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Die Beschreibung des Nichts und der Verdrängung

Kurzprosa zum Thema Verlust


von Remy

Warum sehen Krankenhauszimmer eigentlich immer so ungemütlich aus, dass man sie am liebsten so schnell wie möglich verlassen möchte? Ist es vielleicht, weil man die Kranken motivieren will, gesund zu werden? Vielleicht dient die kalte nüchterne Gestaltung der Räume auch dem Zweck, dass die Kranken in Zukunft besser in ihrem Leben Acht geben, um nicht wieder in diesen Räumen zu landen. Also alles aus Gründen der Kapazität und Wohltätigkeit.
Wie auch immer. Mein Bettnachbar Alexander hat vor kurzem bei einem Sportunfall seine Knie so sehr zertrümmert, dass er seine Beine für die nächsten Monate oder Jahre, vielleicht sogar für sein gesamtes Leben, nicht mehr benutzen kann.
„Warum starrst du mich so an?“, lächelt Alex mir zu.
„Nur so, ich habe gerade über dich nachgedacht. Nichts von Bedeutung. Und ich habe mich gefragt, weshalb diese Krankenhauszimmer eigentlich so beschissen aussehen, dass man am liebsten aus den Bettlaken ein Seil basteln möchte, mit dem man wie an Dornröschens Haar die Krankenhausfassade hinab hangelt. Aber wenn das schief geht, dann endet man wie du.“
„Du bist ein Arschloch! Du realisierst es nicht.“, ruft Alex! Trotzdem lächelt er dabei. Er ist ein starker Mann. Ich respektiere ihn, gute Miene zu seinem tragischen Schicksal zu machen. Ich weiß gar nicht, wie alt er ist. Er müsste um die 30 Jahre alt sein.
Ich glaube, es ist sinnvoll, sich nach Unfällen oder schweren Krankheiten länger in einem Krankenhaus aufzuhalten und auszukurieren, auch wenn diese Räume das zu verhindern versuchen. Es gibt keinen Ort, an dem man sich besser weiterentwickeln kann, da man an keinem Ort stärker dazu gezwungen wird, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Besonders wenn man keinen Bettnachbarn besitzt. Ich bin froh, dass ich nicht alleine auf diesem Zimmer vor mich hinvegetieren muss, nicht gezwungen werde, mich jede Sekunde mit meinem Innenleben beschäftigen zu müssen. Ich kann mit Alex reden und das ist sehr viel wert.
Als Kind musste ich oft ins Krankenhaus. Meine Mutter hat damals meistens neben meinem Bett auf einem Klappbett geschlafen, damit ich mich sicher fühle und keine Angst habe. Es gab immer Gründe, weshalb ich ins Krankenhaus musste, aber die waren es nicht, weshalb ich mich nachts unsicher fühlte. Es war auch nicht direkt die Nacht, die mir Angst machte. Es war mein Schlaf, meine Träume. Ich hatte ständig Albträume und an Orten wie dem Krankenhaus blieb meinem Unterbewusstsein nichts anderes übrig, als mir immer wieder alle metaphorischen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man als Kind umgebracht werden könnte. Es war stets brutal. Heute denke ich über den Tod in Träumen, dass er die Phase einer Entwicklung aufzeigt. Das alte Ich stirbt, während das Neue erwacht. Als ich das letzte Mal von dem Tod geträumt habe – es ist nur ein paar Tage her – beugte er sich nachts in Form eines weiblichen Skeletts über mich. Ich habe sie umarmt, neben mich geworfen, sie geküsst und an mich gedrückt. Ich ließ sie nicht los und nahm ihr dadurch die Möglichkeit, mich in ihr Totenreich mitzunehmen. Ich habe sie mit meiner Liebe besiegt. Entweder war meine Kindheit von Veränderungen geprägt oder die ständigen Träume vom Tod wollten mir etwas anderes mitteilen, was ich bis heute nicht entschlüsseln konnte.

Ich bin in meiner Kindheit sehr oft umgezogen. Das hatte entweder familiäre Gründe, weil meine Mutter einen neuen Freund hatte und mit ihm zusammenleben wollte oder aus finanziellen Gründen. Entweder war das Haus zu groß und das Portemonnaie zu klein oder das Portemonnaie zu groß und die Wohnung zu klein. Dass ich dabei immer wieder meine Freunde verloren habe, das hatte meine Mutter leider nicht berücksichtigt. Ich mache ihr keine Vorwürfe mehr. Heute gibt es immerhin das Internet.
„Alex, ich hasse es hier! Hier gibt es nicht einmal W-Lan! Was geht eigentlich die ganze Zeit in deinem Kopf vor? Ich meine, wir haben hier nichts zu tun. Mir ist totlangweilig. Die Bücher sind scheiße, den Fernseher braucht man heutzutage gar nicht anzumachen und die gutaussehenden Schwestern kommen viel zu selten, um uns ein Zäpfchen zu geben!“.  Alex lacht laut auf.
„Du bist ein Idiot! Du realisierst es nicht.“
Auch wenn mich in meiner Jugend viele einen Idioten nannten, musste ich aus diesen Gründen nie die Schule wechseln. Ich hatte gelernt, Menschen so sehr zu verachten, dass sie für mich starben, zu Luft wurden, einfach gänzlich verpufften. Ich konnte jedes ihrer Wörter getrost ignorieren und widmete mich lieber alldem, was mir Freude bereitete. Und das war meine Tagträumerei. In meinen Träumen fühlte ich mich lebendig. Hier gab es nichts, was mich hielt – nicht einmal die Familie. Meine Jugend war so verkorkst, dass ich meiner Mutter stets den Tod wünschte. Wenn ich am Tage träumte, vergaß ich alles Negative um mich herum. Wenn ich mit dem Rad zur Schule raste, dann schloss ich stets für wenige Sekunden meine Augen und genoss die vorbeirauschenden Windzüge, die zwischen meinen gespreizten Fingern hindurch glitten und das Adrenalin, welches durch meine Venen strömte. Nie fühlte ich mich lebendiger als in diesen Momenten, auch wenn mir der Tod wohl näher war als das Leben. Vielleicht aber auch gerade deswegen.
Ich frage mich, wie Alex das alles aufgenommen hat. Wäre ich an seiner Stelle, ich wäre nicht so stark und würde mir wahrscheinlich wünschen, tot zu sein. Vielleicht hat er auch vor, sich umzubringen, aber kann es nicht. Bisher hat er auch keinen Besuch empfangen. Das ist auffällig. Ich warte auch darauf, dass meine Mutter sich endlich mal aufrafft, mich zu besuchen. Es muss lange her sein, ich erinnere mich nicht mehr an ihr Gesicht. Es ist typisch für sie, nicht da zu sein, wenn ich sie brauche. Auf dem Klappbett lag sie damals wahrscheinlich auch nur, weil sie selbst nicht gerne alleine war.
Als es draußen bereits dämmerte und die Schwester auf mein Zimmer kam, um ihre üblichen Verpflichtungen zu erledigen, fiel mir erneut ihr melancholischer Blick auf. Ich hatte stets das Gefühl, sie würde sich um mich sorgen, dabei ging es mir gut. Sie erinnerte mich an meine Mutter, wie sie immer besorgt war, als ich Bäume hinaufkletterte, aber sie vertraute mir. Nie ging etwas schief!

Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, als ich mich wieder John Greens „Looking for Alaska“ widmete. Ich las es zwar auf Deutsch, aber der englische Titel war besser. Irgendwie regte es mich auf, dass den weiblichen Protagonisten in seinen Büchern, die ich meist über alles liebte, ihnen im Mittelteil des Werkes etwas Schlimmes passierte, weshalb man die zweite Hälfte seiner Romane einerseits mit einem Unbehagen las, andererseits weniger aufmerksam und gelangweilt. Nichts war uninteressanter als die Beschreibung des Nichts und der Verdrängung, welche in einem verbleiben, wenn  …
„Hey du, ist alles gut bei dir?“, höre ich Alex aus der anderen Zimmerecke fragen.
„Ehm ja, alles gut, wie kommst du darauf?“
Alex blickt nun mit den Augen der Krankenschwester zu mir rüber. Dann sagt er,
„Du wirktest gerade so abwesend und bist ein wenig blass im Gesicht. Ich glaube, du realisierst es nicht.“
Mir fällt keine Antwort auf seine Äußerung ein, deshalb schweige ich. Es ist kein Spiegel in Sicht. Vielleicht hat er recht, ich fühle mich seltsam, aber ich weiß nicht warum. Ich beschließe, mich schlafen zu legen, in der Hoffnung, dass es mir am nächsten Morgen besser gehe.
In dieser Nacht begegnet mir Alex im Traum. Es ist Sommer, der Himmel ist meeresblau, keine Wolke ist zu entdecken. Es ist das perfekte Wetter für einen Tag am See. Wir steigen auf unsere Räder, fahren über die wunderschönen Landwege zum Badesee. Obwohl es über dreißig Grad sind, sind wir die einzigen am kleinen Sandstrand. Wir springen ins Wasser. Es ist warm! Ich schwimme weiter raus, bis es mich ohne weiteres Zutun weiter hineinzieht, als würden die Gezeiten auch über diese Gewässer herrschen. Während ich mich einfach auf dem Rücken Richtung Seemitte gleiten lasse, höre ich Alex schreien. „Komm zurück! Komm zurück!“ Ich verstehe nicht, weshalb er das ruft, aber bemerke, dass es plötzlich dunkel geworden ist. Ich versuche wieder zum Ufer zurück zu schwimmen, aber bemerke, dass ich nicht vorankomme. Ich paddle wie wild mit den Händen umher, aber nichts passiert, ich treibe weiter. Ich hänge an etwas fest. Es zieht mich runter. „Alex, Alex! Hilf mir!“ Ich schreie so laut ich kann, aber ich kann Alex nicht mehr erkennen. Es ist zu dunkel und mein Kopf wird immer wieder unter Wasser gezogen. Während ich versuche, mit all meiner Kraft oben zu bleiben und vorwärts zu kommen, schlucke ich immer wieder Wasser. Es schmeckt nicht salzig, es schmeckt bitter! Die Farbe des Wassers, welches ich hochwürge und ausspucke ist schwarz. Plötzlich knallt es! Dann reagieren meine Arme und Beine nicht mehr und ich werde vollkommen unter Wasser gezogen!
„HILFE!“, schreie ich lautstark, während ich mich in meinem Krankenbett aufschrecke und in die Augen der Krankenschwester schaue. Sie sieht mich mit ihrem typischen Blick an. Ihre Hand liegt dabei auf meiner. „Alex, Heute ist die Beerdigung deiner Mutter, wir müssen los!“.
Ich realisiere nichts, aber erbreche in Tränen. Die Schwester nimmt mich in den Arm und hilft mir aufzustehen. Beim Verlassen des Raumes werfe ich einen letzten Blick zu Alex, um mich zu verabschieden. Doch sein Bett ist leer.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (21.03.2018)
Er bleibt an seinem Bett gefesselt.


Mal abgesehen davon, dass es korrekt "an sein Bett" heissen muss: Sind zum Zeitpunkt der Geschichte weder Rollstuhl noch Prothesen erfunden?
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Remy meinte dazu am 21.03.2018:
Es heißt "Er bleibt an seinem Bett gefesselt" und nicht "Er wird an seinem Bett gefesselt bleiben". Tempus beachten.
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princess antwortete darauf am 21.03.2018:
Hm.
Er bleibt an seinem Bett gefesselt
hieße, dass ihn jemand an sein Bett festgebunden hätte. Meinst du das so? Oder meinst du die  Redewendung? Oder was ganz anderes?

Jetzt habe ich mich an diesem einen Satz fest gebissen. Sorry.

Liebe Grüße
princess
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Remy schrieb daraufhin am 21.03.2018:
Ich meinte eigentlich seinen aktuellen Zustand und für die kommende Zeit, aber mir fällt auf, durch den Vorsatz kann man das missinterpretieren. Das stimmt schon. Und ich hätte "ist" statt "bleibt" schreiben können. Ich werde den Satz streichen! Danke.
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (21.03.2018)
Du hast gute Bilder für die Verdrängung gefunden.
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Remy äußerte darauf am 21.03.2018:
Dankeschön und Danke für die Empfehlung!
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (22.03.2018)
Anschlussfrage: Woran erkennt der Träumer in seinem Traum, dass ein Skelett (eigentlich mit zwei "t") weiblich ist? Macht der Träumer noch fix eine Beckenvermessung?
Sorry, dass ich nerve!
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Remy ergänzte dazu am 22.03.2018:
Der Träumer weiß das, ohne es wissen zu können. Es ist ein Traum. Ich hatte diesen Traum in Wirklichkeit. Und die Vermutung resultiert aus der Größe, Schulter- und Hüpftknochen des Skeletts.
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 22.03.2018:
Stimmt, während des Träumens hat man oft Gewissheiten ohne faktische Grundlage. Wobei "Ich hatte xy in Wirklichkeit" kein Argument sein darf in einem literarischen Text.
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Remy
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Veröffentlicht am 21.03.2018, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 30.03.2018). Textlänge: 1.515 Wörter; dieser Text wurde bereits 199 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2019.
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