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Vierzig jetzt

Erzählung zum Thema Menschenrechte


von toltec-head

Ich habe auf diese Weise schon eine lange Zeit gelebt, etwa zwanzig Jahre.  Bin jetzt vierzig. Nach meinem Studium des Verwaltungsrechts an der Fachhochschule Hildesheim war ich Angestellter bei der Familienkasse Hannover. Ich war also für die Verwaltung der sogenannten Bocksprämie zuständig; bitte aber keine Anfragen diesbezüglich, bin das jetzt nicht mehr. Ich war das, was man vielleicht einen kleinen, bösartigen Beamten bezeichnen kann, ein kleiner, bösartiger Bocksprämien-Verteiler also. Anders als in Negerstaaten oder anderen Scheißloch-Ländern ist es bei uns in Hannover bekanntlich nicht üblich Bestechungsgelder anzunehmen, also musste ich mich zumindest mit dem Ausleben meiner Boshaftigkeit belohnen (manche mögen das jetzt politisch nicht sehr korrekt finden, naja, ich finde es politisch bei weitem nicht politisch inkorrekt genug. Beim Schreiben dachte ich, wie herrlich inkorrekt das sei, aber jetzt beim Wiederlesen merke ich, dass dabei mal wieder nur mein ziemlich impotenter Wille inkorrekt zu sein zum Vorschein kommt - werde das aber absichtlich nicht wieder streichen, basta!) Wenn ich Anträge auf Erhalt von Bocksprämie las, kam es schon mal vor, dass ich auf diese oft in einem recht weinerlichen Ton und dabei wohl mangels Gelds für einen PC-Drucker in Schönschrift abgefassten Schreiben von Bocksprämien-Antragstellern bzw. Bocksprämien-Antragstellerinnen rotzen musste, bevor ich sie zusammenknüllte und in den Papierkorb warf, aus dem ich sie zur weiteren Bearbeitung dann irgendwann nach Wochen oder Monaten wieder herausfischte. Es bereitete mir eine unaussprechliche Freude, irgend eine antragstellende Mami, welche die Frechheit hatte, ihr Aldi-Supermarktkassen-Gehalt mit Kindergeld aufstocken zu wollen, mit einem Antwortschreiben einmal so richtig schön verdattern zu können. "Wenn ihre Tochter sich nicht auf einen Ausbildungsplatz bewerben kann, weil sie unter Bulimie leidet, möge sie doch bitte zunächst einmal Fotos einreichen, ob sie sich vielleicht nicht doch auf eine Ausbildung als Model oder zumindest als Pornodarstellerin bewerben kann." Was mich im Laufe der Zeit an meinem Job wirklich fasziniert hat, war, wie wenige Leute sich über mich bei einem meiner Vorgesetzten beschwerten.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Lluviagata
Kommentar von Lluviagata (15.03.2019)
Das soll es tatsächlich geben, dass "Beamte" sich auf der Arbeit abreagieren.

Ich mag Deinen sauber formulierten Zorn.

Liebe Grüße
Llu ♥
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Didi.Costaire
Kommentar von Didi.Costaire (15.03.2019)
Das ist doch mal ein interessanter Einblick in den niedersächsischen Behördenalltag. Es brachte Bock, ihn zu lesen.
Beste Grüße, D.
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toltec-head
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Dies ist ein Text des mehrteiligen Textes Notizen aus dem Wohnklo.
Veröffentlicht am 15.03.2019, 11 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.03.2019). Textlänge: 323 Wörter; dieser Text wurde bereits 159 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 18.06.2019.
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