Onkel Wolfgang und Tante Gisela

Anekdote zum Thema Erinnerung

von  Saira

Onkel Wolfgang war ein stiller Mann, ganz im Gegensatz zu seiner Frau – also meiner Tante, die gerne und viel redete. An meinen Onkel hatte sie oft etwas auszusetzen. Sie fand immer irgendeine Kleinigkeit, die sie ihm unter die Nase halten konnte. Er nahm es gelassen, schmauchte seine Pfeife, las in einem Buch oder in der Zeitung. Ab und zu nickte er zustimmend, sobald sie eine Pause machte, wobei ich glaube, dass diese Kopfbewegung nach den vielen Jahren automatisch erfolgte.

 

Ich war häufig zu Besuch bei meinem Onkel und meiner Tante. Meine Familie wohnte nur fünf Minuten von ihnen entfernt. Mein Cousin und ich waren in einem Alter und besuchten während der ersten vier Schuljahre die gleiche Klasse. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, spielten gerne Räuber und Gendarm, kletterten auf Bäume und wollten später mal heiraten … Es gab noch zwei jüngere, temperamentvolle Cousinen, die ziemlich nervig sein konnten, aber eigentlich waren sie weniger anstrengend als meine Tante.

 

Wir Kinder konnten uns ihrem Redeschwall leicht entziehen. Wurde es uns zu viel, verschwanden wir in ein anderes Zimmer oder gingen zum Spielen nach draußen. Mein Onkel hatte diese Möglichkeit nicht – oder zutreffender formuliert: er wagte es nicht. Er hörte scheinbar interessiert zu und wartete geduldig auf eine Gelegenheit, in seinen geliebten Schrebergarten gehen zu können. An den Wochenenden war es für ihn eine Überlebensstrategie. Da es im Haushalt immer sehr viel zu tun gab und meine Tante für diesen zuständig war, konnte er auf ruhige Stunden ohne sie hoffen.

 

Die Gesichter hellten sich sofort auf, wenn meine Tante zum Essen rief – und sicherlich nicht wegen ihrer mäßigen Kochkunst, sondern weil sie nun einen nicht unerheblichen Teil der Zeit mit Kauen und Schlucken zubringen musste.

 

An einen dieser Besuchstage erinnere ich mich besonders gern, denn es war einer der wenigen Tage, an denen mein Onkel mehr als nur „Ja“ oder „Nein“ sagte.

 

Es gab Grüne-Bohnen-Eintopf mit Schweinefleisch. Die Bohnen stammten vom Vortag aus dem Schrebergarten. Diese hatte mein Onkel sogar geputzt. Ich mochte kein Fleisch mit Fett und sortierte möglichst unauffällig, mit verschämtem Blick zu meiner Tante, das Fleisch an den Rand. Mein Onkel wusste das und freute sich schon auf die Extra-Fleischeinlage.

 

Wir saßen in erholsamer Ruhe am großen Esstisch, als meine Tante plötzlich so etwas wie ein Grunzen von sich gab. Sie zog langsam einen Faden aus dem Mund, betrachtete ihn und hielt ihn hoch. Dann warf sie meinem Onkel einen bösen Blick zu und schimpfte: „Du hest de Bohnen maal wedder nich richtig putzt un snippelt, Wolfgang!“

 

Der blickte nur kurz von seinem Teller auf, tauchte den Löffel in die Suppe und antwortete: „Nee, Gisela. Di is woll een vun diene Haar utfallen, de du op de Tähnen driggst!"

 

 

© Sigrun Al-Badri



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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (17.02.24, 14:58)
Den Dialektteil verstehe ich nicht. Funktioniert die Anekdote nicht auch ohne Dialekt?

 FrankReich meinte dazu am 17.02.24 um 15:29:
Du hest de Bohnen maal wedder nich richtig putzt un snippelt, Wolfgang!“

Ü.: "Du hast die Bohnen mal wieder nicht richtig geputzt und geschnippelt, Wolfgang!"


Nee, Gisela. Di is woll een vun diene Haar utfallen, de du op de Tähnen driggst!"


Ü.: "Nein, Gisela. Dir ist offensichtlich eines von Deinen Haaren ausgefallen, die Du auf den Zähnen trägst."

Ohne Dialekt würde der Anekdote m. E. die Authentizität und der Charme fehlen. Zwar könnte die Übersetzung in der Anmerkung erfolgen, in diesem Fall ist der Dialekt aber doch eigentlich mit etwas gutem Willen ganz verständlich. 🤔

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 17.02.24 um 15:32:
Sorry, ich habe vor allem den zweiten Teil auch "mit viel gutem Willen" nicht verstanden.

 Saira schrieb daraufhin am 18.02.24 um 18:16:
@Dieter Rotmund
 
Moin Dieter,
 
besser als Frank es dir erklärt hat, hätte ich es nicht tun können.

LG
Sigrun
 
@FrankReich
 
Moin Frank,
 
ich danke dir für deine Übersetzung sowie Erklärung an Dieter :)
 
Liebe Grüße
Sigrun

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 19.02.24 um 11:59:
Frank ist so eine Art Pressesprecher von Dir?

Das wußte ich nicht.

 Saira ergänzte dazu am 19.02.24 um 13:42:
Wer hat, der hat

Also wirklich Dieter, ich wollte doch nur nicht wiederholen, was Frank schon sehr gut erklärt hatte.

Für meine plattdeutschen Texte übersetzte ich größtenteils auf Hochdeutsch. Hier hatte ich tatsächlich geglaubt, dass die beiden Sätze auch so gut verständlich seien.

Das nächste Mal werde ich, um Verständnisproblemen vorzubeugen, in der Anmerkung eine Übersetzung einstellen.

Liebe Grüße
Sigrun

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.02.24 um 14:00:
Danke!  :)

 FrankReich meinte dazu am 19.02.24 um 18:52:
Na ja, Dieter, eigentlich wollte ich Dir nur beweisen, dass ich kein Besserwisser bin, sondern wirklich alles besser weiß. 😂😂

 Graeculus (17.02.24, 16:18)
Sehr schön erzählt. Da hat sich der Onkel einmal gewehrt.

Gestern habe ich eine dazu passende Anekdote gelesen. Ein Griechisch- und ein Lateinprofessor, beide Engländer, sind befreundet und auf dem gemeinsamen Heimweg von der Universität. Der Griechischprofessor ist glücklich verheiratet, aber seine Frau befindet sich unterwegs in London; der Lateinprofessor ist verheiratet. Dieser sagt, als die beiden sich trennen: "And so we part, you to your empty house and I to the bosom of my family, each envying the other."
Dein Onkel entspricht dann eindeutig dem Lateinprofessor.

 Saira meinte dazu am 18.02.24 um 18:17:
Moin Graeculus,

die Figur des Lateinprofessors würde in der Tat der meines Onkels entsprechen. Zufälle gibt´s! :)

Danke für dein Lesen und Kommentieren!
 
Liebe Grüße
Sigrun

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.02.24 um 14:01:
 
der Lateinprofessor ist verheiratet. 



Das scheint keinen rechten Sinn zu ergeben...

 Graeculus meinte dazu am 19.02.24 um 14:25:
Ohne den Zusatz "glücklich", wie beim Griechischprofessor.

Daß man sowas erklären muß!

Antwort geändert am 19.02.2024 um 14:27 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.02.24 um 14:53:
Achso.

Sorry, dass ich irritiert war!

 AchterZwerg (17.02.24, 16:43)
Authentisch und auf eine stille Art charmant.
Wie der Onkel halt. ;)

Liebe Grüße
Heidrun

 Saira meinte dazu am 18.02.24 um 18:18:
Danke, liebe Heidrun, für deinen reizenden Kommentar! :)
 
Herzliche Grüße
Sigi

 plotzn (18.02.24, 10:12)
Hehe, da hat sich der Onkel aber mal so richtig schlagfertig gewehrt, Sigi. Ich kann mir vorstellen, dass am tisch großes Gekicher und Gelächter ausgebrochen ist...

Liebd Grüße
Stefan

 Saira meinte dazu am 18.02.24 um 18:19:
Moin Stefan,
 
wie recht du hast! Ich weiß noch, dass meine Tante nach Luft schnappte und wir Kinder kicherten und lachten :P
 
Danke für dein Feedback!

Liebe Grüße
Sigi

 Teo (18.02.24, 10:19)
Sigi!!!!!
Dat war ja wie bei uns früher, ich glaubs ja nich!
Grüne Bohnen...hör bloß auf, als die erwähnt wurden, wollt ich aufhören zu lesen. Ne ne ne...
Entsetzte Grüße 
Teo

 Saira meinte dazu am 18.02.24 um 18:21:
Oh mein Gott, Teo, habe ich an einem Trauma von dir gerührt? Das tut mir jetzt echt leid. :dizzy:
 
Die Bohnen fand ich gar nicht schlimm, aber noch heute schüttelt´s mich vor Fleisch mit Fett. Es war die Nachkriegsgeneration, die viel hatte hungern müssen. Ihre Körper verlangten nach Fett. Schieres Fleisch wäre außerdem zu teuer gewesen.
 
Mir reichten Kartoffeln, Gemüse und Sauce.
 
Liebe Grüße
Sigi
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