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Apophtegma. Antiquarisch. Anekdote.

Anekdote zum Thema Kultur


von Willibald

Der Hamburger Schriftsteller Hans-Joachim Gerber  war für seine Kunst-Apercus in seinem engeren Umfeld  bekannt und wurde wegen deren Schärfe auch von  seinen Adoranten  gefürchtet und als "Scharfrichter" bezeichnet.

Als er bei einem abendlichen Einkauf  an einem Fischladen vorbeikam, in dessen Auslage eine lange Reihe von Kabeljauen so im Halbkreis hingelegt worden war, dass alle Tiere mit aufgesperrten Mäulern und Glotzaugen auf die Straße sahen, schlug sich Gerber gegen die Stirn. "Um Gottes willen", rief er, "ich habe ja ganz vergessen, dass ich  gleich eine Literatur-Lesung im Cafe Apophthegma zu leiten habe." Und er rannte davon, um noch rechtzeitig zu kommen. Vor ihm lief ein Hund, Gerber passierte  eine mädchenhafte Reiterin zu Pferd, die hielt in der Hand eine Gerte.

Als  nun Gerber  nach Atem ringend das Cafe Apophthegema betrat, bemerkte er, dass das Lesepult schon besetzt war. Dort saß ein vierschrötiger Mann hinter einer Kanne Kaffee und fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf und dann in den Spalt zwischen Hemdkragen und Hals. Gerber stellte sich auf die Fersen und wippte. Wie gerne hätte er jetzt die Gerte des Mädchens besessen und den barocken Menschen da vom Pult  vertrieben. Als dieser sich nun auch noch Kaffee eingoß, langsam  trank und - überhaupt - er machte keinerlei Anstalten zu weichen, da hörte Gerber zu wippen auf. "Einer von uns beiden ist hier fehl am Platz", zischte er erbost und dann noch schärfer: "Mein Leben gilt der Kunst. Also weichen Sie!" Albert Graeculus, der so Angesprochene,  nahm wieder einen  tiefen Schluck des braunen Trankes. "Weh dem, der lügt", erwiderte er und wischte sich über den Mund.

Als  Franz Grillparzern, dem Autor des kaum mehr aufgeführten Dramas "Weh dem, der lügt",  diese Anekdote transmundan  vor Augen kam, verstärkte sich seine Grämlichkeit. Die Adoranten in seiner Nähe steckten die Köpfe zusammen und raunten, wenn das so weitergehe,  würde oder werde sein ewiger  Trübsinn nicht aufzuhellen sein.


Zum Spiel mit Elitär-Antiquarischen hier einige Fußnoten:
- Apopthegma, Apercu: geistreiche Wendung
- Adorant: Anbetender, Jünger, auch entsprechende meist
  steinerne Figur in der religiösen Kunst
- transmundan: jenseitig
- Albert Graeculus: nicht identisch mit dem hiesigen
  Autor
- Grillparzern: ein etwas ungelenker, aber alt-ehrwürdiger Dativ

 
 

Kommentare zu diesem Text


Didi.Costaire
Kommentar von Didi.Costaire (29.08.2018)
Albert Graeculus? Wohl kaum. Das trifft eher auf seine Eltern zu. :-D
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (30.08.2018)
Etwas sehr fremdwörter-verliebt ("Apercu", "transmundan" usw.), aber gerne gelesen.
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Kommentar von Echo (34) (30.08.2018)
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LottaManguetti (59) meinte dazu am 30.08.2018:
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Echo (34) antwortete darauf am 30.08.2018:
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Willibald schrieb daraufhin am 31.08.2018:
Gratias für Rückmeldungen.
"Adoranten" sind schon auch halblebendige bis lebendige Anbetungsjünger.

greetse
ww

Antwort geändert am 31.08.2018 um 16:03 Uhr
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Kommentar von LottaManguetti (59) (30.08.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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toltec-head äußerte darauf am 30.08.2018:
Zitat: "Vielleicht gehöre ich auch nur zu denen, die in Geschriebenem etwas anderes suchen."

Vielleicht Texte im simplen Focus-Stil?
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LottaManguetti (59) ergänzte dazu am 30.08.2018:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Willibald meinte dazu am 31.08.2018:
Salute, Lotta und Dieter,
ja, der Text will so ein bisschen mit den prätentiösen Möglichkeiten
seiner Sorte spielen und da auch mit antiquarischen Spreiz-Preziosen.

greetse
ww

Antwort geändert am 31.08.2018 um 15:59 Uhr


Antwort geändert am 31.08.2018 um 16:03 Uhr
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toltec-head
Kommentar von toltec-head (30.08.2018)
Roberto Bolaño beschreibt irgendwo eine ähnliche Szene mit echten Schriftstellern, wo es dann aber hinterher noch zu einem echten Duell irgendwo in den Pampas bei Artern kommt. Gerne gelesen. Schaust sehr sexy aus!
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