Ein ganz normaler Kauf

Kurzgeschichte zum Thema Gesellschaft/ Soziales

von  RainerMScholz

Wo das Geld herkommt, weiß ich gar nicht so genau. Geerbt. Doch, ich weiß es. Es ist vermacht worden. Von einem Onkel meiner Frau, den ich nur ein- oder zweimal gesehen habe, auf irgendeiner der seltenen Familienzusammenkünfte, wahrscheinlich auch wieder eine Beerdigung.

Es ist Sonntag, wir stehen vor dem Haus und warten auf die Besitzerin, mit der wir verabredet sind. Die zu besichtigende Wohnung liegt im zweiten Stock in der Buchenstraße 24, ruhig gelegen, wie aus der Anzeige zu entnehmen war, mit günstiger Einkaufs- und Verkehrsverbindung. Sie kommt. Meine Frau tritt auf sie zu und reicht ihr die Hand. Eine resolut wirkende Dame mit gefärbten weißblonden Haaren mittleren Alters, die ein reserviertes Lächeln aufgesetzt hat. Wir betreten das Haus, sie resümiert die Vorteile der letzten Modernisierung im Treppenhaus auf dem Weg zur Wohnungstür, Gas, Fenster, Böden neu. Ein untersetzter älterer Mann in kariertem Hemd und Jeanshose öffnet nach dem Klingeln an seiner Wohnungstür. Er bittet uns hinein, der Termin sei ja abgesprochen, und lädt uns ein, sich freimütig umzuschauen, während er an die Kaffeemaschine in der engen Küche verschwindet. Wir inspizieren seine Wohnung, Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer, alles akkurat aufgeräumt; die Fenster sind tatsächlich neu; auf dem Boden im Wohnzimmer liegt ein ausgetretener Teppich; die Besitzerin referiert die Geschichte des Hauses, wenn man davon sprechen kann. Der Mieter bietet uns einen Kaffee an, den wir dankend ablehnen. Meine Frau fragt ihn, wo die nächste Einkaufsmöglichkeit für den täglichen Bedarf und wie weit der Fußweg zu Bus oder Bahn in die Stadt sei. Er schluckt, blickt schräg zur Decke und beantwortet die Frage, setzt sich dann auf die abgewetzte Couch und sieht zum Fenster hinaus. Die Besitzerin spricht über den Eigentümeranteil und die Kosten für – ich weiß es nicht mehr.

Wir verabschieden uns freundlich vom Mieter, der auf dem Sofa sitzengeblieben ist, als wir zur Türe gehen.

Draußen auf der Straße erläutert die Besitzerin noch etwas zu Straßenreinigung und Gartenpflege, dann geben wir uns alle die Hand.

Auf dem Rückweg unterhalten meine Frau und ich uns. Sie fragt, was ich davon hielte, dem Haus, der Wohnung und allem. Ich antworte nicht sofort. Die Buchen im Herbst verlieren ihre ersten Blätter und der Eishimmel zieht sich allmählich zu.



© Rainer M. Scholz



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (07.03.24, 17:08)
Auf den ersten Blick eine harmlose, auf den zweiten eine schreckliche Geschichte.
Denn so ganz "normal" gestaltet sich dieser Kauf offenbar nicht: Es geht um Vertreibung, um Austreibung um Verlust einer Heimstatt.

Wer möchte sich schon auf diese Weise einkaufen?

Angemessen knapp und schnörkellos erzählt; gefällt mir sehr gut!

Herzliche Grüße
der8.

 Quoth meinte dazu am 07.03.24 um 22:35:
Die Vermieterin kann den jetzigen Mieter nur bei Eigenbedarf kündigen, den hat sie aber offenbar nicht, weíl sie an andere vermietet. Vielleicht ist er aber auch zu oft die Miete schuldig geblieben oder will und kann die nach der Modernisierung erhöhte Miete nicht bezahlen., dann kann sie ihm auch kündigen bzw. mit der Räumungsklage drohen. Nun, wenn das besichtigende Paar die Wohnung nicht nimmt, weil der jetzige Mieter ihnen leidtut, dann findet die Vermieterin sicherlich andere Mieter. 
Schnörkellos und gut erzählt ist die Geschichte in der Tat, aber mich nimmt sie emotional weniger mit. Der Kapitalismus ist rücksichtslos und wird durch Mieterschutz nur notdürftig abgefedert.

 RainerMScholz antwortete darauf am 08.03.24 um 14:46:
@ 8.: Und gerade das Unausgeschmückte hat mir zu denken gegeben, aber schlussendlich wirkt der Text dafür umso - ich sag´`mal: echter.
Gruß + Dank,
R.
@ Quoth: Jaja, der böse Kapitalismus.
Grüße,
R.

Antwort geändert am 08.03.2024 um 14:50 Uhr

 Quoth schrieb daraufhin am 08.03.24 um 15:06:
Ich wollte damit nur sagen: Ich war selbst schon Opfer von Gentrifizierung, und habe selbst schon von ihr profitiert, war selbst schon Vertriebener und habe vertrieben. So what?

 RainerMScholz äußerte darauf am 08.03.24 um 15:32:
Kapiert.
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