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III: Das Schicksal staut sichInhaltsverzeichnisAm Bahnhof

IV: Laipziger Vandalen-Bekämpfer

Kurzgeschichte zum Thema Stadt


von kaltric

Sämtliche Orte, Personen und Anspielungen sind fast völlig fiktiv.



Peter Fröhlich saß in der Straßenbahn. Schon wieder teurer geworden! Fluchte er innerlich. Blöde Fahrkarten. Es war 22 Uhr und die Bahn fuhr durch eine dunkle Ecke der Stadt. Gelangweilt blickte er aus dem Fenster. Die Häuser waren allesamt sauber und frisch geputzt, bemerkte er erfreut. Ja, die Stadt galt nicht umsonst als sauberste des Staates. Und Peter war stolz auf diese seine Stadt. Vorbei waren die alten Zeiten der heruntergekommenen Straßen und halbverfallenen Gebäude, bekritzelt mit den hässlichen Vorstellungen nutzloser Jugendlicher. Versprechungen hoher Belohnungen für alle die bei der Ergreifung dieser Jugendlichen halfen, hingen innen an den Bahnwänden. Verlockend.
„Nächster Halt: Graue Straße“, tönte die liebliche Durchsage.
Ah, endlich. Fast daheim, dachte Peter bei sich. Er gab einem der freundlichen Fahrbegleiter, die in Gruppen zu je fünf Personen vor den ebenso fünf Türen der Bahn standen, ein Zeichen, dass er gleich aussteigen wolle. Der Fahrbegleiter handelte sofort und drückte den Knopf des Haltewunsches für Peter.
Sobald die Bahn hielt stand Peter auf und verließ sie. Am anderen Ende seines Wagens sah er noch eine Frau bei dem Versuch, einen Kinderwagen in die Bahn zu bekommen, doch alle Fahrbegleiter waren gerade mit anderen Dingen beschäftigt, vor allem mit Gesprächen. Er beachtete es nicht weiter, ging zum Bürgersteig und schlug den Weg gen Heimat ein. Unterwegs kam er an der Bushaltestelle vorbei, wo ein Bus nur einmal am Tag hielt, weshalb er ihn nicht nutzen konnte, auch wenn er genau zu seiner Arbeitsstelle fuhr. Ein Haufen Jugendlicher hatte es sich nun darinnen gemütlich gemacht. Sie tranken ihre jugendlichen Getränke und pöbelten vorbeikommende Bürger an. Froh sich auf der anderen Straßenseite zu befinden hielt Peter sich lieber bedeckt im Schatten. - Doch was war das? - Einer der Jugendlichen zückte ein Messer. - Und gemütlich begann er damit ein Bild in die Glaswand der Haltestelle zu kratzen.
Das darf doch nicht wahr sein! Schoss es Peter durch den Kopf. Sofort erinnert er sich an den Wahlspruch „Vandalismus kostet Sie ihr Geld!“ und wollte er wirklich mit ansehen, wie wieder jemand höhere Kosten für ihn verursachte? Nein, also wählte er die Nummer des Vandalismusbekämpfungsdienstes, die auf Plakaten und Leuchtreklamen an jeder Ecke hing, von der nächsten Notrufsäule aus. Man wollte von ihm die Nummer der Haltestelle wissen und versprach danach sofort einzugreifen.
Schnell war das Einsatzkommando vor Ort: Ein schwarzer Transporter hielt neben der Haltestelle und sechs schwach vermummte und bewaffnete Kämpfer stürzten aus ihm heraus. Die Jugendlichen konnten keinen Widerstand leisten, sondern wurden weggebracht. Der Transporter verließ den Ort des Geschehens schließlich wieder und wurde schnell durch ein orangenes Wartungsfahrzeug ersetzt. Zwei Männer in Orange, wesentlich weniger energisch denn die schwarzen Truppen zuvor, stiegen aus, lösten die angekratzte Glasscheibe aus der Halterung und tauschten sie gegen eine frische aus. - Letztlich verschwanden auch sie.
Peter lächelte genügsam über diese Tat und den zu erwartenden Anstieg seines Kontoguthabens um die Belohnung. Fröhlich ging er heim; wieder einmal war die Stadt gerettet. - Ein lautes Krachen ertönte hinter ihm, als eine Taube die frische Glasscheibe nicht als solche erkannte und daran ihr Leben ließ. Doch das bemerkte er nicht mehr, ebensowenig das orangene Fahrzeug, welches schnell angerauscht kam und die jetzt wieder beschädigte Scheibe erneut ersetzte. Da war Peter aber bereits daheim. Er machte sich noch etwas zu essen, sah sich im Fernsehen eine Weile die schönsten Straßenbahnbilder des Tages an und ging bald darauf schlafen.
Acht Stunden später musste er zur Arbeit. Er fuhr Richtung Bahnhof, der zentralen Verteilungsstelle wo alle mal hinkämen. Es waren gerade Schulferien: Zahlreiche Schüler hatten nichts zu tun und fuhren in die Stadt oder weiter in andere Orte. Andere hatten eine Ferienarbeit bei den städtischen Verkehrsbetrieben bekommen und warteten nun die Fahrzeuge – weit außerhalb in ruhigen Wartungshallen. Diese konnten sich nun natürlich nicht in Betrieb befinden und so sah Peter seine Bahn um zwei Wagen gekürzt. Gut achtzig Menschen drängten sich hinein, wo Platz für 45 erlaubt war. Immerhin aber war Peter nun unterwegs.
Doch bald ertönte eine Durchsage: „Liebe Fahrgäste, aufgrund der Vandalismuskosten werden alle Strecken um zehn Prozent gekürzt. Die nächste Haltestelle wird also nicht angefahren.“
Aus dem Fenster blickend erkannte Peter eine gewaltige Baustelle zu beiden Seiten der Straße auftauchen. Die Bahn konnte sich gerade noch dort hindurch schlängeln. Und da Autos in der Stadt ja verboten waren, machte ein großflächiger Umbau der Straßen eh nichts mehr aus.
Schließlich erreichte die Bahn den Bahnhof. Wie soviele andere purzelte Peter halb aus der überfüllten Maschine auf den Bahnsteig. Er freute sich aber dennoch, da als folgende Bahn bereits die 5 angezeigt wurde, mit welcher er zu fahren gedachte. Zunächst aber stürmten Zeitungsverkäufer, Bettler und Leute, deren Schmuckverkaufserlös an die arme Welt gehen sollte, auf ihn zu. Nach einer ganzen Weile konnte er sich endlich von ihnen befreien.. - Noch zwei Minuten bis zu seiner Bahn, die er mit Selbstverteidigung verbrachte. Nach weiteren fünf Minuten blickte er erneut zur Anzeigetafel, an welcher die 5 immer noch für dieselbe Uhrzeit angezeigt wurde. - Nein, plötzlich verschwand die Anzeige. Gleichzeitig fuhr eine 17 neben ihm ein. Die Tafel kündigte die nächste 5 nun für in 15 Minuten an.
Enttäuscht setzte Peter sich und wartete, während er frierte. Nach weiteren zehn Minuten kam eine andere Bahn. Es war die ständig überall herumfahrende Glücksbahn. Pausenlos wurden darinnen Musik und Spiele gespielt, Essen verteilt und – anderer Kram. Doch Peter hatte gerade nicht das geringste Interesse daran teilzunehmen. Gleich sollte die 5 kommen. Und tatsächlich: da rauschte sie schon an. Peter drängelte sich wie alle anderen vor, genau vor die Tür. Bei fünfzig Leuten die sich einen Wagen teilen müssten, sollte man schon vorsorgen, um einen Platz zu bekommen; denn so wie er dachten auch alle anderen.
Als die Bahn dann hielt, warteten sie wie Raubtiere, dass sich eine Lücke in der Masse der Aussteigenden zeigen würde um diese sofort zu nutzen. Doch da niemand überhaupt Platz zum Aussteigen hatte, strömte der Mob irgendwann einfach hinein und zog Peter mit sich, wie eine Fliege im Abfluss. Drinnen fand er sich in eine Ecke gequetscht wieder, genau neben den freundlichen Fahrbegleitern.
Endlich in der Bahn, dachte er bei sich. Gut dreißig Minuten Fahrt, dann wäre er an seiner Arbeitsstelle.
Als es endlich losging, wurde Peter in der Sommerhitze mit den wohligen Gerüchen der anderen Menschen verwöhnt. Drei Haltestellen weiter, eine vor dem Frühlingsplatz, hieß es plötzlich, dass aufgrund der Streckeneinsparungen eine Umleitung genommen werden würde. Fünfzehn Minuten später fanden sie sich endlich an der Haltestelle Frühlingsplatz wieder. Da die 5 von dort nun einen anderen Weg fahren sollte, musste Peter wohl oder übel aussteigen. Die gesamte Zeit des Weges zwischen den Menschen hindurch zur Tür dauerte jedoch so lang, dass er erst eine Station weiter aussteigen konnte.
Kaum war das endlich geschafft, fand er sich in einem Straßenfest wieder. Wo kamen die denn plötzlich her? Nein, danke, er wollte gerade keine Lose – oder besser: Er hatte keine Zeit. Die Arbeit wartete jetzt schon so lange – ohne ihn.
Weitere fünfzehn Minuten dauerte es, bis er seinen Weg zurück zum Frühlingsplatz gefunden hatte. Dort fegte gerade das Betriebsmaskottchen, eine menschengroße blaue Ratte, den Bahnsteig. - Und da kam auch schon die 18. Peter stürzte fröhlich über diese Umstände auf die sich öffnenden Türen zu, doch da geriet die Ratte in seinen Weg und schenkte ihm Süßigkeiten. Als dies erledigt war, war die Bahn außer Sicht; die nächste käme in dreißig Minuten.
Seufzend beschloss Peter, den Rest des Weges lieber zu Fuß zu gehen.
Mit nur einer Stunde Verspätung kam er letztlich an seinem Arbeitsplatz an. Selten hatte er es so schnell dorthin geschafft.
Und abends galt es den Weg zurück zu finden.

ENDE


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Kommentar von D_Epperlein (57) (24.01.2010)
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III: Das Schicksal staut sichInhaltsverzeichnisAm Bahnhof
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