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Erzählung zum Thema Beziehung


von Oreste

Love is like a butterfly which you cannot catch,
if you sit down quietly it may come to you.

    NATHANIEL HAWTHORNE



»Wollen wir?«, fragte ich, und griff nach dem Autoschlüssel. Auf dem Weg zur Haustür drückte ich auf einen Knopf, woraufhin sich das Garagentor öffnete. Ich setzte schon mal zurück und ließ den Motor laufen. Auf der Suche nach einem geeigneten Radiosender blieb ich beim Verkehrsfunk hängen. Alles leer. Da fiel die Beifahrertür ins Schloss.
    »Wir können«, sagte sie.

Nach etwa anderthalb Stunden hielten wir an einer Autobahnraststätte. Sie trat kurz aus, während ich mich wieder der Sendersuche widmete. Auf dem Parkplatz gegenüber erweckte ein Van mit britischem Kennzeichen meine Aufmerksamkeit. Darin saß eine vierköpfige Familie. Alle wippten sie mit ihren Köpfen, dazu bewegten sich ihre Lippen. Sie schienen zu singen.
    Irgendwann sah ich sie im Rückspiegel. Ihr Gang war aufrecht, doch nicht mehr so beschwingt wie damals, als wir uns kennenlernten. Sie wählte einen deutlich längeren Rückweg, als es nötig gewesen wäre. Just, als ich ihren Gesichtsausdruck mustern wollte, schnitt ihr der schwarze Rahmen des Spiegels den Kopf ab.
    »Hier, ich hab dir Kaffee mitgebracht«, sagte sie, und reichte mir einen dieser Pappbecher mit Rührstäbchen. An die zwei Tütchen Zucker hatte sie gedacht.
    »Danke.«

Wir passierten die holländische Grenze. Ich vernahm ein leises Aufatmen. Tatsächlich war auch ich erleichtert. Sich in einem anderen Land zu befinden, dachte ich, heißt doch immer auch, sich Neuem zu öffnen. Im nächsten Moment musste ich selbst darüber schmunzeln. Sie muss das mitbekommen haben und lächelte zurück.
    »Sieh mal«, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei kindlich aufgeregt, »ein knallroter Ballon direkt über uns!«
    »Wo?«
    Sie ließ die Fensterscheibe herunter und winkte in den Himmel.
    Ich wechselte auf die Überholspur.

In den frühen Abendstunden erreichten wir die Pension. Sie lag auf einer kleinen Anhöhe, war umgeben von Bäumen und Sträuchern. Auf einem Stück Rasen war ein rostiger, mit Moos bedeckter Anker aufgestellt, daran befestigt war ein aus Planken gefertigtes Holzschild mit der Aufschrift »Het Anker«.
    Ich trug schon mal die Koffer hinauf und entlang des schmalen Flurs, während sie am Empfang die Tischglocke betätigte. Wieder unten angekommen, stand ein älterer Herr bei ihr.
    »Ah, dann musst du wohl der Mann ihrer Träume sein!«, begrüßte er mich herzlich.
    Ich lachte freundlich auf, sagte aber nichts.
    Er war etwas untersetzt, schnauzbärtig und trotz seines Alters und der damit verbundenen Falten im Gesicht, hoben sich die Sorgenfalten auf seiner Stirn deutlich ab. Er sei Piet, meinte er, einfach Piet.
    »Seit Greet, meine Frau, nicht mehr ist«, fuhr er fort, »fahre ich drei, manchmal vier mal im Jahr hier runter. Meine Frau war ja eher für die Berge – ich aber liebe die See. Tja, und nun nutze ich das eben aus!« Er lachte schallend.
    In der Zwischenzeit war auch die Inhaberin der Pension erschienen. Sie gab mir den Schlüssel und wünschte einen schönen Aufenthalt.
    »Sind außer uns noch andere Gäste hier?«, fragte ich Piet.
    »Nee nee«, antwortete er, »Hab mich schon gewundert, euch hier anzutreffen. Zu dieser Zeit kommen eigentlich nur Einsame, Alte oder einsame Alte wie ich hierher. Doch selbst die sind rar.« Er lachte wieder. »Und was treibt euch junges Volk in dies Kaff?«
    »Wir …« Ich stutzte kurz. »Wir wollten einfach mal wieder Abstand gewinnen.«
    Fragend blickte sie zu mir herüber.
    »Vom Job, der Stadt …«, ergänzte ich.
    »Ha!«, machte Piet, »Ihr Großstädter könnt euch nie entscheiden.«
    Mittels einer Geste gab sie mir zu verstehen, dass sie nun gern hinauf aufs Zimmer gehen würde. Ich fand Piet nicht unrecht, doch kam ihrem Wunsch nach.

Das Zimmer war so, wie sie es sich ausgemalt hatte. Klein, gemütlich und voller maritimer Dekoration. Und das Wichtigste: mit Meerblick. Ich ließ mich aufs Bett fallen und sah ihr beim Auspacken zu.
    »Willst du heute noch duschen?«, fragte sie mich, nachdem ich kurz eingenickt war, »Ich würde gern zuerst.«
    »Weiß noch nicht.«
    Sowie sich die Badtür schloss, schaltete ich den Fernseher ein. Dabei starrte ich die ganze Zeit aufs Meer. Selbst bei geschlossenem Fenster konnte man die Schreie der Möwen hören. Wellenrauschen. Und das Klimpern der Fahnenmasten. Als sich die Tür zum Bad wieder öffnete, füllte sich das Zimmer binnen kürzester Zeit mit einem zwar lichten, doch unausweichlichen Nebel aus Granatapfel und Kokosnuss. Für einen Moment war mir, als säße ich mit ihr auf irgendeiner gottverlassenen Tropeninsel fest. Ohne Entkommen.
    »Ist frei«, unterbrach es mich plötzlich in meiner Vorstellung. Ich erschrak.

Am nächsten Morgen planten wir beim Frühstücksbuffet unseren Tag. Als Erstes sollte es eine Leuchtturmbesichtigung sein, für hinterher hatte sie an einen Bummel durch den historischen Ortskern gedacht, der läge nämlich nicht weit von der Stelle weg, wo am Nachmittag eine Wattwanderung starten sollte, und für den Abend stand natürlich Essen gehen an. Sie fragte mich, nachdem ich eine Weile geschwiegen hatte, was ich dazu sage. Klinge gut, sagte ich.
    Der Tag verlief besser als erwartet. Das mag an den Einheimischen gelegen haben. Sie strahlten eine gewisse Unbeschwertheit aus, lachten laut und viel, ganz, wie man ihnen nachsagt. Vielleicht lag es auch an der salzigen Meeresluft, die ich schon als Kind gern gerochen hatte. Oder am Weitblick, zu dem die See einlud.
    »Ich könnte langsam was essen«, sagte sie.
    »Ich kenne ein gutes Fischrestaurant an der Uferpromenade.« Sie schaute mich ungläubig an.
    »Am Empfang lagen Flyer aus«, schob ich rasch hinterher. »Ist im Nachbarort.«
    Nachdem wir das Restaurant verlassen hatten, liefen wir zu Fuß zurück zur Pension. Es waren sicher sechs, sieben Kilometer. Sie griff nach meiner Hand, hielt sie fest und begann zu baumeln. Der Impuls ging immer nur von ihr aus. Ich hatte den rechten Zeitpunkt verpasst, mit zu baumeln. Es ist ähnlich wie beim Tandem fahren, dachte ich; der Vordermann bemerkt solange nicht, dass er das Gefährt allein bewegt, bis sich der Hintermann dazu entschließt, mit in die Pedale zu treten. So zogen wir durch die Straßen und Wege einiger Siedlungen am Stadtrand. Mir war zuvor nie aufgefallen, dass die Häuser hier, es waren eher Häuschen, klein und bunt, keine Vorgärten besaßen. Die Hauswände grenzten direkt an den Bürgersteig. Und als wäre das noch nicht merkwürdig genug, hingen keine Gardinen in den Fenstern. Die Passanten konnten ungehindert am Privatleben der Anwohner teilhaben.
    Ich erzählte ihr von meiner Beobachtung und merkte scherzhaft an: »Die scheinen wohl nichts zu verbergen zu haben.«
    Sie überlegte eine Weile. »Haben wir denn was zu verbergen?«
    Ich lachte.
    »Lass uns doch das letzte Stück am Wasser entlang laufen«, schlug sie vor, und wir liefen das letzte Stück am Wasser entlang.

Für den nächsten Tag hatten wir uns nichts vorgenommen. Das kam mir gelegen, war ich ohnehin noch erschöpft vom gestrigen. Wir verschliefen das Frühstück und ließen auch die Putzfrau nicht hinein. Es hatte sich festgeregnet, war nasskalt, was sich laut Wettervorhersage auch in den kommenden Tagen nicht ändern sollte. Ich drehte die Heizung auf. Sie wolle unbedingt noch Muscheln sammeln, sagte sie, daraus könne man tolle Dinge herstellen. Windspiele zum Beispiel. Oder man lege sie anstelle von Steinen in einen Zen-Garten. Ich wusste nicht, dass sie einen Zen-Garten besaß, ließ mir aber nichts anmerken.

Am späten Nachmittag – ich las ein Buch, und sie war gerade vom Muscheln sammeln zurückgekehrt – war es dann soweit. Sie legte ihren nassen Beutel aufs Fensterbrett über der Heizung, nahm mir gegenüber Platz und sagte mit ruhiger Stimme: »Lass uns reden.«
    Ich nickte.
    »Ich dachte«, begann sie, »wir wären hier, um den Alltag hinter uns zu lassen und wieder zueinander zu finden?«
    »Das sind wir.«
    »Ich habe das Gefühl, wir entfernen uns immer weiter voneinander.«
Mein Blick suchte das Fenster, gleichzeitig schenkte ich mir vom Rotwein nach. Der war ein Geschenk von einem befreundeten Ehepaar zu meinem Vierzigsten und sicher nicht ganz billig gewesen. Ich war mir unsicher, warum ich ihn eingesteckt hatte.
    »Was sagst du?«
    »Es tut mir leid«, sagte ich und wich noch immer ihren fordernden Blicken aus, »Ich glaube, ich stehe einfach neben mir.«
    Sie sah mich lange an. »Wo stehst du?«
    »Ich weiß es nicht.«
    Jetzt sah sie mich beinahe mitleidig an. Nach einer Weile stand sie auf und legte sich ohne ein weiteres Wort zu sagen hin. Ich zog meinen Parka über, nahm meine Stiefel und trat leise aus der Tür.

Es war böig und ein Sprühregen setzte ein. Der Himmel war wie zweigeteilt; oberhalb einer gedachten Linie stand eine dunkelgraue, fast schwarze Wolkendecke – unterhalb zog eine hellgraue, fast weiße. Ich lief einige Zeit auf dem gepflasterten Deichweg, ehe ich eine der vielen steilen Treppen hinab zum Wasser nahm. Die See aber hatte sich zurückgezogen und ebenso war der Strand zu dieser Jahreszeit nahezu menschenleer. Hier und da lagen bläulich schimmernde Quallenkadaver im schlammigen Sand – einmal steckte ein zerfledderter Regenschirm darin, den ich von Weitem für einen Klumpen Seetang hielt. In der Ferne sah ich die warmen Lichter des Fährschiffs. Es war ein unwirklicher Anblick, da es so aussah, als gleite das Schiff durch den Schlick.
    Vor einem Steinsteg blieb ich stehen. Mittlerweile war es dämmrig geworden. An dessen Ende, auf dem letzten Felsbrocken, hatten wir uns das erste Mal geküsst. Es war auf meiner Abschlussfahrt vor gut zwanzig Jahren gewesen. Sie hatte in einem dieser Souvenirläden gejobbt – so hatten wir uns kennengelernt. Am Tag vor meiner Abreise hatte ich es geschafft, mich für die Nacht von der Herberge abzuseilen; mit Mühe fanden wir noch ein freies Zimmer im Ort. Lange lauschten wir vom Bett aus dem Meer. Die Möwen schrien. Die Wellen rauschten. Die Fahnenmasten klimperten. Helena und ich haben uns seitdem nicht wieder gesehen.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden. Von innen klebte ein Zettel an der Tür. Ich ließ ihn ungelesen dort kleben, beschloss dafür, noch etwas länger zu bleiben.

Anmerkung von Oreste:

2014


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von fdöobsah (54) (31.12.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Oreste meinte dazu am 03.01.2019:
Tja. Das sind natürlich so Kommentare, nach deren Lektüre ich für etwa eine Woche wie ein menschgewordener Happy-Smiley herumhüpfe und ... nun ja, du weißt, was ich meine.
Deine redaktionellen Hinweise werden noch umgesetzt. Danke auch dafür!

Ein Glück, dass du wieder hier bist. Für mich, fürs Forum und überhaupt.

Lieben Gruß
O.
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drmdswrt
Kommentar von drmdswrt (31.12.2018)
Ein wunderbarer Erzählstil, der mich mitnimmt auf die Fahrt ans Meer. Und spüre ich zu Anfang noch Nähe und eine gewisse Vorfreude, so ende ich mit unendlicher Leere.
Was für eine Entscheidung, an diesen Ort zu fahren, um sich wieder näher zu kommen, ist ihm doch längst klar, dass die Distanz unüberwindbar geworden ist und hier alles ein Ende finden muss.

Schön, dieses bemerkenswerte Stück Prosa hier zu lesen. Ich hoffe, dass wieder mehr davon kommt. Ich könnte mich unter Umständen auch animiert fühlen.
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Oreste antwortete darauf am 03.01.2019:
Und gleich noch einer dieser Kommentare. Ihr macht mich fertig. Echt.

Vielen Dank dir!
O.
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Fisch
Kommentar von Fisch (31.12.2018)
"Mein Blick suchte das Fenster, gleichzeitig schenkte ich mir vom Rotwein nach."


Augenscheinlich hat der Autor vorliegender Kurzgeschichte diese um jenen Satz herumgebaut.
Glücklicherweise nahm derselbe davon Abstand, der Versuchung zu erliegen, das innovative Sujet der Nanoprosa dergestalt einzuführen, den Kartoffeltext gleich komplett fortzulassen.
Das wäre nämlich nicht im Sinne des Lesers gewesen.
Fisch
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Oreste schrieb daraufhin am 15.01.2019:
Kartoffeltext?
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Fisch äußerte darauf am 15.01.2019:
Privatneogolistisch für (hier: Text-) Beilage.
Ja meist ohnedies das Leckererere.
Tauchlichst
F.
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Oreste ergänzte dazu am 15.01.2019:
Da muss man erst mal drauf kommen!
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idioma
Kommentar von idioma (31.12.2018)
JA wirklich TOLL geschrieben !!!
Ungeschrieben, aber umso fühlbarer zwischen den Zeilen dieses lächelnd dahinplätschernden Lebens diese Traurigkeit, alles zu haben, "nur" die Liebe fehlt..........
( gipfelnd in dem ungelesenen Zettel an der Tür...... )

Danke für Dein Foto, das mir sofort sagte, wer Oreste ist !
idi
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Oreste meinte dazu am 15.01.2019:
Freut mich - danke dir! Ach ja, und: bitte.

O.
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IngeWrobel
Kommentar von IngeWrobel (01.01.2019)
Ich fühle mich ertappt! Genau so ist das Leben von zwei Menschen, die langsam begreifen, dass sie von verschiedenen Planeten stammen.
Mir gefällt der Respekt, mit dem Du die Beiden beschreibst.
Btw: Alles Gute für 2019!
Inge
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Oreste meinte dazu am 15.01.2019:
Ein schönes Kompliment, über das ich mich sehr freue, Inge. Ich danke dir!

Lieben Gruß
O.
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tulpenrot
Kommentar von tulpenrot (15.01.2019)
Hallo Oreste,

die ganze Stimmung und die holländische Umgebung in dem Text sind mir so vertraut! Jeden Sommer (ca. 40 Jahre lang) haben wir auf einer holländischen Insel verbracht. Daher hatte ich keine Mühe mich sofort in deinem Text heimisch zu fühlen.
Ich war dort immer glücklich.

Aber nun berichtet deine Geschichte vom Unglücklichsein, von einer Trennung, die sich leise vollzieht oder anders ausgedrückt, die du mit leisen Worten beschreibst, aber die mich als Leser trifft und richtig traurig macht. Dennoch habe ich den Aufbau, die Entwicklung der Geschichte gerne mitverfolgt. Es ist ein guter Text geworden!

Ich mache jetzt zwar keine ausführliche Textbesprechung, aber ein paar "Erzählkniffe" finde ich erwähnenswert:

Er und sie, bleiben namenlose Hauptfiguren, während Piet und Helena, die Nebenfiguren namentlich genannt werden . Das fiel mir auf.

Und dann die weiteren leisen/lauten Hinweise auf das kommende Desaster im Text.
Z.B. über diesen hier bin ich erschrocken:
Sie wählte einen deutlich längeren Rückweg, als es nötig gewesen wäre. Just, als ich ihren Gesichtsausdruck mustern wollte, schnitt ihr der schwarze Rahmen des Spiegels den Kopf ab.


Und die anderen (Auszug):
Sich in einem anderen Land zu befinden, dachte ich, heißt doch immer auch, sich Neuem zu öffnen. .------
»Ich habe das Gefühl, wir entfernen uns immer weiter voneinander.«
Mein Blick suchte das Fenster, gleichzeitig schenkte ich mir vom Rotwein nach. ------
Nach einer Weile stand sie auf und legte sich ohne ein weiteres Wort zu sagen hin. Ich zog meinen Parka über, nahm meine Stiefel und trat leise aus der Tür.
usw.

Die entscheidenden Themen (haben wir etwas zu verbergen? Wir entfernen uns von einander) werden vom Ich-Erzähler nicht beantwortet. Er weiß einfach nichts zu sagen. Will sich auch nicht entscheiden. Er lässt sich initiativlos treiben, macht halbherzig mit, aber verweigert sich dennoch stillschweigend.

Die Wiederholung der Szenenbeschreibung
vom Anfang ist bezeichnend:
Das Zimmer mit Blick aufs Meer, Möwen, Wellenrauschen. Und das Klimpern der Fahnenmasten.

am Ende:
Lange lauschten wir vom Bett aus dem Meer. Die Möwen schrien. Die Wellen rauschten. Die Fahnenmasten klimperten.

Wobei dies ja zu einer Rückblende gehört. Schon interessant, dass die jetzige Beziehung dort zu Ende geht, wo sehr lange davor eine andere Episode (?) stattfand. Dahin kehren also die Gedanken zurück - verständlich, dass der Prot. sich in diese schöne, noch heile Vergangenheit zurückfühlt und nach der Trennung dort verharren will.

LG
Angelika
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Oreste meinte dazu am 21.01.2019:
Hach, tausend Dank für deinen wundervollen, treffenden Kommentar, liebe Angelika!

LG
O.
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Oreste
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Veröffentlicht am 31.12.2018, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 24.01.2019). Textlänge: 1.600 Wörter; dieser Text wurde bereits 324 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 14.07.2019.
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