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Durstig

Erzählung zum Thema Glaube


von Bluebird

Während ich nun an einer nahe gelegenen Haltestelle auf einen Bus wartete, brach wie schon in der Nacht ein heftiges Gewitter los. Innerhalb weniger Minuten war die Straße etwa zehn Zentimeter hoch mit schlammigem Wasser überflutet, was in hohem Tempo bergab schoss.
  Jetzt spielt auch noch die Natur verrückt!  Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob da vielleicht ein Zusammenhang zwischen dem Unwetter und der Warnung der „Verwandten“ bestünde. Immerhin hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben einen solchen Sturzbach erlebt. Wieso also ausgerechnet jetzt?
 
Aber kurz darauf hörte der Regen dann wieder auf und die Straße war bald darauf wieder fahrtauglich. Nur einige Schlammreste zeugten noch von dem vorangegangenen Spuk. Als wenig später dann der Bus kam, hatte ich die ganze Angelegenheit auch schon wieder vergessen.                                                                             
    Am griechischen Imbiss stieg ich aus und fuhr mit dem Fahrrad weiter in Richtung Altstadt. Ein bisschen Normalität und Sicherheit in unübersichtlichen, bedrohlichen Situation würde mir gut tun.
    In der Altstadt begab ich mich in mein früheres Stammlokal und hoffte, dort einige Bekannte zu treffen. Aber niemand war da. Ich setzte ich zu zwei Backgammonspielern an den Tisch und schaute uninteressiert dem Spiel zu. Vielleicht würde ja noch ein Bekannter kommen.

Nach etwa einer Viertelstunde aber verlor ich die Geduld und fragte einen der Spieler: „Sag mal, wo sind denn die ganzen anderen Leute?“ Er schaute kurz vom Spiel auf und zuckte dann mit den Schultern: „Keine Ahnung! Aber heute ist ja Feiertag. Vielleicht kommen die später noch!“
      “Feiertag? Was für ein Feiertag?”, fragte ich verdutzt nach. „Ach, irgend so einer von der Kirche“, lautete sein knapper Kommentar. Er war schon wieder ins Spiel vertieft. „Happy Kadaver!“ sagte plötzlich der andere und lachte. Als ich ihn verständnislos anstarrte, ergänzte er: „Fronleichnam!“ Dann fielen wieder die Würfel und die beiden waren erneut in ihr Spiel vertieft.

Mir reichte es. Ich stand auf und verließ das Lokal. Ziellos ging ich durch eine der schmalen Altstadtgassen und überlegte, was ich nun tun könnte. Aber mir fiel nichts Rechtes ein. "Gut, dann fahre ich einfach wieder nach Hause!", sagte ich schließlich zu mir selber.
      Gerade hatte ich den Innenstadtbereich hinter mir gelassen, als mich von einer Sekunde auf die andere ein spontanes, starkes  Durstgefühl überkam. Seltsam, wunderte ich mich.  Ich konnte mich nicht erinnern, so etwas - von einer Sekunde auf die andere geschehend -  vorher schon einmal erlebt zu haben. Ich hielt mein Fahrrad an und blickte mich um. Wo bekam ich jetzt etwas zu trinken her?

Auf der gegenüber liegenden Seite sah ich einen Supermarkt und wollte mich schon in diese Richtung bewegen, als mir der „fröhliche Kadaver“ wieder einfiel. Mist, ist ja Feiertag heute! Und tatsächlich ging niemand in den Supermarkt rein oder kam von da heraus.
  Ich schaute mich nach einem Kiosk oder etwas Ähnlichem um. Aber auch da: Fehlanzeige!  In einiger Entfernung sah ich eine kleine Menschenansammlung vor einem größeren Gebäudes stehen. Was war da los? Worauf warteten sie?  Mein Blick glitt die Gebäudewand hoch. Auf einer Wand las ich in riesigen Buchstaben geschrieben: 
J E S U S - H A U S                                                             
  Augenblicklich fiel mir wieder jener denkwürdige Abend mit Frank, dem „Selbstmörder“ im Park, ein. Ich erinnerte mich an Franks Worte: „Das sind die Jesusfreaks … die haben eine Teestube. Da gibt es Tee und Kekse umsonst … und man kann sich auch ganz gut mit denen unterhalten!“
    Im Hause schien eine Veranstaltung zu laufen. Warum standen sonst so viele Menschen vor dem Eingang. Vielleicht hatte ich ja Glück und es gab da drinnen tatsächlich etwas zu trinken. Ich  schloss meinen an einen Laternenpfahl und ging  schnurstracks auf den Eingang zu.

Ich wollte gerade die Eingangstüre öffnen, als ich eine Hand auf meinem Arm verspürte und eine Stimme sagen hörte: „Da kannst du jetzt nicht rein!“ Etwas verwirrt nahm ich die Hand vom Griff und schaute nach der Quelle der unerwarteten Störung. Ein etwa 25 jähriger Mann blickte mich ernst, aber nicht unfreundlich an. Ich entdeckte eine Binde mit der Aufschrift „Ordner“ an seinem rechten Arm.  An der anderen Seite der Glastüre nahm ich einen weiteren Ordner wahr.
  „Aber wieso denn nicht?“, fragte ich nach. Denn offensichtlich war etwas los im Gebäude. Warum standen sonst die Leute davor? Es ist im Moment wegen Überfüllung geschlossen. Drinnen spielt eine bekannte christliche Rockband!“ Eine christliche Rockband? So etwas gab es? Egal! Ich hatte Durst und war nicht gewillt, mich aufhalten zu lassen. „Ach komm“, bat ich. „Ein Zuhörer mehr oder weniger spielt doch keine Rolle!“
    Aber er blieb hart: „Nein, das geht wirklich nicht. Wir haben klare Sicherheitsauflagen.” Er wies mit dem Arm hinter mich: “Die wollen auch da rein.  Nur wenn jemand rauskommt dürfen wir jemand Neues hineinlassen." Ich startete einen letzten Versuch: „Kannst du nicht bei mir eine Ausnahme machen? “  Er schaute  mich für einen Moment forschend an. Dann sagte er plötzlich: „Gut, geh rein!“ Er öffnete die Tür und ich huschte hinein


Anmerkung von Bluebird:

Teil 21 meiner autobiografischen Erzählung aus dem Jahre 1985



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Kommentare zu diesem Text


Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (22.11.2013)
Guter Happen. Wirklich jedes noch so entbehrliche Wort darin gestrichen. Kann gut sein, dass ich grad eins übersehen hab. Aber es kam mir so vor, als hättest du sie wirklich gründlich überarbeitet. Glückwunsch!

So wirkt die Prosa essenziell, anschaulich, lebensnah und spannend. Weiter so.
(Kommentar korrigiert am 22.11.2013)
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Veröffentlicht am 21.11.2013, 8 mal überarbeitet (letzte Änderung am 02.11.2018). Textlänge: 812 Wörter; dieser Text wurde bereits 643 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 18.03.2019..
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