Für mich sind Kirchen interessante Bauwerke.

Kurzgeschichte zum Thema Kirche/ Klerus

von  Jorge

Für mich sind Kirchen interessante Bauwerke.
Manche sind bombastisch.
Der Besucher fühlt sich klein.
Bei anderen interessieren mich die Bleiverglasungen,
der Altar, die Nischen und Grabkammern, die Beleuchtung,
die Spendenkerzen, die Holzbänke, die Liederbücher, Gemälde,
die Kanzel, die Orgel und die Seitenschiffe.
Der Blick zur Decke und die Suche nach dem Kreuz bringen oft Überraschendes zu Tage.
Immer ist es die Ruhe, die ich dort suche und zumeist finde.
Manchmal, wenn gerade ein Gottesdienst gehalten wird, spüre ich, dass ich störe und verlasse leise diesen Ort.
.
Neben diesen zufälligen Kirchgängen besuche ich oft Kirchen meiner Umgebung anlässlich von Weihnachtsgottesdiensten.
So auch in diesem Jahr. Der Spaziergang dorthin hat ca. 20 Minuten gedauert.
Die von außen eher schlichte Kirche war gut besucht, der Pfarrer begrüßte die Gottesdienstteilnehmer alle freundlich mit Handschlag und half, einen passenden Platz zu finden.
Mit diesem Diener Gottes begann das eigentlich Faszinierende.
Ein junger Mann um die 40 zog die Besucher alle unmittelbar in seinen Bann.
Er ließ mich schnell die Plastestühle im Raum vergessen, bezog Gemeindemitglieder in ein lebendiges Krippenspiel ein, griff locker zur Gitarre und animierte die Anwesenden, bekannte  und unbekannte Lieder mitzusingen.

Da wirkt ein sprachlich sehr talentierter Pfarrer im Vorort einer Stadt im spanischen Süden und lässt  einen für diesen Moment zumindest Jahrzehnte gewachsene und verfestigte Zweifel an klerikaler Absicht vergessen.

Ich werde wieder hingehen und er wird mich sicher wieder in seinen Bann ziehen.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 AZU20 (28.12.13)
Kann ich gut nachvollziehen. Ich besuche Weihnachten auch immer eine ganz bestimmte Kirche und werde von dem Pfarrer nicht enttäuscht. LG

 Jorge meinte dazu am 28.12.13:
Vielen Dank Armin, für das Teilen deiner Gefühle.
Dir wünsche ich besinnliche Jahresresttage.
LG Jorge

 loslosch (28.12.13)
irene (niemand) hat bei mir neulich witzig kommentiert: wer, ohne kirchensteuerzahler zu sein, die weihnachtsmette bevölkere, sei wie ein arbeitnehmer, der von den tarifverhandlungen der gewerkschaften profitiere. bin ich jetzt abgeschwoffen?

übrigens: in frankreich schüttelt der priester besucherhände - mangels einnahmen aus der kirchensteuer. wie ist das in spanien?

 Jorge antwortete darauf am 28.12.13:
Zum zweiten Teil deiner Bemerkung bin ich überfragt.
Zum ersten Teil empfinde ich eine gewisse Ertapptheit.

LG Jorge

 BrigitteG (28.12.13)
Ich weiß nicht, ob Du schon mal im Petersdom warst, Jorge - aber da gibt es die Chorkapelle. Wenn man reinkommt in den großen Innenraum, ist sie hinten links.

Sie ist ein völlig faszinierender Ort. Zwei große Fenster mit gelben Vorhängen, und dadurch hat diese Kapelle ein altes, dämmrig-vergilbtes Licht. Als ich am Tor stand und die Nase zwischen die Gitterstäbe hindurch stecke, da roch ich die alte Luft. Zusammen mit dem Licht war es ein Gefühl, als ob ich eine Zeitreise machte - mit dem Kopf ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit reiste, während der restliche Körper im Jahr 2009 war. Ein beeindruckendes Erlebnis.

 Jorge schrieb daraufhin am 28.12.13:
Ein schöner Kommentar, besonders der Gedanke mit der körpergeteilten Zeitreise. Ich war schon drin im Petersdom - aber es war so ein touristischer Schnelldurchlauf - da blieb nichts hängen.
Im vergangenen Jahr, da ist die Erinnerung zeitnaher, waren wir im REAL MONASTERIO DE SAN LORENZO DE ESCORIAL.
Bekannter weise hat Spanien eine ganze Gruppe von Klöstern und Palästen. Eine der wichtigsten Funktionen dieses Klosters besteht darin, als Grabstätte der Könige von Spanien zu dienen.
Da erging es mir ähnlich wie dir in Rom. Zwischen Kirche und Sakristei führt ein Gang zum sogenannten Pantheon.
Hier ruhen in einem Kuppelsaal fast alle verstorbenen spanischen Könige. Irgendwie ehrfurchtsvoll und klein steht man auf prächtigem Marmor und der Blick gleitet von Bronzesarg zu Bronzesarg und alles ist reich mit Gold geschmückt.
Daran hast du mich gerade erinnert.
LG Jorge

 EkkehartMittelberg (28.12.13)
Mir könnte es so wie dir ergehen. Jorge. Aber eine ketzerische Frage muss doch erlaubt sein: Gerät man in diese Faszination, weil man will, dass ein kleines Wunder passiert?

Ich wünsche dir einen heiteren Übergang ins neue Jahr.
LG
Ekki

 Jorge äußerte darauf am 28.12.13:
Faszination hat immer auch damit zu tun, dass man offen ist für ein solches Erleben. Da hast du Recht Ekki.
Im drüberstehenden Kommentar von mir war es Architektur und das Gefühl für nicht erlebte Geschichte, die so etwas auslösten. Mein Heiligabenderlebnis ging mehr von der Person des Pfarrers aus. Ein kleines Wunder hat er nicht ausgelöst, aber er hat mich stark beeindruckt, wie ein Schriftsteller mit einem guten Buch oder ein greiser Freund, der seine persönliche Geschichte faszinierend erzählt.
Auch dir einen heiteren Übergang ins bevorstehende Jahr.

LG Jorge
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram