Punkt(-e) tief unter dem Asphalt

Bild zum Thema Denken und Fühlen

von  Fuchsiberlin

In der mittelalterlichen Kirche, mitten in meinem Kiez gelegen, zünde ich eine Kerze an, und "vergesse" das Beten. Wie viele Menschen verließen in den vergangenen Jahrhunderten diesen Ort ohne ein Gebet? Vielleicht fünf Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt, befindet sich diese Glaubensfestung. Normalerweise laufe ich tagtäglich am diesem Gebäude der Christen vorbei, als dieses zu betreten. Doch heute verhält es sich anders.

Ca. 25 Meter Luftlinie entfernt, befindet sich ein Alkoholtempel, eine der wenigen typisch Berliner Kneipen, die das große Sterben der alkoholbefeuchteten Berliner Urgemütlichkeit überlebten. Genießen - trinken - saufen - Absturz: Irgendwie werden die Trennlinien manchmal, dank selbstgebauter Brücken, eliminiert. Der Alkohol verhält sich im Blut teilweise wie ein Mauerspecht, ein Krieger ohne Schild, ein Raubtier oder wie eine Taube mit gebrochenen Flügeln. und bewirkt zu oft eine Überschreitung von Grenzen. Ich zeige mir selbst gerade den moralischen Zeigefinger. „Alk hilft nicht.“, denke ich beim Blick auf meinen erhobenen Finger.

Meine Gefühle möchte ich in der Fussgängerzone verstecken, doch verbergen kann ich sie nicht. Mit einem gezeichneten Lächeln im Gesicht, versuche ich meine traurigen Gedanken nach außen hin abzuschotten. Ein mehr oder minder gelungener Versuch, der mir nichts bringt, und schon gar nicht hilft.

Auf der Uferpromenade in meinem Stadtteil entdecke ich eine zerbrochene Flasche. Sie ist zerstört, tot, ach wie kann eine Flasche schon leben und sterben!? Ein Gedankenbild für eine Situation, Menschen und Tiere. Fand die Seele dieser Bierflasche einen Frieden, den sie im Trubel des Lebens nie fand? Was geschah mit dem Menschen, der dieses Gefäß leerte? Sind wir nicht alle gleichzeitig eine Flasche und auch ein Entleerer von irgendwelchen Glasbehältern, deren Inhalt uns zusagt? Fragen, irrsinnige oder zu fantasievolle, oder abweichend vom rationalen Denken, die ich mir in diesem Moment stelle?

Ich entferne mich vom Ufer, und meine Füsse tragen mich zu einer Bushaltestelle. Zu spät, der Bus fuhr gerade ab. Vor der Haltestelle male ich ein blaues Kreuz auf den Asphalt. Warum? Das Warten auf den Anfang, nachdem das Ende kurz bevor stand. Blau gehört zu meinen zwei Lieblingsfarben.

Tief unter dem Asphalt versammeln sich Punkte zu einer Konferenz. Sie diskutieren über menschliche Tiefpunkte. Der Friedhof befindet sich sieben Haltestellen von hier. Meine Emotionen suchen eine andere Buslinie als mein Verstand. Entscheidungen benötigen manchmal ein Beil, ein anderes Mal wäre es sinnvoller eine Brücke zwischen Herz und Geist zu bauen. Ich trinke schliesslich am Imbiß vor dem Rathaus einen Kaffee. Kein To-Go, sondern einen zum Stehen bleiben oder Innehalten. Gedankenschnitt. Punkt.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text

ichbinelvis1951 (64)
(05.11.12)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Fuchsiberlin meinte dazu am 06.11.12:
Das stimmt, man muß dazu nicht zwingend eine Kirche betreten.

Jeder Mensch setzt sich auf seine ureigene Art und Weise mit dem erlebtem Gefühlten auseinander.

Liebe Grüße
Jörg

 EkkehartMittelberg (05.11.12)
Lieber Jörg, dein Bild von den Punkten unter dem Asphalt finde ich sehr originell und gelungen.
Mit dem Innehalten gelingt es manchmal Herz und Geist zum Einklang zu bringen. Letztlich ist es egal, an welchem Ort dies geschieht.
LG
Ekki

 Fuchsiberlin antwortete darauf am 06.11.12:
Ich danke Dir, Ekki. Ich finde, das Innehalten ist manchmal sehr wichtig, in einem Zeitalter der Schnelligkeit und teilweisen Hektik.

Liebe Grüße
Jörg
SigrunAl-Badri (52) schrieb daraufhin am 09.11.12:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
Menschenkind (29)
(05.11.12)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Fuchsiberlin äußerte darauf am 06.11.12:
"Dazu werden dann noch verbrauchte Bilder genutzt wie "die das große Sterben der alkoholbefeuchteten Berliner Urgemütlichkeit überlebte"
Ein Konstrukt welches zur genüge, nein bis zum erbrechen kopiert, nachgemacht, abgepaust und typisiert wurde.

Ich googelte, um zu schauen, in wie weit Deine Behauptung zutrifft.Ich fand nichts dergleichen, was Deine Behauptung untermauert. Dieses Konstrukt nahm ich nicht als Gebrauchtes von Irgendwoher.

Meine Gefühle möchte ich in der Fussgängerzone verstecken, doch verbergen kann ich sie nicht. Mit einem gezeichneten Lächeln im Gesicht, versuche ich meine traurigen Gedanken nach außen hin abzuschotten. Ein mehr oder minder gelungener Versuch, der mir nichts bringt, und schon gar nicht hilft. "

Dieses Konstrukt, welches übrigens oft in einem Forum wie diesem zu lesen ist, lässt einen nur noch den Kopf schütteln.
Das hätte nicht sein müssen.
Da wirst du wie mit den verbrauchten Metaphern zum Wiederholungstäter.
Deine nächste Behauptung, denn mein Konstrukt las ich in dem Sinn hier auf KV noch nicht.

Was Metaphern als einzelnes Wortbilder betrifft, so vermute ich, dass einige der von vielen Amateurautoren benutzte Metaphern schon einmal irgendwann von anderen verwendet wurden. Das kann passieren und bleibt nicht aus. Ein Text jedoch besteht nicht nur aus einer Metapher. Desweiteren kommt es auf den Zusammenhang an, in dem diese zum Text stehen.

Deine Analyse teile ich nicht zu 100%.

Dieser Anspruch von Erkenntnis und Selbstgefälligkeit penetriert einen doch zu sehr.
Warum schreibst Du statt "einen" nicht "mich", denn Dich penetriert es doch.

Deine Gefühle beim Lesen des Textes kannst Du textbezogen rauslassen, das ist kein Problem.
(Antwort korrigiert am 06.11.2012)
SigrunAl-Badri (52) ergänzte dazu am 09.11.12:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
Menschenkind (29) meinte dazu am 10.11.12:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
chichi† (80)
(06.11.12)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Fuchsiberlin meinte dazu am 09.11.12:
Ich danke Dir sehr, liebe Gerda.

Lg
Jörg
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram