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Schauspiel
Ernstes Drama mit tragischen Elementen, aber versöhnlichem Ausgang.
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Des Schläfers Erwachen

Erzählung zum Thema Erfahrung


von KayGanahl

Des Schläfers Erwachen:

A.  Ruhe?

Mehrere in einem Unwetter tobende Seenplatten, über Fabrikanlagen, Wohngebieten und Hauptverkehrsstraßen abstürzende Flugzeuge, verunfallende Autos, auch in Flammen aufgehende Fachwerkhäuser in der großen Stadt fielen jetzt auf. Diese große Stadt war die Stadt, die er seine Heimatstadt nennen musste, jedoch nicht liebte. Er fand das ja auch ganz bedauerlich.  Manchmal wurde er wütend, weil er sie einfach nicht lieben konnte.
Während der von ihm sehr genau beobachteten katastrophalen Zustände in der Stadt hatte er wohl überraschend Visionen von Übermenschlichkeit und  großer Brutalität, die sich auf seine Person bezogen. Das erstaunte ihn maßlos, sah er sich doch als klein und unbedeutend an.  Angesichts dessen, dass seine Stadt von Katastrophen am Fließband heim gesucht wurde, war seine Person ohne Zweifel ohne Bedeutung für die Rettung der Bevölkerung und die Sicherung von all dem, was ihr lieb und teuer war. Ganz seltsam mutete es ihm an, dass ihn Menschen, die ihn zu kennen glaubten, als einen Besonderen wahrnahmen. Die ihn auch angesichts der Katastrophen als einen Besonderen wahrnahmen und das auch offen zeigten. Bildete er sich dies nur ein?
Daher: Völlig unverständlich war ihm, dass man ihn Genie nannte, was er oberflächlich wahrgenommen hatte und auf die Bewusstseinstrübung von ein paar seiner persönlichen Feinde zurückführte. Nun ja, gewissermaßen stellte er (als „Besonderer“) etwas dar, wurde von manchen Menschen in seiner Stadt tatsächlich immer noch (oder gerade jetzt?) für wichtig gehalten. Einige von diesen Menschen brachten ihm offen Hochachtung und persönliche Zuneigung entgegen, meinten wohl, dass es in der Stadt auch auf ihn ankomme. Dies jedoch hätte er, wäre er direkt danach gefragt worden, strikt verneint! Es kam jetzt auch auf ihn an? Das glaubten offenbar gar nicht so wenige Menschen, in deren Nähe er sich in diesen Tagen der Katastrophen häufig aufhielt.
Anscheinend unterstellte man ihm positiv  eine moralische Größe, die verstand, was in der Welt vorgeht, doch er war sich dessen sicher, dass ihm einiges davon fehlte ihm. Er kannte sich selbst am besten. Unter der nunmehrigen Hochschätzung seiner Person begann er schließlich zu leiden, hielt sich mit Äußerungen dazu jedoch bewusst zurück, wollte er doch keinen Menschen verärgern!

Glücklicherweise gab es noch andere und anderes in der Stadt, zum Beispiel Mädchen mit erotischen Vorstellungen sowie reife Männer der Herrlichkeit, die sich an sie hätten heranmachen können, um sich kriminell auszuzeichnen. Die sich aber wahrscheinlich eher durch Geldbeschaffung oder den Erwerb von Meriten auf verschiedenen Gebieten positiv auszuzeichnen trachteten, obwohl die Tage der Katastrophen manches verunmöglichten.
Auch gab es diesen fatalen Hang zu Mystik, Religiosität oder auch PSI, außerdem zu extremen technischen Entwicklungen.

Langeweile. Sie nahm große Ausmaße an. Und sie trieb ihn zu Handlungen, welche mit oben Genanntem letztlich auch korrespondierten, sogar in kausaler Verknüpfung standen konnten.  Langeweile! Alles konnte für ihn, besonders für ihn als einen Ehrenmann, zu einer aufbrandenden Gefahr werden. Das galt nicht nur für ihn, sondern auch für die anderen Menschen in seiner Nähe. Gefährlich war es eben, auf der Welt zu sein, wobei diese Feststellung, die er gern anderen gegenüber aussprach, an sich ein weit verbreitetes Klischee war, dem er hätte ausweichen sollen. Aber er konnte sich der Äußerung dieser Feststellung einfach nicht enthalten. Es war einfach so: Musste er deshalb aufpassen auf sich und die Welt der Menschen, die ihm begegneten oder nicht begegneten? Er passte jedenfalls oft auf. Seine Aufmerksamkeit bestrahlte alle Erscheinungen, die er mit seinen Sinnesorganen erfasste. Und wie diese sich ob dieser Dauertätigkeit erfreuten … !?
Allein damit wurde die Langeweile gut bekämpft. Darauf konnte er einen gewissen Stolz haben.
Er fiel, das sei gesagt, nicht wie so viele seiner Mitmenschen aus den dichtesten dunkelblau-trüben Wolkenverhängen, in denen er sich aufhielt (oder nur glaubte, sich aufzuhalten). Aber mindestens kurz musste er dort aufenthalten, weil sein Existieren keine alternative Möglichkeit für einen wie ihn nicht übrig ließ. Andere hätten es wohl einfacher gehabt mit diesem Existieren, was durchaus problematisch sein kann.  Gut: seine Ehrenhaftigkeit musste er von keinem Mitmenschen offen in Zweifel ziehen lassen, er hätte sich bestens dagegen gewehrt. Diesbezüglich war er einigermaßen skrupellos, sah an sich kaum die moralische Grundlage, auf der er sich täglich bewegte.  Tatsächlich kam ihm dies im Alltag zustatten.
Die Ruhe eines verhaltenen Lebenswandels, derer er sich gern rühmen wollte, kam ihm geeignet vor, Leben hinter sich zu bringen.
Aber wo war denn heute die Ruhe, die er dafür brauchte!? Die Katastrophen liefen ab. Und zwangsläufig verging die Zeit – mit ihm, dem oft Gelangweilten – gegen ihn, den oft Gelangweilten! Sie erwies ihm keinen Gefallen, besonders nicht den, dass er eine Ausnahme von der Regel sei, also Mensch in Ewigkeit inmitten einer ruhigen Wolkenlandschaft, die ihn zu erfüllen imstande war.
Er wollte aber gewiss Leben leben. Das gewiss! Die Gefahr bestand, dass ihn seine persönliche Ausstrahlung auf die Mitmenschen faszinierte, eine Ausstrahlung, welche diese Mitmenschen über alles zu schätzen schienen, sobald er dieser Wirkung auf sie gewahr wurde. Das konnte eine üble Täuschung sein. Vielleicht war sie es auch! Diese Mitmenschen konnten schon auf Grund dieses Zusammenhang für ihn eine Last werden, so dass er sich ekeln musste.
Wo war die Ruhe, die er wirklich brauchte?

In dieser „Ruhe“ durfte er sich nicht des Nachdenkens befleißigen: dachte er zu oft nach, so musste er sich selbst gezielt mit Mitmenschen konfrontieren, in der Folge wäre er vom Pfad einer ihm lieben Art von Ehrenhaftigkeit abgekommen.

Das sagte er sich eines Abends, als er von seinem Buchhändler-Job wieder zu Hause eingetroffen war. Und als er sein zweijähriges Töchterchen in Armen hielt, um es, kaum hatte er einen schnellen Imbiss zu sich genommen, singend in den Schlaf zu wiegen. Das warme Kinderbett rief. Gleich würde es in diesem Kinderbett liegen und sehr bald einschlafen, denn er würde sich darum sehr bemühen. Aber dann hielt er kurz an, stutzte, harrte aus, wonach sich Gedankengänge formten, als er mitten in eine ihn sehr abstoßende geistige Leere starrte, welche ihm ganz plötzlich vor das innere Augen getreten war, was Unverständnis, Erstaunen und Furcht in ihm auslöste. Das Töchterchen bemerkte wohl davon nichts, riss sich aus seinen Armen los und rannte zu einem Fernsehgerät.
Dann überwand er sich zu einem kurzen Vortrag, den er sich selbst hielt, wobei er mit den Füßen rhythmisch aufstampfte. Also: „Der Ekel ist vorhanden. Er stört. Die Ehrenhaftigkeit meiner Person, der Schutz meiner Person und meiner Familie sind mir am wichtigsten, dominieren alles Denken bezüglich meiner sozialen Stellung. Feinde habe ich. Feinde! Feinde? Wenn ja, bitte. Ich fürchte keinen Menschen auf der Welt, aber der Selbstschutz muss sein!“
In der Küche pfiff der Kaffeekessel. Das Fernsehgerät stieß viel zu laute Geräusche aus. Und Töchterchen Laura ahmte irgendeine Figur aus einer Kindersendung nach, die sie super fand. Er sagte sich, dass es mit dem Ekel nicht weitergehen dürfe. Das von eben hatte er jetzt ausgesprochen, vielmehr an die bunt gemusterte Tapete an der Wohnzimmerwand geworfen, um sich mal wieder ein bisschen größer vorzukommen als er war, wie er genau zu wissen meinte. Die Fortsetzung des Ekelgefühls würde, da war er sicher, zum Verlust seiner ihm von sich selbst zugemessenen Ehrenhaftigkeit führen. 
„Die Ehre ist mir immer wichtiger geworden in der letzten Zeit!“ gab er noch von sich, bevor er sich zum Töchterchen gesellte und eine Pfeife mit Tabak stopfte.  Töchterchen Laura waren derlei Gedanken völlig fremd, es verstand sie nicht. Das war kein Wunder. Ihm reichte der Vater auf der Couch, mit dem es bald auch spielen konnte.
Dann hatte er eine Eingebung: hob das Töchterchen hoch, nahm es in die Arme und ging mit ihm nicht ins Kinderzimmer, sondern in die Diele, wo ein Stapel mit Tageszeitungen lag. Er setzte es oben drauf. Natürlich war Laura darüber erbost und schrie laut auf. Er hielt sich die Ohren zu. Schließlich betrachtete er Laura auf dem Stapel mit einer gewissen Freude. Laura hörte mit dem Schreien auf. Das Mädchen glotzte herum. 

Was sollte diese Aktion? Er sagte zunächst nichts. Ging fort. Ein geistig Verwirrter war er nicht, auch kein Schwächling, so wenig wie ein Spaßvogel. Übrigens war ja seine Intelligenz alles andere als niedrig, so dass er die Realität auf jeden Fall erfassen konnte, auch eine ihm lächerlich vorkommende, unbequeme, dumme Realität. Vermutlich wollte er vor seinem Töchterchen seine Gefühle verbergen – diese Welt, mit allem, was sie in sich barg, war ihm zutiefst suspekt. Das stand allerdings für ihn längst fest. Von daher leistete er sich gelegentlich eine spaßige Absurdität, die von seinen Mitmenschen nicht verstanden werden konnte.
„… suspekt? Ah – ja!“ sagte er einfach so daher, während sein Töchterchen vom Stapel heruntersprang und im Raum mit Holzklötzchen zu spielen anfing. Er liebte es, Laura dabei zu beobachten. Aber das währte nicht lang, vielmehr nahm er Laura nach wenigen Minuten mit einem geschickten Handgriff vom Boden auf, um sie in das Kinderbett des benachbarten Raumes zu bringen, wo Laura ihren Schlaf bekommen sollte. Anschließend ging er zum Stapel mit den Zeitungen zurück, weil er Kopfhörer aufzuziehen beabsichtigte, was ihm bestens glückte … oh, gut … um sich in Rockmusik zu tauchen, denn er wollte einfach mal vergessen, dass es ihn auf der Welt gab!
Man sollte ihn in Ruhe lassen! Er setzte sich vor den Stapel.
„Sie können mich alle mal!“ dachte er und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die jetzt natürlich keiner sehen konnte. Er lag richtiger, als er es sich beim damaligen Stand im Kampf um seinen Platz in der Welt hätte vorstellen können – eine Welt, die für ihn ein fremdartiges, andrängendes sowie antifamiliäres Durcheinander der giftigsten Partikel war, versehen mit Subjekten menschlicher Art, die er zwar manchmal auch mochte, aber zum Selbstschutz die Distanz zu ihnen vorzog.
Er sagte: „Wenn ich einschlafen kann, werde ich mir morgen eine Wachschüssel für mein Töchterchen besorgen. Ihre Mutter … meine Geschiedene … hat genug von mir, … ich habe mich damit abgefunden!“

Neben ihm saß auf einmal sein guter alter Freund Sam, den er sei t vielen Jahren kannte und sichtlich beunruhigt seinen Puls fühlte. Sam trug einen weißen Turban auf dem Kopf. Er sah high aus. Vielleicht war er es auch. Nun, es ging hier und jetzt nicht um den Rausch, in den man sich versetzen konnte, Sam wollte nur mal bei seinem Freund sein und ein paar Stunden bleiben. Er musste sich irgendwie fast lautlos in die Wohnung geschlichen haben. Einen Eingangsschlüssel besaß er ja. Das war etwas, das mittlerweile von ihm als unangemessen betrachtet wurde. Nicht von Sam. Von IHM.

„Das solltest du bekämpfen!“ mahnte Sam, der kaum älter war und gut aussah, sofort an. Der selbsternannte Ehrenmann, der außer seiner Tochter und dieser Ehre kaum etwas besaß, antwortete darauf flugs: „Was soll ich bekämpfen? Meine Zurückgezogenheit, diesen Drang … meine Ruhe haben zu wollen?“
„Deinen hohen Pulsschlag … und … ich fühle gerade auch eine erhöhte Körpertemperatur!“
„Ach so! Was sonst. Weiß ich schon …!“ Ohne Wissen um seine spezielle Gefährdung durch andere Menschen, ruhig und gelassen von seinem Gefühl des Ekels ausgehend, harrte er nunmehr mit seinen Kopfhörern auf den Oberschenkeln tapfer aus. Leise dröhnte die Musik aus den Kopfhörern. Zu dieser Musik begann er sich im Sitzen rhythmisch zu bewegen. Er lachte. Er grunzte. Er wollte aber nicht sein Töchterchen aufwecken!
Sam daraufhin: „Musst du immer so trocken sprechen? Es klingt so, als wolltest du Ablehnung ausdrücken!“
„Trocken? … was? - Ich denke nach, was falsch sein soll. Ich denke!“ Er nahm die Körperhaltung eines intensiv denkenden Großhirns ein.
Sam: „Falsch? Was falsch ist! … die Trockenheit! Verdammt!“
Er: „Das Falsche kann und will ich nicht mitteilen!“
Sam war betrübt. Je öfter er vorbeikam, desto betrübter war er während des jeweils folgenden Besuchs bei ihm. Ihre Freundschaftsbeziehung lockerte sich offensichtlich etwas. Sams Stimmungen waren durchaus wechselhaft und mit Tiefs durchsetzt, so dass sie ihn, den Freund mit dem Töchterchen nicht gerade begeisterten. 
Jedoch jetzt vorwurfsvoll: „Du bist krank!“ sagte Sam.
Er aber: „Der Arzt muss jetzt wirklich mal geholt werden.“ Das sagte er eindringlich. Und Sam richtete sich etwas verärgert auf.
„Ich hole jetzt für dich den Arzt!“
„Nein! Ich gehe in die Notaufnahme des Krankenhauses! Die haben heute selbstverständlich auf!“
Sam jedoch wütend: „Ich erledige das für dich – du hast ein Telefon! Ich rufe das Krankenhaus an!“  Er stand schon an der Wohnungstür …

Die Tür des Raumes, in dem das Töchterchen schlief, knarrte jetzt geheimnisvoll. War das hier ein Geisterhaus? Auch das noch zu allem echten oder eingebildeten Elend? Vielleicht.
Er, mit Namen August, zog es momentan vor, seinem noch nicht schlafenden Töchterchen zwei Abschnitte aus einem Kindergeschichtswerk vorzulesen, um ihm dann einen fetten Gute-Nacht-Kuss zu verabreichen. Das stellte sich wieder einmal als eine erfolgreiche Unternehmung heraus, denn bald schloss es ruhig die Augen und schlief einen langen, schönen Kinderschlaf.
„Nun aber … Kleines!“ so flüsterte er schließlich. Er fand das Antlitz seines Kindes anmutig und schön, konnte ein paar Minuten lang den Blick nicht von ihm wenden. Dann schaute er zufrieden um sich. Das Kinderspielzeug faszinierte ihn noch so, als wäre er selber ein Kind. August stand von seinem Stuhl am Bett auf. Fragend schaute unerwartet Freund Sam ins Kinderzimmer rein und lächelte, zog dann wieder schnell ab.
August dachte, dass Sam beleidigt sein könnte. Oder sonst was! Sam galt ihm als sein Liebster, Bester und … das war sehr viel. Aber er brauchte ihn nicht zum Hinter-Sich-Bringen des Lebens im Alltag bezüglich des kleinsten Details, denn er war letztlich auch nur ein Freund. Freunde konnte man sich anschaffen, wenn man es unbedingt wollte, dachte August jetzt und zitterte sogar. Er war nämlich aufgeregt. Das war wohl eine Aufregung, die besser nicht da wäre, aber sie war da, weil August, auch jetzt, ja mehr als vordem, gerade auch momentan, als er sich vor der Tür des Kinderzimmers hinlegte, von der großen Ungewissheit übermannt wurde. Gedankenflut, die zu Angst wird. Gefühlswut, die sich nur langsam legt. Ein Zittern, das er sofort bekämpfte. August war im Grunde nicht recht lebensfähig.
Er sah sich von düsteren Gesichtern mit fordernden, bösen Blicken eingekreist.
Inzwischen hatte August eine Abwehrhaltung gegen die Welt entwickelt, in der seine Mitmenschen wichtige soziale Rollen einnahmen, - eine Welt, welche tatsächlich auch und gerade eine Welt war, die ihn peinigte.

„Sam, bist du noch da?“ rief er in die Wohnung, als er das Kinderzimmer verließ, aber eine Reaktion Sams blieb aus. Anscheinend war Sam fort. August lockerte sich auf, machte ein paar gymnastische Übungen, während er Musik hörte, um dann ins Bett zu fallen. Er dachte vor dem Einschlafen im Bett nach.
Die einsamen Nächte brauchen Tage der Arbeitsamkeit mit Erfolgen, die einen an der Arbeit halten können. Es braucht immer Pflichten, die erfüllt werden können. Auch diesbezüglich waren Erfolge unerlässlich. August war noch recht jung und wollte nicht immer wieder daran denken müssen, dass er vernachlässigt wurde!

Tage vergingen. Immer wieder. Dazu gab es keine Alternative. Und eines weiteren Tages, als August in der Küche stand und einen starken Schnupfen hatte, auch Fieber, gab er von sich: „Ich finde sie unzüchtig, diese … Räuber. Keinen Spalt einer Türe, die ich öffnen kann, würde ich für sie öffnen! Sie müssten draußen einsam und verlassen jämmerlich verrecken ohne meine Hilfe!“ Er sagte dies, sagte es noch ein Mal, dann wiederholte er es sogar noch ein Mal. Sodann ersparte er sich weitere Wiederholungen, indem er sich plötzlich theatralisch aufplusterte. Die Kaffeemaschine signalisierte, dass der Kaffee fertig ist. Er ging zum Fenster. Auf dem Asphalt vor seinem Haus düsten zwei Oldtimer um die Wette. Eine Mutter mit Puppe im Kinderwagen rannte an einem gerade haltenden Müllfahrzeug vorbei. In seinem Kopf herrschte ein gewisses Durcheinander. Und seine Unsicherheit, die ihm seine Standfestigkeit im Leben streitig machte, war immer noch beträchtlich. Nur zu gern wäre er sich selbst als der Größte erschienen, doch davon war er weit weg. Die Straßenszene setzte ihm zu, denn sie erschien ihm surreal.
Er schlürfte endlich seinen Kaffee, als er an sein Töchterchen dachte: sein Töchterchen war jetzt bei der Großmutter, Augusts Gedanken flogen in Sphären des Sonstwo. Alsdann wurde ihm klar, dass er ihnen nicht folgen würde! Sie würden ohne ihn auskommen müssen. Er starrte die Decke an. Über ihm schien diese Decke immer tiefer zu kommen. Er bekam es mit der Angst zu tun. Dann schüttete er den ganzen Kaffee auf den Boden, sprang auf und lief in der Küche hin- und her. Ein Schrei. Ein fremder Schrei. Er wollte ihn nicht hören, so grässlich war er!
Doch … wie wahr war es! Es gab sie, diese Verrücktheiten, die ihm auch ein bisschen helfen konnten. Ein paar lange ersehnte Verrücktheiten, um dem Alltäglichen zu entfliehen, kamen aus ihm heraus, sobald er sie haben wollte. Er musste tief graben, aber sie kamen tatsächlich aus ihm heraus! Alte Erinnerungen halfen bei dieser Geburt, alte Erinnerungen, die ihm sehr wertvoll waren, ihm eventuell bei der Ansicht von Erinnerungsstücken kamen. Deshalb ging es ihm für einen Moment etwas besser. Verrücktheiten? Jetzt!
Er war gern allein. Wollte dann aber auch wieder nicht allein sein. Gut, dass es sein Töchterchen gab. Alle Verrücktheiten, derer er bewusst werden konnte, also die wirklich geworden waren und sein Leben mitbestimmten, konnten bloß die Funktion der Abwechslung vom Alltäglichen haben – nicht mehr! Er war ja gern allein, brauchte nicht immer wieder Abwechslungen, um überhaupt existieren zu können. Das stand fest. Dermaßen war er in der Tat innerlich gefestigt.
Diese Verrücktheiten gab es doch wohl gerade jetzt nicht! Wirklich. Wenn er sie, gäbe es sie jetzt, seinem Töchterchen vorführen und beurteilen lassen würde, würden sie sich nach bestimmten Kriterien einordnen lassen, was ein gutes Vorhaben wäre.
Aber es gab sie eben nicht!

Als er sich einmal an diesem Tag rein zufällig in einem Stadtvierteil allein umtat, bekam er die Erleuchtung, seinem Krankheitszustand mittels einer ärztlichen Diagnose und Behandlung Abhilfe zu schaffen, so dass er schnurstracks in eine Arztpraxis ging.
Der etwas ältere, sympathische, aber auch abgehalftert wirkende Arzt sagte zu ihm: „Nächstens werden sie sich an den Rat ihres Freundes halten. Gestern war er wegen ihnen bei mir! Teilte mir mit, dass es ihnen schlecht ergangen sei in den letzten Wochen. Er hielt das für seine Pflicht, mich davon zu unterrichten. Jetzt sind sie bei mir, gut so!“
„Hmm!“ quittierte August diese Äußerung. Er nahm sie wahrlich sehr gefasst zur Kenntnis. Keine Frage, dass er lieber anderes gehört hätte. Sam war also tatsächlich bei diesem Arzt gewesen. August hatte natürlich seinen Hausarzt aufgesucht.  War er auch Sams Hausarzt? Am liebsten hätte er den Arzt sofort erschlagen, aber den Gedanken daran verwarf er sehr konsequent wieder. Er rannte aus der Praxis direkt auf die Straße.


B. Eingaben

„… hallo, meine Kleine … aufgewacht!“ Er gähnte herzerfrischend.
Sie: „Morgen, Papi!“
Er: „Aber … es ist schon zwölf Uhr!!“ reagierte er grämlich und wischte sich mit einem Staubtuch über den Mund, der margarineverschmiert war. Seit gestern hatte er nicht mehr geschlafen, weil ihn Sorgen belasteten.
„Die Tagesmutter kommt bald. Aufstehen und anziehen, Kleines!“ gab er das Kommando. Noch war er cool und einigermaßen auf Draht, war sogar ganz entschlossen, einen Tag hinzulegen, der gelingt. Das Kind hingegen war extrem lebhaft, - nicht zu zügeln. Überraschend tat sich dann ganz Unverständliches, Unbegreifliches. Es warf sich auf ihn und schleuderte ihn Minuten durch sein Leben. Dies kam ihm ungeheuerlich vor! Er war natürlich geschockt. Gerade so konnte er sich retten.
Das Kind zappelte jetzt. August gab sein Bestes: Er wollte ihm auch zur Hand gehen - helfen. Das Ankleiden dauerte viel zu lang.
August dachte aufgeregt: „Was ist mit ihr geschehen … in sie gefahren?“  Hatte man ihm Eingaben gemacht, die es lenkten, zumindest seine Emotionen und Gedanken kontrollierten und beeinflussten, so dass es Dinge tat, die es eigentlich nicht wollte, jedenfalls SO nicht ganz wollte? August musste darüber nachdenken, sein Töchterchen fing jedoch zu toben an, weshalb er Mühe mit ihm hatte.

Seine Eingaben meinte er ja einigermaßen zu kennen, wusste genau, dass es sie gab. Nach der subjektiv wahrnehmbaren Gestaltung dieser Eingaben hatte er, dachte er, sein Leben zu führen, auszugestalten, Zukunft aus ihm herzustellen. Auf jeden Fall, dachte er zudem, waren sie in seinem Unterbewusstsein fest verankert, wodurch sie mehr oder weniger von ihm unbemerkt seine Gedanken- und Gefühlswelt manipulierten. Er war ja … er war ja - er war ja SEIT KURZEM, MOMENTAN UND IM RÜCKBLICK, NICHT MEHR ER SELBST! Möglich, dass auch dieses seine Bewusstwerdung über diesen Sachverhalt als ein Erwachen hinsichtlich des Zusammenhangs und des Ursprungs der Menschen und der Dinge von außen gesteuert wurde. Das war sehr gut möglich! Es bedeutete faktisch, tun, was gesagt wird, ohne zu wissen dass es wirklich von ihm gedacht und gesagt wurde. Denken, was gedacht werden soll, ohne zu wissen, dass es gedacht werden soll. Das Bewusstsein über das Selbst als ein Erkennen über das Wesen des jetzigen Selbst als eine Schimäre, die nicht sie selbst ist – von außen gesteuert. Ferngesteuert. Nichts merken, dass andere tun, was sie tun müssen, da es ihnen sogar offen befohlen wird!
August begann allmählich voll zu realisieren: nur die totale Ungewissheit gab es noch für ihn, da er die totale Kontrolle über sein Selbst, sein ganzes Da-Sein in der Gesellschaft, gewärtigte. Nicht einen einzigen realen festen Anhaltspunkt konnte es für ihn noch geben, an den er sich zu klammern vermochte. Diese Ungewissheit war wirklich total, ohne einen Riss, einen Schlitz, eine Ausnahme, wodurch noch Licht auf ihn als Mensch scheinen konnte! Er war in der Auslieferungshaft an die Hölle, so dachte er, worin ihm denn doch eine Art Gewissheit zu liegen schien. Natürlich mussten Gefühle des Hasses aufkommen, aber er wollte sie sich nicht eingestehen, so dass er gegen sie ankämpfte, obwohl sie als Mittel zu Bekämpfung der Verursacher bestens geeignet sein konnten. Das nahm er ganz richtig an. Denn solche Verursacher musste es einfach geben! Sie waren irgendwo auf der Welt geheim tätig. Ihre Geschäfte lagen mehr oder weniger im Dunkeln, jedenfalls waren sie in ihrer praktischen Bedeutung für die Menschen nicht erkennbar. Und jedenfalls wurden sie als solche stark unterschätzt.

Gern hätte er sich gegenüber seinem Töchterchen nett gezeigt, aber das ging jetzt gar nicht, obwohl es endlich ganz angekleidet vor ihm stand.
„Schätzchen, mach schon, ab an den Frühstückstisch!“ forderte er es mit einem Kloß im Hals auf. Er war bedrückt. Seine Stimmung befand sich in einem Tief. Dann drückte er das Kind, das nicht recht wollte, mit großem Geschick in die Küche, wo er schnell das Frühstück anrichtete. „Ich weiß nichts mehr,“ gab er bedrückt von sich, woraufhin ihn sein Töchterchen anblickte, „nichts mehr! Es ist mir alles zu viel! Alles … ist wie losgelöst, schwebend und krachend. Ein grässliches Moment!“
In der Tat wusste er gegenwärtig, genau jetzt, nichts genau zu wissen, nichts klar zu fühlen. Es ging ihm, voll bewusst, das Leben langsam verloren. Gewissermaßen rutschte es aus ihm heraus, aber langsam und in aller verfolgbaren Deutlichkeit. Er setzte sich jetzt zu seinem Kind an den verkratzten Tisch, um ein Brötchen zu schmieren.
„Willst du Marmelade als Aufstrich?“
„Nee!“
„Willst du überhaupt was essen?“
„Nee!!“

Es sah mit leeren Augen vor sich hin. Und August war betroffen ob dieser aus seiner Sicht natürlich unsinnigen Verweigerungshaltung.
Was für ein Unsinn - ! Er hatte den hier und heute leicht begründbaren Verdacht einer lebenslangen Totalsteuerung und -kontrolle, die sich auf alle seine Lebensabschnitte und seine ganze Person erstreckte, was mittels High Tech durchwegs durchführbar erschien. Er fürchtete sich sehr. Eine soziale Vernetzung mittels einer ganz speziellen, in der Öffentlichkeit kaum bekannten Technologie war sehr wahrscheinlich.
„Mach schon! Die Tagesmutter kommt in einer halben Stunde. Und ich muss zu Freund Sam. Arbeiten will ich nicht!“ teilte er seinem Töchterchen lapidar mit.
„… will nicht!!!“ antwortete das Töchterchen. Die Sturheit dieses jungen Wesens war schon sehr groß.
War das jetzt alles? August stöhnte laut auf. Er stellte sich hinter sein Töchterchen und versuchte es leicht unter Druck zu setzen, indem er ihm leise Bemerkungen ins Ohr flüsterte, doch diese Maßnahme zeigte keine Wirkung. Das war … zeugte von einer gewissen Unfähigkeit, sich durchzusetzen. Keine Frage, es war annähernd katastrophal, weshalb die Gefahr bestand, aus den Fugen zu geraten. Nunmehr drohte ein Wutausbruch.
„Arschloch Pa!“ schoss das Töchterchen dem Vater entgegen. Dieser zeigte so wenig Reaktion wie möglich in dieser Situation.

Wer war es tatsächlich in Persona, der sich begabt, doch auch sehr gewissenlos aus unbekannten Gründen an ihm zu schaffen machte? Dieses Töchterchen war es nicht!? Er überlegte laut, gegen seine Wut ankämpfend: „Hmm. Ja. Nee. Nein! Scheiße!“ Mehr fiel ihm jetzt nicht ein.
Und dachte dann besonders laut, zur Toilette gehend, … „Menschen, die dies verursachen, müssen Bestien sein, die ihren extrem subtilen und anscheinend sehr lange Zeit unbemerkten Einfluss nach eigenem Gutdünken, unbekannten Kriterien, Gründen und Zielen, unbekannten Detail-Erwägungen, unbekannten moralischen Maßstäben geltend machen wollen!“
Das Töchterchen saß immer noch auf dem Küchenstuhl. Nach dem Besuch der Toilette kam er nicht umhin, seinem Töchterchen in der Küche einen eher grimmigen Blick zuzuschicken.
„Was machst du jetzt?“ fragte er es, kurz innehaltend. Und:
„Ich?“
„Ja, du, wer sonst!“
„Ich warte!“
„Das ist aber ungewöhnlich, solltest du nicht längst in der Schule sein?“
„Ja. Aber ich warte auf dich, damit du mich fährst!“
„Ich habe heute keine Zeit mehr für dich, Töchterchen!“
„Das wusste ich nicht, … ehrlich.“

In seinem Wohnzimmer tauschte er sich nunmehr mit der leeren Wand aus. Er starrte, starrte und starrte sie an. „Die sind hundsgemein und nutzen anderer Menschen Schicksale für ihre dunklen Zwecke aus. Das sind vielleicht nur Zwecke zur Machterhaltung in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen! Es können ganz niedrige Zwecke sein, über die zu sprechen der Anstand verbietet. Ich kann mir vieles vorstellen. Nichts ist unmöglich in diesem Zusammenhang, … da bin ich mir absolut sicher!“
„Ja? Von wem sprichst du, Papa?“ fragte sein Töchterchen, das in der Tür stand und voll durchgestylt  war. Die Schule wartete ja.
„Von denen!“
„Von wem …???“
„Sie sind die Berufstäuscher, die uns sehr wahrscheinlich das Leben erschweren, so gut wie sie können.“
„Was sind … Berufstäuscher?“
„Männer und Frauen des Bösen. Sie wollen mich, vielleicht noch andere, später für etwas verwenden. Es ist mir ganz unbekannt, … aber ehrlich … wissen will ich das allerdings auch nicht!“
„Das verstehe ich nicht, Papa! Von wem redest du bloß?“ Tja, er wusste darüber nichts wirklich. Vieles lag hinter dem Schleier der Unsichtbarkeit und in der ständigen Ungewissheit über alles und jeden verborgen. August trotzte mittlerweile mit einiger Routine denen, die ihn gewissermaßen in Besitz genommen hatten. Oder bildete er sich dies nur ein? Es entzog sich alles der Ratio, das Unerklärliche war eingezogen in sein Leben. Er konnte dergleichen jedenfalls nicht mit seinem Verstand erfassen. Höchstwahrscheinlich würde er es niemals erfassen können!
„Ich gehe jetzt, Papa!“ sagte das Töchterchen und entschwand. Er sah seinem Nachwuchs mit etwas Traurigkeit im Blick nach.
„Zur Schule!“
„Wohin denn sonst?“

August versuchte sich darin, Abstand zu sich selbst zu diesem dauernden Schrecken zu halten. Dieser Schrecken war ja immerhin in ihm aktualisiert worden, wodurch er besonders menschenunwürdig, unmenschlich war.
„Die wollen mich fertigmachen!“ schrie er fassungslos aus, als sein Nachwuchs aus dem Haus gegangen war. „Die werden sich an meiner Tochter vergehen oder … was weiß ich …! Irre sind die!“ Seine ganze Vergangenheit wurde offenbar von vielfältigen düster-bösen Möglichkeiten überschattet, die ihm als ekelhaft negative Erinnerungen immer wieder unerwartet plötzlich aufstiegen. Das Unterbewusstsein barg so einiges (durch Eingabe in dasselbe), als ob es dort abgelegt worden wäre. Oder es war wirklich passiert, anschließend dort abgespeichert worden? Er konnte nur unsicher sein bezüglich dessen, was er in seinem Leben jemals gedacht und getan hatte. Selbst die Geburt seiner Tochter musste wohl dadurch in Frage gestellt werden, auch die Heirat mit seiner Frau, die Freunde, mit denen er zusammen war – Freundinnen, Bekannte, Kollegen, Nachbarn. Über alle wurde das schwarze Licht der Lüge und der Täuschung geworfen. Hier waren Erinnerungen jeweils ein Foltern der Psyche. Im Nachhinein wurde er nicht mehr klug aus vielem, schlimmer noch: es war alles so, als ob es geplant-negativ gelaufen wäre. Anders: geplant positiv in manchen Handlungen einer für ihn zumindest teilweise zusammengebrochenen Welt. Immer, wenn er über etwas nachdachte, so konnte er einfach auch ganz falsch liegen, weil die praktischen Voraussetzungen der Überlegungen, welche er dazu anstellte, falsch waren (bzw. falsch sein konnten) Er durfte nicht mehr von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit bei den Menschen ausgehen, in deren Nähe er lebte. Schon war er so weit, anzunehmen, dass sie auf Anweisung Dinge sagten und taten, um ihn ganz speziell aus unbekannten Gründen zu beeinflussen, wodurch die Eingaben (zur Verhaltensmanipulation) eine praktische Ergänzung erfuhren.

Jetzt. Jetzt! Jetzt? Sein Kind war hoffentlich längst im Schulunterricht. Liebevoll kümmerte er sich um sein Kind, und zwar mit noch mehr Gefühlen und größerer Zuverlässigkeit und völlig zugewendet der Totalen des Erscheinungsbildes, ja des wahrhaftigen Wesens des eigenen Fleisches und Blutes.
In der Küche ging er umher. Er poetisierte vor sich hin, dies mit beachtlicher Lautstärke: „Heilige Schweine, die ihr hemmungslos wie sonst geschlachtet werden könntet! Heiliger super-naturaler Zorn, dessen ihr entsagt! Heiliger Apoll, Kriegsgott von seinen, Augusts, … Gnaden, für den er sich heute Abend beim Schaschlik-Mampfen nicht entscheiden kann!“
Er bildete sich ein, des Töchterchens Stimme zu hören: „Ja, Papi!“
„Warum hast du nichts gegessen, komm, setz dich zu mir!“
„Nein, Papi!“ Er stellte sich vor: sein Töchterchen blinzelte nur noch den Vater an, war gerade halbnackt herein gezockelt. Dann doch angezogen und gelangweilt, saß es nun neben dem Vater und aß Butterbrote. Der Vater lächelte gequält. Er hatte so seine Qualen zu erdulden. In seiner persönlichen Zwangslage ging ihm einiges durch den Kopf … es war nicht gerade angenehm zu denken … diese Gedanken hätte er sich gern erspart.
Nunmehr weiter in seiner Vorstellung zum Töchterchen: „Wie viele Stunden wirst du noch auf die Tagesmutter warten?“
„Keine Ahnung, Papi!“ Dann verzog es das Gesicht, der Mund war von Butter verschmiert. Und er tippte sein Töchterchen sanft am rechten Schulterblatt an, wonach es sich rasch aufrichtete. Aber da erschien auch schon die Tagesmutter: „Guten Tag!“ rief sie, als sie die Küche betrat. Alsbald begann sie mit ihrer Berufstätigkeit in aller Ernsthaftigkeit. Und das Kind folgte den Worten der Tagesmutter brav.

Schöne Vorstellung? Was war jetzt zu tun, um sich der Eingaben, die er in sich wahrnahm, zu erwehren? Er wusste es einfach nicht. Es war eine schöne Vorstellung gewesen, so ein Töchterchen unmittelbar bei sich zu wissen – mit der Beschützerin Tagesmutter. Es war so, die nun folgenden Tage würden auch bald vergangen sein. Am dreizehnten Tag, von heute an gerechnet, würde es ihm erheblich besser gehen, malte er sich aus.  Was war das nur für ein Blödsinn? Welchen Sinn machte es, die Tage so zu zählen? Gar keinen. Aber die Feinde, die da waren, waren ohne Zweifel seine Feinde.
Besaßen die Feinde, die er in sich und überall wusste, überhaupt ein Ehrgefühl? Oder so etwas Ähnliches? Ihm jedenfalls blieb in dieser Situation, in der er sich nun einmal befand, nur noch diese Ehre.
„Tod den Feinden! Tod diesen Unmenschen!“ so rief er aus. In der Küche setzte er sich auf einen Stuhl und wollte in sich hinein brüllen, aber es ging nicht. Die Ehre seiner Feinde, so es sie überhaupt gab, würde er niemals anerkennen können.
„… wer keine Ehre hat, ist tot!“ rief er jetzt auch noch aus. Er stierte vor sich hin, sah Gitter vor sich, die es so nicht gab. Unsichtbar. Sie waren unsichtbar? Und eine grässliche Langeweile durchdrang ihn. Ein machtvolles Unwohlsein erfüllte ihn tatsächlich. Und Angst! Trotz der Tatsache des Vorhandenseins der Welt gab es für ihn keine Welt mehr. Und trotz all der Menschen, die in ihr lebten, lebten sie nicht mit ihm zusammen in dieser Welt. Erinnerungen … Erinnerungen waren für ihn vor allem negativ.
„Weg!!“ brüllte er jetzt. Angesichts seiner inneren Unruhe war dies ein gar nicht so schreckliches Gebrüll. „Nur noch weg mit euch, Erinnerungen!“
„Ihr seid mein Grab!“ Meinte er nur seine Erinnerungen oder auch seine Feinde? Er kam sich wie der Gefangene seiner Feinde, der Ehrlosen vor, die praktisch nicht zu identifizieren waren.
Allerdings gab es keinen Beweis für ihre Existenz, trotzdem gab es für August die absolute innere Gewissheit ihrer Existenz. Nun, wie sie dies ganz genau technisch und personell bewerkstelligen konnten, entzog sich seiner Kenntnis! Nur zu gern hätte er dies gewusst. Und gern malte er sich jetzt aus, wie es ohne sie wäre, d. h. was gekommen wäre, wenn sie gar nicht in Erscheinung getreten wären, um ihn zu behandeln.
Es war schon eine dreckige unsichtbare Sache, die er zu ertragen hatte!

„… sie beuten mich aus!“ sagte er zu sich. Der ständige psychische Druck war enorm, nur eines galt ihm als absolut sicher: „Tod den Verderbern!“ wie er denn auch ausrief, um diese Ehrlosen in der Unsichtbarkeit direkt zu treffen. Natürlich reagierten sie darauf nicht. Das wäre ja auch falsch gewesen. Ihre totale Überlegenheit wussten sie Sekunde für Sekunde bestens auszunutzen. Darin waren sie gewisslich perfekt.
Gut wäre es gewesen, wenn er im Widerstand gegen sie eine ähnliche Perfektion gehabt hätte, aber dazu war er gar nicht fähig. Seine Fähigkeiten reichten dafür bei weitem nicht aus. In gewisser Hinsicht war das jämmerlich. Er kam sich klein vor, sehr klein.
Sagte schließlich: „Sie wollen mich kontrollieren, mit dieser überperfektionierten Kontrolle im Zustand des Bewusstwerdens über diese Kontrolle, … weiß nicht was erreichen! Erreichen sie was? – Erreicht ihr was?“  Er schüttelte nicht seinen Kopf …
Er stand jetzt schon etwas neben sich.


C. Einfach weg!

Der 14. Tag. Nachmittags. In einem der Viertel der gleichen Stadt.
„Es ist nichts erkennbar, Sam!“ sagte August zu seinem gerade angebrausten Freund, den er herzlich umarmte, ihm dann von seiner Freundin erzählte, auch davon, dass er derzeit schwere Zeiten durchzumachen habe. Es war mitten auf der Straße, Autos zischten an ihnen vorüber. Ein selbstgebauter Kinder-Drachen zog über beiden hinweg.
„Schau mal!“ wies er seinen Freund Sam auf dieses Ding im Himmel hin. Dieser staunte nur so vor Aufregung und war in einer Art Neuigkeitswahn. Ihm kam es wie ein Irrsinn vor, hier zu stehen. Wollte immer mehr erfahren von dem, was er an seinem Freund August so schätzte: Geschichten, Geschichten, Geschichten, auch manch irre, irreale Geschichte!
Sam merkte, dass August bedrückt war.
„Dreckschweine unterdrücken mich dauernd! Ich bin mit mir allein. Kann mich keinem anvertrauen! Keinem!“ entfuhr es dem erbosten August, der seine Nervosität nicht verstecken konnte.
Es musste mal wieder raus. Und Sam starrte ihn an.
„Wie, was?“ Sam stand auf wackeligen Beinen, fand keine weiteren Worte. Er wedelte jetzt mit seinen Armen, um August näher zu kommen. Am liebsten hätte er sich ihm angeschmiegt, aber August hätte ihn zurückgewiesen. Menschliche Wärme ertrug August nicht ohne Weiteres.
„Das kann nicht sein!“ rief Sam nun noch aus. Er trat mehrere Schritte zurück. Der Autoverkehr nahm binnen weniger Minuten stark zu. Hier nahe einer Hauptverkehrsstraße war es nun einmal sehr hektisch und laut. Die paar Kinder, die jetzt, gegen 16 Uhr, aus der Freizeitbetreuung ihrer Schulen kamen, waren an den beiden Männern gänzlich desinteressiert.  Das war in Ordnung.
Und anschließend: „Ich bin das Allein-sein gewohnt. Als Bürde des Existierens. Dann ist da noch das Tätig-sein!“
Das teilte August seinem Freund Sam sachlich mit. Dieser hörte sich das an, wenngleich in ihm Missmut aufstieg. Dann zerstreute er mit einem bösen Blick die aufgesetzte Lauterkeit und das momentan erhebliche Zutrauen Augusts.

Er wollte schnell von August fort, denn der Ernst der Lage war ihm verdächtig, hatte er doch nette unterhaltsame Geschichten hören wollen. August guckte eingeschüchtert.
„Du hast ja eine Paranoia, August!“ ranzte dann Sam den sofort beleidigten August an, der mit seinen Gedanken und Gefühlen inzwischen riesige Probleme hatte.
„Du glaubst, ich spinne?“
„Du spinnst nicht nur!“
„Ich spinne nicht einmal!“
„Du bist total dem Verfolgungswahn erlegen!“
„Das ist absurd, ich kann absolut klar denken und fühlen!“
„Nein!“ antwortete Sam des Ganzen überdrüssig. Eigentlich hätte er seinem Freund mehr Interesse und Verständnis entgegenbringen müssen, doch er konnte einfach nicht mehr – auch angesichts der Örtlichkeit, wo sie sich im Moment befanden.
Sam wollte immer noch von August fort – schließlich bewegte er sich von ihm fort. Ein rotes Cabrio musste eine Vollbremsung durchführen, als Sam die Straße überquerte. Er konnte August gar nicht mehr ertragen, war deshalb in einen Abgrund der Gefühle gestürzt, der seine Sinne zu verwirren begonnen hatte.

In Augusts Augen, die hauptsächlich auf die geschilderten befremdlichen Erscheinungen innerhalb und außerhalb seiner Psyche auftraten, gerichtet waren, waren die die Erscheinungen verursachenden Kräfte Verteidiger des Alten, waren subtile pervertierte Verteidiger des längst zu überholenden Brüchigen eines Staates und einer Gesellschaft, für deren Existenz man sich zu schämen hatte. Noch fühlte sich August auf dieser Himmelsfahrt, wie er es empfand, einigermaßen frei (wenn von Freiheit überhaupt noch die Rede sein durfte!).

Als Sam außer Sichtweite gekommen war, musste August lächeln: dieser Mensch war es nicht, konnte es nicht sein, der ihm helfen konnte, vielleicht gab es keinen einzigen Menschen auf der Welt, der die Rolle des Helfers zu übernehmen imstande und willens war. Diese gedankliche Klarheit war ihm also möglich. Es war beruhigend für ihn, diesen Schluss ziehen zu können!
Gern wäre er mal auf den Traktor gesprungen, der vor seiner Nase die Hauptverkehrsstraße herunterfuhr, doch er konnte sich beherrschen. Er wollte auch hier weg, weg, weg!
Deshalb ging er auf dem Bürgersteig viele Schritte an einigen Passanten vorüber, die ihn keines Blickens würdigten. Warum auch? Aber … hätten sie eigentlich nicht … angesichts der geheimen Kräfte, persönlich einschreiten müssen? Nein, eben nicht! Ja, gewiss doch! - ???

August dachte: „… meine schlechte Stimmung ist nur zu leicht erklärbar. Ich bin ein Opfer. Das will ich nicht sein! Die dauernd bewusste Scham über die Lage, in der ich bin, ist zermürbend. Es entsteht allmählich ein Fatalismus, ein Sich-Schicken in die unangenehme Situation, in der ich mich befinde, den ich nicht akzeptieren darf.“
Die Scham, die er fühlte, beruhte auf keinem Vorurteil, keiner ideologischen Bedenklichkeit, keiner Anschauung aus der Philosophie, keinem überzogenen Ergebnis von kritischen Reflektionen, oh nein … sie war das Resultat des Denkens und Fühlens, welches ständig aus der Drucksituation entstehen musste.
„`Sie´ haben mich offensichtlich in die Mangel zu nehmen, kräftig und beherrschend – machen mich unfrei, nicht direkt zu einem Gefangenen, sondern bloß unfrei. Unfrei? Was soll das heißen? Bin ich nicht mehr Herr über mich selbst? Ja! Genau dies!“

Er blieb vor einem Platz eines Autohändlers stehen, dessen Fahrzeuge August seit langem interessierten, obwohl sie schäbige und daher recht preiswerte Fahrzeuge waren. Eines davon hätte er sich vielleicht noch finanziell leisten können. August schmunzelte darüber, dass er sich wieder über derlei Unwichtiges Gedanken machte.
„Sie sind die Herren über meine Gedanken- und Gefühlswelt, … meine Peiniger …, die … !“ sagte er laut und stockte mitten im Satz.
Dachte: „… sind die Herren über meinen Verstand, meine Gefühle, mein ganzes Bewusstsein, mein … alles … ich könnte lallen, müsste dann annehmen, dass sie es verursacht haben. Ich könnte einen Unfall haben, müsste dann annehmen, dass sie den Fahrzeugführer des Unfall verursachenden Autos bewusstseinsmäßig manipuliert haben. Ich könnte eine geniale Idee haben, müsste dann allerdings zumindest befürchten, dass diese Idee ein von außen eingegebener Gedanke der `fremden Kräfte´ sein könnte.“
Alles - alles war mehr als bedrückend, da überaus befremdlich. Diese Kräfte musste er auf alle Fälle entfernen. Sein Leben musste von ihnen frei sein! Tatsächlich und für immer. Die Grausamkeit der Kräfte ließ auf Schritt und Tritt grüßen – die Grausamkeit von fremden Personen, die gar nicht persönlich in Erscheinung traten, sich lediglich einer Hochtechnologie bedienten, welche sie gegen ihn und vermutlich noch gegen andere unschuldige Menschen benutzten, um Macht und Einfluss auszuüben – irgendetwas zu erreichen.

Er war jetzt unfähig, eine Rede zu verfassen, die ihn gegen diese ganze für ihn unbeherrschbare Situation aufbäumen lassen konnte – als ein normaler Mensch. Er war perplex, dass es überhaupt so weit hatte kommen können. Handelte es sich um einen Irrtum? Eine Verwechslung der Person? … weshalb sie sich an ihn geheftet hatten, um seine Kreise durch ganz nahe und durchdringende Geräusche und Stimmen ständig zu verkleinern . Es war nunmehr ein unerträglich Da-Seiendes, was nicht da sein durfte, weil es nicht ins Leben eines Menschen eindringen durfte, aber allgegenwärtig war und die Aufmerksamkeit zwingend auf das lenkte, was in der Zeit unbarmherzig voranschritt.
August wandte sich dem unerträglich Da-Seienden zu. Vorerst musste es sich trotz seiner geschwächten Gesamtkonstitution, wie er fand, fortsetzen: wie lange genau war unabsehbar.

Eines schönen Tages mietete der reiselustige August einen rot lackierten Traktor und begann allein und ohne Unterstützung eine große Reise durch Deutschland, als ob er nichts besseres zu tun gehabt hätte. Tatsächlich fand er, dass jede Ablenkung von den Problemen, die er hatte, gut war. Sein Töchterchen hatte er zu seiner Schwägerin Lucy verfrachtet, wo es immer mal wieder ganz gerne war. Lucy meinte noch kurz vor der Abfahrt am 44. Tag: „Schön, August … die Kleine braucht mehr als nur eine Unterkunft und Pflege und Betreuung, vielmehr Liebe … und …!“
„Was?“ fragte August nach. Er war schon reisefertig, der Traktor stand vor dem Eigenheim Lucys und wurde von den Nachbarn kritisch beäugt, aber auch freudig bestaunt.
„Na ja, sie soll sich eben richtig wohlfühlen können!“
„Klar!“ erwiderte August und ging raus, wies allzu Neugierige ab, um dann abzufahren.
Wochenlang war er mit dem Traktor unterwegs. Das waren Wochen des Herumfahrens, des Auffälligwerdens, einiger aufgebrummter Strafen, der maßlosen abwegigen Kritik an seinem ungewöhnlichen Gefährt und des Hereinrutschens in ihm sehr befremdlich anmutende Situationen, welche er aber nach seiner Meinung meisterte, weil er diesen Traktor besaß, mit dem er auch flüchten konnte. Dieses Herum ohne ein rechtes Wozu wurde damit sinnlos, zumal fragwürdig, denn irgendwann blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Reise zu Fuß mit einem geklauten Kartoffelsack als Transportbehältnis fortzusetzen. Das war unsäglich anstrengend und lächerlich, weil absolut sinnlos. Öfter wurde er von den Menschen verspottet. Einmal wagte es sogar jemand, August einen Pfeil hinterherzuschicken, was lebensgefährlich war. August hätte fast sein Leben verloren. Nun ja, das war ansatzweise katastrophal, weshalb er sehr ins Grübeln kam.
„Auffällig sein auf diese Art und Weise soll einem nicht angeraten sein!“ sprach er, als er auf einem kleinen Parkplatz nahe eines bekannten Waldstücks parkte. Er ruhte aus und dachte nach.
„Bin ich weiterhin so unterwegs, werde ich vielleicht alles verlieren ...“ Geld hatte er seit kurzem schon nicht mehr ausreichend zur Verfügung.
„Wenn man es mir absichtlich schwer machen will, so  … bitteschön, das könnte jetzt genug sein! Bei aller mühevoll aktivierten Verständnislosigkeit! Ich möchte normal weiterleben, nicht lebenslang von … Fremden … beeinträchtigt werden!“
Dann taumelte er in Trance von  seinem Traktorsitz herunter auf den asphaltierten Boden. Der Wagen hinter dem Traktor wurde von ihm jetzt aufgesucht. Und August lächelte blöde in die Gegend.
„Bald bin ich am Ende, laufe barfuß, saufe mich den Reeeest der Zeit … voll, um dann abzukratzen!“
Das hörte hier keiner. Es begann draußen z u regnen. Und das dunkle Himmelsgewölk war ein böses Omen für die nahe Zukunft. Aus dem Regen wurde mit der Zeit ein Schneeregen, der von August bemerkt wurde. Ihm war kalt. Weshalb er sich vor die künstliche Sonne setzte, die er von Zuhause mit gebracht hatte. Sie wärmte und bräunte ihn im Gesicht. Aus dem Wagenfenster blickend, nahm er die Veränderung der Witterung mit Wohlwollen wahr: „Schön, dass wir jetzt mal eine Abwechslung haben …!“
Er hatte mit seinem Traktor bislang keine Pause einlegen können, ohne anderen Leuten negativ aufzufallen. Ein Mal vertrieb man ihn von einem Grundstück, von dem er nicht gewusst hatte, das es privat war. Ein anderes Mal wurde er von einem Bäckergesellen angeschrien, weil er angeblich eine Tüte mit trockenen Brötchen gestohlen haben sollte. Er stierte verständnislos zurück und ging weiter.
Die Landbevölkerung war ihm, leider war dies festzustellen, nur zum Teil wohlgesonnen. Man hielt ihn für ein Zwischending zwischen Stadtstreicher, Vagabund und Hippie und Spinner. Es war schon seltsam, aber er kam damit zurecht.
Glücklich war er, als ausgerechnet hier und jetzt Freund Sam auftauchte. Wie aus dem Nichts. Er strebte durch den Schneeregen und klingelte an der Wagentür.

„Hi!“ grüßte Sam, als er im Wagen stand.
„Hi!!“ antwortete August und lächelte aufrichtig erfreut seinem Freund entgegen, welcher sich sofort zur künstlichen Sonne begab.
„Hier ist es nicht gerade warm, August!“
„Stimmt,“ erwiderte August und lächelte weiter.
„Wie ist es dir auf Tour ergangen, August?“ fragte ihn Sam, aber August war plötzlich verstockt und am Gespräch desinteressiert. Seine Lippen drückte er dicht aufeinander. Er erblasste im Gesicht. Seine Haare waren wirr durcheinander und fettig. Sams Aussehen hingegen war fern der Anstößigkeit. Er begann nun zu lächeln. August fragte sich allerdings, wie seine Reise zusammen mit seinem Freund Sam verlaufen wäre, sagte aber von seiner an sich selbst gestellten Frage nichts.


D. Raus aus dem Erwachen

Nach ein paar weiteren Tagen war es vorbei mit der Reise, die für August wirklich nur Flucht, nur Weglaufen bzw. Wegfahren gewesen war. Mit dem Wegfahren, also diesem Verschwinden-wollen, war es aber eben nichts! Nirgendwo konnte er wirklich und endlich ankommen, außer bei sich oder seiner Schwägerin Lucy, die ihm immer gern half: sie war die Zuverlässigkeit in Person und ein Prachtexemplar von Mensch. Seit er weggefahren war, hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, was ihn störte.  Klar, Wege und Menschen gab es viele im Leben, in dieser Gesellschaft, aber auch und gerade in diesen Tagen fehlte es ihm an Zielen, deren Erreichen ihm entscheidend weiterhelfen konnte.
Mittlerweile war ihm der Traktor gestohlen worden. Er stand ohne jedes private Fahrzeug da. Sein Töchterchen ging wieder ordentlich zur Schule, war vom frühen Abend bis zum kommenden Morgen Tag für Tag bei Schwägerin Lucy zu Hause. Bei ihr war sie jetzt zu Hause! Augusts Leben mit ihr existierte nicht mehr wie zuvor. Er war leer. Er war verloren in sich selbst. Und wenn er über seine persönliche Lage nachzudenken versuchte, so landete er zwangsläufig mitten in dieser Leere mit Totalitätscharakter. Es war zum Verzweifeln, dass das Nachgeben dem Drang, sich zu befreien, indem er reiste, zu so etwas geführt hatte.
Im Leben war er ein Schatten, der herumirrte. In diesem Schatten vegetierte er und starb täglich neu. Sein eigenes Leben war der Verfolger, den er loswerden musste – in Gestalt der unsichtbaren Feinde, die die Ursache des Verfolgens und dieses Erwachens waren. Er war erwacht. Und er war es deshalb, weil er vorher nur geschlafen hatte! Das war ein Schlaf gewesen mit dem Ziel, geweckt zu werden. Rückblickend erschien ihm dies wie ein idiotisches Lebensziel, für das er sich schämen musste.
Nunmehr besaß er tatsächlich kein Ziel. Noch nicht einmal mehr ein Heim besaß er, denn er streifte durch die Heimatstadt ganz ähnlich der Stadtstreicher, welche sich hier umtaten. Jegliches Anzielen war verschwunden, er erfasste es überhaupt nicht mehr als einen geistigen Vorgang.

Zu Bewusstsein kam ihm, dass er sein bisheriges Leben erfolglos gelebt hatte.
Eine große Veränderung musste her, die zutiefst gut war! Konnte er sich in einen neuen Haushalt eingliedern? In den Haushalt seiner neuen Freundin Annabelle, die ein Lederwaren-Geschäft führte und kaum älter als er war? Es ging darum, wenigstens für ein paar Monate eine Bleibe zu haben, die schützte und wärmte. Die ihn verbergen half. Dieses Erwachen nach dem langen Schlaf hatte gefälligst zu enden! Definitiv!

„Annabelle hat mich gern,“ gab er sich selber kund, als er in ihrem Vorgarten hockend Blumen pflückte. Er war gewillt, keinem Menschen irgendwelche Vorwürfe wegen seines psychischen Befindens zu machen.



Kay Ganahl
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