Nachttopf.

Erzählung zum Thema Erinnerung

von  franky

Mein Vater sitzt am Esstisch und ist dabei,

seinen Frühstückskaffee und Butterbrot zu verzehren.

Ich war damals etwa sieben Jahre alt und stand in der Nähe, sah ihn beim Essen zu.

Plötzlich veränderte sich seine Miene zu einer Krimasse

und schaut mich mit einem stieren Unheil verheißendem Blick an.

Vaters graublaue Augen quollen drohend aus den Höhlen,

so dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Er hat seinen Löffel abgelegt, sein Blick begann sich

von unten nach oben zur Küchendecke zu bewegen.

Mit meinem kindlichem Gemüt konnte ich diese Gebärde nicht recht entschlüsseln?“  

„Soll ich frisches Wasser vom Brunnen holen?

Das war’s nicht.

Und seine Augen rollten wieder und wieder von unten nach oben an die Küchendecke.

In meiner Verzweiflung fing ich an zu schlottern und zu weinen.

Das brachte Vater anscheinend zur Raserei, so dass er schließlich einen wilden, lauten  Fluch herausbrüllte: „Kreiz Kruzifix!“ Mit der Faus auf den Esstisch schlug,

so dass dann die Kaffeetasse klirrend hochschnellte

und der braune Kaffee in alle Richtungen herausspritzte.

Als ich noch immer nicht kapierte, was er meinte,

sprang er wütend hoch und griff zur Rute,   

was mich veranlasste, blitzartig die Flucht zu ergreifen.

Hinaus aus der Küche, hinauf über die Hühnerleiter ähnliche Treppe

in den oberen Stock, des über hundertjährigen Gebäudes, wo sich die Schlafzimmer befanden.

Im Vorraum stieß ich auf das Corpus Delicti,

in Form eines bis zum Rande übervollem Nachttopf.  

 

Wenn fünf Kinder und zwei Erwachsene Nachts ihre Notdurft verrichteten,

war so ein einfacher Nachttopf unweigerlich oft bis oben hin zum Rand gefüllt.

Und dieses ekelhaft riechende Gefäß sollte ich nun ins Freie transportieren,

ohne mich mit der stinkigen Brühe von oben bis unten zu bekleckern.  

Dieses Vorhaben war vom Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Mit vor Angst zittrigen Händen versuchte ich dieses Nachtgeschirr vorsichtig hochzuheben.

Der Urin schwappte über den Rand und hinterließ am Fußboden eine gelbliche Spur.

An meinem Hemd und Hose fanden sich unzählige Flecken von Urin.

Das einzige WC befand sich auf der anderen Seite des Hauses,

in einem kleinen Häuschen im Freien.  

 Diesen langen Weg konnte man Nachts niemand zumuten,

so wurde der (Scherm) so hieß das Gefäß auch im Volksmund auch von den Erwachsenen benutzt und ich war nun der Latrinenmeister.

Ersatzkleider hatte ich keine zu Verfügung, so blieb mir keine Wahl,

und musste im kalten Winter wieder meine schwarze kurze Lederhose mit langen dicken Strümpfen überziehen. Mit dieser Aufmachung schämte ich mich in die Schule zu gehen, was bei meinen mäßigen Leistungen in der Schule auch nicht gerade förderlich war.

Das alles war eine unglückliche Kettenreaktion, die so nicht voraussehbar war. 



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Kommentare zu diesem Text


 willemswelt (12.03.24, 08:56)
o ja,Franky-ich erinnere mich auch noch an unangenehme Nachttopferlebnisse,auch wenn sie zum Glück nicht ganz so dramatisch zugingen wie in deinem Falle-einen Gruß,Willem

 lugarex (12.03.24, 10:02)
wieder aktuell geworden!

gruss luga

 Gabyi (12.03.24, 10:18)
"Vaters graublaue Augen quollen drohend aus den Höhlen,"
kommt mir irgendwie absolut komplett bekannt vor!
Aber beim Topf gab er bei mir - zum Glück - Ruhe.
Gut beschriebene Erinnerung von dir.

LG
Gabyi


Kommentar geändert am 12.03.2024 um 10:19 Uhr

 Pfeiffer (12.03.24, 15:58)
Lieber Franky,

Eine Horrorgeschichte! Kein Wunder, dass dich die Erinnerung daran bis heute peinigt. Ich hoffe und wünsche dir, dass es auch schöne Momente/Zeiten in deiner Kindheit gab, an die du gern zurückdenkst.

Ein herzlicher Gruß
von Fritz

 AchterZwerg (12.03.24, 18:55)
Mir fällt wieder einmal auf, dass viele Eltern ihre Kinder damals als eine Art Lakaien betrachteten, zum absoluten Gehorsam verpflichtet.
In meiner Familie mussten wir Kinder beispielsweise sofort zur Tür stürzen (!), wenn Vater, von der Arbeit kommend, klingelte.

Und wehe, wehe, wenn ein zweites Läuten nötig war ...


Liebe Grüße

 Didi.Costaire (13.03.24, 15:41)
Hallo franky,

das ist wirklich krass. Du hast einiges durchgemacht.

Liebe Grüße,
Dirk

 harzgebirgler (13.03.24, 15:59)
hi lieber franky,

nachttöpfe als sammelobjekt
hat wirklich für sich einst entdeckt
prinz charles der inzwischen längst king
von england - ist das nicht ein ding?!
https://www.bernerzeitung.ch/das-auge-im-nachttopf-sieht-was-verborgen-bleibt-882999237090

grüße von henning

 FrankReich (12.04.24, 02:25)
🤢

Ciao, Frank
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