Länger gewordene kurze Beine

Erörterung zum Thema Täuschung

von  loslosch

Difficile est crimen non prodere vultu (Ovid, 43 v. Chr, bis ~17 n. Chr.; Metamorphoses). Wie schwer ist es doch für einen, sein Vergehen nicht durch sein Mienenspiel zu verraten.

Eine Schwierigkeit seit ewigen Zeiten. Wie sich die technischen und kulturellen Fertigkeiten bis in die Gegenwart immer weiter verfeinert und ausdifferenziert haben, so ist auch die Technik des Schauspielerns bei sonst unveränderten psychischen Gegebenheiten mitgewachsen. Die "Schwierigkeit" ist also für das Individuum geringer geworden, die Kontrollmethoden allerdings gründlicher. Man denke an den Lügendetektor, an dem seit 1913 gearbeitet wird. Obwohl der Polygraph bei der Befragung von potentiellen Tätern und Zeugen vielerlei Körperreaktionen (Atmung, Puls, Blutdruck, Hautreaktionen) gleichzeitig aufzeichnet (Poly-graph), ist er mangels Reproduzierbarkeit der Messergebnisse, der Künstlichkeit von Labortests (keine Übertragbarkeit auf reale Situationen) weltweit kaum anerkannt, vom BGH zuletzt 1998 als Beweismittel dezidiert abgelehnt worden.

Eiskalte Täter gab es, gibt es und wird es immer geben. Schauspielerische Fähigkeiten zu entfalten, um eigene Körperreaktionen nahezu perfekt zu kontrollieren, jedenfalls besser als unschuldige Probanden, das schaffen heute vermutlich relativ mehr Menschen als in der Antike. Eine plausibel erscheinende Annahme, die jedoch nicht mehr überprüfbar ist. Die antike Sentenz leicht ins Moderne gewendet: Nonnullis difficile est crimen non prodere vultu. Wie schwer ist es doch für manche, ihr Vergehen nicht durch ihr Mienenspiel zu verraten.

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Kommentare zu diesem Text


 TrekanBelluvitsh (15.07.14)
Obwohl die Erfahrung zeigt, dass derjenige, der gegen Ovids Satz handeln kann, dem Psychopathen oft näher ist, als es seiner Umwelt lieb sein mag.

 loslosch meinte dazu am 15.07.14:
exactly so!

 niemand (15.07.14)
Man braucht keine Mimik im Netz, somit kann man lügen und betrügen, verschönern, verherrlichen, sich schlauer stellen etc. etc. Ein paar Worte auf die Scheibe geworfen, womöglich noch abgegoogelt und schon steht man fein da, wird weder rot, noch wirkt man unsicher.
Lügen haben so ihre kurzen Beine verloren und nicht nur das, nein, die Lügen DERER hinterm Bildschrim gehen sogar auf meterhohen Stelzen
Mit herzlichen Grüßen, Irene
(Kommentar korrigiert am 15.07.2014)

 loslosch antwortete darauf am 15.07.14:
oh, das thema verdient einen eigenen text! der römer kennt so viele schlaue sprüche, sicher auch einen über "netz-täuschungen". ich leg mich mal auf die lauer.

ps: mit dem "schlauer stellen" ists so eine sache. man könnte einem schlawiner fragen stellen. ich hab das schon versucht. schweigen auf der gegenseite oder "politisch" antworten, um die frage herum.
gaby.merci (61) schrieb daraufhin am 15.07.14:
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 loslosch äußerte darauf am 15.07.14:
wie hoch ist der stelzenhöhenrekord? damals war der höhenunterschied vllt. 40 cm ... es gab wohl 2 stufen.

 EkkehartMittelberg (15.07.14)
Die Überschrift gefällt mir besonders.
Denkt man an die römische Kaiserzeit, wo Mord gar nichts Ungewöhnliches war, um Macht zu gewinnen oder zu erhalten, meine ich, dass man sich damals auf das verstellende Mienenspiel mindestens ebenso gut verstand wie heute.

 loslosch ergänzte dazu am 15.07.14:
empirisch nicht mehr überprüfbar. ich denke, dass heute die verstellungskünste ausgefeilter sind, ebenso die methoden, verstellung zu dechiffrieren. balance of power, wenn man so will.
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