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Wenn die Seele ins Trudeln gerät

Gedicht zum Thema Orientierung


von GastIltis

Der abschnittsberechtigte Teil meiner Seele
gab mir eine Vollmacht. Er riet: „Ich empfehle,
das bisher Gesagte, Gefragte, Gedachte,
Gehoffte, Gesuchte, Gebuchte, Gebrachte

zu sichten, zu ordnen, zu stapeln, zu frachten,
und dahin zu bringen, wo wir übernachten,
damit wir“, das sind dann die nicht mehr Befugten,
„die Wunder, die in unsern Hirnen noch spukten,

entfernen, verwenden, und anderen Zeiten
zuführen, um sie dafür aufzubereiten,
dass niemand mehr weiß, wo was steht oder geht.“
Als ob sie nicht besser der Wind bald verweht.

Der abschnittsbevollmächtigte Rest meines Seins
berechtigt mich nunmehr, den Sinn des Gesteins,
dem der Künstler die Form nimmt, die ihm einst zu eigen,
zu ändern, zu zwingen, um ihm aufzuzeigen,

er wäre der Grund und das Maß aller Dinge,
um die es hier geht, wenn es sonst um nichts ginge,
nur er ist der Anfang, das Ende kann warten,
denn der Schutt wird zum Weg und der Weg wird zum Garten,

und der Stein scheint das Glück der Vollendung zu strahlen,
(kein Mensch fragt danach, wer soll das denn bezahlen),
weil das Sein alles fügt, nur die Seele enthält sich.
Und wo steht die Skulptur? Sie steht hier und gefällt sich.

Anmerkung von GastIltis:

Empfohlen von:
AZU20, indikatrix, Moja, Agnete, Didi.Costaire, Tula, Jo-W., DanceWith1Life, Willibald, plotzn, Tod, Fridolin.
Lieblingstext von:
Moja, plotzn.
Wow!


 
 

Kommentare zu diesem Text


Didi.Costaire
Kommentar von Didi.Costaire (21.09.2021)
Hallo Gil,

von solch einem Trudeln wird man entweder erschlagen oder aber es entsteht so etwas wie eine aufgeräumte Stimmung. Du hast es wortreich und -gewandt beschrieben.

Liebe Grüße
Dirk
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GastIltis meinte dazu am 21.09.2021:
Danke Dirk,
nach einigen Querelen muss ich mich erst wieder an das Schreiben und das Forumsgeschehen gewöhnen. Das fällt doch ziemlich schwer. Insofern (der Laie sagt auch gern: von daher) muss ich mich langsam wieder eingewöhnen. Deshalb bin ich froh, einen Mitstreiter zu finden, der nicht nur liest, sondern sich auch zu Wort meldet: mit aufbauenden Worten.
Herzlich grüßt dich Gil.
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Jo-W.
Kommentar von Jo-W. (21.09.2021)
ich weiß nicht,lieber Gil,ob nach all der Klempnerei ,der ich mich unterwarf,eine eingermaßen Skulptur übrigbleibt-mit Worten und Bildern habe ich noch versucht,daran rumzubasteln-naja-mit der beliebten Gelassenheit will ich mich bemühenl ,mir zu gefallen-weiß ja,dass es ein paar Freunde gibt,die sich doch zur Skulptur dazustellen -ist doch gut so,sage ich und grüße einen von ihnen-Freund Jo
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GastIltis antwortete darauf am 21.09.2021:
Danke lieber Jo,
ich hatte ja in einem der letzten Kommentare zu einem Text von Ekki geschrieben, wie viele der mich behandelnden Ärzte ich quasi schon „überlebt“ habe, nämlich sieben, einige im wahren Sinn des Wortes, und zwar so, dass sie keinen Schaden hinterlassen haben, sodass ich also nunmehr ebenso wie du guten Mutes in die Zukunft sehen kann. Die Klempnerei hinterlässt nur unwesentliche Spuren. Da steckt das Wort „Wesen“ praktisch schon drin. Wir, alter Freund, das hast du richtig gesagt, bleiben allzeit gelassen.
Ich grüße dich von Herzen. Gil.
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DanceWith1Life
Kommentar von DanceWith1Life (21.09.2021)
in meiner lesart
finden die hier beschriebenen "Puzzleteile" eine Struktur in der eigenen Perspektive, das liest sich sinnvoll.
die, wenn auch nur angedeuteten Prozeduren (Feinschliff ect) die im Leben eines "berauschten Literaten" eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen, finden und erkennen ihren gemeinsamen "inneren Bauplan" und seltsam finde ich, an dieser Stelle auch erwähnenswert, dass der eingeborene "neutrale Standpunkt" so sehr bearbeitet werden/muss/soll/usw.
Dieser Bauplan ist nicht öffentlich einsehbar, das ist keine Ausschreibung, also meiner Meinung nach.
Man könnte noch etliche Zusatzbemerkungen hier anfügen, aber ich lass es jetzt mal dabei

Kommentar geändert am 21.09.2021 um 20:59 Uhr
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GastIltis schrieb daraufhin am 21.09.2021:
Hallo Dance,

ich finde deine Zeilen außerordentlich bemerkenswert. Du hast eine Charakterisierung (berauschter Literat) vorgenommen, die ich wunderbar finde, und deren spielerische Deutungsmöglichkeiten du gekonnt offen lässt, was dir sehr gut gelungen ist.
Ich danke dir sehr herzlich für deinen Kommentar, weil er für meine Begriffe das übliche Maß doch schon bedeutend sprengt.

Viele herzliche Grüße an dich von Gil.
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DanceWith1Life äußerte darauf am 21.09.2021:
ja, im Rausch geschehen seltsame Dinge, könnte man an dieser Stelle wohl getrost hinzufügen, ich gehe davon aus, dass das der ausgeschriebene Aspekt des Spektakels ist, lach, also wirklich, Sprache hat einen seltsamen Humor.
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Fridolin
Kommentar von Fridolin (21.09.2021)
"zueigen", müsste das nicht "zu eigen" heißen?
Und vielleicht, drittletzte Zeile, bei "bezahlen" be weglassen?

Das sollte man nicht tun, ich weiß. Manchmal kann ich es einfach nicht lassen. Nimm es bitte als Zeichen besonderer Wertschätzung.
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GastIltis ergänzte dazu am 22.09.2021:
Danke Fridolin,
das mit dem „zu eigen“ habe ich sofort korrigiert. Ob es nun zahlen oder bezahlen heißen muss, da bin ich mir noch nicht recht schlüssig, zumal ich mich nach einer längeren Pause erst einmal wieder richtig finden muss. Den Satz mit der Wertschätzung rechne ich dir hoch an. Finde ich prima.
Herzlich grüßt dich Gil.
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Fridolin meinte dazu am 22.09.2021:
das mit dem "be" nehme ich zurück, beim Wiederlesen finde ich, es gehört tatsächlich genau da hin. Weiß nicht, was mich da geritten haben mag.
Nicht ganz stimmig finde ich aber noch die Verwendung der Anführungszeichen in Strophe 2
Gedacht ist es wohl so:
... <damit "wir“, das sind dann die nicht mehr Befugten,
die Wunder, die in unsern Hirnen noch spukten,>
Oder täusche ich mich da schon wieder?
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GastIltis meinte dazu am 22.09.2021:
Also aus meiner Sicht riet ein Teil meiner Seele (Kurzform): „Ich empfehle, das Gesagte, … , zu sichten, … , und dahin zu bringen, wo wir übernachten, damit wir“, (und hier liegt die Zäsur zwischen dem Ich der Seele und dem Wir, also den nicht mehr Befugten) “die Wunder entfernen, … , um sie aufzubereiten usw.“
Ich gebe zu, dass es eine eigenwillige Konstruktion ist, die sich möglicherweise nur mit dem Trudeln der Seele erklären lässt. Wenn überhaupt.
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Fridolin meinte dazu am 23.09.2021:
Ich danke Dir für diese Erläuterung, inhaltlich hatte ich es auch so verstanden, wie Du schreibst; ich hatte also schlicht Anfang und Ende der direkten Rede nicht im Blick. Um meinen Horizont angemessen zu erweitern, habe ich mich des folgenden Hilfsmittels bedient:

Der abschnittsberechtigte Teil meiner Seele
gab mir eine Vollmacht. Er riet: „Ich empfehle,
das bisher Gesagte, Gefragte, Gedachte,
Gehoffte, Gesuchte, Gebuchte, Gebrachte

zu sichten, zu ordnen, zu stapeln, zu frachten,
und dahin zu bringen, wo wir übernachten,
damit wir“,
das sind dann die nicht mehr Befugten,
„die Wunder, die in unsern Hirnen noch spukten,

entfernen, verwenden, und anderen Zeiten
zuführen, um sie dafür aufzubereiten,
dass niemand mehr weiß, wo was steht oder geht.“

Als ob sie nicht besser der Wind bald verweht.


Ich hoffe, so sehe ich es dann richtig?
Und, ich hoffe, ich gehe Dir nicht zu sehr auf die Nerven, aber:
Gibt es ein Foto des besungenen Steins? Das Du vielleicht anhängen oder einbauen könntest? (er ist mir ans Herz gewachsen inzwischen).

Antwort geändert am 23.09.2021 um 00:19 Uhr


Antwort geändert am 23.09.2021 um 00:26 Uhr


Antwort geändert am 23.09.2021 um 00:43 Uhr
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GastIltis meinte dazu am 23.09.2021:
Danke Fridolin, dass du dich so eindringlich mit dem Text beschäftigst. Leider bin ich ab heute bis zum Sonntag nicht mehr da. Und auch dann nur noch kurz, weil ich danach über Berlin nach Dresden fahre. Unser diesjähriges Studientreffen ruft. Danach äußere ich mich. Übrigens ist mir das Gedicht (!) auch ans Herz gewachsen. LG von Gil.
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Fridolin meinte dazu am 24.09.2021:
ist ja nur die behindertengerechte Form ...
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GastIltis meinte dazu am 04.10.2021:
Hallo Fridolin, ich bin dir noch eine Antwort schuldig. Die nach dem Foto des besungenen Steins. Ich bin leider auch im Zeitalter des Smartphones kein Fotograf geworden. Und: Es handelt sich "nur" um ein Gedicht, Stein gewordene Gedanken oder Gedanken gewordene Steine, um mehr also nicht! Sei mir nicht böse.
Herzlich grüßt dich dennoch Gil.
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Moja
Kommentar von Moja (22.09.2021)
Lieber Gil,

ich finde Dein Gedicht außerordentlich gut, nicht nur Sprache und Reim, es regt mich an über Haltung, Vertrauen, das eigene Wollen, Finden des Standpunkts und Bedeutung der Kunst nachzudenken.
Raffiniert eingeführt "der abschnittsberechtigte Teil meiner Seele", mit dem kommuniziert wird, die Anspielung auf den "Abschnittsbevollmächtigten" klingt an und aus "denn der Schutt wird zum Weg und der Weg wird zum Garten" lese ich die Essenz heraus. Wieder eines Deiner Gedichte, über die ich mir gern öfter den Kopf zerbrechen (nicht im wörtlichen Sinne ) möchte.

Herzlichen Gruß,
Moja
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GastIltis meinte dazu am 22.09.2021:
Danke Moja,
ich kann mich gar nicht entsinnen, von dir einen so langen Kommentar bekommen zu haben. Es ist tatsächlich so, wie Dance es schon schreibt, wenn man sich einmal in einen Rausch hinein schreibt bzw. geschrieben hat, was selten genug geschieht, gelingen manchmal Dinge, die man gar nicht voraussieht oder einplant. Der ABV ist so ein Beispiel, das uns ja auf unangenehme Weise fast ein halbes Leben begleitet hat. Zur Sprache und zum Reim muss ich leider noch ein wenig nachsitzen. Will sagen, dass ich einen guten privaten Kommentar bekommen habe, den ich noch zu verarbeiten habe. Der aber eine fundierte Grundlage hat, die mir manchmal fehlt.
Sei herzlich gegrüßt von Gil.
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Agnete
Kommentar von Agnete (22.09.2021)
wow
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GastIltis meinte dazu am 22.09.2021:
Danke Agnete, so kann man es auch sagen.
LG von Gil.
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plotzn
Kommentar von plotzn (22.09.2021)
Lieber Gil,

Trudeln muss nicht immer schlecht sein, so wie Baumeln lassen nicht immer Gutes verheißt.

Ich sah sie schon vor mir,
die statuenhafte
Skulptur und ich schwor mir,
dass ich es verkrafte.

Beginnt sie zu taumeln,
die Seele, zu balgen,
dann lass sie halt baumeln,
jedoch nicht am Galgen!

Liebe Grüße,
Stefan
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GastIltis meinte dazu am 22.09.2021:
Naja Stefan,

zum Glück wirft sie, also deine Skulptur, zwar Schatten ohnegleichen, aber sie halten sich zum Glück innerhalb der Grenzen, die du aus reiner Menschlichkeit selbst vorgibst. Da bin ich froh und dankbar. Für den Rest, also die sogenannten Sternchen, bin ich dir sehr verpflichtet.

Herzlich Gil.
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GastIltis
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Veröffentlicht am 21.09.2021, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 18.10.2021). Textlänge: 189 Wörter; dieser Text wurde bereits 80 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.10.2021.
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