es kenne. Sie ergibt sich ihrem Schicksal, ist etwas bitter, winkt aber mit so etwas wie Humor ab.

Yasmina ist distanzierter, aber direkter, wenn sie spricht. In den Momenten, in denen sie engagiert ist, glaube ich es ihr. Der Kuchen, den sie unbedingt backen will, schmeckt nicht mehr nur nach den bekannten Rezepten, Yasmina backt schon immer gerne. Mein Onkel hat sich die ganzen letzten Jahre beschwert, Oma hätte es mit dem Backen nicht mehr im Griff. Sie geht weniger spazieren am Nachmittag mit den beiden. Mit irgendetwas beschäftigt sie sich in ihrem Zimmer. Bald wird Yasmina wieder nach Rumänien zurück. Deswegen der Versuch meiner Eltern, an Denisas aktuelle Nummer zu kommen.

 

 

Jetzt wollen meine Mutter und Yasmina durch den Ort spazieren. Mara hängt sich sofort dran, sie wird, wie von vielen, von Yasmina oft hochgenommen, klettert und nestelt auf ihrem Schoß. Als sich Opa in Bewegung setzt, um auch mit zu gehen, muss mein Vater mit. Sie wundern sich immer, wenn Opa noch einmal Elan hat. Es scheint unerwartet zu sein, passiert aber immer, wenn wir mit den Kindern zusammenkommen. Oma, Joscha und ich bleiben zurück.

 

Joscha will zu Oma, die im Bett meiner Eltern liegt. Es türmt sich die Münzsammlung auf den Nachtischen und auf dem Zweiersofa liegt Wäsche. Das musste ins Schlafzimmer meiner Eltern, weil der Christbaum Platz beansprucht. Ich sehe Flecken auf dem Bett. Oma sagt nichts. Sie fängt dann mit einem Satz an, den ich kenne, ich fühle bekannte Scham und Wut im seltsamen Gemenge, wie sie ansetzt es sind jetzt bald 25 Jahre, die dein Bruder tot ist. Ich warte auf die Kritik, dass an seinem Kindergrab Spielfiguren stehen; sie waren heute wieder dort bevor wir Mittag aßen. Er wächst, scheint es, mit den Grabjahren zu einem Mann hin, für alle Friedhofbesucher oder man sollte die Trauer um ein Kind, um ein Kind mit Spielfiguren, ziehen lassen. Wir haben häufig darüber gesprochen. Jetzt überrascht sie mich. Aber als ich die Schneeglöckchen gesehen habe, letzte Woche bei dem Spaziergang zu den Nachbarn, mit einem Mal war die Erinnerung da. Die Erinnerung an einen Nachmittag, den sie bei uns war, vor 25 Jahren, als sie Fabian sagte, er solle die schönen Blumen im Garten lassen, die er bewundert hat. Und dann, fünf Minuten später, stand er strahlend mit allen ausgerupften Schneeglöckchen in der Hand da, für dich Oma! Denk nur. Wie die Erinnerung ganz plötzlich an einen Menschen wiederkommen kann, auch wenn es nicht die Situationen sind, die man sich routiniert immer hervorholt. Joscha lässt die Münzrollen über das hochgefahrene Kopfteil des Bettes rollen. Oma erzählt von einer Situation, in der sie als Kind unbeobachtet war und da habe ich immer mit Jungen gespielt, eigentlich. Wir haben einen Brunnen stopfen wollen mit Dreck, eigentlich ja Schlamm. Und wir haben gestopft und gestopft und es ist immer mehr übergelaufen und keiner hat uns gesucht – einen ganzen Nachmittag. Sie freut sich, was für Ideen man hat.



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