Ungesteuerte Erkenntnis

Erörterung zum Thema Denken und Handeln

von  loslosch

Non intellecti nulla est curatio morbi (Maximianus; kaum die Worte des gleichnamigen spätrömischen Soldatenkaisers, ~240 bis 310, sondern vermutlich die eines frühmittelalterlichen Elegiendichters). Eine nicht erkannte Krankheit kann man nicht heilen.

Eine auf den schnellen Blick leerformelhafte Wendung. Doch bald regt sich inneres Widerwort. Eine nicht erkannte Krankheit könnte per Zufall geheilt werden. Von diesem günstigen Umstand profitiert so mancher Heilpraktiker der Gegenwart. Auch in der klassischen Medizin sind solche Fälle nicht unbekannt. Ein Beispiel aus der Medizingeschichte des 19. Jhs.: Cholera-Epidemie 1849 in London. Der seinerzeit anerkannte britische Medizinstatistiker William Farr (1807 bis 1883) vermutete einen Erreger, der in niedriger Meereshöhe über der Erde schwebt, und empfahl zunächst, die Menschen der befallenen Stadtgebiete in höher gelegene Regionen umzuquartieren. Die wahre Ursache, mit den damaligen Methoden der Epidemiologie entdeckt: Verseuchtes Themsewasser. Farrs Empfehlung wäre gleichwohl ein (wirksames) Mittel gewesen, die Cholera zu bekämpfen. Aus falschen Annahmen können richtige Ergebnisse folgen.

Die Elegie des Maximian ist falsch in ihrem Wahrheitswert. Man könnte sie aussagenlogisch „wassserdicht“ machen, etwa so: Es gibt keine systemisch planvolle Heilung einer nicht erkannten Krankheit. - Nun hätten wir eine perfekte Leerformel, die auch noch großartig daherkommt.

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Kommentare zu diesem Text


 TrekanBelluvitsh (16.11.13)
Ein schönes Beispiel, aber -so Leid es mir tut - falsch gedacht: Denn die Krankheit wurde in deinem Beispiel ja erkannt. Allerdings wurde die tiefer liegende Krankheit - ich möchte meinen, es ist die allgegenwärtige Selbstüberschätzung der Gattung Homo Sapiens - weder erkannt noch bekämpft, auch weil die meisten das für Selbstvertrauen halten.

Doch vielleicht steckt hinter den Worten des Maximianus ja ein erstaunliches psychologisches Wissen, zumindest wenn man ihn so interpretiert: "Der seelische Schmerz wird, wenn man seine Ursache nicht findet, für immer bleiben."

 loslosch meinte dazu am 16.11.13:
es liegt an der interpretation des wörtlich übersetzten spruches. eine in ihrer kausalität nicht erkannte krankheit, das ist meine lesart.

angenommen, tebartz-van elst hätte eine persönlichkeitsstörung, und keiner würde es merken ... das wäre ein muster für die andere interpretation. (übrigens ist ein bruder des pausierenden bischofs habilitierter psychiater ...)

 EkkehartMittelberg (16.11.13)
Du hast den Spruch ja korrigiert.
Aber auch in seiner Rohfassung macht er Sinn. Nehmen wir das Beispiel eines Alkoholikers, der sich seine Krankheit nicht eingestehen will. Ein Arztbesuch ist keine Garantie dafür, dass sie geheilt wird, aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, weil der Erkrankte zumindest bereit ist, Erkenntniszu gewinnen.

 loslosch antwortete darauf am 16.11.13:
die änderung ist kosmetisch, bis auf "systemisch". denn die umsiedlung weg von der themse wäre im prinzip planvoll. es ist gut, wenn man seinen text kritisch durchsieht.
Graeculus (69)
(17.11.13)
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 loslosch schrieb daraufhin am 17.11.13:
ja, laut wiki:  hier. es blieb also nur der dichter aus dem 6. jh. vor 2 jahren, als ich den text entwarf, gab es keine klare quelle zum spruch.
Graeculus (69) äußerte darauf am 17.11.13:
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 loslosch ergänzte dazu am 17.11.13:
jetzt finde ich die ältere quelle des elegiendichters cornelius gallus, eines zeitgenossen ciceros. es wurde immer schon viel abgeschrieben.
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