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Das öffentliche Haus

Text zum Thema Aggression


von Lala

Das öffentliche Haus


Es gibt keine Türen mehr. Nur noch die Toiletten haben Türen. Aber da sind viele Mieter auch schon toleranter geworden. Jedenfalls ist es so, dass die Wohnungen, dass die Häuser keine Türen mehr haben.

Ich gebe zu, auch ich habe schon häufiger meine Nachbarn besucht. Bei einem meiner ersten Besuche, waren sie mitten beim Essen. Ich stellte mich dazu und beobachtete sie.

Wie die gegessen haben - schrecklich.

Und worüber die sich unterhalten haben?
Entsetzlich.

Aber am schlimmsten war der Wein, den sie zum Essen ausgewählt hatten. Das habe ich ihnen dann auch gesagt. Sonst hätte ich es keine fünf Minuten länger mehr ausgehalten.

Da baut sich dieser Wichtigtuer von Vater doch daraufhin vor mich auf, und fängt an, ausgerechnet mir etwas von Esskultur zu erzählen. Nur weil ich gesagt habe, dass der Wein zum Fisch und nicht zum Braten gehört. Das war eine Info. Nett gemeint. Aber der stellt sich hin und poltert mich an: wer ich denn bitteschön sei? Ich hätte ja gar keine Ahnung. Da habe ich ihm gesagt, das es mein Job sei, so etwas zu wissen.

Sagen wir es so: die Situation wurde daraufhin unübersichtlich und natürlich stand bald das halbe Haus im Esszimmer meines Nachbarn und es bildeten sich Fraktionen.

Es wurde heftig über den Wein, die Diskussionskultur gezetert, geschrien, gestritten oder mit großer Geste theatralisch abgewunken, bis der Jüngste aus der immer noch am Esstisch sitzenden Familie, den Kassler-Ananas Braten wieder auf den Teller kotzte und sagte: Ihm sei schlecht. In dem Moment kam der Hausmeister, die letzte Ordnungsinstanz, und hat alle gebeten den Raum zu verlassen.


Solche Situationen passieren jetzt häufiger. Du hast keine Türen, die du zumachen kannst. Immerzu kommt und geht einer. So richtig weiß ich auch nicht mehr wo meine Wohnung ist.

Als die Ersten Mieter damit begonnen hatten ihre Schlösser und bald darauf die Türen rauszunehmen, verbreitete sich dieser Trend wie ein Lauffeuer. Alle fanden es großartig sich frank und frei verhalten zu können. Ich aber habe nicht gleich mitgemacht und wusste nicht was ich davon halten sollte. Am Ende war ich ziemlich isoliert.

Wenn ich rausging, dann fühlte ich mich wie ein Anzugträger auf dem FKK Strand. Ziemlich deplatziert. Die anderen guckten dann auch so. Wenn ich dann wieder in meiner Wohnung war und die Tür hinter mir zuzog und abschloss, habe ich die Leute draußen trotzdem hören können.

Die vielen Türen, die den Schall gedämmt hatten, fehlten und so kam ich nicht umhin, weiter zu hören, was sie murmelten, was sie erzählten und welchen Spaß sie dabei hatten. Da fühlte ich mich schon ein bisschen allein.

Aber eigentlich schraubte ich meine Tür erst ab, an dem Tag wo jemand – das muss man sich mal vorstellen – Merlot als die Königin der Trauben pries. So ein Schmarrn. Es gibt nichts langweiligeres als Merlot. Furchtbar. Da bin ich dann raus und habe dem Manne erklärt - vom Glasboden bis zum Korkverschluss - wie Wein gemacht wird und das ein Wein der gekelterte Augenblick eines Lebens ist. Wie ein Flaschengeist, kann er Wünsche erfüllen. Ein Merlot verkörpert höchstens den Wunsch sich zu entleeren.

Natürlich kamen auch zu diesem Streit wieder viele Mieter zusammen und man stritt sich bis der Hausmeister kommen musste. Aber ich lernte an diesem Tag interessante Menschen kennen, die schon länger ohne Türen lebten.


Früher hättest du einen natürlich angezeigt, der sich einfach in dein Wohnzimmer plauzt und dir Vorträge darüber hält, wie Scheiße deine Inneneinrichtung ist. Aber das erträgt man jetzt oder ruft zur Not den Hausmeister und in der Regel sagt sowieso keiner mehr was er denkt.

Ich vermute, dass es sich evolutionär entwickelte, dass die meisten, die zu Dir kommen selbst die schrägsten Puttenfiguren und das hässlichste Wandgemälde ganz toll finden. Das ist wie mit dem Handschlag: man gibt sich die rechte Hand und signalisiert, dass man nicht zum Schwert greift. Natürlich gibt es auch die Anderen. Mir hat man auch schon gesagt ich sei so ein aggressiver Typ, der immer gleich persönlich und verletzend werde, wenn ihm etwas nicht gefalle und der das Prinzip der neuen Offenheit, manche sagten sogar: Offenheit 2.0 nicht verstanden hätte. Aber das ist Blödsinn. Ich bin eben jemand der gerne Tacheles redet und die Wahrheit sagt.

Die Kehrseite der Medaille der fehlenden Türen und Schlösser ist, dass die Vollidioten und die Psychos auch ihre Türen abgeschraubt haben und sich heute so wohl fühlen wie ein Fisch im Wasser.

Ein Freund von mir meinte zynisch lächelnd, dass die ihr Glück kaum fassen konnten, als die ersten Mieter die Türen abschraubten. Als ich ihn fragte wie ich das verstehen dürfe, führte er aus, dass in seinen Augen 99,9% aller Mieter schon immer einen leichten bis mittelschweren Dachschaden hätten. Er sagte:
„Jetzt wo alle freie Sicht aufeinander, alle sich voreinander entblößt hätten, würden die Macken nicht mehr auffallen.“
Es mache eben keinen Unterschied, ob man vor oder hinter einer Tür sei. Du bist nie für dich allein. Hier bin ich Mensch hier darf ich sein? Das „hier“ sei überall. Und die eine Umdrehung mehr, die einem zu einem pathologischen Fall, zu einem Psycho mache, die falle doch nicht mehr auf, oder? Und nachdem er das gesagt hatte, grinste er mich blöd an.

Soviel zur Theorie, praktisch gesehen waren die Vollidioten einfach lästig. Sie zu reizen kann unangenehme Folgen haben. Manche begegnen diesem Problem mit dem Zettelchen Prinzip. Sie lächeln sich an, finden alles großartig und stecken sich geheime Botschaften zu, wie: Frau B. sei ein Psycho oder die Wohnung hässlich und sie eine Schlampe. Frau B. wird das selbstverständlich nicht direkt gesagt. Ich weiß nicht, mich erinnert das irgendwie an das Türenprinzip. Vielleicht hatte es doch was für sich? Die eigenen vier Wände waren eine heuchelfreie Zone. Die gibt es nicht mehr. Man wurde auch nicht ständig belästigt mit diesem privaten Müll. Manche haben’s drauf und erzählen ungeniert – auch wenn du nur zufälligerweise vorbeikommst – von ihren Orgasmusproblemen. Furchtbar. Das hat es früher nicht gegeben. Oder dass im Flur alle ihre Urlaubsbildchen hinhängen. Unlimited Dia Show. Alles ist im Grunde ganz furchtbar aufdringlich geworden.

Neulich guckte ich mich mal so um, und ging von Wohnung zu Wohnung, da kam eine Mutti zu mir und textete mich zu. Ob ich von Celine gehört hätte und von Fügung, Schicksalsschlägen und Außerirdischen. Bitte?
Als ich dann etwas grob wurde, kamen gleich andere Tanten um die Ecke und nannten mich eklig. Ich habe dann gebrüllt, dass sie mich mal könnten und, dass es mir scheißegal sei ob diese Celine einen Dachschaden oder von Aliens entführt worden sei, ob sie ihren Mann verloren hätte oder ihr Dackel von einem Zug überfahren wurde! Was wüsste ich denn, herrgottnochmal.

Als ich das mit dem Mann und dem Dackel gesagt hatte, sind die Furien richtig abgegangen: das sei ja das Mieseste was sie je gehört hätten, denn diese Celine hätte kürzlich ihren Mann verloren und das hätte doch auch groß und breit unten am schwarzen Brett gestanden und in Celines Küche hinge doch auch der Abschiedsbrief. Mir verschlug es augenblicklich die Sprache und ich wagte nicht mehr zu fragen ob es der Abschiedsbrief von ihrem Hund oder ihrem Mann sei. Zur Strafe musste ich eine Woche lang in meiner Wohnung bleiben.

In der Zeit überlegte ich, ob ich nächstens durch jede Wohnung marschieren und alles lesen müsse? Jeden privaten – privaten? – Tagebucheintrag, jeden weinerlichen Furz eines hormonell fehlgesteuerten Backfisches? Da ich es nicht wusste beschloss ich, mich vorerst zurückzuhalten und einfach mitzumachen.




Morgens finde ich mich in irgendwelchen Wohnungen wieder. Ich spreche nicht mehr viel und lächle viel. Das mit den Zetteln funktioniert leidlich, aber man muss auch aufpassen, wem man was steckt. Wie sich das weiterentwickeln wird, weiß ich nicht. Manche haben wieder angefangen, Türen einzusetzen, aber, wenn die sich blicken lassen, wird denen die Hölle heiß gemacht. Noch bedenklicher scheint mir der neueste Trend zu sein: Spiegel vernichten. Hat schon ganz schön um sich gegriffen; ich habe mich schon lange nicht mehr gesehen.

Anmerkung von Lala:

Ein brechalter Text, aber ich mag ihn sehr.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Sylvia
Kommentar von Sylvia (08.06.2010)
So, nun hab ich meine 3D Rosarote Brille auf und sehe zu....hm, aha, soso, naja, äh, ok,nein, schande, witzig, schnief,oooch, ach, ....
Sylvia :o)))
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Lala meinte dazu am 08.06.2010:
Hallo sylvia,

rosarote 3D Brille? Wow, kann ich die auch haben? Ansonsten stimme ich zu, bis auf das „nein“.

Gruß
Lala
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Sylvia antwortete darauf am 08.06.2010:
NEIN, du bekommst meine supi 3D nicht....jaja, klar, dass du nicht mit "nein" übereinstimmst.....
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Kommentar von Pulitzer (45) (08.06.2010)
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Lala schrieb daraufhin am 08.06.2010:
Hallo Pullitzer,

da bin ich ja froh, dass ich das entsetzlich fette „Hallo!?“, was da früher noch vor dem Satz mit der „Info“ stand, schon selbst entfernt habe. Allerdings frage ich mich, ob dieser anbiederische contemporary Tonfall zu diesem Erzähler passt – notgedrungen passt, passen muss.
Wenn die Idee funktioniert haben sollte, dann ist das aber schon mal ein Anfang.

Gruß
Lala
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Kommentar von janna (60) (08.06.2010)
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Kommentar von Alegra (41) (08.06.2010)
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Lala äußerte darauf am 08.06.2010:
Hallo Alegra,

danke, dass es Dir gefallen hat. Meine auch ;)

Gruß

Lala
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Isaban
Kommentar von Isaban (08.06.2010)
Ja, doch, gefällt auch mir immer noch gut!
Gut bebildert und übertragbar.

Liebe Grüße, Sabine
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Lala ergänzte dazu am 08.06.2010:
Hallo isaban,

schön wenn Dir der Text noch immer gefällt und beruhigend zu wissen, dass er weiterhin übertragbar ist.

Gruß

Lala
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Kommentar von Dolphilia (48) (08.06.2010)
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Lala meinte dazu am 08.06.2010:
Hallo A.Dolphilia.O,

danke für Deinen Willkommensgruß. Gut zu wissen, dass der Deich noch bewohnt ist.

Gruß

Lala
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B.K. (19) meinte dazu am 10.06.2010:
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Lala meinte dazu am 10.06.2010:
OK. Dann sei jetzt brav und mach das nie wieder, ja? Mein Gott, er ist noch so, so unverdorben ...
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B.K. (19) meinte dazu am 10.06.2010:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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styraxx
Kommentar von styraxx (12.06.2010)
Der sogenannte „öffentliche Mensch“ hat hier nichts zu verbergen, nichts geschieht hinter verschlossenen Türen. Aber warum verschließen, wenn nichts als individualisierter Kleinkram dahinter steckt und an dem auf Teufel komm raus, alle teilhaben sollen – ob das gut geht? Im Großen und Ganzen stellt sich hier unweigerlich die Frage, wie viel Öffentlichkeit braucht der Mensch? Ich mag den Text sehr, den ich auch als Gesellschaftskritik lese. Gut durchdacht dieses Spiel mittels magischen Realismen. Sag ich mal so. LG
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Lala meinte dazu am 15.06.2010:
Hallo styraxx,

verspätetete Antwort von mir. Magischer Realismus? Da höre ich nicht ungern. Und das ist auch für mich eine der wesentlichen Fragen: und an dem (Anm.Lala:privaten) Leben auf Teufel komm raus, alle teilhaben sollen – ob das gut geht? Wir befinden uns sozusagen gerade im Reagenzglas von Web 2.0 oder schon 3.0. Danke für die Empfehlung.

Gruß

Lala
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Lala
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Veröffentlicht am 08.06.2010, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 08.06.2010). Textlänge: 1.317 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.560 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 16.09.2019.
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