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Todkäppchen, der böse Rolf und die noch bösere Großmutter

Geschichte


von Skala

Dramatis personae

Todkäppchen, Nomen est Omen;
der böse Rolf, sollte eigentlich Ralf heißen, aber das reimte sich nicht auf Golf;
die abgrundtief böse Großmutter, die zum Kannibalismus neigt;
Fräulein Saalfrank, ein kinder(v)erziehender Vampirfake;
zwei dumme Autobahnpolizisten;
eine Gänseblümchenfamilie, die auf grausame Weise den Tod findet;
ein Möchtegernzuhälter, der auch ziemlich ekelhaft stirbt;
ein illegaler Schnapsbrenner mit lyrischen Ambitionen



Einst geschah es in einem fernen Land, dass zur Geisterstunde eine junge Frau eine Tochter gebar und der stolze Vater vor lauter Freude tot umfiel.
Aus tiefster Gram und Schmach verweigerte die junge Mutter von Stund an jegliche Nahrungsaufnahme und verschied nicht lang nach ihres Geliebten Tod. Vor ihrem Ableben jedoch gab sie, von Rachegedanken erfüllt, ihrer Tochter den unheilvollen Namen „Todkäppchen“.

Todkäppchens Kindheit verlief nicht minder trist als ihr Start ins Leben. Sie wurde im Waisenhaus unter der strengen Hand des Fräulein Saalfrank großgezogen.
Fräulein Saalfrank war eine hartherzige Person. Ihre langen schwarzen Haare und ihre dunklen Kleider offenbarten ihren Hang zum Vampirismus, den sie in der Öffentlichkeit eigentlich zu verbergen pflegte, ihn jedoch hinter den grauen Mauern des Waisenhauses hemmungslos auslebte, in dem sie unschuldig verhaltensgestörte Kinder auf die Wuttreppe lockte und sie fernab von neugierigen Augen in die zarten Hälse biss.
So erging es auch Todkäppchen, die einen sehr zarten Hals vorzuzeigen hatte, mehr als einmal. Von Bisswunden gezeichnet vegetierte das Mädchen vor sich hin und es war nur eine Frage der Zeit, bis es ein Stadium vollkommener geistiger und seelischer Zerrüttung erreichen würde, als plötzlich etwas geschah, das Todkäppchens Leben von Grund auf verändern sollte.
Es war ein Brief, der Todkäppchens neues Leben ankündigte. Unscheinbar und klein lag er auf Fräulein Saalfranks Schreibtisch, als Todkäppchen auf ihren Ruf hin in das Büro ihrer Erzieherin eintrat.
„Setz dich“, forderte das schwarze Fräulein das Mädchen mit säuerlicher Miene auf. Todkäppchen, in banger Erwartung, erneut zu einer Bisssession auf die Wuttreppe geführt zu werden, ließ sich verkrampft auf der äußersten Stuhlkante nieder.
Doch Fräulein Saalfrank machte keine Anstalten, Todkäppchen zu ergreifen, mit sich zu ziehen und zu beißen. Mit frostigem Gesichtsausdruck schob sie dem Mädchen nur das Blatt Papier zu.
„Ich weiß, dass wir dir nie das Lesen und Schreiben beigebracht haben“, sagte sie. „In einer Welt voll von geistig und kulturell Unterentwickelten, die Eigenartigkeiten nur sehr bedingt tolerieren“ (mit einem zischenden Geräusch zog Fräulein Saalfrank die Luft durch ihre in einem kostspieligen Verfahren angespitzten Zähne) „brauchst du schließlich ganz andere Qualitäten, wie etwa Durchsetzungsvermögen und eine ebenso kräftige Linke, wie Rechte. Daher werde ich dir sagen, was in diesem Brief steht. Er ist von deiner Großmutter, die darauf besteht, dich bei sich aufzunehmen.“
„Aber Gebieterin“, wandte Todkäppchen mutig ein, „Ihr habt mir doch immer gesagt, ich sei ein ungeliebter Bastard aus der Hölle und zu nichts nütze, als zu Stillung Eures Durstes!“
Fräulein Saalfrank räusperte sich. „Nun“, meinte sie dann, „ich bin mir sicher, dass deine Großmutter rein eigennützige Absichten hat. Und nun komm her zu mir! Ein letzter Biss, bevor du gehst!“

Im Nachhinein, dachte Todkäppchen, als sie dem verhassten Waisenhaus für immer den Rücken kehrte, war der Abschied für sie durchaus glimpflich verlaufen. Nach einigen wenigen gierigen Schlücken Blut war das abgrundtief böse Fräulein Saalfrank von einem sehr menschlichen Bedürfnis heimgesucht worden.
„Du bleibst hier!“, hatte sie Todkäppchen befohlen und war schleunigst hinter der Toilettentür verschwunden. Todkäppchen ihrerseits, ungebildet aber nicht dumm, hatte die Beine in die Hand genommen und mit allen Unterlagen, die sie auf Fräulein Saalfranks Schreibtisch hatte finden können, den ungastlichen Ort verlassen.
Als sie so ganz allein auf der Straße stand, musste Todkäppchen zu ihrem eigenen Verdruss erkennen, dass sie eines nicht bedacht hatte: Sie hatte weder eine Ahnung, wo sie ihre Großmutter überhaupt finden, noch, wie sie deren Brief entziffern sollte, der vielleicht einige Hinweise darauf enthielt.
In ihrer Not wandte sie sich an einen freundlich dreinschauenden Herrn mit kurzem Haar, Sonnenbrille und Goldkette auf der behaarten Brust, der in einem dunklen Wagen am Straßenrand saß. Er stieg aus, gab ihr bereitwillig Auskunft und machte danach einige Bemerkungen, die Todkäppchen nicht wirklich verstand. Mit großen Kulleraugen starrte sie den Mann an.
„Bist du denn ganz alleine hier?“, fragte er und schob ein Kaugummi in seinem Mund herum. Mehrere Goldzähne blitzten.
„Natürlich“, antwortete Todkäppchen treudoof. „Ich bin aus dem Waisenhaus weggelaufen und ganz alleine.“
Der Herr beugte sich verschwörerisch zu ihr herunter. „Bist du denn noch Jungfrau?“
„Ich bin eine junge Frau“, erwiderte Todkäppchen.
Vorsichtig blickte sich der Mann um und als er sah, dass niemand ihn oder das kleine Mädchen beachtete, schnappte er sich Todkäppchen und warf sie rücksichtslos auf die Rückbank seines schwarzen BMWs. Er selbst quetschte sich wieder hinter das Lenkrad und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.
„Das tat aber gerade weh“, protestierte Todkäppchen.
„Schnauze da hinten“, gab der Mann zurück, der ihr jetzt irgendwie gar nicht mehr nett vorkam.
„Vorsicht“, warnte sie. „Ich heiße Todkäppchen und kann alle Menschen umbringen, wenn ich mein Käppchen aufsetze.“
„Häh?“ Der Mann schaute zweifelnd in den Rückspiegel. „Das ist doch erstunken und erlogen. Was für ’ne dämliche Story.“
Todkäppchen zuckte die Schultern. „Aus irgendeinem Grunde werde ich diesen bescheuerten Namen ja haben“, meinte sie. „Ist also ein Versuch wert.“ Sie zog sich die Kapuze ihrer Waisenhauskluft, die abzulegen sie noch nicht geschafft hatte, über den Kopf und der gar nicht mehr nette Mann fuhr mit Vollgas gegen einen steinernen Autobahnbrückenpfeiler.
Todkäppchen wurde durch das offene Schiebedach nach draußen geschleudert und landete seltsamerweise sanft neben dem Autowrack.
„Cool“, meinte sie, klopfte sich ein paar Krümel von der Kleidung und begutachtete die halb zerborstene Windschutzscheibe, die mit etwas verschmiert war, das Todkäppchen erfahrungsgemäß nach jahrelanger unfreiwilliger Spende als Blut identifizieren konnte. Bevor sie jedoch genauer nachsehen konnte, ob der böse Mann wirklich tot war, hörte sie ein durchdringendes „Tatütata“ und als sie nach links blickte, sah sie einen brennenden Lastwagen über die Autobahn rasen, über dessen Ladefläche soeben ein Polizeiwagen hüpfte dessen Scheiben mit irgendetwas verschmiert waren, was eine gute Sicht unmöglich machen musste. Dieser Polizeiwagen knallte mit voller Wucht in den Unfall-BMW während der Lastwagen noch ein Stückchen weiter fuhr und dann explodierte.
Die Türen des Polizeiautos öffneten sich und zwei nur leicht lädiert wirkende Männer stiegen aus. Der Größere pfiff beim Anblick des BMWs durch die Zähne. „Das hat aber ganz schön gerumst, nicht, Semir?“
„Sieht so aus“, erwiderte der Kleinere. Sein Blick fiel auf Todkäppchen. „Na, meine Kleine, was machst du denn hier?“
Todkäppchen legte den Kopf schief. „Wer sind Sie?“, fragte sie.
Der kleine Polizist, der sie angesprochen hatte, machte eine abwehrende Geste. „Nur zwei blöde Autobahnpolizisten, die jeden Tag zwei Autos zu Schrott fahren, die Hälfte ihrer Verdächtigen und Zeugen in die Luft fliegen lassen und eigentlich nur noch eingesetzt werden, entlaufene Senioren in ihre Pflegeheime zurückzubringen.“
„Cool“, meinte Todkäppchen. „Und was machen Sie jetzt hier?“
Der größere Polizist lächelte sie gewinnend an. „Wir warten jetzt, bis ein paar kompetente Kollegen auftauchen, die sich um den explodierten Lastwagen, den Unfallwagen und das kaputte Polizeiauto kümmern und dann bringen wir dich nach Hause.“
„Huckepack“, ergänzte der Kleine, „unser Auto können wir wohl nicht mehr dazu nehmen.“ Er lachte und stieß seinen Kollegen in die Rippen. „Gimme five!“

„Danke ihr beiden!“ Begeistert winkte Todkäppchen ihren neuen Freunden zu, die sie am Waldesrand abgesetzt hatten. Die beiden Polizisten winkten zurück so vital es ging (bei dem Kleineren hatten sich nach einiger Zeit leichte Rückenschmerzen eingestellt, die er mit einem Ausruf bedacht hatte, der nach „Kanlı cehennem zor kadın!” klang * ).
Erwartungsvoll drehte sich Todkäppchen um. Der Wald, den sie laut der Erklärung des erst netten aber dann gar nicht mehr netten Mannes durchqueren musste, um zum Haus ihrer Großmutter zu gelangen, wirkte dunkel und bedrohlich, aber Todkäppchen musste nur an das Waisenhaus zurückdenken, und schon erschien er ihr recht einladend zu sein. Frohen Mutes marschierte sie vorwärts über einen schmalen Pfad zwischen hohen Bäumen. Irgendwo in den Baumwipfeln sangen Vögel, das Sonnenlicht durchbrach stellenweise das undurchdringliche Grün der Blätter und sprenkelte den Waldboden mit funkelnden Lichtflecken und eigentlich war das Ambiente recht malerisch, überlegte Todkäppchen und passte so gar nicht in ihren Alltag und in die ganze Geschichte.
Als sie an einem besonders sonnigen Fleckchen Erde vorbeikam und dort ein paar wunderschöne Gänseblümchen vorfand, beschloss sie, ihrer Großmutter zum Dank einen Blumenstrauß zu pflücken. Überhaupt, so ganz ohne Mitbringsel konnte sie doch nicht bei der Frau auftauchen, die sie großmütig bei sich aufnehmen wollte.
Als Todkäppchen sich niederkniete und die Hand nach den zarten Blumen ausstreckte, hörte sie plötzlich eine leise Stimme: „Tu’s nicht!“
„Was?“, erwiderte Todkäppchen gereizt und schaute sich um.
„Hier, vor dir!“ Tatsächlich, das größte Gänseblümchen bewegte sich leicht. „Ich bin Vater Gänseblümchen und ich bitte dich inständig, verschone uns!“
„Warum?“, fragte Todkäppchen ungehalten.
„Weil“, fiepte die Pflanze, „eine Organisation namens „Grünpiss“ sehr daran interessiert ist, unsere Art am Leben zu erhalten. Womit sollen die hormongesteuerten Menschlein denn „Er-liebt-mich-er-liebt-mich-nicht“ spielen, wenn die Margeriten erst einmal ausgerottet sind?“
Einen Moment lang hielt Todkäppchen tatsächlich inne. Dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Mit Butterblumen“, erklärte sie. „Die haben fast immer fünf Blätter, dann kommt ohnehin immer das Richtige heraus.“ Rabiat rupfte sie den Stängel der kleinen Blume ab. Die anderen Gänseblümchen hatten nun auch ein lautes Gefiepe angestimmt, doch Todkäppchen ließ sich nicht beirren. Sie massakrierte jedes einzelne Gänseblümchen, und da ihr die Stängel zu kurz vorkamen, um einen vernünftigen Strauß daraus zu binden, knotete sie sie kurzerhand zu einem Kranz zusammen.
Mitten in der Arbeit wurde sie von einer männlichen Stimme unterbrochen. „Kann ich dir behilflich sein?“
Erschrocken blickte Todkäppchen auf. Sie sah sich einem Fremden gegenüber mit raubtierartigen Gesichtszügen, der sie jedoch warm aus seinen bernsteinfarbenen Augen ansah. „Keine Angst“, sagte er und ließ sich ihr gegenüber auf dem weichen Waldboden nieder. „Ich bin nur der böse Rolf.“
„Böse?“, hakte Todkäppchen nach.
„Eigentlich nicht“, korrigierte der Fremde seine eigene Aussage. Er musste jünger sein, als Todkäppchen zuerst angenommen hatte, stellte sie fest, doch tiefe Sorgenfalten zogen sich über seine Stirn. „Meine Eltern nannten mich immer ‚der böse Rolf’ weil ich so ein braves Kind war und sie wohl einel Antithesenmacke hatten. Eigentlich wollten sie mich auch Ralf nennen, aber das reimte sich nicht auf den Golf, in dem ich zur Welt kam, weil meine Eltern auf dem Weg ins Krankenhaus von so einer blöden Autobahnpolizeistreife angehalten wurden und so nicht rechtzeitig ankamen.“
„Ach so“, machte Todkäppchen, obwohl sie gar nichts verstand, nicht einmal Bahnhof, und wieso man den überhaupt verstehen sollte, hatte sie ohnehin nie wirklich verstanden.
„Und wer bist du?“, fragte der böse Rolf jetzt.
„Mein Name ist Todkäppchen“, erklärte Todkäppchen, „und ich bin auf dem Weg zu meiner Großmutter, die auf der anderen Seite des Waldes wohnt.“
Der böse Rolf erbleichte. „Was? Zu dieser abgrundtief bösen Frau? Da kannst du nicht hingehen!“
„Warum abgrundtief böse?“ Todkäppchen runzelte die Stirn. „Sie will mich unbedingt bei sich haben.“
„Wahrscheinlich, weil sie dich essen will“, prophezeite der böse Rolf düster und auf Todkäppchens fragenden Blick hin erklärte er: „Man erzählt sich, sie sei eine grausame Kannibalin. Angeblich soll sie ein Geschwisterpärchen, das halbverhungert des Weges kam und vor Verzweiflung ihre Dachpfannen anknabberte, mit Haut und Haaren verspeist haben!“
Todkäppchen fröstelte bei dieser Erklärung. Doch dann sammelte sie ihren Mut zusammen, stand auf und meinte: „Ich werde mir die Sache mal ansehen.“
Der böse Rolf seufzte und zog dann einen kleinen Kuchen aus der Innentasche seines Parkas. „Hier. Nimm ihr einen Muffin mit. Dann verspeist sie vielleicht den und nicht dich.“
„Danke!“, rief Todkäppchen erfreut aus und ging weiter ihres Weges.

Einige Zeit später traf sie auf einen Mann mit glasigen Augen, der vor einer schäbigen Hütte saß, inmitten vieler leerer und halbvoller Flaschen.
„Gott zum Grüße“, sagte Todkäppchen obwohl ihr der durchdringende Geruch einer Alkoholfahne beinahe den Magen umdrehte.
„Ich weiß leider nicht wie du aussiehst“, lallte der Mann. „Ich kenn’ auch nicht deinen Namen… scheißegal! Aber wie geht’s denn nu’ weiter? Verdammt…“ Er setzte eine Flasche an den Schlund und trank sie in einem Zug leer. 
„Ähm… besoffen?“, fragte Todkäppchen zögernd.
Plötzlich huschte ein Strahlen über das Gesicht des Mannes und seine Augen, obwohl glasig und tot, schienen zu leuchten.
„Gutes Kind, gutes Kind!“, rief er. „Besoffen! Das ist die Idee! Hier, nimmt eine Flasche meines selbstdestillierten Fliegenpilzschnaps. Macht nur auf Dauer etwas blind, schmeckt aber hervorragend! Oh, du meine Muse!“
„Danke!“, sagte Todkäppchen erstaunt, verabschiedete sich und ging weiter.

Bald darauf lief ihr erneut der böse Rolf über den Weg. Er schielte auf Todkäppchens überladene Arme. „Du bist also dem Schwarzbrenner begegnet?“, stellte er fest. „Und, hat er dich auch mit seiner Poesie beglückt?“
„War gar nicht so übel“, meinte Todkäppchen achselzuckend.
„Hmm“, machte der böse Rolf und zog eine große Plastiktüte aus der Tasche. „Bitte sehr. Für dich. Du schleppst dich doch zu Tode! Ist von Aldi.“
„Aldi?“
„Aldi, wo’s all die billigen Sachen gibt… ich hab’s nicht so dicke.“
„Du Armer“, sagte Todkäppchen, obwohl sie wieder einmal nichts verstand, aber dass ihr Mitleid angebracht war, fühlte sie.
„Halb so wild.“ Der böse Rolf spähte durch die Bäume, die langsam lichter wurden. „Noch ein paar Schritte weiter und du bist am Haus deiner Großmutter. Ich muss zu meinem Haus hier links abbiegen. Schön, dass wir uns getroffen haben. Weißt du, eigentlich wollte ich die nette blonde Schnalle von der Post um ein Date anhauen. Die hat mal beim Fernsehen gearbeitet, ganz leckeres Ding… aber“, er blickte Todkäppchen jetzt tief in die Augen, „ich bin froh, dass sie lieber mit Hans im Glück eine Affäre eingegangen ist. Meinte, der habe ihr mehr zu bieten. Na ja.“ Er nagte unentschlossen auf seiner Unterlippe herum. „Pass auf dich auf, ja?“
„Natürlich“, versprach Todkäppchen. „Und danke für den Muffin!“
Der böse Rolf winkte noch einmal kurz, drehte sich dann um und verschwand zwischen den Bäumen.
Todkäppchen trat aus dem Wald heraus und sah nun zum ersten Mal den Ort, der nun ihr neues Zuhause werden sollte. Es war ein einsames aber uriges kleines Haus, in dem ihre Großmutter lebte, auch wenn einige der roten Dachziegel etwas angeknabbert aussahen und ein großer Käfig an der Rückseite Todkäppchen ein mulmiges Gefühl verpasste. Dennoch klopfte das Mädchen gespannt an die Vordertür.
„Herein!“, tönte eine zittrige Stimme gedämpft durch das Holz und Todkäppchen drückte die Tür auf.
Was sie sah, verschlug ihr vorerst den Atem.
„Hallo Großmutter“, sagte sie scheu.
„Ach, hallo Kind!“ Die alte, kräftig gebaute Dame, die am Herd in einigen Kochtöpfen herumrührte, drehte sich um und musterte Todkäppchen. „Komm, leg erst einmal deine ganzen Sachen ab!“
Todkäppchen gehorchte und legte die Aldi-Tüte sowie ihr schwarzes Cape auf der Küchenbank ab.
„Großmutter“, fragte sie dann, „warum machst du so große Augen?“
„Damit ich dich besser einschätzen kann, Kind“, antwortete die alte Frau und überprüfte nun auch noch mit den Fingern den Umfang von Todkäppchens Oberarmen. „Meine Güte, Kind, du bist aber auch dürr!“
„Und warum“, Todkäppchen kniff die Augen zusammen und musterte den Inhalt der Kochtöpfe, „kochst du Menschenhände?“
„Damit sie weicher werden und ich sie besser kauen kann.“
„Und warum“, angstvoll drehte Todkäppchen sich um, „hältst du ein riesiges, bluttriefendes Fleischermesser direkt vor meine Nase?“
„DAMIT ICH DICH BESSER IN STÜCKE SCHNEIDEN KANN, HAAAAAHAAAAA!“
Mit irrem Gelächter stürzte die Großmutter auf Todkäppchen zu, die verzweifelt zur Seite sprang und nach ihrem Cape mit dem Käppchen suchte. Ohne selbiges war sie verloren.
Wieder holte die irre alte Frau mit dem Messer aus. In ihrer Not rief Todkäppchen: „Du willst mich also schlachten? Wie wäre es denn mit einem Muffin und einem kräftigen Schluck als Aperitif und Vorspeise?“
„Muffin? Kräftiger Schluck?“, echote ihre Großmutter. „Klingt gut. Und danach vernasche ich dich als Hauptgang!“
Todkäppchen schnappte sich die Aldi-Tüte und reichte der alten Frau den Inhalt. Diese schluckte nach einem kurzen, prüfenden Blick zuerst etwa die Hälfte des Schnaps herunter, ohne sich irgendetwas anmerken zu lassen und grinste dann dämonisch Todkäppchen zu. „Guter Tropfen!“ Dann stopfte sie sich den ganzen Muffin in einem Stück in den Mund. Zuerst schien es dem verzweifelten Todkäppchen, als würde sie diesen auch wie Wasser herunterschlucken, doch plötzlich erstarrten die Gesichtszüge ihrer grausamen Großmutter. Sie griff sich an den Hals, gab ein Röcheln von sich, und fiel dann langsam nach hinten um. Bedauerlicherweise direkt in ihr eigenes Fleischermesser.
In dem Moment flog die Tür auf und der böse Rolf stürmte in die Stube. Erschaudernd warf er einen Blick auf die Leiche. Dann sah er Todkäppchen in die Augen. „Du lebst! Ich wusste nicht… ich hatte so ein seltsames Gefühl und wusste nicht, ob ich noch rechtzeitig kommen würde.“ Er schielte auf die Kuchenkrümel auf dem Boden. „Der Muffin war vergiftet. Hat dir das geholfen?“
„Denke schon“, sagte Todkäppchen zögernd. „Aber ich glaube eher, sie ist dran erstickt, weil sie der Alkohol außer Gefecht gesetzt hat. Was machen wir jetzt mit ihr?“
Der böse Rolf kratzte sich nachdenklich an der Nase. „Am besten, wir schneiden sie auf, füllen sie mit Wackersteinen, nähen sie wieder zu und werfen sie irgendwo ins Wasser. So macht man das heutzutage.“
„Fantastische Idee“, lobte Todkäppchen anerkennend.
„Ach so“, fügte der böse Rolf hinzu. „Und dann müssen wir natürlich noch heiraten, damit das Happy End stimmt, und ich muss mich dir als verwunschener Prinz offenbaren, der nur durch die Ermordung einer alten, irren Kannibalin von seinem Fluch befreit werden kann.“
„Stimmt das?“, fragte Todkäppchen mit vor Staunen offenem Mund.
Der böse Rolf zuckte die Schultern. „Keine Ahnung“, sagte er. „Aber so geht’s doch immer aus, oder etwa nicht?“

Anmerkung von Skala:

* Für eventuelle Übersetzungsfehler haftet nicht die Autorin!



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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Sanchina (15.10.2010)
Herrlich, diese Märchen-Parodien. Ich hab soeben beide gelesen und jetzt hab ich ein Problem: ich kann mich nicht entscheiden, welche von beiden ich besser finden soll. grins!
Gruß, Barbara
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Skala meinte dazu am 15.10.2010:
Herzlichsten Dank!
Wenn die Entscheidung zu schwer fällt, es sind noch weitere in der Mache
Liebe Grüße, Ranky.
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Kommentar von Herr_Beil (49) (15.10.2010)
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Skala antwortete darauf am 15.10.2010:
Ich jetzt auch, dank der Empfehlungsklicks!
Grinsegrüße, Ranky.
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Kommentar von Alegra (41) (15.10.2010)
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Skala schrieb daraufhin am 16.10.2010:
Wenn schon, denn schon
Danke und liebe Grüße!
Ranky.
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Kommentar von Scrag (23) (21.11.2010)
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Skala äußerte darauf am 21.11.2010:
Mr. Scraggy, es ehrt mich!
Gruß zurück, Ranky!
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Kommentar von BBA (45) (27.03.2011)
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Skala ergänzte dazu am 27.03.2011:
Genügend Sonne und Musik tanken, Schoki-(Nutella)Dope (meine Mutter unterstellt mir zumindest eine Form der Sucht), erbliche Vorbelastung... trifft wohl alles zusammen!

Herzlichen Dank! Ranky.
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Kommentar von LiaFail (45) (30.03.2011)
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Skala meinte dazu am 30.03.2011:
*smile* Dankeschön, auch für die Klicks!
Liebe Grüße, Ranky.
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Kommentar von janna (66) (26.06.2012)
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The life and lies of Schrumpelstilzchen oder "Das ist der Wahrheit, Baby, und nichts als der Wahrheit!"InhaltsverzeichnisRapunzel und der teuflische Barbier
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Dies ist ein Erzählung des mehrteiligen Textes Sherry Tales.
Veröffentlicht am 15.10.2010, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.10.2010). Textlänge: 2.904 Wörter; dieser Text wurde bereits 2.939 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2021.
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