26. September : Viel Kultur ... und Luxus pur ...

Tagebuch

von  Raggiodisole

26. September

Eines vorweg – heute Kultur und Luxus pur. Aber der Reihe nach.
Nach einer grauenhaften Nacht gönnen wir uns ein Frühstück im Parador. 14.-€ pro Mann und Nase, aber es war die Sache wert.
Bei der estación de autobuses warten schon viele Pilger auf den Bus nach Burgos, darunter auch zwei Mädls aus der Steiermark und ein deutsches Ehepaar, denen wir dann später immer wieder begegnen.
Eine Stunde Fahrt mit dem Bus, mein rechter Fuß freut sich über die Pause und schmerzt fast nicht mehr. Das entzündungshemmende Mittel vertrage ich relativ gut.

Von Busbahnhof  bis zum Zentrum ist es nur ein kleines Stück und ich finde auf dem Weg dorthin auch ein Fotogeschäft, wo ich meine Speicherkarte überprüfen lasse, nur zur Sicherheit. Auf der Suche nach einer im Adi als sauber und nett angepriesenen Herberge treffen wir auf dem Platz vor der Kathedrale eine Engländerin, die wir schon in Trinidad de Arre kennen gelernt haben. Sie erzählt uns, dass sie im Hotel Espana wohnt, in einem Einzelzimmer mit Bad, angenehm und sauber, um 35.-€. Wir gönnen uns diesen Luxus und sie erklärt uns den Weg dorthin. Wir bekommen auch zwei Zimmer, im vierten Stock mit kleinem Balkon. De Zimmer sind noch nicht bezugsfertig, aber wir können unsere mochilas dort lassen und gehen erstmal einen Kaffee trinken… was sonst*zwinker*

Die Reisekasse ist im Laufe der Tage auch geschrumpft und so suchen wir einen Bankomat, um Geld zu beheben. Bei meinen Spanischkenntnissen ja kein Problem, außerdem sprechen die Geldautomaten in Spanien auch Deutsch. Aber irgendwie wollte das Ding nicht so wie ich wollte und auf einmal ging garnix mehr. Die Karte steckte im Automaten und Panik kam auf. Gitti ging in die Bank um Hilfe zu holen. Ein freundlicher Herr  drückte ein ganz bestimmtes Knöpfchen und der Bankomat spuckte meine Karte wieder aus. Der Vorgang wurde unter seiner Anleitung wiederholt und siehe da, es funktionierte. Aber ich könnte schwören, dass ich vorher im Alleingang auch nichts anderes gemacht habe als beim zweiten Versuch.

Egal, meine Reisekasse war aufgefüllt. Als wir in einem Geschäft Karten besorgten, um unseren Lieben ein schriftliches Lebenszeichen zu schicken, konnte ich nicht widerstehen und hab mir ein Buch gekauft. Ja, ich weiß, das schleppt man dann mit, aber es war ein kleines Buch , das von einem kleinen Prinzen handelt, mein Lieblingsbuch, das ich schon in vier Sprachen zuhause in meinem Regal hatte. Und wenn es jetzt schon mal vor mir liegt, dann kann ich es ja gleich kaufen. Also wandert „El principito“ über die Ladentheke in meinen Ruchsack und ich bin glücklich.
Die Kathedrale von Burgos ist ein gigantisches Bauwerk mit herrlichen Altären und Kunstschätzen. Ich könnte stundenlang in solchen Kirchen verweilen, aber mein Fuß macht sich leider wieder bemerkbar und so schlendern wir ins Hotel zurück und machen Siesta, in frischen Laken und herrlicher Ruhe.
Um 17 Uhr brechen wir zu einem Stadtbummel auf und suchen ein Gschäftl und El Corte Ingles. Dabei entdecken wir auch eine Bar, in der es Pizza und Spaghetti gibt. Also eine echte Pizza und original  italienische Spaghetti. Nachdem wir unsere Einkäufe erledigt haben lassen wir es uns dort schmecken.
Als wir ins Hotel zurück kommen, hat schon der Nachtportier Dienst. Ich krame meine spanischen Zahlenkenntnisse  zusammen und verlange in perfekter Manier die Schlüssel für Zimmer 473 und 474 – auf Spanisch natürlich. Der Portier drückt uns die Schlüssel in die Hand und sagt:“ Sehr gut, und eine angenehme Nachtruhe“. Der Kerl kann Deutsch und lässt mich da so herumstottern. Aber zur Belohnung bekommen Gitti und ich noch ein Bonbon als Betthupferl.
Im Zimmer ist erstmal wellness angesagt. Duschen ohne Flipflops und ein Hineinkuscheln in frische, weiße Laken – einfach herrlich. Mein Fuß hat sich auch wieder beruhigt und ich hoffe sehr, dass ich morgen weitergehen kann. Wir werden einfach sehen, wie es läuft und danach unsere Tagesetappe planen.
Irgendwie sitzt mir schon die Angst im Nacken, dass ich die Schmerzen nicht in den Griff bekomme und aufgeben muss, aber ich will gar nicht daran denken. Schon allein wegen Luise, die ja nicht glaubt, dass ich es schaffe. Wie überhaupt der Druck von außen auf mich ziemlich groß ist. Luise ist ja nicht die einzige, die nicht wirklich glaubt, dass wir – also genaugenommen ja eigentlich nur ich – es nicht schaffen. Gitti ist ja fit wie ein Turnschuh, nur ich entspreche eher nicht dem Bild eines, naja, wie soll man sagen? Also, ich bin übergewichtig und schau nicht besonders sportlich aus. Viele Leute trauen es mir nicht zu, dass ich eine so weite Strecke zu Fuß mit dem Rucksack auf dem Rücken bewältige.
Und dann jetzt auch noch die Sache mit dem Fuß.
Ich telefonier noch mit zuhause und dann zieh ich mir eine Karte.
„Es wird dir niemals ein Wunsch gegeben,
ohne auch die Kraft,
diesen zu verwirklichen“
Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Ich stecke diese Karte in meine Geldbörse und bin mir auf einmal ganz sicher: ich werde es schaffen!

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(29.08.16)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Raggiodisole meinte dazu am 29.08.16:
ich hab mir- ehrlich gesagt- keine Gedanken über die Qualität eines Anfangs gemacht .... es ist die Reinschrift von meinen Tagebuchaufzeichnungen auf dem CF ... sorry, wenn ich dich damit irritiert habe

schönen Abend noch und buen camino!

 Dieter_Rotmund (09.10.22, 13:35)
Im Titel Kultur ankündigen  und dann nur über Geld schreiben - der Gegensatz gefällt mir gut, das hat was zynisch-ehrliches!

 Raggiodisole antwortete darauf am 10.10.22 um 18:36:
nur über Geld geschrieben??? dann hast du nicht alles genau gelesen
es gab an diesem Tag viel Luxus für Pilger und auch viel Kultur
und Geld muss man halt einfach auch mal abheben, wenn man 5 Wochen unterwegs ist

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 10.10.22 um 18:57:
Doch, ich habe den Text sorgfältig gelesen.

Wie gesagt, dieser subtile Zynismus gefällt mir gut.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram