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Begegnungen

Erzählung zum Thema Erinnerung


von Mondsichel

Wir gingen zusammen eine ganze Weile spazieren und erzählten uns von den letzten drei Monaten. Ich blieb stehen und dann formte sich auf meinen Lippen eine Frage, die tief in meinem Innersten brannte. „Sag mal Daria. Gibt es da jemanden in Deinem Leben, dem Du Dein Herz geschenkt hast?“ Im ersten Moment blickte sie mich ein wenig verwirrt an. Ich dachte sie würde jetzt sauer auf mich werden, aber stattdessen sagte sie etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte. „Es gibt nicht nur jemanden, es gibt sogar mehrere denen mein Herz gehört.“ Ich schluckte. Ich war mir nicht sicher darüber ob sie überhaupt verstanden hatte wie diese Frage gemeint war. Deshalb fragte ich erneut. „Nein, ich meine, ob Du jemanden hast, den Du über alles liebst?“ Daria schaute wieder ein wenig verwirrt und antwortete mit einem Lächeln: „Ja. Ich liebe alle meine Jungs.“ Irgendwie war mir nun klar, dass dieses Mädchen keine Ahnung davon hatte, was ich eigentlich von ihr wollte.

„Daria? Weißt Du denn überhaupt was Liebe ist?“ Jetzt war mir, als ob es in ihren Gedanken drunter und drüber ging. In ihren Augen war ein Flackern zu sehen. „Ja, ich weiß was Liebe ist. Aber ich kann sie nicht leben, so wie ihr.“ Dieses distanzierte „so wie ihr“ schnitt mir tief in mein Herz. Sie merkte, dass ich nun verwirrt und auch ein wenig verletzt war. „Komm lass uns reingehen, hier draußen ist es kühl geworden.“ Ich wusste genau, dass es ein Ablenkungsmanöver war, um diese Situation aufzulockern. So ließ ich mich von ihr mitreißen und saß alsbald in einer kleinen Hütte mit Daria und einem Mann namens Olaf.

Er war ein rundlicher und bärtiger Mann, der wie ein Bauer wirkte, obwohl er eigentlich IT-Experte in einem großen Unternehmen in der Stadt war. Was mich fassungslos machte, war die Tatsache, dass auch er diese dunklen Augen mit dem unheimlichen Funkeln hatte. Ich kam ins Grübeln, das konnte doch nicht wahr sein! Irgendwie fühlte ich mich von diesen Augen verfolgt. Wir tranken Tee und plauderten ein wenig. Ich wusste, dass Daria alles versuchen würde, um nicht mehr auf dieses Thema zu kommen, das wir da draußen geführt hatten. Doch ich war mir tief in meinem Innersten sicher, dass dies nicht das letzte Mal war, dass wir von Liebe sprechen würden...

Olaf war ein recht redseliger Mann. Er schaffte es, die anfangs düstere Stimmung aufzulockern. Daria wirkte ein wenig erleichtert. Ich versuchte ihren Blicken auszuweichen, die mir immer wieder das Herz zersprengen wollten. Olaf hatte noch einiges für seine Firma zu tun und verzog sich daher für einige Zeit in ein Nebenzimmer. Daria und ich waren nun also allein und blickten uns wortlos in die Augen. Dann brach sie das Schweigen: „Du hast schon wieder so viel Schmerz in Deinen Augen.“ Ich atmete tief durch. „Im Grunde begann alles mit unserer Bandgründung.“ Sie horchte auf.

„Silven und ich haben uns auf einem Konzert kennen gelernt. Ich war als Sänger für eine andere Band unterwegs und er stand damals im Publikum.“ Nach dem Konzert sprach mich so ein dunkelblonder Lockenkopf, mit hellblauen Augen an der Bar an. Er war ziemlich leger mit Hemd und Jeans bekleidet und machte auf mich einen sehr sympathischen Eindruck. So kamen wir in gemütlicher Clubatmosphäre ins Gespräch. Er erzählte mir das er Keyboarder und Songwriter war, was mich sehr interessierte. Mit Musikern konnte ich mich einfach besser unterhalten. Er war irgendwie ein Eigenbrötler, wenn es um die Musik ging, seine Familie akzeptierte das. Sie hatten sehr früh verstanden das Silven Berufsmusiker werden wollte. Die Musik war sein Leben, nicht nur ein kurzfristiges Interesse. In allem was er tat und in allem was er fühlte war er sehr intensiv. Manchmal hatte ich echt das Gefühl, der Mann schläft nie. Aber dafür erschien er mir auch wieder viel zu ausgeschlafen und zu aufgeweckt. Nie wirkte er verschlafen oder unkonzentriert. Vielleicht auch ein Grund, warum er an diesem Tag mein bester Freund wurde. Wir ergänzten uns immer ziemlich gut.“

„Irgendwann brachte er Sven mit in den Club. Dieser blonde, braungebrannte Typ mit den grünen Augen wirkte durch seine Lederklamotten wie ein knallharter Rocker. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Sven und Silven kannten sich schon länger und machten gemeinsam Musik. Sven war der Gitarrist und Lyricwriter des kleinen Projektes. Ein gefühlvoller Mensch und doch ein absoluter Perfektionist. Hinter der manchmal recht ernsten Fassade vermutete man Anfangs nicht unbedingte den tiefgängigen aber auch lustigen Menschen, der er war. Der Typ mochte Aufregung um sich herum, ja manchmal glaubte man, er wäre Stressabhängig. Aber genau in diesem Stress brachte er knallhart das zustande, was andere nur mit absoluter Ruhe vollbringen könnten.“ Mein Blick schweifte aus dem Fenster. Sie wagte nichts zu sagen.

„Irgendwann fragte mich Silven ob ich Lust auf eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Jungs hatte. Weil ich nicht wusste, wie meine Leute aus der Band darauf reagieren würden, zögerte ich. Schließlich entschied ich mich dann doch für die Zusammenarbeit mit Silven und Sven. Ich hatte schließlich nichts zu verlieren, sondern im Grunde einiges zu gewinnen, und wenn es nur die Erfahrung war. So lernte ich noch den Dritten im Bunde kennen. Phil musterte mich erst mal mit seinen dunklen Augen, als Sven mich ihm vorstellte. Seine schulterlangen dunkelblonden Haare waren ihm ins Gesicht gefallen, da er grade am Schlagzeug geübt hatte. Ich merkte sofort seine Skepsis, er war auch nicht leicht von mir zu überzeugen. Aber je öfter wir zusammenarbeiteten, desto freundlicher wurde die Beziehung.“

„Phil war der beste Freund von Sven, die beiden kannten sich schon aus der Schule. Er -ein recht eigenwilliger Mensch. Manchmal schien er mit dem falschen Bein aus dem Bett gestiegen zu sein, dann wirkte er noch mürrischer. Doch es genügte nur eine witzige Bemerkung von Sven und schon blitze der Schalk aus seinen Augen. Die beiden waren das perfekte Team, aber das war auch kein Wunder, da die beiden eben schon fast so was wie Sandkastenfreunde waren. Phil war ein Profi und der Teufel persönlich an den Drums. Manchmal kam es mir so vor, als würde das Höllenfeuer direkt in seinen dunklen Augen brennen.“

„Ich selbst war mehr der natürliche Typ, auch wenn Silven mich oft als absoluten Frauenschwarm bezeichnete. Später blickte ich oft in den Spiegel und fragte mich, was die Frauen an mir so toll fanden. Es gibt hunderttausend Männer auf dieser Welt, mit braunen Haaren, dunkelblauen Augen und modernem Stil. Ich hätte einer von vielen in der Masse sein können, doch sie liebten mich, weil ich der Sänger von Red Sky war. Eine Sache die mir zu schaffen machte, denn so war es unmöglich die Liebe zu finden, die alle anderen schon gefunden hatten. Alle sahen sie nur den Sänger in mir, nicht den Menschen, der auch Gefühle und Gedanken hatte. Daher begann ich Texte zu schreiben, um mich von diesem unangenehmen Gefühl zu befreien.“ Daria griff nach meiner Hand und blickte mich nun eindringlich an. Ihre Augen leuchteten voller Sterne. Ich lächelte sie für einen kurzen Moment an und fuhr dann fort.“

(c)by Arcana Moon

Überraschendes WiedersehenInhaltsverzeichnisFreude und Schmerz liegen nah beieinander
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Dies ist ein Kapitel des mehrteiligen Textes Engel für eine Nacht.
Veröffentlicht am 17.11.2005. Textlänge: 1.170 Wörter; dieser Text wurde bereits 2.091 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.08.2019.
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