März

Erzählung

von  minze

Eigentlich ist das Laufen ein Weg, den Kopf frei zu bekommen, das war es lange auch, jetzt ist das Laufen manchmal auch der Weg in eine andere Welt, eine nur für mich, indem ich mir meine Tore öffne sozusagen, die, die ich nicht aufkrieg, wenn ich im Alltag bin und alles mache, was zu tun ist. Jetzt kann ich nicht raus gehen für eine Woche und ich tu sehr viel, was zu tun ist. Keine Möglichkeit, zu laufen, es gibt ein, zwei Fenster, wenn mal ein Kind schläft oder abends.

Er kommt nach Hause und eröffnet unsere Begegnung mit „was essen wir heute?“-  es verblüfft mich zum einen immer neu und zum anderen dreh‘ ich mich in mich ein, in mein unverständliches Reagieren, wie ich eine Liste abgehe, von Dingen, die er essen würde, mir ist es egal, mir ist es viel zu egal. Ich denke an das Wochenende im Juni, an dem ich allein war: mir war es super egal, was ich essen wollte, ich habe nichts gegessen oder eine halbe Avocado, eine Thunfischdose mit Mayo, viel Müsli, keinmal Kochen. Einmal bestellen, als Besuch da war.

Ich bin von mir peinlich berührt, von meiner Wut und meinem Fremdschämen für ihn gleichzeitig, wie er sein Gesicht verzieht, nachdem ich drei Dinge aufgezählt habe. Alles mit Fleisch, das ich nicht brauche, auch, wenn ich jetzt manchmal die Reste esse. Eventuell kommt wieder hoch, was ich als Kind an Lust auf Wurst hatte. Ich esse, was übrig ist, aber, wenn ich von den Sachen spreche, die ich kochen kann für ihn, dann vergeht mir die Lust daran. Im Nachgang probiere ich manchmal und erinnere mich daran, wie sehr es mir geschmeckt hat, bevor ich mit zwölf Jahren fleischlos geworden bin.

Ich merke, das Kochen ist ein Fenster. Wenn ich mich beruhige und ich die Sachen aus der Speisekammer und aus dem Keller zusammentrage, wenn ich die Tür der Küche schließe und sie irgendwas miteinander machen. Sie schauen fern, sie bauen was, er ist zumindest jetzt bei ihnen, wenn sie laut schreien und er flucht, ist es klar, ich bin draußen, wenn er nicht flucht und sie schreien, wird er rauchen, aber wiederkommen, zumindest – ich koche ja. Ich kann nicht ausmachen, was mich befriedet und bekriegt am Kochen, am Fragen danach – ich kann dabei mich auf meine Bewegungen einlassen, ich kann ihnen folgen und sie bestimmen, ich kann etwas schneiden, etwas schmecken und riechen, ich kann mit dem Bein eine Tür zuschlagen, ich kann gleichzeitig Geschirr wegräumen und den Kompost leeren, alles in meinem Rhythmus und kann dabei denken, gerader denken, als den Tag über, als all die Momente, die ich über die Kinder wachen muss und meinen Ärger und meine Lust verbergen oder umwandeln in alles, was die Kinder brauchen: in Fantasie zum Legobauen, Schlichten, Wegreißen vom Kopf des Geschwisters, ins Dinomalen, im Kämpfen und Tricks machen im Matrazenlager, im Kuchenbacken, im Versteckifangi, im Badewannenüberschwemmen und so fort.

Ich fahre meine Ungeduldskurve mit der Wut ganz runter, meine Präsenzspanne hoch und vielleicht geht es nicht, vielleicht kämpfen diese Kurven eigentlich wie ein schwankendes Meer um ihre Wogen.

 

Diesen Frieden, den ich spüre, spätestens, als ich beim Kochen probiere und es mich freut, wenn die Kinder wieder um mich rennen, einer will helfen, der ist gebunkert, aber ich habe noch viele ungeklärte Fragen, als wir essen. Sie können nicht raus, weil wir darauf aus sind, die Kinder bei uns zu halten, zusammen zu essen. Sie sprechen mit uns oder wir sprechen zu ihnen und wenn ich ihm etwas sagen müsste, dann würde es weh tun und noch weniger schmecken. Ich weiß nicht genau, wo ich bin, weil ich ihn nicht ansehe, ich sehe ihn nicht an für fünfzehn Minuten, in denen wir uns gegenübersitzen, dann handeln wir den Abend ab, aus dem Nichtansehen ergibt sich ein wortloses Absprechen von Umziehen, Zähneputzen und so.

 

-

 

Ich gleite in alle Dinge, die ich später loswerden muss, wenn wir auf dem Sofa sitzen. Den Fernseher sollte er ausmachen, er hört mir zu und sagt nicht sehr viel, später werde ich sagen, er kann wieder fernsehen, werde weinen und mich in den wenigen Worten einsam fühlen, aber erleichtert, denn ich habe es gesagt. 


-

Vorm Einschlafen kommt mir, dass wir wieder miteinander schlafen können. Wenn er nicht dran denken würde, würd‘ ich‘s trotzdem tun. Es kommt, als ich schon ein bisschen weg bin. Am kommenden Tag sind wir zusammen, es ist Wochenende. Er gibt mir eine auf dem Po, ein paar Mal, ich merke es vor allem, wenn ich in der Küche bin. Während ich die Spülmaschine ausräume, Eier mache – vielleicht macht er es genau dort, in der Küche, oder es springt mich so an, als Trigger, erregend oder verärgernd, ein Peak, den ich nicht genau verstehe. Ich reagiere verzögert.

Wir bleiben warm, auch wenn ich nicht in seine direkte Nähe komm. An den nächsten Abenden ändern wir die Position auf dem Sofa. Wir überlegen manchmal, ob wir ein neues kaufen, weil man nicht nebeneinanderliegen kann. Mein Rücken ist in der Ecke des L, seine Füße nah bei mir. Ich türme neben mir die Kissen auf, so kommt sein Kopf mir nah. Manchmal küssen wir uns. Meine Hand ruht auf seinem Kopf, ich bewege sie. Es ist gut so, egal, ob wir lesen oder fernsehen. Als wir miteinander reden, ist es über das Sofathema, aber dass wir schon einen anderen Platz einnehmen auf dem Sofa, ist, was ich fühl.



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Kommentare zu diesem Text


 monalisa (04.03.22, 15:02)
Hallo minze,

dir ist hier eine Erzählung gelungen, die absolut authentisch wirkt und mit großer Strahlkraft, das (Innen-)Leben und den Alltag der Protagonistin in Großformat an die Wand all jener projiziert, die ihre Wand zur Verfügung stellen, die sich darauf einlassen und mitschwingen, Parallelen zum je eigenen finden und am Ende mitfühlen, -weinen, aber auch etwas von der Erleichterung darüber spüren, dass "es gesagt wurde". Trotzdem bleibt der Wermutstropfen, nicht zu wissen, was von dem Gesagten und ob überhaupt etwas durchgedrungen ist.
Manches Gesagte braucht aber auch länger, sickert erst allmählich ins Bewusstsein und die Reaktionszeit kann mit unter sehr ausgedehnt sein.

Mit der Geschichte, die unprätentiös den Alltag schildert, inhaltlich eher karg, aber in sehr feinen Nuancen erzählt ist, hast du mich berührt und gepackt.

Liebe Grüße
mona

 minze meinte dazu am 04.03.22 um 16:41:
du bist wirklich sehr mitgegangen im Text, das finde ich wunderbar. dass das innen-außen ineinanderläuft und zum mitgehen einlädt, das wünsch ich mir, dass es spürbar wird, was an großen Emotionen hinter einem unprätetiösen Alltag steckt, das auch. inhaltlich ist es nicht so ausgeführt (dennoch cool, dass du Nuancen, die wichtig sind fürs Stimmungsbild, erlebst), ja - danke auch für das Feedback - ich denk, wie so oft, ich könnte noch daran weiter erzählen.

ich freu mich sehr über deinen Kommentar, zu erfahren, was wie bei dir andocken konnte! merci

 Dieter_Rotmund (14.03.22, 16:16)
Fängt interessant an, macht dann aber zu viele Baustellen auf und zerfasert. Ansonsten inhaltlich etwas arg viel Hausfrauendepression. Der Ausbruch(sversuch) aus derselben fehlt.
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