Die mit dem Schwanz wedeln

Essay zum Thema Erwachen

von  LotharAtzert

"Alle Menschen mal herkommen" soll er auf dem Athener Marktplatz gerufen haben. Und die dem Aufruf folgten, ließ er achselzuckend stehen, mit der Bemerkung: "Ich habe "Menschen" gesagt!"
Solche und ähnliche Anekdoten sind vom Philosophen Diogenes zuhauf in Umlauf. Glaubt man der Überlieferung, so zählte neben Sokrates, der ihn je und je heimlich getroffen haben soll - um Platon nicht zu verärgern - auch Alexander der Große zu seinen Bewunderern. Der wollte ihm einst einen Wunsch gewähren: Frauen, Gold, Ländereien, Titel standen zur Auswahl - doch dieser Hund wollte nichts weiter, als daß der Herrscher ihm aus dem Sonnenlicht gehe.

"Kyniker" nannte das Volk die Denker um Diogenes, was man allgemein mit "Hunde" übersetzt. Denn ähnlich wie jenen, war ihnen nichts heilig und so wurde ihnen schnell alle Obszönitäten, alle Spottlust, Zügellosigkeit, wie das Onanieren und Kopulieren auf öffentlichen Plätzen unterstellt.
Daß ihnen ein philosophisches Denken zugrunde lag, geriet dabei schneller in Vergessenheit, als Platons Universitätsvorstellung im Abendland Schule machte.

Nicht mit Diogenes, sondern mit dessen Mentor Antisthenes beginnt freilich die Geschichte der Kyniker. Nur war jener wenig spektakulär in seiner Art, dafür introvertierter, tiefer im Denken, stiller im Handeln, wie es ja häufig geschieht: erst durch einen Marktschreier wird der Fisch entdeckt und stinkt ab da den Naserümpfern, die aus den Hündischen Zyniker machten.

Antisthenes, von sanfter Natur, dachte etwa so: Wollen nicht alle Wesen glücklich sein? Wer ist am glücklichsten unter ihnen? Sind es nicht die, die frei von schwer zu beschaffenden Bedürfnissen sind? Und wer lebte bedürfnissloser, als die Götter in den lichten Sphären?
Und so gab er allmählich allen Besitz auf, bis auf eine Wasserschale, nahm ansonsten nur, was man ihm gab und begehrte nicht, was ihm verweigert wurde.
Eines Tages beobachtete er einen Hirtenjungen, der mit bloßen Händen und voller Anmut Wasser aus einer Quelle schöpfte, um es zu trinken. Da begriff er, daß selbst die letzte Schale entbehrlich war, stellte sie in die Gabelung eines Baumes und besaß nun äußerlich nur noch, was er am Leib trug. Selbst der Tod soll ihn lange vergessen haben.
Doch wenn es um Kyniker geht, fällt jedem Banausen immer zuerst der im Faß lebende Diogenes ein.


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Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(12.03.14)
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 LotharAtzert meinte dazu am 13.03.14:
Vom Typus her unbedingt. Nur entsprach seine Lehre wenig dem griechischen Ideal damals und bedurfte deshalb noch eines marktschreierischen Diogenes, der den Menschen einen Spiegel vorhielt. Genutzt hats nichts, das Abendland folgte Aristoteles - mit allen bekannten Folgen.
BabetteDalüge (67)
(14.03.14)
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 LotharAtzert antwortete darauf am 14.03.14:
So ist es wohl.
Ich hab mal gehört, daß viele gesunde Menschen in Afghanistan sich beim roten Halbmond Beinprothesen bestellen, auch wenn sie noch zwei Beine haben - weil man zwei Jahre drauf warten muß und die Gefahr, innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Bein zu verliert, groß ist.
Gruß
Lothar
BabetteDalüge (67) schrieb daraufhin am 16.03.14:
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 LotharAtzert äußerte darauf am 16.03.14:
Landminen verbuddelt und Ganja durch Kalaschnikows geraucht, wenn sie gerade nicht auf irgendwelche Feinde schossen. Wobei die Reihenfolge weiß ich jetzt auch nicht so genau ...
Festil (59)
(30.01.18)
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 LotharAtzert ergänzte dazu am 30.01.18:
Ja, wie aus einem Bunuel-Film, nur real.

Danke, Liebe Grüße
Lothar
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