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Spiegel-Meditation

Innerer Monolog zum Thema Gesicht


von Graeculus

In der Ausstellung „Untold Stories“ von Peter Lindbergh in Düsseldorf war eine halbstündige, "Testament" genannte Filmsequenz eines zum Tode verurteilten (und zwei Monate später hingerichteten) Mörders zu sehen, der in einen Spiegel schaute. Da es sich um einen Einwegspiegel handelte, konnte Lindbergh diese Sitzung filmen.
Ein halbe Stunde lang schauen wir dem Mann beim Atmen, bei Augenbewegungen und bei gelegentlichem Lächeln zu. Was in ihm vorgeht, können wir nur vermuten; aber sicherlich geht in ihm etwas vor.

Wir waren uns einig, daß es sich um eine sehr eindrucksvolle meditative Übung auch für Nichtmörder handelte. 30 Minuten lang unerbittlich dem eigenen Gesicht ausgesetzt sein!

 
 

Kommentare zu diesem Text


EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (04.03.2020)
Lieber Graeculus,
vielleicht war Annette von Droste-Hülshoff auch längere Zeit ihrem eigenen Gesicht ausgesetzt, bevor das folgende Gedicht entstand:

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mir das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd' ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd', ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möcht' in treue Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis' es durch die Züge wühlt,
Dann möcht' ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl' ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd' ich, und
Mich dünkt - ich würde um dich weinen!

Beste Grüße
Ekki
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AchterZwerg meinte dazu am 04.03.2020:
Danke, Ekki,
ich kannte dieses wunderbare Gedicht noch gar nicht!

Entzückte Grüße
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Graeculus antwortete darauf am 04.03.2020:
Großartig! Kannte auch ich nicht!
Danke!

Jetzt kann man, frisch motiviert, dem Thema in der Literaturgeschichte nachgehen. Hier Caligulas Dialog mit seinem Spiegelbild gemäß Albert Camus:
VIERZEHNTER AUFTRITT

Er dreht sich um sich selbst, geht mit irrem Blick zum Spiegel.
CALIGULA: „Caligula! Auch du, auch du bist schuldig. Ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Was hat das schon zu besagen! Aber wer wagte es, mich zu richten in dieser Welt ohne Richter, da niemand ohne Schuld ist!“ Mit dem Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, während er sich an den Spiegel preßt.
„Du siehst es wohl, Helicon ist nicht gekommen. Ich werde den Mond nicht besitzen. Aber wie bitter ist es, recht zu haben und den Weg zu Ende gehen zu müssen. Denn ich habe Angst vor der Vollendung. Waffenlärm! Die Unschuld bereitet ihren Triumph vor. Warum bin ich nicht an ihrer Stelle! Ich habe Angst. Welch ein Ekel, dieselbe Feigheit in der eigenen Seele zu verspüren, die ich bei den anderen verachtet habe. Aber das tut nichts. Auch die Angst ist nicht von Dauer. Ich werde die große Leere zurückgewinnen, in der das Herz Ruhe findet.“ Er tritt ein bißchen zurück, dann steht er wieder vor dem Spiegel. Er scheint ruhiger. Er hebt von neuem zu sprechen an, doch leiser und eindringlicher. „Alles sieht so verworren aus, Und doch ist alles so einfach. Wenn ich den Mond bekommen hätte, wenn die Liebe genügte, wäre alles anders. Aber wo diesen Durst löschen? Welches Herz, welcher Gott besäße für mich die Tiefe eines Sees?“ Er kniet nieder und weint. „Nichts in dieser Welt, nichts im Jenseits, das meinem Maß entspräche! Und doch weiß ich, und du weißt es auch“ – er hebt weinend die Hände zum Spiegel – „daß es genügte, wenn das Unmögliche möglich würde. Das Unmögliche! Ich habe es an den Horizonten der Welt gesucht, an den Grenzen meiner selbst. Ich habe meine Hände ausgestreckt.“ Schreiend: „Ich strecke meine Hände aus, und immer begegne ich dir, immer dir, mir gegenüber, und ich bin voll von Haß gegen dich. Ich habe nicht den Weg eingeschlagen, den ich hätte einschlagen sollen, ich gelange nirgendwohin. Meine Freiheit ist nicht die richtige. Helicon! Helicon! Nichts, immer noch nichts. Oh, diese Nacht lastet schwer! Helicon wird nicht kommen: wir werden auf immer schuldig sein. Diese Nacht lastet schwer wie der Schmerz der Menschen.“
Waffenlärm und Geflüster wird hinter den Kulissen vernehmbar.
HELICON erscheint im Hintergrund: „Sei auf der Hut, Gaius! Paß auf!“ Eine unsichtbare Hand erdolcht Helicon.
Caligula steht auf, ergreift einen niederen Schemel und nähert sich schwer atmend dem Spiegel. Er beobachtet sich, simuliert einen Sprung nach vorne und schleudert angesichts der entsprechenden Bewegung seines Doppelgängers den Schemel mit aller Wucht in den Spiegel, während er schreit:
CALIGULA: „In die Weltgeschichte, Caligula, in die Weltgeschichte!“ Der Spiegel zerbricht, und im gleichen Augenblick dringen durch alle Türen die bewaffneten Verschwörer. Caligula bietet ihnen mit irrem Lachen die Stirn. Der alte Patrizier fällt ihm in den Rücken, Cherea trifft ihn mitten ins Gesicht. Caligulas Lachen verwandelt sich in Gurgeln. Alle hauen auf ihn ein. Mit einem letzten Röcheln brüllt Caligula lachend und ächzend zugleich: „Je sui encore vivant - Noch lebe ich!“

Vorhang

(Albert Camus, Dramen: Caligula. Reinbek 8. Aufl. 1970, S. 72 f.)

Das kommt den Gedanken eines Mörders nahe, gelt?

Ein anderes Beispiel, das mir vorschwebt, suche ich noch.

Antwort geändert am 04.03.2020 um 15:14 Uhr
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Graeculus schrieb daraufhin am 04.03.2020:
Hier ist das zweite (dritte) Beispiel:
Rudolf Borchardt
(1877-1945)

Sonett auf mich selbst
(1902)

Aus Sturm und Traum auffahrend, wo ich saß,
In einen Spiegel blickt ich heut hinein
Und wußte nicht von mir, und sah mit Pein
Das Antlitz meines Feindes aus dem Glas
Emporgesandt: von fleckiger Schatten Schein
Die Lippe überwildert, schien etwas
Dumpf hinzuknirschen zwischen Angst und Haß:
Ich sollt es sein; und möchte dies nicht sein!

Wir sind nicht, was wir sind; der Himmel, kaum
Vom Meer zu kennen, schleift mit Dunst beschwert
Und brütet Auswurf: aber gieße Traum
In deinen Becher; und mit Nordwind gärt
Die wundervolle See, und wildem Schaum,
Durch den das heilige Schiff mit Helden fährt.

(Rudolf Borchardt: Gedichte. Textkritisch revidierte Neuedition der Ausgabe von 1957. Hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten. Stuttgart: Klett-Cotta 2003, S. 109)

Selbstzerstörung!
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Graeculus äußerte darauf am 04.03.2020:
Finden wir noch mehr?
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EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 04.03.2020:
In dem Wikipedia-Artikel "Spiegel" finden sich weitere Hinweise auf das literarische Motiv, die teilweise auch Verbindungen zur Kriminalität herstellen. In gewisser Weise kann man auch "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde zu dem Spiegel-Motiv rechnen:
"In E. T. A. Hoffmanns Sammlung Phantasiestücke in Callots Manier, Unterkapitel: Die Abenteuer der Sylvesternacht, verkauft in der Erzählung Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild der Protagonist Erasmus Spikher seiner im Bund mit dem Teufel stehenden Geliebten Giulietta sein Spiegelbild und damit seine Seele. (In der Oper Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach tut dieses Hoffmann selbst.)
In einer Erzählung mit dem Titel Spiegelgeschichte erzählt Ilse Aichinger das Leben einer Frau rückwärts, beginnend mit dem Tod bis hin zur Geburt.
Ein autobiographisch-poetischer Film von Regisseur Andrei Tarkowski trägt den Titel Der Spiegel (1975), und diese nahmen in seiner Filmsprache immer eine gewichtige Rolle ein. (Tarkowski plante auch, über E. T. A. Hoffmann und unter anderem Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild zu filmen.)
Der Film Orpheus (Orphée) von Jean Cocteau zeigt das Motiv des Dichters, der durch einen Spiegel ins Jenseits schreitet.
Das Buch Alice im Wunderland von Lewis Carroll zeigt den Spiegel als Tür zum Wunderland.
Herta Müller nennt ein Buch mit Essays zu ihrer Poetik Der Teufel sitzt im Spiegel. Das Sprichwort stammt von der Großmutter, schreibt sie, es soll vor Hoffart warnen.
Die Verbindung Tod/Teufel mit einem Spiegel ist seit dem Spätmittelalter, verstärkt seit dem Barock ein Vanitas-Symbol. In Daniel Hoffers (* 1470; † 1536) Holzschnitt erscheinen Tod und Teufel der eitlen Schönen im Spiegel. Ein Holzschnitt Der Teufel im Spiegel des eitlen Mädchens stammt aus dem Ritter von Turn, Verlag Johann Bergmann von Olpe, Basel 1493;
Grimms Märchen Schneewittchen; ferner bei Rainer Maria Rilke, Nikolaus Lenau und Annette von Droste-Hülshoff im Motiv des Doppelgängers.
Giovanni Segantini zeichnet die Vanitá als Schöne, die sich eitel im spiegelnden Wasser betrachtet."
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Das sind viele Hinweise, und bei manchen kommt auch wieder eine Erinnerung hoch. Natürlich, das Motiv der Vanitas beim Blick in den Spiegel. U.a. verwendet Goya es.
Ein faszinierendes Thema. Mir fällt aber auch auf, wie originell das ist, was Peter Lindbergh da gemacht hat. Dafür sehe ich keine Parallele. Er variiiert ein altes Thema eigenständig.
Und das inmitten all seiner privaten Photos von Supermodels, die ja sein eigentliches Metier waren.

Zwei Porträtaufnahmen von Jeanne Moreau und Charlotte Rampling werden mir in Erinnerung bleiben.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.03.2020:
Ja, Peter Lindberghs Kreation ist originell. Das fällt durch die Vergleiche verstärkt auf.
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Dieter Wal meinte dazu am 04.03.2020:
E. A. Poes "Der Mann in der Menge" gehört hierher, weil er darin um Selbsterkenntnis, Identität, Archetyp, Massen und Zeitlosigkeit kreist.
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
An Ekkehart: Genau, es wird durch den Vergleich deutlich.
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
An Dieter: Da fehlt mir das Spiegel-Motiv. Man kann Selbsterkenntnis so weit auffassen, daß beinahe alles darunter fällt.
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Aha meinte dazu am 05.03.2020:
Wie wäre es noch mit etwas cineastischem? Einer meiner Lieblingsszenen: Fredric March als Mr. Hyde in einem  Gespräch mit sich selbst durch den Spiegel. 1932 erhielt Fredric March für seine Darstellung als Dr. Jekyl und Mr. Hyde (zusammen mit Wallace Beery) seinen ersten Oscar.
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Das muß ich nachschauen. Zwar kenne ich den Film, erinnere mich jedoch nicht mehr an diese Szene.
Von Groucho Marx gibt es eine längere, wenngleich nicht 30minütige Interaktionsszene mit einem Spiegel. Nicht meditativ, sondern eher paradox. Der Filmtitel dazu ist mir nicht gegenwärtig.
Es wird wohl noch mehr geben.
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Dieter Wal meinte dazu am 05.03.2020:
Du magst Brainstormings, Graeculus, dann vergleiche Poe, wenn es Dir Freude bereitet, oder nicht.

König auf seiner Website berichtet, im Freimaurer-Aufnahmeritual des 1. Grades nach Memphis-Misraim sei ein Spiegen verwendet worden, in den der Initiant blicken sollte.
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Ja, Brainstormings mag ich. Anschließend müssen die Resultate dann sortiert werden - je nach der Absicht, die man verfolgt.

Danke für den Hinweis auf das Aufnahmeritual, das mir dicht dran zu sein scheint an meiner Idee.
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TrekanBelluvitsh
Kommentar von TrekanBelluvitsh (04.03.2020)
AchterZwerg meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Jeden Tag möchte ich das nicht machen. (YouTube schaue ich nicht gern.)
Ich hätte schon mit 30 Minuten erhebliche Probleme.
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AchterZwerg
Kommentar von AchterZwerg (04.03.2020)
Du kannst versichert sein, Graeculus, dass sich alle Maler dieser Welt mindestens (!) einmal dieser Meditation aussetzen (Selbstbildnisse).
Und die weniger Begabten beim Ausdrücken von Mitessern.

Der8.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Bevor sie losmalen bzw. mit der Skizze beginnen? Das ist sinnvoll, wenn sie vorher erstmal nur schauen. Sobald man dabei etwas tut, z.B. Mitesser ausdrücken, entsteht eine ganz andere Situation, denn die Konzentration richtet sich dann aufs Technische statt auf die Frage: Wer bin ich?
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AchterZwerg meinte dazu am 04.03.2020:
Lässt sich auf die Frage "wer bin ich?
also nicht "ein pickliger Fünfzehnjähriger" antworten?

Grüße des Zweifels
der8.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Als ich mit 15 noch gemalt habe statt zu schreiben, da hat sich bei Selbstporträts dieses Problem gestellt. Heute sehe ich viel Grau.
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Kommentar von Cora (29) (04.03.2020)
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Wir, die wir die Ausstellung besucht und über sie gesprochen haben, können uns nicht zu der Annahme entschließen, der Mörder (Elmer Carroll) habe zufällig eine halbe Stunde in einen Spiegel geschaut, der zufällig ein Einweg-Spiegel war, und zufällig habe Lindbergh davon gewußt und rechtzeitig eine Kamera installiert.
Da erscheint es uns wahrscheinlicher, daß Carroll der Monotonie seines Lebens in der Todeszelle wenigstens zeitweise durch die Teilnahme an einem Kunstprojekt entkommen wollte.

Du wirst inzwischen gelesen haben, daß für Peter Lindbergh dieses Projekt eingebunden war in eine intensive Auseinandersetzung mit der Todesstrafe und der Analyse von ca. 300 Gerichtsprozessen mit Todesstrafe wegen Mordes.

Mir gefällt an dem Projekt, daß Lindbergh uns nicht - wie sonst leider üblich - sein moralisches Urteil gleich mitliefert, sondern uns nur zu einer eigenen Urteilsbildung motiviert.

Den Sokrates-Fall als Vergleich hinzuzuziehen, ist deshalb problematisch, weil einerseits Sokrates kein Mörder war und andererseits über seine Gedanken beim Sterben keine eigenen Aussagen vorliegen, sondern nur die dreier anderer Autoren (Platon, Xenophon und Teles), die in ihrem Inhalt und ihrer Tendenz sehr unterschiedlich ausfallen.
Da weiß man nichts Genaues.
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Ob der Hingerichtete mit der Veröffentlichung einverstanden war, das wissen wir nicht.
Kafka war mit der Veröffentlichung seiner Werke, wie man weiß, definitiv nicht einverstanden. Was folgt daraus oder sollte daraus folgen oder hätte daraus folgen sollen?

Die Kuratierung der Ausstellung geht noch komplett auf Lindbergh zurück. Damit auch die Verantwortung für die Veröffentlichung des Videos.

Aber Du hast die Ausstellung nicht gesehen?
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Wir hätten keinen Kafka! - von dem wir wissen, daß er es nicht wollte.
Von Carroll wissen wir es nicht.
Ob der Titel "Testament" einen Hinweis gibt?
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Das sehe ich nicht so. Kafka hat verfügt, daß sein Werk nicht veröffentlicht werden sollte. Max Brod als sein Testamentsvollstrecker hat sich darüber hinweggesetzt.

Und Carroll? Wäre es vielleicht zufrieden, daß etwas von ihm geblieben ist, was über seine kriminelle Tat hinausgeht.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (04.03.2020)
Wer ist "wir"? Das hängt so ein bisschen für den Leser verwirrend in der Luft. Ansonsten gerne gelesen, hätte ruhig länger sein können - was war noch in der Ausstellung zu sehen, was ist das für ein Ausstellungsgebäude usw. usf.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Wir? Wir, die wir die Ausstellung besucht und anschließend darüber gesprochen haben - auffallenderweise fast nur über dieses Projekt, kaum über Lindberghs private Photos von Supermodels. Naomi Campbell erschien uns auch ungeschminkt nicht annähernd so faszinierend wie dieser Mörder und was er aus der Szene machte.
Letzteres ist vermutlich eine relevante Zusatzinformation. Ersteres, so habe ich mir gedacht, kann man sich als Leser denken.
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 04.03.2020:
"Das kann sich der Leser doch denken" halte ich für einen grundfalschen und sehr problematischen Ansatz. Aber das ist ein Thema für sich.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Man soll seine Leser andererseits aber auch nicht für blöd halten. Manche Erläuterungen sind geradezu Intelligenz-beleidigend. Nietzsche hat einmal eine solche als "Anmerkung für Esel" tituliert.
Das wiederum ist sehr unfreundlich, gelt?
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FRP
Kommentar von FRP (04.03.2020)
Für mich als Teil der "modern ausgerichteten" Zen-Meditation DER Test überhaupt, der die Spreu vom Weizen trennt. Spreu; das sind Jene, die sich selbst nicht aushalten, ständig Aktivitäts-Ausfluchten brauchen, endlos reden, usw.; im Grunde ständig auf der Flucht vor sich selbst sind; auch, -und erst recht in der Liebe!, - ; - der Weizen hingegen sucht den Kontakt mit dem inneren "Selbst", den inneren Dialog durch Anhalten des Dialogs, das Ertragen des Eigenen, auch wenn es der Abgrund ist, in den man hinein starrt, bis er zurück starrt, um mit Nietzsche zu reden. So strömt das Verdrängte und Unbewußte herauf, man greift nicht bewertend ein, sondern hält es aus, hält sich aus mit allem, was man an sich im Alltagsbewußtsein nie wahrhaben will. Man begegnet sich selbst auf der höchsten Ebene, man widerfährt sich - und für viele von uns wäre dass das Unerträglichste überhaupt. Das muß man erst einmal erfahren, um wirklich spirituell ganz geboren zu werden, und dafür ist es nie zu spät, auch nicht im Angesicht des Todes.

Kommentar geändert am 04.03.2020 um 09:09 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Da sprichst Du mir - unwissentlich - ein Urteil, denn ich kann das nicht: weder meditieren noch eine halbe Stunde untätig vor dem Spiegel sitzen.
Die Selbstprüfung findet bei mir im Bett, vor dem Einschlafen statt. Aber dann sehe ich nichts, weil es dunkel ist.
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FRP meinte dazu am 04.03.2020:
Sehr schön, das Urteil gerne, ist dann eben so. Und eine wunderbare Steilvorlage für Pharao Ätznatron ist dann dieses: "Aber dann sehe ich nichts, weil es dunkel ist. " )))
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Ja, dann ist das eben so, das stimmt.
Aber ich gehe davon aus, daß die Selbstprüfung nicht eine des Gesichts ist (Pickel?), sondern eine des Denkens. Dabei stört (mich) das Sehen, stört das Licht.
Das Bedenkliche in mir finde ich nicht in meinem Gesicht. Bei anderen steht es anders, denn die sehen nur mein Gesicht. Da mag es, wie im vorliegenden Fall, hilfreich sein.
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (04.03.2020)
Da wird mir schon etwas mulmig!
Eine Frage, die sich jeder selbst stellen sollte, "Was darf Kunst"?
(wie auch Satire)
TT
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Rechtlich darf Kunst fast alles, eingeschränkt durch das Urheber- und Persönlichkeitsrecht.
Daß der Mörder ohne seine Einwilligung gefilmt worden ist, möchte ich - s.o.- ausschließen; er wider gewußt und eingewilligt haben, daß er an einem Kunstprojekt teilnahm.
Dies vorausgesetzt, neige ich nach einer Phase des Überlegens zu der Annahme, daß er auch mit der Veröffentlichung einverstanden war.
Moralisch darf Kunst m.E. ebenfalls fast alles, denn Kunst ist der Ästhetik, nicht der Moral verpflichtet. Es gibt soviel faszinierende böse Kunst.

Mulmig wird mir bei dem Gedanken, daß ich mich diesem Experiment aussetzen sollte.
Ein Freund hat es - mit eindrucksvollen Erlebnissen - aber bereits getan.
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Die Frage ist, wie man Menschen zur Auseinandersetzung mit der Todesstrafe anregen soll, ohne moralisch zu predigen - was ich persönlich verabscheue; mein Urteil kann ich schon selber fällen, nachdem ich Informationen bekommen habe.
Es gibt eine philosophische und eine sozialwissenschaftliche Herangehensweise, es gibt literarische Werke, es gibt (eindrucksvolle) Dokumentarfilme über einzelne Fälle und das Leben in der Todeszelle (mit Todeskandidaten, die froh zu sein scheinen, sprechen zu dürfen und gehört zu werden); und nun kam diese völlig neue, ästhetische (künstlerische) Herangehensweise. Wir waren stark beeindruckt.

Nach Voyeurismus könnte man fragen, wenn die Hinrichtung selbst gezeigt würde.
Das geschieht aber in seriöser Berichterstattung nicht.

Ich erinnere mich an einen Dokumentarfilm über die letzten 120 Tage im Leben eines Todeskandidaten - unter dessen Mitwirkung. Am Ende waren alle Bemühungen seines Anwalts gescheitert. Wir bekamen nicht die Hinrichtung selbst zu sehen, aber den vorgeschriebenen Probedurchlauf der Gaskammer unter Beteiligung eines Kaninchens. Das reichte als Schrecken voll und ganz. Es wurde nicht kommentiert, nicht bewertet und wirkte auf mich gerade deshalb.

In der Medizin gilt ja die Regel: Wer heilt, hat recht.
Als These möchte ich für die Ästhetik formulieren: Wer wirkt, hat recht.
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Die Medizin will heilen; deshalb hat bei ihr recht, wer heilt.
Die Ästhetik hat ein anderes Ziel. Ihre Wirkung ist nicht zwingend eine Heilung. Sich (oder Leser oder Betrachter) mit dem eigenen Ich zu konfrontieren kann Alpträume oder sogar eine psychische Krise auslösen.
Dabei geht es, so meine Vermutung, um eine Konfrontation mit der Wahrheit - und die kann schrecklich sein.
Ein gutes Kunstwerk hat gewirkt, wenn ich mich (oder die Welt) anschließend besser verstehe. Das muß mich weder glücklich(er) noch geheilt(er) machen.
Γνῶθι σεαυτόν - Erkenne dich selbst!, das ist eine uralte, delphische Maxime.
Das klassische Beispiel ist der Ödipus. Und der ist nun wirklich weder glücklich noch geheilt, als er endlich begriffen hat, daß er seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Zu Deinem Nachtrag:
Die Ablehnung der Todesstrafe löst das Problem von Schuld und Sühne ja nun nicht. Die Selbsterkenntnis vielleicht.
Es gibt auch eindrucksvolle Dokumentarfilme über das Leben im Strafvollzug, etwa in den USA oder in Rußland.

Ein Buch über das Leben in russischen Gefängnissen, geschrieben von einem Mitglied der Begnadigungskommission beim russischen Präsidenten (zur Zeit Jelzins) trägt den bezeichnenden Titel: "Ich flehe um meine Hinrichtung".

Man weiß nicht, was besser, was 'humaner' ist.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Jetzt habe ich das Buch, bisher nur aus dem Gedächtnis zitiert, wieder gefunden:
Anatoli Pristawkin

Ich flehe um Hinrichtung
Die Begnadigungskommussion des russischen Präsidenten

München 2003

Ich kenne kein bestürzenderes Buch zum Thema Strafe.
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Cora (29) meinte dazu am 04.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Den zweiten Aspekt sehe ich ähnlich, d.h. auf keinen Fall möchte ich, daß da jemand zuschaut oder sogar einem Filmaufnahme macht.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das auch für den Fall meines Aufenthaltes in der Todeszelle gilt. Eine letzte Botschaft?
Kannst Du diese Einschränkung nachvollziehen?

Im Normalfall, also ohne Todeszelle, ist meine Beschäftigung mit mir selbst nicht visuell, sondern reflexiv.
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Cora (29) meinte dazu am 05.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Präzise nicht, nein - zumal die Empfindungen sicherlic h, wie auch sonst im Leben, individuell verschieden sind
In diesem Sinne kann man niemanden verstehen, in dessen Schuhen man nicht steht.
Aber im Rahmen des Menschenmöglichen wir uns durch intensive Beschäftigung annähernde Vorstellungen machen.
Es gibt auch Lebenssituationen, in denen wir dem nahekommen können, wenn man z.B. klaustrophobisch veranlagt ist oder auf die Diagnose der Gut- oder Bösartigkeit eines Tumors wartet.
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Jo-W.
Kommentar von Jo-W. (04.03.2020)
erinnert mich an eine Therapiesitzung in den 80gern-jemand aus einer Gruppe sollte genau das mal probieren, für eine längere Zeit,in den Spiegel zu schauen-habe es dann zuhause auch versucht-es war sehr bedrückend und schwer auszuhalten-Jo
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Das gab es schon in den 80ern? Danke für die Information.
Daß es schwer auszuhalten ist, glaube ich Dir gern. Auch für uns Nichtmörder.
Das bedeutet übrigens meiner Überzegung nach nicht automatisch, daß man jede Selbstreflexion verdrängt.
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LottaManguetti
Kommentar von LottaManguetti (04.03.2020)
Deinen interessanten Text habe ich heute früh schon gelesen, Grieche.
Die Gedanken, denen wir in einem solchen Moment nachhängen, sollte man aufschreiben.
Und ich denke (mal wieder) weiter: Was, wenn man sein Hinterteil 30 Minuten lang im Spiegel betrachtete?
Ok, die Texte dazu will ich nicht lesen.



Lotta

Kommentar geändert am 04.03.2020 um 14:15 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Jetzt machst Du meinem zaghaften Ansatz, daß ich es eigentlich doch wenigstens einmal versuchen sollte, mit Deiner Hintern-Idee den Garaus.
Und dann kommt noch plötzlich jemand ins Zimmer!
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LottaManguetti meinte dazu am 04.03.2020:
Tja, dann bisste am A...

Antwort geändert am 04.03.2020 um 17:22 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Alter jiddischer Witz: Jemand schaut zum Fenster hinaus, und von der Straße aus ruft ihm jemand zu: "Dein Profil ist doch von Gott verlassen. Halt besser den Hintern zum Fenster raus statt der Nase!" (so ähnlich)
Dann ist man ... Du sagst es.
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Ich glaube, da habe ich schon vor Deiner Korrektur geantwortet.
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Stelzie
Kommentar von Stelzie (04.03.2020)
Als Zuschauer jemanden eine Zeit lang ins Gesicht sehen zu können ist sicher sehr spannend. Allein die Augen können Romane erzählen.
Sich selbst eine halbe Stunde lang anzuschauen verrät uns demzufolge eine Menge über uns. Dabei kommt sicher so manche Überraschung ans Licht, die besser im Dunkeln geblieben wäre. Ohne psychologischen Sachverstand sollte man das vielleicht eher nicht tun.
Zu diesem speziellen Fall möchte ich nur sagen: Ein wenig Vojeurismus steckt wohl in uns allen.

Liebe Grüße
Kerstin
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Graeculus meinte dazu am 04.03.2020:
Nicht nur der Voyeurismus. Goethe und erfahrene Kriminologen sagen, daß jeder von uns im Grunde zu allem fähig ist. Nur sind manchen von uns die Umstände gnädig, so daß es zum meisten nicht wirklich kommt.
Meine Frau meint, das Potantial, ja, aber manche können sich beherrschen. Sie ist da optimistischer als ich. Unabhängig von den Umständen?

Übrigens auch dies ein Eindruck aus der Ausstellung: ein ganz normaler Mann! Würde er Dir auf der Straße begegnen, dächtest Du Dir nichts weiter.

Daß man einen Mörder am Gesicht erkennen kann, das glaubt auch meine Frau nicht.

Herzlichen Gruß Richtung Osten!
Wolfgang
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Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (04.03.2020)
In der Rororo-Momographie über Christian Morgenstern findet sich ein wunderschönes Jugendgedicht, in dem er eine solche Meditation anschaulich beschreibt.

Kommentar geändert am 04.03.2020 um 20:27 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Das muß ich 'morgen', d.h. nach dem Schlafen einmal nachschauen. Sowohl die rororo-Monographie als auch die Werke Morgensterns stehen bereit.
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Serafina
Kommentar von Serafina (05.03.2020)
Lass mich an dieser Stelle, ein paar Gedanken von mir selbst zitieren;

Hier bin ich also nun, letzten Endes hab ich's doch noch geschafft,
zu mir Selbst auf Augenhöhe.
So sehe ich mich endlich mit beiden Augen synchron und unzensiert.
Ich lächle. Denke an Mona Lisa.

Vielleicht sah sie ihr Spiegelbild. ( Als L. da Vinci sie gemalt hat).

Ps. Ich schaue jeden Tag in den Spiegel und sage mir, ich bin stolz auf dich.

Kommentar geändert am 05.03.2020 um 00:38 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Interessant, zunächst das mit Mona Lisa (worauf ich nicht gekommen bin), aber auch Deine eigene Reaktion auf Dein Spiegelbild.
Frage: Wie lange hältst Du das durch? Zwei Minuten stehe ich durch, wenn auch mit anderen Gedanken als Deine. Aber 30 Minuten?! Das erfordert Disziplin, Selbstkontrolle, Ausdauer, innere Ruhe vermutlich auch - in all dem hapert es bei mir.
Vielleicht stünde es anders, wenn ich ein Mörder wäre.
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Serafina meinte dazu am 05.03.2020:
Also zunächst ist es wohl so, dass es in einer Gefängniszelle wenig Interessanteres gibt.
Dann ist es doch nichts "spezielles" sich im Spiegel anzuschauen, wenn man sich seiner bewusst ist. All seiner Imperfektion. Wenn man ganz präsent ist.
Wenn du einfach so da sitzt, brauchst du einen Spiegel um zu wissen wer du bist? Du bist genau der Selbe, ob du in den Spiegel schaust oder nicht, trau dich hinzuschauen...wenn du magst.

Was mich auch schon "ausgefreakt" hat sind die Pupillen und die Verbindung zum Hirn. *Wie schnell ist eigentlich das Licht, arbeitet unser Hirn mit Lichtgeschwindigkeit und wenn nicht wie viel langsamer. Nutzen wir darum so wenig Hirnkapazität weil die Atmosphäre uns ausbremst?

*^^das habe ich mir eben überlegt.
Ebenso gehe ich mich an, nicht nur die Welt. Auch wenn ich in den Spiegel schaue.
Ein Spiegel ist nur ein Spiegel. Ein Werkzeug.
Manchmal aber auch eine Disco-Kugel.

Liebe Grüsse

Antwort geändert am 05.03.2020 um 01:02 Uhr
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Daß ein Mensch in der Todeszelle wenig Möglichkeiten hat, sich interessant zu beschäftigen, spielt sicher eine Rolle. Vielleicht auch die Gelegenheit, durch Teilnahme an einem Kunstprojekt der Welt noch eine Botschaft mitzuteilen, die über die Erinnerung an einen Mörder hinausgeht.
Wir waren übrigens der Ansicht, daß diese Mörder, dieser Mensch völlig normal aussah. Klar, man kann einen Mörder nicht an seinem Gesicht erkennen.

Schön übrigens, daß Dir beim Anblick Deines Gesichts solche Gedanken kommen. Manche würden ihr Spiegelbild anspucken oder verfluchen.

Interessante, spontane Gedanken von Dir!
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Serafina meinte dazu am 05.03.2020:
Naja, die Biomasse, Widerstand etc.
Damit will ich nur sagen, dieser ganze Hass auf sich selber und die Welt bringt nichts.
Ein Mörder, wie genau hat er gemordet? Wen hat er ermordet? Warum?
Ist die Todesstrafe nicht ein Irrwitz.

Vermutlich hat er gedacht; Ihr scheinheiligen.
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Lindbergh hat bewußt auf alle Angaben zur Tat dieses wegen Mordes Verurteilten verzichtet.
Es handelte sich übrigens um einen Weißen, wodurch die Vermutung entfällt, daß er zum Tode verurteilt wurde, weil er schwarz war.
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Kommentar von bleibronze (69) (05.03.2020)
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Wie oben schon irgendwo gesagt (der Kommentarstrang ist etwas unübersichtlich): Kaum vorstellbar, daß jemand sich ohne Absprache 30 Minuten vor einen Spiegel setzt, der zufällig ein Einweg-Spiegel ist, hinter dem zufällig gerade Lindbergh mit der Kamera steht. Ich gehe von einer Absprache aus.
Die Absicht dürfte deshalb nicht in unbeeinflußter Mimik liegen, sondern in der Aufgabe, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Natürlich beeinflußt das Wissen um die Kamera dann das Verhalten. Es soll ja Leute geben, die ihr Spiegelbild anspucken. Das ist bei dieser Konstruktion kaum zu erwarten - vor allem nicht bei jemandem, der zwei Monate vor seinem Hinrichtungstermin vielleicht noch auf eine Begnadigung hofft.
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bleibronze (69) meinte dazu am 05.03.2020:
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Graeculus meinte dazu am 05.03.2020:
Nehmen wir es als plausible Vermutung.
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Veröffentlicht am 04.03.2020, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 04.03.2020). Textlänge: 102 Wörter; dieser Text wurde bereits 170 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 05.07.2020.
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