Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
Manni (17.09.), Solomon-Burke (17.09.), Jfgjgtuj (16.09.), Rebell66 (16.09.), Sandrajulia (08.09.), Teichhüpfer (05.09.), JethroTull (04.09.), Krotkaja (02.09.), Karl67 (31.08.), Willibald (29.08.), HerrU (29.08.), Mirko_Swatoch (29.08.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 813 Autoren und 118 Lesern. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.
Genre des Tages, 19.09.2018:
Kalendergeschichte
Die Kalendergeschichte ist seit dem 15./16. Jh. Teil des Kalenders und behandelt in ‚volkstümlicher'... weiterlesen
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Guter Vorsatz von Soshura (07.07.18)
Recht lang:  Verbrannte Heimat VIIIb - das "zivile" Leben von Soldaten, Polizisten und "normaler" Familie von pentz (1362 Worte)
Wenig kommentiert:  la poésie dans la rue 21 von rochusthal (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Nussknacker von Kot-Producer (nur 49 Aufrufe)
alle Kalendergeschichten
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

Bilder und Begriffe des Bösen
von JoBo72
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil ich Tiefgründiges unterhaltsam erzähle" (JoBo72)

Deutschsprachige Weltliteratur

Sonett zum Thema Achtung/Missachtung


von EkkehartMittelberg

Besserwisser haben dich verkannt,
als Gruppe siebenundvierzig hoch geschätzt.
Sie haben nichts verstanden und geätzt,
den fremden Dichter haben sie verbannt.

Kaum einer, der sich heute nicht verneigt,
die „Todesfuge“ hat sich eingebrannt,
„Corona“ wird bekränzt in jedem Land,
„Mohn und Gedächtnis“ hat den Weg gezeigt.

Die Muse der Gedichte war die Bachmann,
in „Herzzeit“ sind Impulse schön gegeben,
als Traumpaar konntet ihr euch kurz erleben.

In aller Welt kommt deine Lyrik an,
Nach Auschwitz sollte Lyrik unterbleiben.
Celan sei Dank. Man kann darüber schreiben.

 
 

Kommentare zu diesem Text


TrekanBelluvitsh
Kommentar von TrekanBelluvitsh (14.09.2018)
Ein Leben, das zeigt, wie vernichtend diese "1.000 Jahre" sein konnten, selbst wenn man sie überlebte. Dein Sonett und der Mensch, an den du erinnerst, macht es noch unerträglicher, wenn ein verkappter Holocaustleugner wie Gauland im deutschen Parlament sitzen darf, im Reichstag, wo der Beginn des 2. Weltkriegs verkündet wurde.
diesen Kommentar melden
Echo meinte dazu am 14.09.2018:
Das Phänomen befällt ja nicht nur den Reichstag. Mehr oder weniger verkappte Gaulandfans sitzen überall, auch auf KV. Denk mal etwas weiter?
diese Antwort melden
EkkehartMittelberg antwortete darauf am 14.09.2018:
Merci, Trekan, das Leugnen des Holocaust ist gesetzeswidrig und nicht hinnehmbar.
diese Antwort melden
Kommentar von Gerhard-W. (78) (14.09.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 14.09.2018:
Vielen Dank, Gerhard. Ich vermute, dass außer dir noch viele andere ihre Liebe zur Lyrik Celan verdanken.
diese Antwort melden
TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (14.09.2018)
Ein Hoffnungsschimmer für alle die suchen und versuchen.
Wenn er dieses "eine" Gedicht nicht gefunden hätte, wer würde P. C. heute noch kennen?
Herzliche Grüße
TT
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg äußerte darauf am 14.09.2018:
Lieber Tasso,
es sind einige Gedichte, die celan unvergesslich machen, u.a. auch dieses:
ESPENBAUM, dein Laub blickt weiß ins Dunkel.
Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.
Löwenzahn, so grün ist die Ukraine.
Meine blonde Mutter kam nicht heim.
Regenwolke, säumst du an den Brunnen?
Meine leise Mutter weint für alle.
Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.
Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.

aus: "Mohn und Gedächtnis"
Gracias und herzliche Grüße
Ekki

Antwort geändert am 14.09.2018 um 11:44 Uhr


Antwort geändert am 14.09.2018 um 11:45 Uhr
diese Antwort melden
TassoTuwas ergänzte dazu am 14.09.2018:
Hallo Ekki,
du hast Recht!
Die Todesfuge war m. E. der Türöffner zu seinem Werk.
HG TT
diese Antwort melden
Kommentar von Sin (14.09.2018)
Und ob man darüber schreiben sollte. Lyrik, Prosa, alles mögliche. Wie viele Überlebende gibt es denn noch? Und wie schnell vergisst der Mensch? Ein starkes Sonett, Ekki! LG Sin
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
Vielen Dank, Sin. Wir lassen die Erinnerung nicht abreißen.
LG
Ekki
diese Antwort melden
Habakuk
Kommentar von Habakuk (14.09.2018)
Sehr schön, Ekki. Gefällt mir wirklich gut. Ohne werten zu wollen, für mich eines der Besten aus dieser Reihe. Bestellt und prompt geliefert. Damit habe ich nicht so schnell gerechnet. Dank dafür. Ein würdiges Sonett für einen großen Lyriker. Freut mich.

LG
H.
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
Vielen Dank, Habakuk. Das Kompliment freut mich sehr.
LG
Ekki
diese Antwort melden
Kommentar von Krotkaja (14.09.2018)
Ich habe erst vor ein paar Monaten den Briefwechsel der beiden gelesen, die ich sehr empfehlen kann! Mit dabei auch die Briefe, die zwischen Bachmann und Celans Frau Gisèle Lestrange hin- und hergingen. In gewisser Hinsicht haben sie ihre Beziehung weitergeführt, ihre jeweiligen Partner waren eingeweiht. Frisch war es wichtig, Celan kennenzulernen, aber sie haben sich dann wohl nicht so gut verstanden.
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
Liebe Krokotja, danke für deinen Kommentar, der mir wieder bestätigt, dass es unter Künstlern einige gibt, die gelernt haben loszulassen.
diese Antwort melden
juttavon
Kommentar von juttavon (14.09.2018)
Danke von Herzen!

HG Jutta
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
Grazie, Jutta. Ich vermute, dass dir Celan am Herzen liegt wie mir.
HG
Ekki
diese Antwort melden
wa Bash
Kommentar von wa Bash (14.09.2018)
endlich mal jemand unter deinen Dichtern, den ich auch kenne :) *Scherz, natülich war Celan schon immer einer meiner Liebelingsdichter, da kommt man um einen Kommentar gar nicht rum...
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
Danke, wa Bash. Ich freue mich, dass auch du Celan zu deinen Lieblingsdichtern zählst.
diese Antwort melden
Alazán
Kommentar von Alazán (14.09.2018)
"Traumpaar" wäre vllt etwas zu weit, wenn die Ancels gemeint sind. Paul wollte seine Frau ermorden, mit Bachmann war er ja kein offizielles Paar.

Und bei Adornos Unmöglichkeit einer Lyrik nach Auschwitz sind v.a. deutschsprachige Lyriker gemeint, zu denen Celan immer gezählt hat, wenngleich jüdischer Abstammung, Kurz: Er, Celan, hats vllt noch gedurft, aber "wir"? Für Deutschstämmige sehe ich noch keine Überwindung des Vorwurfs der Unmöglichkeit zu schreiben.

Und gerade die Todesfuge - wenngleich von Celan selbst früh nicht mehr gemocht - ist ein Musterbeispiel für eine Kritik an der deutschen Sprache als eine solche, die eo ipsum zum Bösen führt:

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Ich weiß selbst nicht, wie ich damit als auf Deutsch Schreibender umgehen soll. Das Leben geht insofern weiter als dass viele Leute auf Deutsch schreiben - ohne sich diese Gedanken überhaupt zu machen. Und was sie schreiben, kann durchaus Lyrik sein, und schön und gut. Vielleicht ist die Zeit selbst eine Möglichkeit, Adorno zu widerlegen - wenn auch respektvoll und in Erinnerung an die Geschichte.
diesen Kommentar melden
Krotkaja meinte dazu am 14.09.2018:
Celan war ein Jecke.
diese Antwort melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 14.09.2018:
@Alazan: Vielen Dank für diesen sehr interessanten Kommentar:
Das Traumpaar ist auf Celan und die Bachmann bezogen. Ich denke, man muss keinen Trauschein haben, um sich als Traumpaar zu erleben.
Ich kann gut nachvollziehen, dass du es weiterhin für unmöglich hältst, dass Deutschstämmige über Auschwitz schreiben. Vielleicht kommt es immer darauf an, wie.

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Diese Formulierung sehe ich nicht der deutschen Sprache geschuldet, sondern einem für mich nachvollziehbaren Gedanken.
Deinen Schlusssatz finde ich sehr fein ausgedrückt und teile ihn gerne.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 14.09.2018:
Sorry, dass ich mich noch mal einmische, eigentlich habe ich gar keine Zeit, aber ich sehe es genau andersherum und die ganze Problematik liegt doch genau darin!

Erstens, s.o., war Celan ein Jecke, will sagen, er kam aus einer deutschsprachigen Familie, er konnte auch rumänisch, Czernowitz war ein Schmelztiegel. Ich kann ihn in keiner Weise als weniger deutschstämmig als meine Großeltern ansehen, die in ebensolchen Schmelztiegeln in Böhmen gewohnt haben, meine Großmutter sprach neben ihre Muttersprache deutsch auch fließend tschechisch. Der einzige Unterschied: sie waren katholisch. Alázans Einteilung hakt damit für mich. Ist man als deutscher Jude in erster Linie Jude und erst in zweiter Linie deutsch oder andersrum? Deutsch war Celans Muttersprache, ich welcher anderen Sprache hätte er denn darüber schreiben sollen. Es stimmt allerdings, dass er die Syntax und das zuweilen schleppende des Deutschen in der Todesfuge gewissermaßen mechanisiert. Es sollte vielleicht auch noch erwähnt werden, dass er zeitlebens mit einem scheiß schlechten Gewissen (sorry Ekki, ich weiß du legt Wert auf Stil) herumgelaufen ist, weil er überlebt hat.

Selbstverständlich käme eine deutsche Lyrik, die den Holocaust thematisiert, nicht so gut rüber, wenn es eine Lyrik ist, die respektvoll entschuldigend um Ausschwitz herumtrapst und vielleicht auch noch die eigenen Schuldgefühle beweint und von der Welt Trost und Vergebung erwartet. Über Auschwitz schreibt man dann gut, wenn man es annimmt, statt es abzuwehren. Es geht nicht darum, zu sagen, dass es schlimm war, das wäre ja peinlich. Es geht darum mit allem, was dazugehört anzunehmen, dass es WAR und dies spürbar zu machen. Davor scheuen sich doch die Leute in Wirklichkeit! Wenn man das annimmt, muss man sich nicht mehr um einen Respekt von außerhalb aus einem Wir/Die-Denken heraus "bemühen" und man muss auch nicht um Erlösung von der Schuld bitten, man drückt es von drinnen aus.

Der Roman eines Schicksalslosen vom Imre Kertesz tut dies ganz ausgezeichnet. Im KZ sagen die orthodoxen Juden, die jiddisch sprechen, dass er kein Jude sei. Er spricht auch nicht jiddisch, war sich gar nicht dessen bewusst Jude zu sein bis er den Stern aufgedrückt bekam. Als er Buchenwald (das er im Vergleich zu anderen KZs als eher angenehm bezeichnet, auch eine sehr schöne Szene) überlebt und nach Hause zurückkehrt, sagen die Menschen ihm, dass Buchenwald ja die Hölle gewesen sein muss worauf er sinngemäß antwortet: "Das kann ich nicht sagen, ich kenne die Hölle nicht, dort war ich nie, ich war in Buchenwald, das kenne ich." (Habe das Buch nicht hier, dürfte dem Original aber ziemlich nahe kommen).

Gute Literatur entsteht, wenn man den Mut hat, anzunehmen was ist, dann kann man auch zeigen, was ist und das reicht schon. Das kann auch ein Nazi-, oder Mitläuferabkömmling.
diese Antwort melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 15.09.2018:
Hallo Krotkaija,
es ist klar, dass mir deine Position näher liegrt als die von Alazan (s.. den letzten Vers meines Sonetts). Ich danke dir sehr, dass du sie so deutlich herausgearbeitet hast. Da jedoch die Zeitzeugen wegsterben, fürchte ich, dass Auschwitz als poetisches Sujet immer weniger thematisiert wird.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 15.09.2018:
Ja. Momentan wäre es bitter nötig. Nötig, dass etwas von der Kunst kommt, nicht nur von der Politik. Etwas, das nicht als Aufforderung zur Contenance missverstanden werden kann.
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 16.09.2018:
1970 erlebte ich als Student in Bonn in einer Vorlesung Benno von Wieses (Thema der Vorlesungsreihe: Realität und Roman) den bemerkenswerten Versuch eines ersten Nachrufs. Benno (so nannten viele ihn, es war so eine Art liebender Anerkennung und Kritik am Professor, der sich in den späten 30er Jahren recht und schlecht durchwurschtelte im politisierten Uni-Betrieb) erzählte von seiner freundschaftlichen Beziehung zu Paul Celan und trug die "Todesfuge" vor, die er das vielleicht größte deutsche Gedicht des Jahrhunderts nannte. - In seiner Gedichtanthologie ('Echtermayer/Wiese'), die in Schulen sehr gebräuchlich war (und ist) steht das Gedicht (erweiterte Neuausgabe 1973).
Mit meinen Schülern besprach ich das Gedicht - wie auch meine Kollegen - immer wieder. Auch Adornos (polemische) These, die wir auch im Kollegium diskutierten, und bis heute bleibt die Frage virulent. Celans Selbstzweifel an dem Gedicht ist verständlich. Wenn die besten Gedichte die sind, die bewirkt werden durch die schlimmsten Katastrophen und Unmenschlichkeiten, dann bleibt ein ungutes Gefühl. Nur: Es ist so, sage ich in Anlehnung an Sesemi Weichbrod am Schluss der "Buddenbrooks". Leider - und gottseidank, denn immerhin wird etwas von dem Unbeschreiblichen doch ein wenig sagbar. Und das ist viel.

Antwort geändert am 16.09.2018 um 12:09 Uhr
diese Antwort melden
loslosch meinte dazu am 16.09.2018:
gerade lese ich, dass benno mit den nazis gut konnte. er wurde 1943 vom fronteinsatz verschont - ein untrügliches zeichen für nazitreue.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 16.09.2018:
Ich sage es ja, was fehlt, ist eine ehrliche, schonungslose Mitläuferliteratur. Nix durchwursteln.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 16.09.2018:
@Bergmann

Ich habe jetzt auch mal nachgelesen. Wenn es sich um Benno von Wiese handeln sollte, dann ist die Behauptung, er hätte sich "recht und schlecht durchgewurstelt", mehr als nur ein bisschen untertrieben! Der wurde ja nicht nur vom Fronteinsatz verschont, sondern hat sich allgemein recht munter bei den Nazis engagiert und auch noch apologetische Stellungnahmen verfasst. Seine Entlastung wird er bekommen haben, weil er gute Kontakte hatte. Gezwungen hat ihn keiner zu diesem Engagement, wie auch seine ehemalige Freundin Hannah Arendt enttäuscht bemerkte. Hast du dich veräppeln lassen oder hast du dich entschieden, dir die Realität so zurechtzubiegen?
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 16.09.2018:
Wer bist du, Krotkaja, dass du mir so dumm kommst?
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 16.09.2018:
Ich komme dir nicht dumm. Ich sehe eine Diskrepanz in deiner Darstellung der Person des Benno von Wiese und den Informationen, die ich zu ihm gefunden habe. Ich beurteile deine Darstellung als problematisch. Müsste ich dafür "irgendwer" sein? Ganz und gar nicht. Ich nehme mir schlicht das Recht, einen Beitrag kritisch zu hinterfragen. Dazu muss ich mich nicht erst um etwas verdient gemacht haben.
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 17.09.2018:
Ich verteidigte BvW nicht.
Mich interessiert aber auch die Geschichte aller Zwischentöne. Erst wenn diese Geschichte analysiert wird, verstehen wir die Zeit des 'Dritten Reichs' besser. Wikipedia-Auskünfte sind nicht hinreichend.
Das wäre auch hilfreich heute in der Wiedererstarkung der Nationalismen in Europa - idealistische Schwarzweißmalerei bringt uns nicht weiter. Verstehen wollen ≠ akzeptieren.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 17.09.2018:
Es geht hier nicht um Schwarzweißmalerei, sondern um Differenzierung. Deine Darstellung Benno von Wieses als jemanden, der (ich zitiere noch mal):
"(...) sich in den späten 30er Jahren recht und schlecht durchwurschtelte im politisierten Uni-Betrieb"
sowie als Celan-Freund erfüllt für mich schlicht nicht die Kriterien einer differenzierten Darstellung. Die Mitgliedschaften in der NSDP usw. lassen sich leicht überprüfen. Wikipedia gibt folgende Quelle an: Klaus-Dieter Rossade: „Dem Zeitgeist erlegen“. Benno von Wiese und der Nationalsozialismus. Synchron, Heidelberg 2007.

Benno von Wiese scheint zumindest ein geschickter Opportunist gewesen zu sein. Für ein Mitglied der Intelligenzia halte ich das für beschämend. Ich erachte den Geist des Mitläufertums als äußerst problematisch, damals wie heute. Dabei geht es mir nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortung für die Entscheidungen, die man getroffen hat, genauso wie jene, die man heute trifft. Eine Haltung á la "ach, da hat doch jeder so ein bisschen mitgemacht, so war das damals eben" akzeptiere ich nicht. Diese Haltung stellt in der heutigen Zeit sogar eine Gefahr dar, er steht für den Wunsch der Deutschen, etwas ungeschehen zu machen, was nicht ungeschehen zu machen ist. Dass du ihn als Professor geschätzt hast, steht auf einem ganz anderen Blatt.
diese Antwort melden
loslosch meinte dazu am 17.09.2018:
ein anderes beispiel liefert erich trunz (1905-2001). er war ein überzeugter nazi, zumindest bis 1943. seine ausführungen und interpretationen über goethe haben mich begeistert. c'est la vie.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 17.09.2018:
@loslosch

Gerade dort, wo das Anziehende und das Abstoßende zusammentreffen, liegt doch das Interessante!!

Einer meiner Urgroßväter war im politischen Widerstand und untergetaucht. Mein Großonkel, sein Sohn, verriet ihn an die Nazis, er verbrachte den Rest des dritten Reichs im Gefängnis. Der Großonkel wurde in der Familie gemieden. Hoch angerechnet wurde ihm jedoch, dass er nach Kriegsende eine Frau heiratete, die von einem anderen schwanger war.

Wogegen ich mich ausspreche, ist Schönfärberei und Unterdenteppichkehrerei. Darin liegt weder intellektuell noch psychologisch eine Chance zur Entwicklung, weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft.

Antwort geändert am 17.09.2018 um 10:35 Uhr
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 17.09.2018:
Ich muss in einem Thread zu einem harmlosen Lobgedicht zu Ehren Celans nicht jedes Erlebnis in den großen historischen Zusammenhang stellen, Schönfärberei war nicht meine Intention; wir sind hier nicht in einem wissenschaftlichen Disput, wo möglicherweise inkomplette Darstellungen zu rügen sind - andererseits gebührt dir unbedingt Dank für deine kritischen Anmerkungen und Ausführungen - dies auch einmal gesagt zu haben ist mir ein Anliegen.
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 18.09.2018:
@Bergmann

Natürlich nicht, Wissenschaftlichkeit habe ich auch nicht erwartet. Es ist die Harmlosigkeit, die ich nicht akzeptieren mochte. Literatur kann sich Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit leisten, sie soll sogar mit allen Mitteln darauf drängen! Darin unterscheidet sie sich von der Politik und auch vom privaten Umgang mit Menschen. Es ist dieses ein Privileg der Kunst. Das wollte ich noch einmal explizit herausgearbeitet wissen. Demnach stimme ich Adornos Aussage nicht zu. Kunst kann zum Schweigen erstarrte Menschen immer wieder öffnen und (im wörtlichen Sinne) bewegen. Den Unterschied von Kunst und Design sehe ich gerade darin, dass erstere nicht in erster Linie gefallen will und auch keine praktische Relevanz hat. Man baut mit ihr keinen gefälligen Rahmen, in dem man etwas versteckt. Sie drückt sich von innen aus. Das macht die Todesfuge zu einem exzellenten Gedicht, insbesondere durch die Mechanisierung der deutschen Sprache.
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 18.09.2018:
krotkaja: Ich stimme im Wesentlichen zu.
(Nur sollte jeder Moralismus vermieden werden - zugunsten der Überzeugungskraft.)

Antwort geändert am 18.09.2018 um 21:49 Uhr
diese Antwort melden
Krotkaja meinte dazu am 18.09.2018:
Klar! Das ist ja die große Chance der Ehrlichkeit! Moral sehe ich als ein äußeres Gerüst. Sie ist in der Kunst nicht notwendig, da diese das Wesen der Dinge von innen ausdrückt. Leider sind manche Menschen und Rezipienten sehr in ihre eigenen Moralvorstellungen verstrickt und schreiben diese dann auch der Kunst zu, da sie sich von dem, was Kunst zu zeigen vermag, in ihrer Ruhe gestört fühlen. Das ist ungünstig, aber sehr weit verbreitet.
diese Antwort melden
Bergmann meinte dazu am 18.09.2018:
Nun stimme ich erneut zu und freue mich darüber.
diese Antwort melden
AZU20
Kommentar von AZU20 (18.09.2018)
Ein sehr gelungenes Gedicht, wenn auch heute viele Geister den Genuss schmälern. Wie werden wir sie wieder los? LG
diesen Kommentar melden

© 2002-2018 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2018 keinVerlag.de